Es reicht, ein Arsch zu sein

von Esther Slevogt

8. Juni 2021. In den aktuellen Debatten um Macht, Strukturen und ein anderes künstlerisches Arbeiten wird ja jetzt immer viel auf dem Genie herumgehackt. Was ist das, was im Theater brüllt, hurt und menschenwürdiges Arbeiten verhindert? Das Genie! Es benutzt sein Ausnahmetalent als Vorwand für missbräuchliches Verhalten. Durch seine außerordentliche Begabung befördert es außerdem Ausschluss: Exklusion statt Inklusion.

Mehr Detox, bitte

von Esther Slevogt

6. Mai 2021. In die Stille, die die unbespielten Theaterhäuser gegenwärtig ausstrahlen, dringt gerade ziemlich laut das Knirschen, Ächzen und Toben, das die wichtigen gegenwärtigen Strukturdebatten in dieser Institution verursachen. Nicht nur, dass diese Debatte gerade exemplarisch für die (ebenso schwer wie schmerzlich in Gang kommenden) Veränderungsprozesse in der Gesellschaft stehen. Spürbar ist auch: Das Theater kommt endlich im 21. Jahrhundert an.

Hauptsache sichtbar

von Esther Slevogt

23. März 2021. Es gab Zeiten, da war das Theater der Inbegriff von Öffentlichkeit. Man muss gar nicht bis in die Antike mit ihren enormen Amphitheatern zurückschauen, in denen Schauspieler die Konflikte und Kämpfe der Menschen mit den Göttern und anderen Mächten stellvertretend für ein mehrtausendköpfiges Publikum ausgefochten haben. Auch im 19. Jahrhundert stand das Theater prototypisch für die sich neu herausbildende vielstimmige bürgerliche Öffentlichkeit. Die im Entstehen begriffene Klasse des Bürgertums übte das öffentliche Sprechen und Meinen am Sprechen über das Theater ein.

Die Last der Vergleiche

von Esther Slevogt

10. Februar 2021. Wann kommt es heute noch vor, dass Theater einmal heraustritt aus seinen geschützten Räumen und Meinungsblasen? Im September 2020 nahm der Regisseur Ersan Mondtag das Angebot der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" an, im noch leeren Haus in Berlin eine Performance zu inszenieren. Die Neugestaltung des ehemaligen Deutschlandhauses, das künftig das Dokumentationszentrum der Stiftung beherbergen wird, war abgeschlossen. Bevor dort mit dem Innenausbau begonnen werden sollte, wollte sich die neugeschaffene Institution mit einer kräftig ausstrahlenden Kulturveranstaltung ins öffentliche Bewusstsein katapultieren. Samt ihrer Aufgabe, "die letzte Lücke in der deutschen Erinnerungskultur" zu schließen, wie es seit Gründung der Stiftung in öffentlichen Erklärungen immer wieder heißt. Diese Lücke meint das Schicksal der etwa 12 Millionen Deutschen, die nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in Ostpreußen, Schlesien oder Pommern verlassen mussten.

Nationalneurotisches Konstrukt

von Esther Slevogt

22. Dezember 2020. Die Bauzäune sind weg, das vergiftete Weihnachtsgeschenk ist ausgepackt. Da steht es also jetzt, das funkelnagelneue Schloss, das kein Schloss sein darf, sondern Humboldtforum sein soll. Humboldt, das schmeckt nach Wissenschaft, nach Weltläufigkeit und Universalgelehrtentum. Und klingt natürlich besser als Hohenzollern, fängt aber trotzdem mit H an. Weil um Gotteswillen keiner den Deutschen nachsagen soll, sie hätten aus ihrer Geschichte nichts gelernt, wenn sie jetzt die Residenz der kriegerischen preußischen Könige und deutschen Kaiser wieder aufgebaut haben, die (bombengeschädigt, aber durchaus rekonstruierbar) 1950 von der jungen DDR als Symbol des fehlgeleiteten, imperialistischen Deutschland geschleift worden war. Und nun als Symbol für die allerbesten Absichten dieses wieder mal neuen Deutschlands wiederaufgebaut worden ist. Auch, um der DDR nicht das letzte Wort auf diesem Ground Zero der deutschen Geschichte zu überlassen. Die hatte hier 1976 ihren Palast der Republik eingeweiht.

Weitermachen, als wäre nichts?

von Esther Slevogt

10. November 2020. Zeitungen berichten, dass erstmals mehr Menschen mit schweren Corona-Verläufen auf Intensivstationen behandelt werden, als beim Ausbruch der ersten Welle. Auch an Tag 10 des zweiten Shutdowns steigen die Zahlen noch immer. Doch die Theater wollen wieder spielen. Wichtige Häuser in Berlin haben gemeinsam einen Brief an den Regierenden Bürgermeister geschrieben und auf ihre Hygienekonzepte verwiesen. Die nämlich würden auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren und maximalen Schutz bieten. Die Theater in den folgenden Monaten wieder bespielen zu können, eröffne also mehr Chancen als Risiken. "Die demokratische Gesellschaft nährt und bildet sich durch kulturelle Teilhabe", heißt es auch. Der Besuch dieser öffentlichen Räume sei für viele Menschen existentieller Teil des gesellschaftlichen urbanen Lebens und für dessen Zusammenhalt substantiell.

Selbstbefreiung aus der Geschichte

von Esther Slevogt

29. September 2020. Als Helga Schubert in diesem Sommer achtzigjährig den Bachmannpreis erhielt, habe ich mich gefreut: über die späte Gerechtigkeit für diese Autorin, die 1980 schon einmal zum Bachmannpreis eingeladen war. Damals stand die Mauer noch, auf deren Ostseite die 1940 Geborene lebte und dann nicht nach Klagenfurt reisen durfte. Umso unangenehmer haben mich wenige Wochen nach der Preisvergabe Helga Schuberts verächtliche Bemerkungen über die 2011 verstorbene Schriftstellerin Christa Wolf berührt: erst in der FAZ, wo sie in einem Porträt entsprechend zitiert wird. Kurz darauf legte Helga Schubert im Deutschlandfunk noch einmal nach. Christa Wolf sei erst eine "glühende Anhängerin des Hitlerreichs" gewesen, später "eine glühende Anhängerin der Stalin-Zeit". Eine Kandidatin des ZK der SED sei sie gewesen und habe für die Stasi gespitzelt. Selbst nach dem Mauerfall habe sie die DDR erhalten wollen. "Bis zuletzt hat sie eigentlich immer noch totalitäre Ideen gehabt."