Selbstbefreiung aus der Geschichte

von Esther Slevogt

29. September 2020. Als Helga Schubert in diesem Sommer achtzigjährig den Bachmannpreis erhielt, habe ich mich gefreut: über die späte Gerechtigkeit für diese Autorin, die 1980 schon einmal zum Bachmannpreis eingeladen war. Damals stand die Mauer noch, auf deren Ostseite die 1940 Geborene lebte und dann nicht nach Klagenfurt reisen durfte. Umso unangenehmer haben mich wenige Wochen nach der Preisvergabe Helga Schuberts verächtliche Bemerkungen über die 2011 verstorbene Schriftstellerin Christa Wolf berührt: erst in der FAZ, wo sie in einem Porträt entsprechend zitiert wird. Kurz darauf legte Helga Schubert im Deutschlandfunk noch einmal nach. Christa Wolf sei erst eine "glühende Anhängerin des Hitlerreichs" gewesen, später "eine glühende Anhängerin der Stalin-Zeit". Eine Kandidatin des ZK der SED sei sie gewesen und habe für die Stasi gespitzelt. Selbst nach dem Mauerfall habe sie die DDR erhalten wollen. "Bis zuletzt hat sie eigentlich immer noch totalitäre Ideen gehabt."

Entgrenzung ist jetzt tabu

von Esther Slevogt

9. Juni 2020. Die Theater fangen leise wieder zu spielen an. Nach Wochen der Schließung und der Beschränkung aller künstlerischen Aktivitäten auf den digitalen Raum finden wieder Vorstellungen auf physischen Bühnen statt. Vor physisch anwesendem Publikum. Mit Kritiken, die darauf reagieren.

Don't cry. Work!

von Esther Slevogt

18. März 2020. Da haben wir nun den Salat, beziehungsweise das Virus. Plötzlich wird zum Existenzproblem, was das Theater stets als Alleinstellungsmerkmal stolz vor sich herträgt: die physische Kopräsenz. Die Anwesenheit echter Körper in einem echten Raum. Gegen die grassierende Ansteckungsgefahr hilft nicht mal, die vierte Wand wieder hochzuziehen. Zu spät. Unser bürgerliches Heldenleben findet jetzt auf unbestimmte Zeit hinter verschlossenen Türen statt.

Was für ein Potential!

von Esther Slevogt

11. Februar 2020. Die gute Nachricht: 86 Prozent der Bevölkerung stimmen weitgehend darin überein, dass die öffentliche Förderung von Theatern mit Steuergeldern auch in Zukunft in bisheriger Höhe erfolgen oder sogar noch erhöht werden soll. Die schlechte Nachricht: Nur ein Drittel der Bevölkerung denkt überhaupt je darüber nach, ins Theater zu gehen, Tendenz abnehmend. Je jünger die Leute, desto weniger fühlen sie sich von den Angeboten der Theater angesprochen.

Mit der Wünschelrute

von Esther Slevogt

21. November 2019. Die Frage, wie die flüchtige Theaterkunst der Nachwelt überliefert werden könnte, tauchte neulich wieder einmal auf Twitter auf, als die Medienwissenschaftlerin und Ex-Piratin Tina Lorenz auf Defizite in der Debatte verwies und zu Protokoll gab, wie viel weiter als die Theater hier beispielsweise Museen seien. Dabei ist das Thema so alt wie das Theater selbst. Nicht nur Mimen beklagen schon lange, dass die Nachwelt ihrer ephemeren Kunst keine Kränze flicht; dass sich diese Kunst nur im Moment ereignet und kaum Spuren in der Zeit hinterlässt. Die Erfindung von Film und Fotografie stellte im 20. Jahrhundert eine Weile eine Lösung des Problems in Aussicht. Beispielsweise hat Bertolt Brecht schon sehr früh diese Medien genutzt, um seine Inszenierungen zu dokumentieren, ja in Modellbüchern geradezu zu zementieren.

Die doch immer dagewesen sind

von Esther Slevogt

15. Oktober 2019. Es ist in diesen Wochen viel von der Deutschen Einheit die Rede. Das dreißigste Jubiläum des sogenannten Mauerfalls naht. Am 2. und 3. Oktober wurde unter der Überschrift "Mut verbindet" in Kiel bereits der 29. Tag der Deutschen Einheit begangen, die per 3. Oktober 1990 in Kraft getreten ist. Es gab also Volksfest, Sonntagsreden und "Einheitsbuddeln". Ja: Einheitsbuddeln. Damit war eine bundesweite Baumpflanzaktion gemeint, um Klimaschutz und Deutsche Einheit zu verbinden. Zwar sollen im Zuge der Aktion insgesamt über 90.000 Bäume gespendet bzw. gepflanzt worden sein. Das deutsche Klima ist trotzdem mieser denn je.

Böse Buzzwords

von Esther Slevogt

17. September 2019. Wer schon mal bei einem Popkonzert war, bei dem die Stars ihr Publikum flüsternd aufgeheizt hätten, bitte melden. Denn normal ist eher, dass die Stars ihr Publikum brüllend, tobend und aufreizend adressieren. Selbst in meinem bürgerlichen Heldenleben war das bisher so. Denn so macht das auch der Kasper im Kasperletheater, wenn er mit der Pritsche drohend sein Publikum mit dem Ruf hinter sich zu versammeln sucht: "Seid ihr alle da!?" That’s Entertainment.