Kolumne: Aus dem bürgerlichen Heldenleben - Esther Slevogt über einen besinnungslos von der Gegenwart absorbierten Betrieb

Theater ohne Gedächtnis?

von Esther Slevogt

17. August 2021. Am 20. Mai starb der Regisseur Jarg Pataki, noch nicht einmal sechzig Jahre alt. Wie immer versuchte die Redaktion, für die Meldung auf nachtkritik.de Informationen zusammenzutragen, nicht zuletzt zum genauen Ort und Datum seines Todes. Damit die konkreten Lebensdaten als Spuren eines Künstlerlebens hier im Archiv aufbewahrt sind. Einige von Patakis wichtigsten Arbeiten entstanden am Theater Freiburg, wo er am kontinuierlichsten gearbeitet hat. Dort freilich waren nähere Informationen nicht zu bekommen. Denn in Freiburg arbeitet schon seit 2017 eine neue, von Intendant Peter Carp geleitete Truppe.

Kolumne: Aus dem bürgerlichen Heldenleben - Esther Slevogt über offene Fragen der Theaterüberlieferung

Mit der Wünschelrute

von Esther Slevogt

21. November 2019. Die Frage, wie die flüchtige Theaterkunst der Nachwelt überliefert werden könnte, tauchte neulich wieder einmal auf Twitter auf, als die Medienwissenschaftlerin und Ex-Piratin Tina Lorenz auf Defizite in der Debatte verwies und zu Protokoll gab, wie viel weiter als die Theater hier beispielsweise Museen seien. Dabei ist das Thema so alt wie das Theater selbst. Nicht nur Mimen beklagen schon lange, dass die Nachwelt ihrer ephemeren Kunst keine Kränze flicht; dass sich diese Kunst nur im Moment ereignet und kaum Spuren in der Zeit hinterlässt. Die Erfindung von Film und Fotografie stellte im 20. Jahrhundert eine Weile eine Lösung des Problems in Aussicht. Beispielsweise hat Bertolt Brecht schon sehr früh diese Medien genutzt, um seine Inszenierungen zu dokumentieren, ja in Modellbüchern geradezu zu zementieren.

Kolumne: Aus dem bürgerlichen Heldenleben - Esther Slevogt zum Streit von Ersan Mondtag und Olga Bach mit der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung"

Die Last der Vergleiche

von Esther Slevogt

10. Februar 2021. Wann kommt es heute noch vor, dass Theater einmal heraustritt aus seinen geschützten Räumen und Meinungsblasen? Im September 2020 nahm der Regisseur Ersan Mondtag das Angebot der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" an, im noch leeren Haus in Berlin eine Performance zu inszenieren. Die Neugestaltung des ehemaligen Deutschlandhauses, das künftig das Dokumentationszentrum der Stiftung beherbergen wird, war abgeschlossen. Bevor dort mit dem Innenausbau begonnen werden sollte, wollte sich die neugeschaffene Institution mit einer kräftig ausstrahlenden Kulturveranstaltung ins öffentliche Bewusstsein katapultieren. Samt ihrer Aufgabe, "die letzte Lücke in der deutschen Erinnerungskultur" zu schließen, wie es seit Gründung der Stiftung in öffentlichen Erklärungen immer wieder heißt. Diese Lücke meint das Schicksal der etwa 12 Millionen Deutschen, die nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in Ostpreußen, Schlesien oder Pommern verlassen mussten.

Kolumne: Aus dem bürgerlichen Heldenleben - Esther Slevogt über das Geschichts- und Gesellschaftsbild des Berliner Humboldtforums

Nationalneurotisches Konstrukt

von Esther Slevogt

22. Dezember 2020. Die Bauzäune sind weg, das vergiftete Weihnachtsgeschenk ist ausgepackt. Da steht es also jetzt, das funkelnagelneue Schloss, das kein Schloss sein darf, sondern Humboldtforum sein soll. Humboldt, das schmeckt nach Wissenschaft, nach Weltläufigkeit und Universalgelehrtentum. Und klingt natürlich besser als Hohenzollern, fängt aber trotzdem mit H an. Weil um Gotteswillen keiner den Deutschen nachsagen soll, sie hätten aus ihrer Geschichte nichts gelernt, wenn sie jetzt die Residenz der kriegerischen preußischen Könige und deutschen Kaiser wieder aufgebaut haben, die (bombengeschädigt, aber durchaus rekonstruierbar) 1950 von der jungen DDR als Symbol des fehlgeleiteten, imperialistischen Deutschland geschleift worden war. Und nun als Symbol für die allerbesten Absichten dieses wieder mal neuen Deutschlands wiederaufgebaut worden ist. Auch, um der DDR nicht das letzte Wort auf diesem Ground Zero der deutschen Geschichte zu überlassen. Die hatte hier 1976 ihren Palast der Republik eingeweiht.

Kolumne: Aus dem bürgerlichen Heldenleben - Esther Slevogt über den Appell von Berliner Theatern, trotz steigender Covid-Zahlen zu spielen

Weitermachen, als wäre nichts?

von Esther Slevogt

10. November 2020. Zeitungen berichten, dass erstmals mehr Menschen mit schweren Corona-Verläufen auf Intensivstationen behandelt werden, als beim Ausbruch der ersten Welle. Auch an Tag 10 des zweiten Shutdowns steigen die Zahlen noch immer. Doch die Theater wollen wieder spielen. Wichtige Häuser in Berlin haben gemeinsam einen Brief an den Regierenden Bürgermeister geschrieben und auf ihre Hygienekonzepte verwiesen. Die nämlich würden auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren und maximalen Schutz bieten. Die Theater in den folgenden Monaten wieder bespielen zu können, eröffne also mehr Chancen als Risiken. "Die demokratische Gesellschaft nährt und bildet sich durch kulturelle Teilhabe", heißt es auch. Der Besuch dieser öffentlichen Räume sei für viele Menschen existentieller Teil des gesellschaftlichen urbanen Lebens und für dessen Zusammenhalt substantiell.