Le Temple du Présent. Solo pour Octopus - NT Gent

Ode an einen Oktopus

Familie - NT Gent

Letzte Stunden

von Oliver Kranz

Gent, 5. Januar 2020. Zuletzt hat Milo Rau im süditalienischen Matera einen Jesusfilm gedreht, der das Evanglium als "Revolte der Würde" umdeutet und die Situation afrikanischer Erntehelfer zum Thema macht, die auf den umliegenden Tomatenplantagen wie Sklaven arbeiten. Die Dreharbeiten waren zum Teil als öffentliche Performances angelegt – großangelegte Spektakel mit Hunderten Darstellern. Nun folgt diese kleine, fast schon private Produktion: Zwei Erwachsene und zwei Teenager spielen den realen Selbstmord-Fall der Familie Demeester im französischen Calais nach. Für Milo Rau gehören die beiden Geschichten zusammen: Die Erntehelfer ermöglichen mit ihrer Sklavenarbeit den Wohlstand der Westeuropäer, doch dieser Wohlstand macht nicht glücklich.

Lam Gods - Milo Rau eröffnet seine Intendanz am NT Gent mit der Inszenierung des Genter Flügelaltars Bürgern

Weltpanorama

von Dorothea Marcus

Gent, 28. September 2018. Im Zentrum: ein Schaf, kurz vor der Schlachtung. Weiter außen: Adam und die schwangere Eva, nackt. Auch Christus zwischen Maria und Johannes dem Täufer kann man sehen, Engel und Kreuzritter, Sponsoren und Märtyrer – und alle detailverliebt, grimmig, faltig, fröhlich und lieblich gemalt wie Normalbürger: der weltberühmte Genter Flügelaltar ist ein zwölfteiliges Wimmelbild der Brüder Jan und Hubert van Eyck aus dem 15. Jahrhundert. Nichts weniger als dieses mythische Kleinod, den Touristenmagneten schlechthin in der nur 30 Meter vom NT Gent entfernten St. Bavo-Kathedrale, hat sich Milo Rau vorgenommen, in seiner ersten Arbeit am NT Gent "Lamm Gottes" zu re-inszenieren – mit Genter Normalbürgern von heute.

Der Rosenkavalier - Christoph Waltz' präzis-zurückhaltende Inszenierung in Antwerpen

Prima la Musica

von Regine Müller

Antwerpen, 15. Dezember 2013. Seine beiden Oscars gewann Christoph Waltz für zwei schillernde Tarantino-Anti-Helden: Einen aasigen Nazi in Inglorious Basterds und einen skurrilen Kopfgeldjäger in Django Unchained. Nun hat der mit nunmehr 57 Jahren spät zum ganz großen Ruhm gekommene gebürtige Wiener sich im flämischen Antwerpen an seine erste Opernregie gewagt, und das ausgerechnet mit Richard Strauss' "Rosenkavalier". Jenem als gefällig, ja süßlich geltenden Schmankerl für Stimmfetischisten und Ausstattungs-Kulinariker von 1911, in dem Richard Strauss und sein Librettist Hugo von Hofmannsthal sich ein ziemlich artifizielles Rokoko-Wien herbei träumten und Strauss seinen Hut tief vor Mozart zog.