Mit Gewalt gegen Gewalt

von Lara-Sophie Milagro

14. September 2021. Jüngst schlug mir ein befreundeter Kollege eine Stückentwicklung vor, basierend auf dem Roman "Schande" des südafrikanischen Literatur-Nobelpreisträgers John Maxwell Coetzee, der 1999 erschien und noch im selben Jahr mit dem Booker Preis ausgezeichnet wurde. Im Mittelpunkt der in der Post-Apartheid-Ära angesiedelten Geschichte steht der weiße Literaturprofessor David Lurie aus Kapstadt, der nach Sexismus-Vorwürfen seine Stellung verliert und zu seiner Tochter Lucy aufs Land zieht. Dort kommt es zu einem brutalen Überfall, bei dem Lucy von drei, vermutlich Schwarzen, Männern vergewaltigt wird. Auf meine Frage, ob denn nicht die Entscheidung, sich mit Diskursen um Rassismus und Sexismus durch das Werk eines weißen Autors, mit einem weißen männlichen Protagonisten auseinanderzusetzen, exemplarisch für genau die Machtverhältnisse steht, auf denen der Roman selbst aufruht (auch wenn er sie zugleich kritisch beleuchtet), gab er sich optimistisch: "Genau das könnten wir dann ja auf der Bühne thematisieren!"

In der Erklärschleife

von Lara-Sophie Milagro

20. April 2021. Als im März diesen Jahres die Ergebnisse der Studie "Vielfalt im Film" veröffentlicht wurden, war das eigentlich Erstaunliche, dass es kaum jemanden zu erstaunen schien, dass Vielfalt im deutschen Film nach wie vor ein frommer Wunsch ist. "Rassismus, Sexismus, Altersdiskriminierung" meldete die Süddeutsche Zeitung und merkte an: "Die Ergebnisse sind bitter, wirklich überraschend sind sie nicht". "Diskriminierung als Normalzustand" titelte die taz und die Nachtkritik veröffentlichte die Ergebnisse unter der lapidaren Headline: "Überraschend?" Mehr als 5.000 Filmschaffende verschiedener Gewerke hatten im letzten Jahr an der Studie teilgenommen, mehr als die Hälfte von ihnen gab an, am Arbeitsplatz rassistisch, sexistisch, aufgrund ihrer sexuellen Identität, Religion, sozialen Herkunft, gewichts- oder altersbedingt diskriminiert worden zu sein.

Ist es nicht gut, dass es schon mal schlimmer war?

von Lara-Sophie Milagro

9. März 2021. Wenn ich meiner Tochter sage, dass sie ihr Zimmer aufräumen soll, bittet sie mich zunächst zu bestätigen, dass es zwei Tage vorher noch schlimmer aussah, räumt ein, dass es "natürlich immer noch besser geht" und erklärt sich bereit, darüber nachzudenken, ob sich der Zustand ihres Zimmers durch weitere Aufräumarbeiten verbessern ließe, jedoch nicht, ohne mich darauf hinzuweisen, wie engstirnig es ist, auf kleinen Mängeln herumzureiten, anstatt die großen Verbesserungen im Vergleich zu letzter Woche zu feiern. Wenn ich an diesem Punkt die Diskussion für beendet erkläre und auf dem Aufräumen des Zimmers bestehe, zeigt sie sich schockiert darüber, dass sie "ganz und gar nichts mehr sagen darf“ und ruft ihre Freundin an, die ihr Trost zuspricht und sie darin bestätigt, sich auf keinen Fall den Mund verbieten zu lassen. Das Zimmer bleibt derweil unaufgeräumt.

In der falschen Galaxie

von Lara-Sophie Milagro

26. Januar 2021. Nachdem das Jahr begonnen hat, wie es geendet hatte, der Lockdown erneut verlängert wurde und seit Ende vorletzter Woche klar ist, dass das kulturelle Leben in Berlin und bundesweit (mindestens) bis Ostern auf Eis liegt, habe ich beschlossen, dass ich ein Paralleluniversum brauche, um dieses Jahr zu überleben. Am besten gleich mehrere. Einige Tage später erreichte mich aus der Kulturredaktion eines renommierten Senders eine Interviewanfrage zum Thema "Colorblind Casting", die tatsächlich aus einer anderen Galaxie zu kommen schien. In der Anfrage hieß es: "Anlass ist der Start der neuen Netflix-Serie Bridgerton, in der unter anderem die englische Königin mit einer afroamerikanischen Schauspielerin besetzt ist. Die Diskussion ist jetzt aufgekommen, ob die Besetzung geschichtsverfälschend sein könnte und wem am Ende damit gedient ist, wenn Rollen ohne Rücksicht auf Herkunft etc. besetzt werden."

No more feministische Mogelpackung!

von Lara-Sophie Milagro

8. Dezember 2020. Gegen "Arielle, die Meerjungfrau", "Vaiana – Das Paradies hat einen Haken" und "Küss den Frosch"-Prinzessin Tiana hatte ich mich erfolgreich zur Wehr gesetzt und mich geweigert, meiner 4-Jährigen Tochter Haarspangen, T-Shirts oder Bettdecken zu kaufen, die, egal ob in der (B)PoC oder in der weißen Variante, das immer gleiche, mandeläugige Kindchenschema als weiblich an den Mann bzw. das Mädchen bringen. Schließlich möchte ich meinem Kind ein progressives Frauenbild mitgeben: Stark und selbstbewusst soll sie ins Leben schreiten, ihr Potential entfalten und ihren Körper weder einer Hungerhaken- noch einer Knackpo-Doktrin unterwerfen.

Der weite Weg zur Sichtbarkeit

von Lara-Sophie Milagro

27. Oktober 2020. Von all den darstellerischen Übungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, ist mir besonders eine aus der Zeit meines Gesangsstudiums in Erinnerung geblieben: Jede*r sollte aus einer Reihe von Opernpartien ihres oder seines Stimmfachs genau die Rolle verkörpern, die von der Figur her am wenigsten zu ihr oder ihm passt, auf welche Rolle das zutraf, wurde von den Mitstudierenden bestimmt.

In entlegenen Ecken

von Lara-Sophie Milagro

15. September 2020. Mein erster Auftritt seit dem Lockdown im März fiel ausgerechnet auf den Tag, an dem nur ein paar Kilometer Luftlinie vom Theater entfernt die bisher größte Anti-Corona-Maßnahmen Demo in Berlin stattfand. Zuverlässig wie stets meldeten sich einen Tag später Vertreter*innen der Bundesregierung und andere aufrechte Demokraten zu Wort, um die erfolgreiche Vereinnahmung der Proteste durch die radikale Rechte zu verurteilen. Von "Chaoten und Extremisten", einem "Angriff auf das Herz unserer Demokratie" war da die Rede, CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ließ verlauten, sie sei angesichts faschistischer Symbole vor dem Reichstagsgebäude "richtig wütend über die Bilder, die man dort gesehen hat" und der Deutschlandfunk kam zu dem Schluss: "Diese Bilder sind ein Schock."