In der falschen Galaxie

von Lara-Sophie Milagro

26. Januar 2021. Nachdem das Jahr begonnen hat, wie es geendet hatte, der Lockdown erneut verlängert wurde und seit Ende vorletzter Woche klar ist, dass das kulturelle Leben in Berlin und bundesweit (mindestens) bis Ostern auf Eis liegt, habe ich beschlossen, dass ich ein Paralleluniversum brauche, um dieses Jahr zu überleben. Am besten gleich mehrere. Einige Tage später erreichte mich aus der Kulturredaktion eines renommierten Senders eine Interviewanfrage zum Thema "Colorblind Casting", die tatsächlich aus einer anderen Galaxie zu kommen schien. In der Anfrage hieß es: "Anlass ist der Start der neuen Netflix-Serie Bridgerton, in der unter anderem die englische Königin mit einer afroamerikanischen Schauspielerin besetzt ist. Die Diskussion ist jetzt aufgekommen, ob die Besetzung geschichtsverfälschend sein könnte und wem am Ende damit gedient ist, wenn Rollen ohne Rücksicht auf Herkunft etc. besetzt werden."

No more feministische Mogelpackung!

von Lara-Sophie Milagro

8. Dezember 2020. Gegen "Arielle, die Meerjungfrau", "Vaiana – Das Paradies hat einen Haken" und "Küss den Frosch"-Prinzessin Tiana hatte ich mich erfolgreich zur Wehr gesetzt und mich geweigert, meiner 4-Jährigen Tochter Haarspangen, T-Shirts oder Bettdecken zu kaufen, die, egal ob in der (B)PoC oder in der weißen Variante, das immer gleiche, mandeläugige Kindchenschema als weiblich an den Mann bzw. das Mädchen bringen. Schließlich möchte ich meinem Kind ein progressives Frauenbild mitgeben: Stark und selbstbewusst soll sie ins Leben schreiten, ihr Potential entfalten und ihren Körper weder einer Hungerhaken- noch einer Knackpo-Doktrin unterwerfen.

Der weite Weg zur Sichtbarkeit

von Lara-Sophie Milagro

27. Oktober 2020. Von all den darstellerischen Übungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, ist mir besonders eine aus der Zeit meines Gesangsstudiums in Erinnerung geblieben: Jede*r sollte aus einer Reihe von Opernpartien ihres oder seines Stimmfachs genau die Rolle verkörpern, die von der Figur her am wenigsten zu ihr oder ihm passt, auf welche Rolle das zutraf, wurde von den Mitstudierenden bestimmt.

In entlegenen Ecken

von Lara-Sophie Milagro

15. September 2020. Mein erster Auftritt seit dem Lockdown im März fiel ausgerechnet auf den Tag, an dem nur ein paar Kilometer Luftlinie vom Theater entfernt die bisher größte Anti-Corona-Maßnahmen Demo in Berlin stattfand. Zuverlässig wie stets meldeten sich einen Tag später Vertreter*innen der Bundesregierung und andere aufrechte Demokraten zu Wort, um die erfolgreiche Vereinnahmung der Proteste durch die radikale Rechte zu verurteilen. Von "Chaoten und Extremisten", einem "Angriff auf das Herz unserer Demokratie" war da die Rede, CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ließ verlauten, sie sei angesichts faschistischer Symbole vor dem Reichstagsgebäude "richtig wütend über die Bilder, die man dort gesehen hat" und der Deutschlandfunk kam zu dem Schluss: "Diese Bilder sind ein Schock."

Ist das Kunst, oder kann das weg?

von Lara-Sophie Milagro

28. April 2020. Als vorletzte Woche Rauchwolken über dem Berliner Humboldtforum aufstiegen, dachte ich als erstes an eine performative Protestaktion: Irgendein mutiger Künstler nutzt das Corona-Vakuum, um den nachhaltigen gesellschaftspolitischen Einschnitt voranzutreiben, den momentan alle prophezeien, und wählt ein großbürgerliches Prestigeobjekt, das seit Jahren wegen seines ignoranten Umgangs mit Berlins kolonialer Geschichte in der Kritik steht, um ein Exempel zu statuieren.

Wir in Schieflage

von Lara-Sophie Milagro

25. März 2020. Als mich Anfang letzter Woche immer mehr Jobabsagen erreichten, die Leute anfingen, sich bei Rossmann Klopapier und Desinfektionsmittel aus der Hand zu reißen, ich erfolglos versuchte, meiner Mutter ihren Frisörbesuch auszureden und wir am vorerst letzten Kita-Tag mit anderen Eltern zusammenstanden und betretene "Und wo geht ihr jetzt in Quarantäne?"-Gespräche führten, begann ich Dinge zu tun, die ich noch vor zwei Wochen für unvorstellbar gehalten hätte: mäßig witzige "5ter Tag Quarantäne"-Videos mit hustenden Hunden an WhatsApp-Kontakte zu verschicken, einem Aufruf zur Meditation für die endgültige Auslöschung des Virus zu folgen, mir die weiße Massai auf DVD anzusehen (aber nur weil unser Internet mal wieder nicht funktionierte!) und mich mit Freunden zu gemeinsamen virtuellen Museumsbesuchen zu verabreden.

#diversitysowhite

von Lara-Sophie Milagro

18. Februar 2020. Mit der praktischen Umsetzung von Diversität im deutschen Kunst- und Kulturbetrieb ist es wie mit dem Internet bei uns zuhause. Das fällt mindestens ein Mal pro Woche aus und dann beginnt stets das gleiche Ritual: Ich rufe bei unserem Anbieter an und ein sehr freundlicher Mitarbeiter erklärt mir, man sei sich des Problems bewusst, setze alles daran es zu beheben und man rufe uns zurück, sobald der Fehler gefunden sei. Der Mitarbeiter bedankt sich jedes Mal für meine Beschwerde, "die unbedingt nötig ist, damit wir unseren Service beständig verbessern können", und wünscht mir noch einen schönen Tag. Wir erhalten nie einen Rückruf, stattdessen geht das Internet plötzlich wieder, bevor es spätestens nach einer Woche erneut ausfällt. Fazit: Alle Beteiligten geben sich wirklich sehr viel Mühe, aber es will einfach nicht gelingen.