Ist das Kunst, oder kann das weg?

von Lara-Sophie Milagro

28. April 2020. Als vorletzte Woche Rauchwolken über dem Berliner Humboldtforum aufstiegen, dachte ich als erstes an eine performative Protestaktion: Irgendein mutiger Künstler nutzt das Corona-Vakuum, um den nachhaltigen gesellschaftspolitischen Einschnitt voranzutreiben, den momentan alle prophezeien, und wählt ein großbürgerliches Prestigeobjekt, das seit Jahren wegen seines ignoranten Umgangs mit Berlins kolonialer Geschichte in der Kritik steht, um ein Exempel zu statuieren.

Wir in Schieflage

von Lara-Sophie Milagro

25. März 2020. Als mich Anfang letzter Woche immer mehr Jobabsagen erreichten, die Leute anfingen, sich bei Rossmann Klopapier und Desinfektionsmittel aus der Hand zu reißen, ich erfolglos versuchte, meiner Mutter ihren Frisörbesuch auszureden und wir am vorerst letzten Kita-Tag mit anderen Eltern zusammenstanden und betretene "Und wo geht ihr jetzt in Quarantäne?"-Gespräche führten, begann ich Dinge zu tun, die ich noch vor zwei Wochen für unvorstellbar gehalten hätte: mäßig witzige "5ter Tag Quarantäne"-Videos mit hustenden Hunden an WhatsApp-Kontakte zu verschicken, einem Aufruf zur Meditation für die endgültige Auslöschung des Virus zu folgen, mir die weiße Massai auf DVD anzusehen (aber nur weil unser Internet mal wieder nicht funktionierte!) und mich mit Freunden zu gemeinsamen virtuellen Museumsbesuchen zu verabreden.

#diversitysowhite

von Lara-Sophie Milagro

18. Februar 2020. Mit der praktischen Umsetzung von Diversität im deutschen Kunst- und Kulturbetrieb ist es wie mit dem Internet bei uns zuhause. Das fällt mindestens ein Mal pro Woche aus und dann beginnt stets das gleiche Ritual: Ich rufe bei unserem Anbieter an und ein sehr freundlicher Mitarbeiter erklärt mir, man sei sich des Problems bewusst, setze alles daran es zu beheben und man rufe uns zurück, sobald der Fehler gefunden sei. Der Mitarbeiter bedankt sich jedes Mal für meine Beschwerde, "die unbedingt nötig ist, damit wir unseren Service beständig verbessern können", und wünscht mir noch einen schönen Tag. Wir erhalten nie einen Rückruf, stattdessen geht das Internet plötzlich wieder, bevor es spätestens nach einer Woche erneut ausfällt. Fazit: Alle Beteiligten geben sich wirklich sehr viel Mühe, aber es will einfach nicht gelingen.

Aufmucken? Verstören!

von Lara-Sophie Milagro

12. November 2019. Als im Sommer letzten Jahres Nicht-Weiße von Nazis durch die Straßen von Chemnitz geprügelt wurden und die Presse ernsthaft darüber debattierte, ob nun "Jagd", "Hetze" oder "Hetzjagd" der angemessene Ausdruck dafür sei, stand man als (wie auch immer) in diesem Land beheimateter Mensch wieder einmal vor der Frage: Was tun? Wie etwas dagegen setzen, wirkungsvoll Widerstand leisten, auch und gerade als Kunstschaffende?

Radikale Rollenspieler

von Lara-Sophie Milagro

8. Oktober 2019. Während unserer Zeit beim Jugendclub am Bremer Theater nutzten meine Freundin Gülcan und ich jede Gelegenheit, um unsere Schauspieltechniken zu erproben, zu schleifen und auszubauen. Nachdem die NPD Anfang der 90er Jahren mit sechs Abgeordneten in die Bremer Bürgerschaft eingezogen war, bestand eine unserer Lieblingsbeschäftigungen darin, uns an ihren Wahlkampfständen darüber informieren zu lassen, wie wir möglichst schnell Mitglied werden könnten, um ein Zeichen zu setzen gegen "all die Schwarzen und Türken" und "für Deutschland". Über die verdutzten Gesichter der NPD-Leute lachten wir uns hinter der nächste Straßenecke schlapp und spielten uns gegenseitig immer wieder genüsslich vor, wie sie verlegen hüstelnd in ihren Unterlagen geblättert hatten. Nicht nur im Theater, auch in der Politik waren damals bestimmte Rollen ganz klar für Weiße reserviert.

Was tun mit den Arschlöchern?

von Lara-Sophie Milagro

14. Mai 2019. Während meines Gesangsstudiums begrüßte mich Herr Professor B. jedes Jahr zu Semesterbeginn mit demselben Kalauer: "Na junge Frau, haben Sie sich nicht in der Abteilung geirrt? Dies ist der Fachbereich Operngesang, die Jazz-Abteilung ist im Gebäude nebenan". Ich habe immer brav gelacht über Herrn Prof. B., Humor ist ja bekanntlich Ansichtssache. Klassische Gesangstechnik folgt da schon klareren Regeln: Entweder du triffst das hohe C oder nicht. Kein Interpretationsspielraum, kein "ich fänd h aber besser". Natürlich gibt es unendlich viele Möglichkeiten, einen Ton zu gestalten, ihm Farben und Nuancen zu verleihen. Aber C ist C und eine gute Oper ist eine gute Oper, das war für mich nie verhandelbar.

Brandstifter 2.0

von Lara Sophie-Milagro

2. April 2019. An der Seite meiner friedensbewegten Mutter habe ich meine halbe Kindheit auf Demonstrationen und Interventionen verbracht: gegen den Rüstungswettlauf des Kalten Krieges, die wirtschaftliche Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt und den Paragraphen 175, gegen Kürzungen an Kitas, Schulen und Krankenhäusern, für Umweltschutz und grüne Werte. Diese Veranstaltungen waren bunt, visionär, klug und mutig und haben nicht nur meine Begeisterung für das Performative begründet, sondern auch die Untrennbarkeit von Politik und Kunst in mir verankert.