Kunst ist die Mission

von Natasha Tripney

29. Mai 2021. Nach fünf Monaten Live-Streams und digitalem Theater durfte ich letzte Woche endlich wieder einmal Teil eines klassischen Publikums sein – im Bush Theatre in London. Obwohl die Zuschauerzahl stark reduziert war und alle Masken trugen, tat das der Begeisterung der Leute keinen Abbruch, ihrer offensichtlichen Freude, wieder zusammenkommen zu können. Als vor Beginn der Vorstellung die Telefon-bitte-ausschalten-Ansage abgespielt wurde, jubelten die Zuschauer*innen.

Art Is The Mission

by Natasha Tripney

May 29, 2021. Last week, after five months of live streams and digital theatre I got to be part of an audience once more at the Bush Theatre in west London. Though the numbers were greately reduced and everyone was masked, it didn’t dilute people’s excitement, their evident pleasure to be able to gather again. When the recorded pre-show announcement was played, people cheered.

"Hier wird nicht mehr gespielt, hier wird gekämpft"

von Joseph Hanimann

Paris, 15. März 2021. Mit ihrem Sinn fürs Absurde hätte die von Paris nun auf andere französische Regionen ausgreifende Besetzung von Theatern einen vorzüglichen Stoff für ein Stück von Eugène Ionesco abgeben können. Wenn Schauspieler und Bühnentechniker mit ihrem bloßen Dasein und Herumstehen den Betrieb von Häusern lahmlegen wollen, der aufgrund einer sturen Covid-Politik der Regierung seit über vier Monaten ohnehin praktisch lahmliegt – ist das dann potenzierte Lähmung oder gesteigerter Aktivismus? Von großer Aktion ist auf dem Platz vor dem Pariser Théâtre de l'Odéon in diesen Tagen wenig zu sehen. Die Eingangsgitter sind geschlossen, davor stehen ein paar Schaulustige, dahinter ein paar von den Besetzenden. Will man wissen, worum es ihnen genau geht, muss man sich mit ihnen durch die Gitterstäbe unterhalten wie in einem Gefängnis. Wer hier festsitzt, die Besetzer drinnen oder das von den Sälen ausgeschlossene Publikum draußen, ist die Frage.

Keine Show ohne Publikum

von Alice Saville

August/Dezember 2020. Während des Lockdown boten Großbritanniens Theater dem krisengebeutelten Publikum Online-Theater in Not-Rationen: Aufzeichnungen alter Produktionen, Online-Monologe und Livestreams von Stücken, die vor leeren Sälen aufgeführt wurden. Bei den Künstler*innen hat dieser Ansturm von digitalem Gratis-Theater gemischte Gefühle hinterlassen. "Gleich zu Beginn des Lockdown las ich einen Artikel, in dem es hieß: 'Warum sollte ich mir eine Lesung von Hedda Gabler ansehen, statt Tiger King auf Netflix?'", sagt Emma Blackman. "Und es stimmt ja: Das Theater hat eine beschissene Ausstattung im Vergleich zu Netflix." Die Online-Aufführungen, mit denen sie sich hingegen wirklich beschäftigt habe, "waren diejenigen, die mir als Zuschauer*in eine gewisse Autorität verliehen haben".

No show without an audience

by Alice Saville

August/December 2020. As the UK's theatres closed, they offered emergency rations of online theatre to crisis-hit audiences; archive recordings, online monologues, and livestreams of works performed to empty auditoriums. But some people had mixed feelings about this onslaught of free digital theatre. As Emma Blackman told me, "Right at the beginning of lockdown, I read an article that said 'Why would I watch a reading of Hedda Gabler, instead of Tiger King on Netflix?' Theatre’s got crappy equipment compared to the monster that is Netflix. The performances that I engaged with online during lockdown were the ones that gave me agency as an audience member."

"Wo sind Sie gerade?"

von Joseph Hanimann

Paris, 23. November 2020. Improvisation ist dem französischen Theater nicht unbekannt. Durch die Dauerimprovisation aufgrund ständig wechselnder Covid-Maßnahmen sind die Theater in Frankreich aber an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und Experimentierfreude geraten. Nach dem Lockdown des Frühjahrs hatten sie einen reichhaltigen Saisonstart mit den entsprechenden sanitären Vorsichtsregeln ausgearbeitet, jedes auf eigene Weise. Für seine "Iphigenie" von Racine, eines der Highlights der neuen Spielzeit, hatte Stéphane Braunschweig am Théâtre de l’Odéon mit zwei gesondert spielenden Besetzungsteams geprobt, damit die Produktion weiterlaufen kann, falls ein Schauspieler positiv getestet wird. Doch auch das half nichts. Nach der Mitte Oktober verhängten Ausgangssperre ab 21 Uhr in Paris und anderen Städten, die die Aufführungen ins enge Zeitfenster zwischen Feierabend und Abendruhe zwängte, kam zwei Wochen später der zweite Lockdown fürs ganze Land. Und damit die Rückkehr für alle ans Fenster der Computerbildschirme.

Prosperos Bann

von Savas Patsalidis

Athen, November 2020. Wenige Jahre nach den Olympischen Sommerspielen von 2004 in Griechenland und der Hochstimmung, die sie begleitet hatte, erlebte die griechische Wirtschaft 2010 einen epochalen Zusammenbruch, dessen Folgen fast ein Jahrzehnt lang andauerten. Die Theaterszene war davon völlig unvorbereitet getroffen worden. Die Geldnot brachte enorme Schulden mit sich, unbezahlte Mieten und Probleme bei der Bezahlung der Mitarbeiter*innen. Selbst großen Häusern – denen es zunächst noch gelungen war, ihre Standards aufrechtzuerhalten – ging schließlich die Luft aus.

Handke And The Frog

by Natasha Tripney

Prishtina / Kosovo, October 2020. Jeton Neziraj's new play "The Return of Karl May", a co-production between Berlin’s Volksbühne, Kosovo's Qendra Multimedia and the National Theatre of Kosovo, was the first play to premiere in Prishtina after theatres were allowed to reopen earlier this month. The play's journey to the stage has not been straightforward, though that’s true of most productions this year. It is was originally intended to premiere in Berlin in May, as part of the Volksbühne's PostWest Festival, a transcultural theatre festival intended to bring together artists from ten countries in eastern Europe in order to interrogate what it means to be 'Eastern European' as well as, according to curator Alina Aleshchenko, to create a space for "cooperation and exchange" between theatre makers from these countries.

Handke und der Frosch

von Natasha Tripney

Prishtina / Kosovo, Oktober 2020. Jeton Nezirajs neues Stück "Die Rückkehr von Karl May", eine Koproduktion der Berliner Volksbühne, der Qendra Multimedia Kosovo und des Nationaltheaters des Kosovo, war das erste Stück, das in Prishtina uraufgeführt wurde, nachdem die Theater Anfang des Monats wiedereröffnet werden konnten. Der Weg des Stücks auf die Bühne war nicht einfach, was für die meisten Produktionen dieses Jahres gilt. Ursprünglich sollte es im Mai in Berlin uraufgeführt werden, und zwar im Rahmen von PostWest in der Berliner Volksbühne, einem transkulturellen Theaterfestival, das Künstler*innen aus zehn osteuropäischen Ländern zusammenbringen wollte. Fragestellung des Festival war: was bedeutet es, "osteuropäisch" zu sein. Darüber hinaus wollte PostWest einen Raum für "Zusammenarbeit und Austausch" zwischen Theatermachern aus diesen Ländern schaffen, so die Kuratorin Alina Aleshchenko.

Dieser Protest ist stärker

von Noémi Herczog

22. September 2020. Ich kann mich an kein stärkeres und aufbauenderes Zeichen des politischen Protests in Ungarn der letzten Jahre erinnern, als den Widerstand der Studierenden der Universität für Theater- und Filmkunst in Budapest, kurz: SZFE. Junge Schauspieler*innen, angehende Theaterpädagog*innen, Regisseur*innen, Kameraleute, Cutter*innen und Dramaturg*innen setzen sich für ihre Rechte ein und besetzen ihre Universität, blockieren die Eingänge, um sicherzustellen, dass die von der Regierung ernannten neuen Kurator*innen nicht eintreten können. Mit dieser Besetzung geben die Studierenden vielen von uns in diesem Land gerade Hoffnung.