Vom Aufleuchten der Wirklichkeit

von Esther Boldt

12. Dezember 2019. Zwanzig Jahre Rimini Protokoll. Zwanzig Jahre unbeirrte, akribische, oft verblüffende Recherchen in Wirklichkeitsräumen. Zwanzig Jahre eigenwilligen, stilprägenden Theaterschaffens – mit Expert*innen des Alltags, mit Menschen Tieren und Robotern. Und: Zwanzig Jahre Rimini-Rezeption. Ein Parforceritt durch eine, durch meine Seherfahrung.

Das Mutlabor

von Christian Muggenthaler

27. November 2019. Es ist sieben Jahre her, da führte die Regisseurin Kathrin Mädler das Publikum des Theaters Ingolstadt in den Untergrund. In den Kasematten alter Befestigungsanlagen arrangierte sie unter dem Titel Das Monster weint in unheimlicher, stockdunkler Umgebung ein beängstigendes Crossover zweier Texte: "Frankenstein" von Mary Shelley und die "autobiografischen Aufzeichnungen" des KZ-Lagerkommandanten Rudolf Höß. Es ging um jenes Experiment, in dem ein Gelehrter aus totem Material eine lebende Kreatur erschafft – ein zwar grusliges, aber rein literarisches Produkt. Und es ging um jenen schrecklichen Versuch, ganze Volksgruppen durch Massenmord aus dem Menschenkreis zu entfernen – ein Projekt, in dem aus Ideologie widerliche Wirklichkeit wurde.

"Man begegnet dieser DDR ja ununterbrochen!"

Leander Haußmann im Gespräch mit Christian Rakow und Esther Slevogt

Berlin, November 2019. Wir treffen Leander Haußmann in einem Berliner Café um die Ecke vom Gendarmenmarkt, um über seine Künstlererfahrungen mit der deutsch-deutschen Einheit zu sprechen. Als Schauspieler (unter anderem bei Frank Castorf) und als Jungregisseur an Provinzbühnen in Parchim, Gera und Weimar vor der Einheit, bald als gefeierter Nachwenderegisseur an Staatsbühnen von München bis Hamburg, schließlich als Intendant am Schauspielhaus Bochum scheint er uns der ideale Gesprächspartner zum Mauerfalljubiläum zu sein.

Gekommen um zu bleiben

von Anna Volkland

Berlin, 20. Oktober 2019. Sie ist eine Erfolgsgeschichte: die Geschichte des 2015 an einem Küchentisch in Oldenburg gegründeten ensemble-netzwerks, inzwischen ein gemeinnütziger Verein mit (Stand Freitagabend) 654 offiziellen Mitgliedern. Diejenigen, die das Netzwerk als Teil und Motor einer Theaterreform-Bewegung aufgebaut haben, haben von Anfang an verstanden, dass langfristige Veränderungsprozesse mit einem grundlegenden Bewusstseinswandel beginnen. Ungerechte Verhältnisse werden immer auch ein Stück weit von denen mitgetragen, die unter ihnen zu leiden haben. Wenn Schauspieler*innen, Regisseur*innen, Dramaturg*innen, Assistent*innen über lange Zeit hinweg verinnerlicht haben, dass echte künstlerische Theaterarbeit eine besondere Opferbereitschaft erfordere und "Schmerz zur Selbstverwirklichung" gehöre (wie Ulrich Khuon 2004 in einem Theater Heute-Interview zu den harten Arbeitsbedingungen von Schauspieler*innen sagte), muss ihnen allen zuerst begreifbar gemacht werden, worum es sich hier handelt: um systemstabilisierende Theaterfolklore. Dieses System funktioniert aber längst nicht mehr gut, der Innendruck ist zu hoch, und der Erfolg der Aufklärungsarbeit hängt auch damit zusammen.

ghost matters

22. Oktober 2019. Seine Poetikvorlesung "ghost matters" hielt Thomas Köck am 18. Oktober 2019 an der Theaterakademie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. nachtkritik.de bringt sie hier in Erstveröffentlichung inklusive Endnoten und dokumentiert den Auftritt im Podcast und im kurzen Videoausschnitt. Die Poetikvorlesung ist eine Veranstaltung der Hamburger Theaterakademie / Hochschule für Musik und Theater. Sie fand in diesem Jahr zum vierten Mal statt. In den beiden vergangenen Jahren wurden die Hamburger Poetikvorlesungen von Wolfram Lotz und Ferdinand Schmalz gehalten.

Jesus gegen den Kapitalismus

von Oliver Kranz

Matera, 7. Oktober 2019. Die Stadt ist als Kulisse für Jesusfilme berühmt geworden. Sie ist sehr alt und war lange sehr kaputt. Bis in die 1950er Jahre hinein galt Matera als Schande Italiens. Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung lebte in den "Sassi", Siedlungen mit Höhlenwohnungen, die in die Felsen am Rand eines Flusstals hineingemeißelt worden waren. Dort gab es weder Strom noch fließendes Wasser, die Menschen hausten mit ihren Tieren in stickigen, dunklen Räumen – bis sie von der Regierung zwangsumgesiedelt wurden.

Rendezvous mit der Antike

von Michael Wolf

19. Juni 2019. Vier Stunden pro Tag verharrt sie auf einem Sockel, ruht sich aus, diese erschöpfte Königin. Um sie herum antike Statuen, vor Jahrtausenden gestoppte Zeit. Mit langsamen Bewegungen variiert sie ihre Position, sackt in sich zusammen, steht dann doch auf, streckt die Arme aus, tastet in die Leere, zieht die Hände wieder zurück. Nur für mich, den einzigen Besucher des kleinen Archäologischen Museums von Piräus an einem heißen Nachmittag.