ICH FRAGE DICH NICHT
WER DU NICHT BIST

von Ivna Žic

26. Oktober 2020. Ihre Poetikvorlesung "ICH FRAGE DICH NICHT / WER DU NICHT BIST" hielt Ivna Žic am 24. Oktober 2020 an der Theaterakademie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. nachtkritik.de bringt sie hier in Erstveröffentlichung und dokumentiert den Auftritt im kurzen Videoausschnitt und im Podcast mit der vollständigen Rede. Die Poetikvorlesung ist eine Veranstaltung der Hamburger Theaterakademie / Hochschule für Musik und Theater, kuratiert von Eva-Maria Voigtländer, gefördert von der Rusch-Stiftung Hamburg mit Unterstützung der Holger und Mara Cassens Stiftung. In den vergangenen Jahren wurden die Hamburger Poetikvorlesungen von Wolfram Lotz, Ferdinand Schmalz und Thomas Köck gehalten.

Wenn Völker friedvoll zusammenrücken

von Tobias Prüwer

Leipzig, 14. August 2020. Die Tribüne füllen 50.000 Zuschauer, ihnen gegenüber lagern Legionäre, deren Brustpanzer und Helme im Dämmerlicht funkeln. Sie bewachen einen Menschenmarkt, auf dem nur in Lendenschurze gewickelte Sklaven verkauft werden. Die Entrechteten schwören bald kollektiv Rache, wählen Spartacus zu ihrem Anführer. Statt sich als Gladiatoren gegenseitig zu bekämpfen, richten sie ihre Waffen gegen Rom. Die Schlacht beginnt als Wimmelbild. Leiber überall, Feuer lodern auf, Leichenberge stapeln sich. Schließlich unterliegen die Aufständischen. Am höchsten Punkt der Arena wird Spartacus ans Kreuz gebunden – sein Leiden füllt den Epilog.

"Wir können gerne weiter brainstormen"

7. August 2020. Emma Goldman-Sachs heißt nicht Emma Goldman-Sachs, und Anja de Vries heißt auch nicht Anja de Vries: Die Aktivistinnen des Peng! Kollektivs suchen den Schutz der Anonymität. Nachvollziehbar: Aktionen wie "Klingelstreich beim Kapitalismus" bewegen sich am Rande der Legalität. Das Peng! Kollektiv hat hierfür ein fiktives "Bundesamt für Krisenschutz und Wirtschaftshilfe" (angeblich unter dem Dach des Bundeswirtschaftsministeriums) gegründet und so führende Wirtschaftslenker in Gespräche über Alternativen zum Kapitalismus verwickelt. Beim Internationalen Sommerfestival im Hamburger Produktionshaus Kampnagel wird das Projekt ab kommenden Mittwoch in einer Installation präsentiert. Vorab erklären "Goldman-Sachs" und "de Vries", wie man sich das Vertrauen von CEOs erschleicht. Das Interview führte Falk Schreiber.

Ein Glas Wasser regiert die Welt

von Barbara Villiger Heilig

6. August 2020. In den letzten Jahren kamen wenige Theaterkritiken, die sich Werner Düggelin widmeten, ohne die Bezeichnung "Altmeister" aus. Darüber konnte vergessen werden, dass "der Dügg", wie ihn nicht nur Freunde und Bekannte nannten, seine fulminante Karriere als Jungstar begonnen hatte – und übrigens noch, auch als er schon weit über achtzig war, eine jugendlich unbeschwerte Haltung der Welt gegenüber behielt. Er liebte es, im Restaurant ausgiebig zu tratschen, und freute sich, wenn er via Handy das Neuste – oder Letzte – aus der Theaterwelt erfuhr, das ihm "seine" Schauspieler, darunter immer wieder sehr junge, brühwarm berichteten.

Kopftheater aus der App

von Christian Rakow

2. Juli 2020. Die erste Erscheinung des Neuen ist der Schrecken. Auch im interaktiven Netztheater. Als Christopher Rüping seine experimentierfreudige Web-Serie "Dekalog" am Schauspielhaus Zürich startete, da haperte es technisch noch an allen Enden. Der Sprecherton des Solisten Thomas Wodianka kam mit Sekunden Verzögerung an, verhinderte den Schauspielgenuss. Und das Publikum im begleitenden Chat zeigte entsprechend Zähne und schüttete wonnig seine Häme aus. Für die folgenden Teile schalteten die Zürcher*innen den Chat zur Aufführung ab, das Publikum durfte fürderhin als anonymer Massenmensch am Geschehen teilhaben, mit den für die Serie charakteristischen Ted-Abstimmungen über den Verlauf der Geschichte.

Landestrauer

von Alfred Kerr

Berlin, 11. August 1901. Die zweite Kaiserin des neuen Reiches ist in das unentdeckte Land gezogen, aus des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt. Berlin steht im Eindruck dieses schmerzlichen Vorgangs. Die Verstorbene hat eine gesonderte Stellung eingenommen, was das innere Verhältnis der Nation zu ihr betrifft. Ihr gegenüber waren die Gefühle nicht alltäglich: sie hatte besonders glühende Verehrer, und es gab andererseits Leute, die sie mit Nachdruck befehdeten. Aber beides, die große Zuneigung und die stille Abneigung, floss zuletzt ineinander in einziges Gefühl der Ehrfurcht vor den tiefen Schmerzen, die sie erfahren. Da wurden alle einig. Sie war die Kaiserin der Schmerzen.

Das Gesprächsprotokoll entstand im Rahmen des Überblickstextes: Zur Lage der deutschsprachigen Schauspielschulen unter den Corona-Schutzverordnungen.

 

Online ist wie eine Schnapspraline

von Holger Zebu Kluth

22. Juni 2020. Wir beginnen jetzt langsam wieder, die Hochschule zu öffnen für den Unterrichtsbetrieb. Für den dritten Jahrgang der Schauspielstudierenden, die aufs Abschlussvorsprechen hinarbeiten, ist es am dringlichsten, wieder in die praktische Arbeit reinzukommen.