In der Ideologiefalle

von Sophie Diesselhorst

4. September 2019. Astrid Lindgren. Während des zweiten Weltkriegs klebte die berühmte schwedische Kinderbuchautorin ausgeschnittene Zeitungsschlagzeilen in ihr Tagebuch und dichtete die Lebenswirklichkeit der von diesen Schlagzeilen Betroffenen hinzu. So kolportiert es Philipp Ruch, Gründer und künstlerischer Leiter der Aktionskunst-Gruppe Zentrum für politische Schönheit (ZPS), in seinem neuen (zweiten) Buch – und ist völlig begeistert. "Wir alle müssen" (wie Lindgren) "die Säuglinge sterben sehen", so Ruch auf den letzten Zeilen des Buches, dessen hitziger Ton zum Titel passt: "Schluss mit der Geduld".

"Er muss mir recht geraten"

von Georg Kasch

Berlin, 2. Juli 2019. Loben ist eine Kunst. Eltern wissen das. Kritiker*innen auch. Wer alles akklamiert, läuft Gefahr, die Maßstäbe zu verwischen, die Wertschätzung zu entwerten. Wer aber zu wenig lobt, zerstört. Wirklich? "Der Tadel meiner Mutter war der Kraftstoff, der meinen intellektuellen und emotionalen Motor speiste", schreibt C. Bernd Sucher in seiner Doppel(auto)biografie "Mamsi und ich". Klingt ja erst mal gut.

It's the economy, stupid!

von Falk Schreiber

29. Mai 2019. Ohne Superlative geht es nicht. Also wird Milo Rau im Klappentext des Bandes "Das geschichtliche Gefühl" mit hymnischen Pressezitaten gewürdigt, als "einflussreichster" (Die Zeit), "interessantester" (De Standaart) oder "ambitioniertester" (The Guardian) Theatermacher der Gegenwart. Was inhaltlich zwar wenig aussagt, aber zumindest klarstellt, dass Rau sehr international wahrgenommen wird, im durch Sprachgrenzen eingehegten Sprechtheater bis heute eher unüblich. Anders ausgedrückt: Ob Rau als Künstler nun wirklich interessant ist oder nicht, ist nicht das Thema, wichtig ist, dass man es hier mit einem prototypisch europäischen Künstler zu tun hat. Und die Tatsache, dass Rau aus der Schweiz stammt, einem Land, das schon immer über Sprachgrenzen hinwegdenken musste, ist für diese Einschätzung womöglich auch nicht irrelevant.

Eingequetscht im Tunnelblick

von Michael Wolf

12. Februar 2019. Eine Zeit lang erzählte Clemens J. Setz jedem, der es hören wollte, Zahlen stellten sich ihm farbig dar. Die Drei sei grün, die Sieben transparent gelb. In seinem Buch "Bot" gestand er: "Ich bin ein Synästhet, der selbst Demütigungen in verschiedenen Farben erlebt." Es fiele leicht, hierin nur die Bemühung zu erkennen, als bunter Hund des Literaturbetriebs zu reüssieren. Der Erfolg des Sechsunddreißigjährigen ist nicht ohne das schillernde Bild zu denken, das er dem Feuilleton gern zum Ausmalen überlässt.

"Ich bin ein Anderer in mir, den muss ich fragen"

von Andreas Wilink

Einar Schleef, geb. 17. Januar 1944 in Sangerhausen, gest. 21. Juli 2001 in Berlin. Frühe Erfahrungen waren der Arbeiteraufstand 1953, die Flucht seines älteren Bruders aus der DDR, die eigene Sprachhemmung, zwei lange Krankenhausaufenthalte wegen Tuberkulose und nach einem schweren Unfall sowie die durch ihn vereitelte Flucht der Eltern kurz vor dem Mauerbau. Schon vor dem Abitur bestand er die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, die er trotz Relegation mit Diplom bestand. Er wurde Meisterschüler bei Karl von Appen an der Deutschen Akademie der Künste, Berlin. Ihm wurden Ausstattungen an Benno Bessons Volksbühne und am Berliner Ensemble der Ruth Berghaus anvertraut. Dort wird er zum Regisseur. Seine Strindberg-"Fräulein Julie" machte 1975 Skandal. Eine Projektvorbereitung in Wien brachte ihn 1976 dazu, nicht in die DDR zurückzukehren. Es bleibt bei schwierigen Arbeitsbedingungen, großen Theater-Pausen, Konflikten, Abbrüchen, Kündigungen. Parallel entstehen literarische Werke (darunter "Gertrud" und "Totentrompeten"). 1985 holte ihn Günther Rühle ans Schauspiel Frankfurt und hält zu ihm trotz heftiger Widerstände. In den 90-er Jahren folgten Inszenierungen u.a. am Berliner Ensemble, darunter "Wessis in Weimar", wiederum begleitet von Kontroversen mit Autor Rolf Hochhuth und den Co-Intendanten Peter Zadek (contra) und Heiner Müller (pro); ebenso drei Inszenierungen an Claus Peymanns Burgtheater, darunter die gefeierte fast siebenstündige Uraufführung von Elfriede Jelineks "Das Sportstück" (1999). Viermal wurde Einar Schleef zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Der imperfekte Körper

von Georg Kasch

4. Januar 2019. Es gibt nicht viele autobiografische Bücher, bei denen man Richtung Showdown mitfiebert und über die Seiten rast, auch wenn das Ende bekannt ist: Miriam Maertens, Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich, hat ihre Lungentransplantation überlebt, klar, andernfalls hätte sie "Verschieben wir es auf morgen" nicht schreiben können. Trotzdem kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, wenn Maertens schildert, wie ihr zunehmend die Luft wegbleibt, vor allem bei den Proben zu und den Aufführungen von Faust 1-3 im stickigen Keller.

Endlich im Klassiker-Himmel?

von Kai Bremer

3. Januar 2019. Die im Netz gut zugänglichen Volltext-Versionen von Goethes "Faust" (zum Beispiel hier) präsentieren den Klassiker bisher in Fassungen, die im Hinblick auf die Zuverlässigkeit des Textes mindestens problematisch sind. Meist sind sie sogar fehlerhaft. Zwar sind das nur selten Fehler, die einen faustischen Geist aus der Fassung bringen. Aber zumindest für Leser*innen, die sprachlich sensibel etwa auf Betonungen und Akzentuierungen achten, weil sie an den performativen Dimensionen von Goethes Tragödie interessiert sind, für solche Leser*innen waren die Fassungen im Netz bislang unbefriedigend. Für sie dürfte in Zukunft www.faustedition.net das Nonplusultra sein – zumal sie Teil einer von den Herausgebern Anne Bohnenkamp, Silke Henke und Fotis Jannidis "Hybridausgabe" genannten Edition ist, die zugleich auf dem guten alten Papier in zwei Varianten erschienen ist.