Das Theater! Und die Liebe!

von Katrin Ullmann

17. September 2013. "Auch wenn man mit seinen Einfällen nicht einverstanden war, darüber schreiben musste man" – Augustus Baum, ein bedeutender, "mit Prominenz gepanzerter" Theaterregisseur, befindet sich nach einem Schlaganfall im Krankenhaus. Herausgerissen aus den Proben zu Tschechows "Möwe" versucht er zunächst vom Krankenbett aus weiterzuarbeiten. Als seine Assistentin Lydia scheitert, die Schauspieler sich Beleidigungen und Feuerzeuge an Kopf und Hals werfen, inszeniert er das ihn umgebende Personal zu einer Geschichte. Es ist eine Geschichte über die Liebe und ihre unterschiedlichen Erscheinungsformen: ewig, unverbrüchlich, augenblicklich, innig.

So schlecht wie möglich

von Eva Biringer

17. September 2013. Uwe Eric Laufenberg, geboren 1960 in Köln, ist als Regisseur und Schauspieler seit vielen Jahren eine feste Größe im Theater- und Opernbetrieb. Von der Spielzeit 2009/2010 an bis August vergangenen Jahres war er Intendant der Kölner Oper. Nach jahrelangen Unstimmigkeiten zwischen ihm, dem Haus und der Stadt, wurde ihm nach einem umstrittenen Zeitungsinterview fristlos gekündigt.

Von andersher beleuchtet

Die "Anmerkungen zum Außenseiter", die Botho Strauß Ende Juli mit seinem Essay "Der Plurimi-Faktor" meinte im Spiegel veröffentlichen zu müssen, sind aus einigen wenigen Passagen zusammengesetzt, die es jetzt im Kontext zu lesen gibt, in dem Band "Lichter des Toren" mit dem schönen Untertitel "Der Idiot und seine Zeit". Man mag die Auswahl als Hinweis darauf lesen, was Strauß für heraushebens- und der Leserschaft eines Nachrichtenmagazins für unbedingt mitteilenswert erachtet. Und wichtig scheint ihm zu sein, den "Plurimi-Faktor" als Untergangsbeschleuniger zu skizzieren.

Die Menschenfreundliche

Jahrelang befand ich mich im Irrtum. Ohne je genau nachzurechnen, übernahm ich das Wort von der "Brecht-Schauspielerin" Carmen-Maja Antoni und verkündete, wann immer ich sie sah, den Menschen in meiner Umgebung: "Die hat noch mit Brecht selbst gearbeitet!"

Draußen ist die Wirklichkeit

von Eva Biringer

Juli/August 2013. Wer kennt nicht das Phänomen der Menschen, die gaffend um Unfälle herumstehen? Und woher kommt diese Lust am Ausnahmezustand? Warum richtet humanitäre Hilfe oft mehr Schaden an als Nutzen? Und warum sind Katastrophenfilme für die Kinokasse eine sichere Sache? Fragen wie diese faszinieren die österreichische Schriftstellerin und Dramatikern Kathrin Röggla. Ihr kürzlich erschienenes Buch "besser wäre: keine" bündelt Essays und Stücke, in deren Zentrum die Frage nach der Realität in Abgrenzung zum Ausnahmezustand steht. Weil unsere durchmedialisierte Welt mehr und mehr ins Fiktionale abgleitet, sehnen wir nichts so sehr herbei wie Realität. Und was wäre realer als eine Katastrophe?

Vom Aufbegehren gegen den Tod

Der erste Auftritt auf den Brettern der Profis – Taboris "Die 25. Stunde"

von Wolfgang Höbel

Wenn das Leben den Menschen schon kein Happy End beschert, dann sollte man vor dessen Ende wenigstens etwas zu lachen haben – diesen Lehrsatz hat der große jüdische Theatermacher George Tabori öfter formuliert, in vielen Variationen. Der erste Auftritt der 26 Jahre jungen Regisseurin Karin Beier im deutschen Stadttheater fand im September 1992 in Düsseldorf mit einem Stück von George Tabori statt: Sie inszenierte die Uraufführung eines Dramas, das vom Alter handelt, vom Leiden und von einer komischen Kampfansage gegen den Tod. Es hieß "Die 25. Stunde".

Auftauchen, abtauchen

Das Buch beginnt mit der präzisen Auflistung eines Vormittags, die – anonym verfasst im Schrifttyp Courier New, Punktgröße 12 – in Karins Briefkasten liegt. Und es endet auf der Rollbahn, in einem Flugzeug auf dem Weg nach New York. Es ist aber nicht Karin, Karin Hoffmann, die am Ende von Thomas Jonigks dritten Roman im Flugzeug sitzt, sondern Hans Weber. Dazwischen liegen knapp 200 Buchseiten, eine Hand voll Protagonisten, etliche unausgesprochene Gedanken, zahlreiche Traumsequenzen und unzählige Erlebnisebenen.

coverjonigkmelodram"Melodram" hat Jonigk sein Buch genannt und verweist damit auf das rührselige Filmgenre, bei dem der Zuschauer, ob er will oder nicht, früher oder später aufschluchzt und nach Taschentüchern sucht. Um die Gattung genauer zu definieren, wird auch gern von emotionalisierenden Effekten gesprochen, im englischsprachigen Raum heißen diese Art Filme "Tearjerker" (Tränenzieher).

Für Tränen ist Jonigks Erzählweise zu ironisch-distanziert, doch ein Happy End ist auch nicht in Sicht. Höchstens für Hans Weber. Vielleicht muss er aber vor dem Abflug doch noch das Flugzeug verlassen. Das bleibt offen.

Hans Weber, der schmächtige Mitt-Dreißiger, der immer ein Zitat parat hat, tritt erst in der zweiten Hälfte des Romans in Erscheinung. Vorher geht es um Karin Hoffmann, die noch immer mädchenhaft wirkende Schauspielerin, jenseits der 60 und jenseits der Erfolgswelle. Ganze 37 Ehejahre hat sie mit dem selbstverliebten Regisseur Wolfgang verbracht. In stiller Abhängigkeit. Herausgekommen sind: eine abgebrochene Theaterkarriere, einige Hauptrollen in Wolfgangs frühen Filmen und die gemeinsame Tochter Carla.

Karin Hoffmann lebt in Wien. Tags geht sie spazieren, abends manchmal ins Burgtheater, nachts träumt sie viel. Ihr Leben wirkt einsam, verstaubt, bis jene anonymen Briefe sie erreichen. Irgendwann glaubt sie, dass Wolfgang ihr diese Briefe schreibt, sie auf diese Weise in sein neues Drehbuch hineinschreibt. (Auch dessen jüngster, soeben fertiggestellter Film trägt übrigens den Titel "Melodram".) Irgendwann aber entdeckt Karin, dass Wolfgang seit Jahren eine Affäre mit seiner Produzentin Fiona hat. Irgendwann verlangt sie ganz ruhig die Scheidung – "Schluss, sagt sie, ich bin nicht mehr bereit, Teil deines Systems zu sein" – und nur wenige Seiten später erfährt der Leser von Wolfgangs Unfalltod. An den Steilklippen Südfrankreichs. Die Geschichte, die sich gerade in all ihren Facetten klassisch melodramatisch entwickelt hatte, wird abgebrochen. Fällt wie Fionas BMW die Steilklippen hinunter. Unversehens, abrupt. Der Leser stutzt und liest weiter.

Das irritierende und gleichsam Charmante an Jonigks Roman ist, dass er immer wieder unvorhersehbare Haken schlägt. In trockener und dabei sehr genauer Sprache lässt er seine Figuren auf- und wieder abtauchen. Wie ein kluger, beiläufiger Beobachter skizziert er ihre  ambivalenten Begegnungen, ihre ruhigen Gespräche, ihre überraschend brutalen Auseinandersetzungen. Dabei wird ihre Gedankenwelt ihrer Erlebniswelt nahezu ebenbürtig. Und so kommt in der Geschichte um die alternde Schauspielerin Karin H., die später den jugendlichen, aber gewalttätigen Geliebten Hans Weber haben wird, zwar keine Spannung, aber doch jede Menge Sympathie auf mit der verzweifelnden Hauptfigur, die nahezu traumwandlerisch durch die surreale und verlogene Filmbranche irrt.

Jonigk, 1966 geboren, arbeitet als Regisseur  und schreibt seit 1991 Theaterstücke, Libretti, Drehbücher und Romane. Mit "Melodram" gelingt ihm ein zwar sprödes, aber irritierendes Verwirrspiel zwischen Realität und Fiktion, Film und Frau. Sein Ton ist manchmal ein wenig zu sehr dem Theatermilieu verhaftet, zu bildungsbürgerklug. Seine Sprache aber ist präzise, humorvoll-ironisch und von feiner Poesie. Wie durch ein verwinkeltes Spiegelkabinett wird der Leser von einer Ereignisebene in die nächste geführt. Auf der sicheren Seite ist bald keiner mehr – weder Leser noch Figuren: "Ein schwarzes, bauchiges Wolkenfeld schneidet die Sonnenstrahlen ab. Dunkelheit setzt ein. Und Regen. Karin dreht sich um und geht." (Katrin Ullmann)

Thomas Jonigk:
Melodram
Literaturverlag Droschl, Graz 2013, 195 S., 19 Euro

 

Eine narzisstisch gepolte Kaste

Fragt man sich, warum heute so viel weniger Menschen ins Theater gehen als noch vor einhundert Jahren, sind für Kulturpessimisten die Schuldigen immer schnell benannt: Fernsehen, Kino und Internet, die als diabolische Triade die Massenverblödung unaufhörlich vorantreiben. Dass der Theaterbetrieb selbst daran seinen Anteil hat, wird selten moniert. Und doch vertrieben auch dessen strukturelle Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte die Massen aus den Schauspielhäusern. Der Soziologe Denis Hänzi hat sich in seiner Dissertation jetzt mit eben diesen Neuerungsprozessen am Beispiel des Regie-Berufs beschäftigt.

coverhaenziordnungIn seinem Buch "Die Ordnung des Theaters" zeichnet er jenen Wandel nach, innerhalb dessen das deutschsprachige Theater sukzessive immer elitärer, immer selbstreferenzieller geworden sei und sich zu einer "dominant männlich codierten", auf Selbstoptimierung abzielenden "Erfolgskultur" entwickelt habe, die sich in Vollendung in einer neuen Rolle der narzisstisch gepolten Kaste der "namhaften Regisseure" spiegele. Sie seien es, die den Theaterbetrieb mit einem "beachtlichen Beharrungsvermögen" zu einer exklusiven Veranstaltung gemacht haben und dem Publikum heute nicht mehr nur abverlangen, den gesamten Dramenkanon parat zu haben, sondern auch zu wissen, von wem welche Inszenierung stamme und wie diese sich zu früheren Inszenierungen anderer Regisseure verhalten.

Wie es dazu kommen konnte, lässt sich aus Hänzis wohldosiertem Methodenmix aus diskurshistorischer Analyse und berufsbiographischen Interviews einleuchtend erschließen. Auch wenn der Kabarettist Rainald Grebe in einem seiner Lieder die von konservativer Seite so gerne geschwungene "Die 68er sind an allem Schuld"-Keule zu Recht persifliert, nimmt der Paradigmenwechsel gerade bei ihnen seinen Anfang, weil der Betrieb im Zuge der Durchsetzung des Regietheaters "ab den 1960er Jahren zusehends von der Vermittlungsinstanz des literarischen Bildungskanons hin zum Ort neuer ästhetischer Erfahrungen und kulturell-politischer Reflexionen" avanciert sei. Regisseure, so Hänzi, wollen seitdem als eigenkreative Künstler wahrgenommen werden.

Die Folge: Aufmerksamkeitsökonomische Aspekte gewännen rasant an Bedeutung, während formale Aspekte zunehmend die Inhalte verdrängten. Praktiziert werden Inszenierungen nunmehr als "ernste Spiele des Wettbewerbs". Regisseure müssen demnach "stets jung und flexibel" sein, ihre "Karrieren rasant" verlaufen und sie haben ein "persönliches Charisma" herauszubilden in einer sich durch prekäre Arbeitsbedingungen auszeichnenden "Anerkennungskultur der Bewunderung". Permanent konkurrieren sie in häufig von großen Unternehmen gesponserten Regietalent-Wettbewerben um die Gunst der saturierten Regiegurus, die durch Heben und Senken des Daumens eine inzestuöse Rekrutierungsmaschinerie am Laufen halten, die zeigt: Die "Ordnung des Theaters" ist so strukturiert, dass die Masse gar nicht ins Theater zurückkommen soll. Die selbst ernannte Elite will einfach unter sich bleiben. (Christian Baron)

 

Denis Hänzi:
Die Ordnung des Theaters. Eine Soziologie der Regie.
Transcript Verlag, Bielefeld 2013, 454 S., 32,80 Euro.

 

Beeindruckend gerecht

Frank-Patrick Steckel hat, mit Unterstützung des Laugwitz-Verlags, im letzten Jahr ein ehrgeiziges Shakespeareprojekt begonnen: "Steckels Shake-Speare", die Übersetzung von insgesamt zwölf Tragödien, Komödie und Historien des Klassikers. Dass der ehemalige Bremer und Bochumer Intendant sich hervorragend mit Shakespeare auskennt, ist spätestens seit der Einladung seiner Inszenierung von "Timon von Athen" zum Theatertreffen 1991 bekannt.

coversteckelmacbethDiese Tragödie bildete auch den Auftakt für sein Übersetzungsvorhaben, jetzt folgte "Macbeth“. Was aber leistet die Ausgabe, so dass sie für den Shakespeare-Interessierten reizvoll sein kann? Es ist sicherlich nicht der Umstand, dass die Bände bemerkenswert günstig sind und dass von "Timon von Athen" aktuell gar keine anständige deutsche Einzelausgabe vorliegt.

Die Ausgabe ist zweisprachig im Paralleldruck: Links steht der englische Text nach dem Erstdruck, rechts Steckels Übersetzung. Modernisiert ist das Original nicht, was die präzise Auseinandersetzung mit ihm natürlich enorm erleichtert. Uwe Laugwitz nennt im Nachwort zu "Timon von Athen" dieses Vorgehen eine "originalgetreue Editionspraxis" und vergleicht sie mit der bei "Hölderlin, Kleist, Kafka".

Das ist dem Anspruch nach vielleicht etwas gewagt. Denn zumindest der manch einem Leser pedantisch anmutenden, auf jeden Fall aber akribisch nachahmenden Editionspraxis des Stroemfeld-Verlags, auf die der Hinweis anspielen dürfte, wird die Ausgabe nicht gerecht. Zwar ahmt sie den Zeilenumbruch der Versrede nach, sogar wenn dadurch der Vers selbst abgebrochen wird (was also den weniger an formalen, denn an literarischen Fragen interessierten Leser durchaus kurz irritieren mag). Andererseits ist der englische Text, wen wundert's, nicht zweispaltig gesetzt wie der Erstdruck, Großbuchstaben werden nicht konsequent nach der Vorlage gesetzt. Hier ist die Ausgabe ein wenig pragmatischer als etwa die Kleist-Edition von Roland Reuß und Peter Staengle. Aber ist das schlimm? Vielleicht für Erbsenzähler, nicht aber für die, die sich Shakespeare neu oder erneut erlesen möchten.

Denn die Ausgabe ist schließlich nicht in Leinen gebunden, um in Bibliotheken auf Leser zu warten, sondern für die Auseinandersetzung hier und heute. Sie lädt ein zur Beschäftigung mit dem Original, indem sie es unkompliziert präsentiert. Und vor allem bietet sie eine Übersetzung, die der Vorlage beeindruckend gerecht wird. Sie ist weit prägnanter als die in Deutschland weiterhin kanonische Tieck-Übersetzung. Das gilt nicht nur für die Wortwahl, sondern auch für den Umgang mit dem Vers, der zumal bei "Timon von Athen" eine Herausforderung ist, weil er wiederholt rau und unregelmäßig ist. Ergänzend liefert das Nachwort wichtige Hinweise zu Shakespeares Vorlagen und zur Überlieferungsgeschichte.

Das macht sie teilweise arg prägnant, so dass der mit der Forschung weniger vertraute Leser das eine oder andere nachschlagen muss. Aber dieses Vorgehen ist nicht weiter schlimm, denn es zeigt, was für ein Bild Steckel und Laugwitz vom Leser ihrer Ausgabe haben. Sie setzen konsequent auf einen neugierigen Leser und nicht auf einen, dem man alles in hübsch verpackten Happen servieren muss. Editionsvorhaben sind häufig entweder eine Angelegenheit für wenige Spezialisten, die sich erst mit viel Aufwand in die Edition einarbeiten müssen, oder andererseits ein Buchprojekt, das so tut, als habe man es mit Bewohnern einer Einrichtung für betreutes Lesen zu tun. Steckel macht beides nicht und findet so genau das richtige Maß zwischen den beiden gängigen Extremen. Das ist sehr zu begrüßen.

Wie sehr er Übersetzungen für die Gegenwart anfertigt, zeigt ebenso seine "Macbeth Tragödie", die er vor knapp vier Jahren in Bremen selbst auf die Bühne gebracht hat. Michael Laages hat die Übersetzung damals schon präzise beschrieben. Nun kann sich endlich ein breites Publikum von ihr überzeugen. Aktuell dominiert weiterhin die von Thomas Brasch die Theaterlandschaft. Sie ist von 1990. Experimentierfreudigere Regisseure greifen sogar zu der freieren Übertragung Heiner Müllers aus den frühen 70er Jahren. Die "Macbeth Tragödie" hat das Zeug, beide herauszufordern.

"You shall be King", möchte man Steckel mit Banquo zurufen. Dass hier jedoch besser geschwiegen wird, liegt schlicht daran, dass Steckel sogleich die Ambivalenz des Lobes klar wäre. (Kai Bremer)

 

Steckels Shake-Speare

William Shakespeare:
The Tragedie of Macbeth. Die Macbeth Tragödie, 217 S.
William Shakespeare:
The Life of Tymon of Athens. Timon aus Athen. 246 S.

Laugwitz Verlag, Buchholz in der Nordheide, 2013, je 13 Euro

 

 

Shakespeare spricht

von Esther Slevogt

Berlin, 19. Februar 2013. Kann man über ein Stück, das mehr als vierhundert Jahre alt ist, weltberühmt, berüchtigt fast, noch etwas Neues sagen? Über ein Stück, das Antisemiten und Philosemiten über Jahrhunderte eine Projektionsfläche bot: William Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig". Ein Stück dazu, dem besonders nach dem Verhängnis ein paradigmatischer Charakter zuwuchs, das das 20. Jahrhundert über die Menschen brachte, deren Religion und Kultur auch eine verhasste Hauptfigur dieses Stückes wie ein Stigma trug: der Jude Shylock nämlich. Eine Figur, mit deren empathischer wie emphatischer Darstellung sich so große jüdische Schauspieler des 20. Jahrhunderts wie Alexander Granach und Fritz Kortner tief in die Theatergeschichte eingeschrieben haben. Kann man über ein solches Stück, über dass im Lauf der Jahrhunderte Bibliotheken von Sekundärliteratur verfasst wurden, noch etwas sagen, was so nie gesagt worden ist?

Ich bin nicht für alles zu haben

von Elena Philipp

Juni 2013. Was ist echt und was ist Fake? Wo liegt die Wahrheit, wo lauert Lüge? Entlang dieser Bruchkante sortiert sich für die Schauspielerin Elisabeth die Vergangenheit noch einmal neu. Ein "halber Bruder" ist plötzlich aufgetaucht in ihrem Leben, gezeugt von ihrem Vater, nur einen Monat nach ihr selbst. Dieser Paul möchte mehr über den Erzeuger wissen, und Elisabeth schreibt sich in Briefen immer näher an die verhasste, verdrängte Vaterfigur heran: den Abwesenden, den Alkoholiker, dessen Leben an ihr klebt wie eine zweite Haut. An Einen, der nun noch weniger greifbar ist als schon zuvor.

Rauchen, loben, spielen

Der Briefwechsel zwischen Bertolt Brecht und Helene Weigel umfasst 250 Briefe, Karten, Telegramme und Billette. Sie reichen von 1923, dem Jahr des Kennenlernens, bis zum Juni 1956, zwei Monate vor Brechts Tod im August. Der Leiter des Bertolt-Brecht-Archivs Erdmut Wizisla hat sie in einem gewohnt gediegen aufgemachten Suhrkamp-Band versammelt und mit Anmerkungen, Register und Nachwort versehen.

coverbrechtDer überwiegende Teil der schriftlichen Einlassungen stammt von Brecht, darunter auch jene bislang unbekannten, im Nachlass des Schweizer Freundes Victor N. Cohen aufgefundenen Briefe, die Brecht Mitte der 40er Jahre aus New York nach Kalifornien schrieb. Von der nach eigenem Dafürhalten schreibfaulen Weigel stammt nur rund ein Viertel des Konvoluts, großteils aus den Jahren 1949 bis 1956, als das Paar im sowjetischen Sektor Berlin sein Theater, das Berliner Ensemble aufbaute und internationale Erfolge erzielte. Am Schiffbauerdamm fungierte Weigel als Intendantin, im Hintergrund zog der kränkelnde Brecht die Fäden. Ihm war in künstlerischen Dingen das letzte Wort vorbehalten. Dieser Abschnitt, der Engagements, Gagen, Spielplanüberlegungen mitteilt, bildet eine Fundgrube für Spezialisten, die sich der Frühgeschichte des BE verschrieben haben.

Die halbwegs in Brechtiana bewanderte Leserin erfährt weniger Neues. Oder überrascht jemanden die Chuzpe, mit der Brecht, kaum ist Weigel 1924 von ihm schwanger, sie als Sekretärin in Dienst stellt und von ihr verlangt, ihre Wohnung an ihn abzutreten? Die meisten seiner Briefe beinhalten Aufträge, nur halbwegs versüßt durch den schriftlichen Kuss am Schluss, dafür gerne unterstrichen mit dem Zusatz "das ist entscheidend". Weil es ja zumeist um "das Werk" geht, Brechts Schriften und die gemeinsame Theaterarbeit, muss der Autor um jeden Preis arbeitsfähig bleiben. Dieser "dritten Sache", dem Werk ihres Mannes, hat sich Weigel mit Haut und Haaren verschrieben. Sie richtet die Häuser und Wohnungen ein, versorgt die Kinder (eigene und die der anderen Brecht-Frauen), organisiert und beschafft das Benötigte, beherbergt Freunde und Mitarbeiter, spielt Theater. Brecht schreibt, raucht, lobt das Spiel der Weigel und lebt mit anderen Frauen.

In wenigen Briefen werden die Kränkungen offenbar, die eine offene Beziehung jenseits einer "mit Stempel versehenen Ehe" (Weigel) besonders für Weigel bedeuteten. 1933, wenige Tage vor dem Machtantritt Hitlers schreibt Brecht, sie müsse Rücksicht nehmen auf seine anstrengende Arbeit und nicht streiten, man könne doch auch das "Körperliche" vom "Psychischen" trennen (im Klartext: miteinander schlafen, obwohl Brecht vornehmlich mit seiner Geliebten Margarete Steffin zusammenlebt). Von 1944 stammt einer der seltenen Brief(entwürf)e, in dem Weigel sich beschwert, dass Brecht es Ruth Berlau gestatte, Ausschließlichkeits-Ansprüche auf ihn zu erheben. 

Wer sich tiefere Einsichten in die politischen und die Lebensverhältnisse der Familie Brecht in der Weimarer Republik, im Exil und später der DDR erhofft, wird enttäuscht werden. Wizislas knappe Hinweise helfen, ersetzen aber nicht die hinreichende Kenntnis der Biographien. Immer scheint ausreichend Geld (oder Gönner) vorhanden für Reisen vom dänischen Exil nach London oder Paris oder New York. Die Familie leistet sich eine Haushälterin. In Wirklichkeit war die materielle Situation viel prekärer. Auch die Bedrängnisse durch die Nazis bleiben weitestgehend unerwähnt, ebenso die Gefahren für den mit oppositionellen Kommunisten befreundeten Autor in der Sowjetunion von 1941.

Dafür erfährt man durchaus überrascht, dass Brecht, als er auf sich allein gestellt in New York mit Charles Laughton an der Aufführung des "Galileo Galilei" arbeitet, endlich einmal "gläser + tassen spülen" und Müll raustragen lernt. Mehr noch, als Weigel versucht, in der Exilzeit Engagements zu ergattern, hütet Brecht gelegentlich sogar die Kinder. BB, unterstützt von einer Haushälterin, als alleinerziehender Vater, in den Brecht-Biografien hatte man's allzu rasch überlesen.

Angeblich versammelt der Band alle heute bekannten Briefe. Weil aber die Briefe oft ins Leere gehen, die zu den gestellten Fragen gehörigen Antworten fehlen, ist es, als lese man zufällig aufgefundene Fetzen. Verloren sind auch die Liebesbriefe, die Brecht laut Weigels späterer Auskunft mitunter auf Klopapier verfasste. Die blaue Kiste, in der Weigel sie verwahrte, gilt als verschollen. (Nikolaus Merck)

 

Bertolt Brecht, Helene Weigel:
"ich lerne: gläser + tassen spülen". Briefe 1923–1956
Herausgegeben von Erdmut Wizisla
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 402 S., 26,95 Euro


Noch nicht, nicht mehr

Texte haben ihre Konjunkturen und Re-Lektüren, die immer auch etwas über die Zeit aussagen, in der sie wiederentdeckt werden. Nun kann man nicht gerade behaupten, es wäre je still um Bertolt Brechts "Fatzer" gewesen, seit man 1976 Brechts Zettelkasten als Stück das erste Mal auf die Bühne brachte. Doch scheint gerade in einer Krisenwelt, in einer Zeit aus den Fugen, die Beschäftigung mit dem unerhörten Individuum Fatzer besonders produktiv.

coverfatzer"Ein harter Bissen, ich baue immer noch am Rahmen herum", hielt Brecht über seinen dramatischen Versuch fest. Bruchstücke, Unvollständiges, Nichtfertiges – Fragmente zeichnet gemeinhin das Merkmal des "Nicht mehr" und "Noch nicht" aus, und das gilt für "Fatzer" insbesondere. Hier hat eine Gruppe Deserteure keine Lust mehr auf Krieg und versteckt sich. Wie es weiter geht, wissen sie nicht, begehren aber die ungewisse Zukunft, immerhin: Es kann nur besser werden. Dadurch ist der Text für ein Theater der Auseinandersetzung geradezu geschaffen, und einem solchen fühlen sich die Mülheimer Fatzertage, die 2011 erstmalig stattfanden, verpflichtet.

Was kann uns das Fragment sagen, stört seine Unfertigkeit oder macht sie es umso fruchtbarer? Der Band "Kommando Johann Fatzer" versammelt die beim Festival aufgeführte Auseinandersetzung und eröffnet zugleich die Reihe Mülheimer Fatzerbücher. Versammelt sind ausführliche Dokumentationen und Diskussionen der Festivalbeiträge. Darunter sind FatzerBratz von andcompany&Co. und ein "Fatzer" für Kinder. Besonders interessant ist der Ansatz einer Produktion des Leipziger Spinnwerk: ein Stück als individuelles Mosaikspiel. Die Produktion versuchte nicht, die Sehnsucht nach Revolution in einer bestimmten Reihenfolge aufzuschließen und damit zu richten. Der Zuschauer läuft nach seinem Gusto Stationen ab, und der Text setzt sich en passant zusammen.

Wird hier der Verzicht aufs Ganze und harmonische Fügung/Verfugung als Chance erkannt, so trifft das aufs gesamte Buch zu: "Fatzer" ist besser schlaglichtartig denn in der Totalen anzugehen. (Tobias Prüwer)

 

Alexander Karschnia und Michael Wehren (Hg.):
Kommando Johann Fatzer
Neofelis Verlag, Berlin 2012, 213 S., 18 Euro

 

Zwei Lehrstücke

Es gibt keine Zensur in Russland. Das sagen jene, denen die Macht gegeben ist, Zensur auszuüben, jener Clique um Putin herum, zu der auch die Oberen der Russisch-Orthodoxen Kirche gehören; sie bekämpft, was ihrem Machterhalt gefährlich werden könnte. Das weiß die Welt seit dem Prozess gegen die Punk- und Performance-Gruppe Pussy Riot, spätestens.

coverpussyriotWegen "Rowdytums aus religiösem Hass" wurden am 17. August 2012 drei Mitglieder von Pussy Riot zu zwei Jahren Straflager in Sibirien verurteilt. Das Urteil für eine von ihnen, Jekaterina Samuzewitsch, wurde später in eine Bewährungsstrafe umgewandelt, der Antrag von Marija Aljochina auf Haftaufschub wegen des jungen Alters ihres Kindes abgelehnt.

Das aber ist nicht der entscheidende Punkt. Entscheidend ist, dass dieser Prozess nicht nach strafrechtlichen, sondern einzig nach politischen Kategorien geführt wurde. Denn der Auftritt von Pussy Riot im Februar 2012 in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale war strafrechtlich betrachtet allenfalls eine mittelschwere Ordnungswidrigkeit. Weil die Gruppe damals ein so genanntes Punk-Gebet mit der Textzeile "Jungfrau Maria, räum Putin aus dem Weg!" vortrug, und weil sie mit der Wahl des Ortes die unheilige Allianz von russisch-orthodoxer Kirche und Politik anklagten, wurde ihr Auftritt zu einer Provokation für die Machthaber: Die kurze, lediglich 40 Sekunden dauernde Performance demaskierte das System Putin, ließ es korrupt und denkbar undemokratisch aussehen. Deshalb, nur deshalb wurde Pussy Riot verurteilt.

Jetzt versammelt ein schmaler Band jene Dokumente, die das Skandalöse des Prozesses offenlegen. Briefe der Bandmitglieder aus dem Untersuchungsgefängnis, das Plädoyer der Staatsanwaltschaft, die Ansprachen der drei Frauen vor Gericht und mehrere ihrer Gedichte. Dass dieser Gerichtsvorgang mit erfundenen Akten, grotesken Unterstellungen und hanebüchenen Verfahrensfehlern geführt wurde, dass er Ausdruck einer autoritären Herrschaft ist und die Richter folglich nur Attrappen – man zweifelt keine Sekunde daran.

Das allerdings ist auch die Schwäche dieses kleinen Bandes. Man wünschte sich eine etwas distanziertere, kühlere Analyse der politischen Hintergründe. Nicht um Putins poststalinistisches Reich zu entschuldigen, sondern um es genauer zu verstehen. Dieses Buch will aber vor allem eine Kampfschrift sein, ein flugschrifthafter Aufruf zur Rebellion; dafür ist es hervorragend geeignet.

Die politischen und religiösen Hintergründe, die Analyse des Putin-Staates liefert dagegen ein Band, der sich mit einem russischen Zensurfall aus dem Jahr 2006 beschäftigt. Im Moskauer Andrej-Sacharow-Zentrum fand 2006 eine Ausstellung statt, "Verbotene Kunst" betitelt, die ebenfalls zum Gegenstand einer Gerichtsverhandlung wurde, weil sie den Machthabern die Maske abriss. Zu sehen waren damals Kunstwerke, die vornehmlich in Akten vorauseilender Selbstzensur aus Galerien und Museen entfernt worden waren, weil sie sich explizit als politisch verstanden, eine Arbeit von Alexander Sawko etwa, die eine Mickey Maus beim Verlesen der Bergpredigt zeigt, oder einen Ikonenbeschlag mit einer Füllung aus schwarzem Kaviar, die Alexander Kosolapow angefertigt hat. In einem aufwendigen Verfahren wurden der Kurator Andrej Jerofejew und der Direktor des Sacharow-Zentrums, Juri Samodurow, zu hohen Geldstrafen verurteilt, mit der Begründung, sich des "Schürens von religiösem und nationalem Hass" schuldig gemacht zu haben.

coververbotenekunstDie Zeichnerin Wiktoria Lomasko und der Künstler Anton Nikolajew haben diesen Prozess seinerzeit verfolgt, vielerlei zusätzliche Materialen gesammelt und daraus eine grafische Gerichtsreportage geschaffen, die in ihrem geglückten Zusammenspiel von Zeichnungen und Texten bestens geeignet ist, die himmelschreiende Instrumentalisierung dieser Veranstaltung zu entlarven: Was damals in Moskau stattfand, war ein Schauprozess in stalinistischer Tradition. Angeworbene Quasi-Zeugen, die "geprobte" Aussagen machten, instruierte Richter, erfundene Tatbestände. Man liest ein Lehrstück, nicht nur über politische Willkür, sondern auch über die Reaktionen der Künste auf ein repressives, angst- und entsprechend gewaltbereites System. Und, vor allem, über die Unmöglichkeit, religiöse oder nationale Gefühle zum Rechtsgegenstand zu machen.

"Man hat im Augenblick das Gefühl, wir befänden uns nicht im Russland des 21. Jahrhunderts, sondern in einem Paralleluniversum, in einem Märchen wie 'Alice im Wunderland' oder 'Alice hinter den Spiegeln'." Das sagte Violetta Wolkowa, die Verteidigerin von Pussy Riot, im August 2012 in ihrem Schlussplädoyer; es ließe sich auch über den Prozess gegen Samodurow und Jerofejew sagen.

Der viel strapazierte (und häufig allenfalls auf der Trivialebene zutreffende) Theatervergleich, die Rede von Theatralisierung des öffentlichen Raumes, trifft hier (ausnahmsweise) übrigens zu, wie die Übersetzerin und Wissenschaftlerin Sandra Frimmel in einem instruktiven Nachwort schreibt: Man hatte es bei dieser Verhandlung nicht mit einem Gerichtsprozess, sondern mit "Gerichtstheater" zu tun, allerdings mit gänzlich untheatralischen, harten Folgen für die Verurteilten. Womöglich ist genau dies auch das Kalkül: Die Urteile entfalten gerade dadurch ihre Härte, weil sie in einem theatralen Rahmen entstanden, aber im außertheatralen Raum Geltung haben.

In diesem Sacharow-Zentrum, das seinerzeit "Verbotene Kunst" und 2003 bereits die ebenfalls befehdete Ausstellung "Achtung! Religion" zeigte, wird Anfang März übrigens Milo Rau mit Die Moskauer Prozesse eben diese drei Prozesse – gegen Pussy Riot, "Verbotene Kunst" und "Achtung! Religion" – drei Tage lang wiederaufnehmen und neu verhandeln lassen, mit Anwälten, Zeugen und einer Jury aus sieben Moskauer Bürgerinnen und Bürgern. Es werden dabei zum Beispiel Anna Stavickaja, die Verteidigerin in den Prozessen um "Achtung! Religion" und "Verbotenen Kunst", Alexander Chuev, der den Prozess gegen "Achtung! Religion" angestrengt hat, Michail Ryklin, dessen Frau die Hauptangeklagte im "Vorsicht! Religion"-Prozess war, und Katja Samuzevitsch, das auf Bewährung freigelassene Mitglied von Pussy Riot teilnehmen. Der Ausgang dieser neuen, von Milo Rau initierten Prozesse, die Anton Nikolaev als Gerichtsreporter und Wiktoria Lomasko als Zeichnerin begleiten werden, ist bewusst offen. Es wird, so gilt zu hoffen, ein Schau-Spiel über Macht, Zensur und Kunst. (Dirk Pilz)

 

Pussy Riot:
Pussy Riot! Ein Punk-Gebet für die Freiheit
Mit einem Vorwort von Laurie Penny, aus dem Englischen von Barbara Häusler
Edition Nautilus. Hamburg 2012. 128 S., 9,90 Euro

Wiktoria Lomasko/Anton Nikolajew:
Verbotene Kunst. Eine Moskauer Ausstellung. Gerichtsreportage.
Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Sandra Frimmel
Matthes & Seitz, Berlin 2013, 172 S., 19,90 Euro

 

Mehr Buchrezensionen finden Sie auf dieser Seite.

Zwerge sind Zwerge

Der Dirigent Lorin Maazel hat einst ein Album aufgenommen, das sich "Der Ring ohne Worte" nannte und im Handumdrehen die Klassik-Charts erstürmte. Man darf vermuten, dass viele Käufer der Platte daher so beherzt zugriffen, weil sie sich endlich von dem befreit sahen, was sie schon immer als die "zwangvolle Plage" des Gesamtkunstwerks "Ring" empfanden: Richard Wagners Dichtung. Deren Tauglichkeit ist oft genug angezweifelt worden, und wenn sich Wagner-Verächter heute aus der Deckung wagen, argumentieren sie meist eher anhand der Texte als anhand der Musik.

Manchmal fliegen sie sogar hoch

von Nikolaus Merck

Februar 2013. Der Schauspieler Joachim Meyerhoff ist ein großer Egozentriker. Seit vielen Jahren inszeniert er, in wechselnden Formaten, sein Leben auf der Bühne. Zuletzt hat er in sechs Teilen Vorleseabende lanciert: Alle Toten fliegen hoch 1 – 6

Das Theater der nächsten Gesellschaft

von Ulf Schmidt

Mai 2013. Dass Soziologen über Theater schreiben, kommt vor. Zumeist tun sie das in metaphorischem Zusammenhang. Dass Theaterleute die gesellschaftliche Funktion von Theater in den Mittelpunkt ihres Arbeitens stellen, kommt ebenfalls vor. Und zwar nicht selten. Warum also sollte Dirk Baeckers Buch "Wozu Theater?" interessant sein?

Das Wetter ist scheußlich

von Dirk Pilz

Januar 2013. Im August 1932 teilt Samuel Beckett aus London seinem engen Freund Thomas McGreevy mit: "Schon der Gedanke ans Schreiben scheint mir irgendwie lächerlich." Er hat zu dieser Zeit seinen ersten, posthum veröffentlichten Roman "Traum von mehr bis minder schönen Frauen" abgeschlossen, arbeitet an Gelegenheitsübersetzungen, verfasst zuweilen Rezensionen und freut sich, dass ein Jahr zuvor sein langer Essay über Marcel Proust erschienen ist. Das half ihm aus finanziellen Nöten, aber wozu Literatur schreiben? Sein Bruder Frank wird ihn später fragen: "Warum kannst du nicht so schreiben, wie die Leute wollen?" Ja, warum? Beckett antwortete, dass er nur "auf die eine Art" schreiben könne – und fand, dass dies "überhaupt nicht die richtige Antwort" sei.

Glücks-Stakkato

Als Dieter Dorn in seiner letzten Inszenierung als Intendant und Regisseur des Bayerischen Staatsschauspiels mit wuscheliger Silbermähne die Rolle des Kaisers in Kleists "Käthchen von Heilbronn" übernahm, konnte man ihn, der Vergleich darf hier sein, wirklich für einen Theatergott halten, angesichts des überirdisch schönen Bildes, wie er durch eine graue Engel-Kulisse gemessen nach vorn schritt, angesichts der Resonanz dieses Abschieds nach 35 Jahren in München und dem Eindruck der großen Konsequenz, mit der sich Dorn über Jahrzehnte einer Ensemble- und damit Theaterkultur verschrieben hatte.

Das Spiel mit Menschen

Dieses Buch sei allen dringend ans Herz gelegt, den Theatermachern genauso wie den passionierten oder gelegentlichen Theatergängern, nicht minder den Freunden der Theaterwissenschaft, besonders jenen, die sich der Performativitäts- und Postdramatikforschung ergeben haben.

Es macht mir nichts aus

von Christian Rakow

April 2013. An einer heruntergekommenen Häuserecke steht Craig Bazan, leicht übergewichtig, in rotem T-Shirt und Zweidrittelhose: "Hi, my name is Craig Bazan, I'm from Camden, New Jersey, and I'll be doing the part of Hamlet, from the play 'Hamlet', written by Mr. William Shakespeare", sagt er schnell. Und dann stürzt er sich bebend in den Hamlet-Monolog (Akt II, Szene 2): "Now I am alone. O, what a rogue and peasant slave I am" ("Jetzt bin ich allein. Oh, welch ein Schurk und niedrer Sklav' ich bin.") Drei Minuten für die Ewigkeit, festgehalten für You Tube. Aus den Kommentaren brandet ihm der Applaus entgegen: "Bravo!!!!" – "Well done!" – "I love you. Keep it up, kid." Annähernd 500.000 Zugriffe hat der Clip, die erfolgreichste "Hamlet"-Performance im Internet.

Schattenkriege im Zettelkasten

Um es gleich vorweg zu sagen: Es ist eine zähe Lektüre, ein Ringen mit dem Zettelkasten eines Mannes, der viel weiß, viel zu viel, und wohl auch längst die Distanz zu seinem Gegenstand verloren hat. Davon zeugt auch der joviale, oft schnodderige und vereinnahmende Ton, in dem der westdeutsche Brechtspezialist Jan Knopf sein Werk verfasste, vom Verlag als "erste große Biografie über Bertolt Brecht nach der deutschen Wiedervereinigung" angekündigt.

Spott und Strenge

von Georg Kasch

März 2013. Was, schon wieder ein Buch über Gustaf Gründgens? Nach dessen 100. Geburtstag 1999 mit Symposion und (sich länger hinziehender) Publikationsflut hatte man fast den Eindruck, das Thema sei durch und alles gesagt. Wenn Thomas Blubacher nun zum 50. Todestag die erste Publikation vorlegt, die sich mit GGs gesamtem Leben und Schaffen auseinandersetzt, zugleich lesbar und verständlich bleibt und im Wesentlichen wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, dann reibt man sich verwundert die Augen: Hat es bislang wirklich noch keine taugliche Biografie gegeben?

Es ist nicht alles unpolitisch

von Dirk Pilz

Dezember 2012. Gut, noch einmal zum so betitelten politischen Theater, der am meisten befehdeten, gern belächelten, jüngst aber auch wieder verherrlichten Erscheinungsweise des Bühnenspiels.