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Eine Werkzeugkiste

Wer ein Germanistik-Studium beginnt und mit der Masse an Einführungswerken in Berührung gerät, muss den Eindruck gewinnen, als wolle sich die Professorenschaft gegenseitig darin überbieten, das kompetenteste und verkaufsträchtigste Lehrbuch zu schreiben. Tatsächlich sind viele dieser Werke nichts weiter als schlecht geschriebene Redundanzparaden. Gänzlich freizusprechen von solcherlei Vorwürfen ist auch Franziska Schößlers soeben erschienene "Einführung in die Dramenanalyse" nicht. Die Trierer Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft verstand ihrer Version aber immerhin einige innovative Elemente beizumengen.

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Es gibt kein großes weißes Wir

von Nikolaus Merck

9. Mai 2012. Eigentlich wussten wir es, seit die deutsche "Internationalmannschaft" bei der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika 2010 so begeisternd aufspielte: Das große weiße Wir in Deutschland gehört der Vergangenheit an. Migrantenkinder prägen das Bild der neuen Nation.

Ein Leben in Widersprüchen

Angenommen, Pier Paolo Pasolini (1922-1975) wäre durch seine Arbeit als Filmregisseur und Autor nicht weltberühmt geworden. Über seine Vita wäre er wohl eher als wunderlicher Kauz denn als genialer Künstler in Erinnerung: Er war schwul und stellte sich gegen sexuelle Diskriminierung, sprach sich aber auch gegen Abtreibung und Ehescheidungen aus; er war Anhänger der italienischen Kommunisten, obwohl sein Bruder von ebendiesen gemeuchelt wurde; ebenso bezeichnete er sich selbst als Marxisten, ohne Marx gelesen zu haben. Ein pathologisch enges Verhältnis zur eigenen Mutter rundet diesen in der Tat sonderlichen Charakter ab.

Alle waren aufgeregt

von Rainer Nolden

30. Dezember 2011. "Sie wissen, wie hoch ich Ihr Talent schätze. Und eben deshalb bin ich verpflichtet, Ihnen gegenüber ganz offen zu sein. Und das ist mein ganz freundschaftlicher Rat: Hören Sie auf, fürs Theater zu schreiben. Das ist überhaupt nicht Ihr Fach."

Macht und Mutti

von Dirk Pilz

12. April 2012. Vielleicht sollte man das singen? Oder einsam in Bergeshöh' gen Himmel flüstern? Ins Meer hinauskreischen? Hm.

Auf dem Tisch liegen gut 650 Seiten Jonathan Meese. Schwarze Schutzhülle, roter Einband. Es sind "ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst". Für die Auswahl sei herzlich gedankt, denn wie vom Herausgeber Robert Eikmeyer im Nachwort zu erfahren ist, gibt es noch große Mengen unveröffentlichter Manuskripte, darunter auch ein Buch namens "Monosau", angeblich mehrere hundert Seiten lang. Meeses Mutter, Brigitte Meese, hat früh begonnen, die Meese-Manuskripte abzutippen, sie brach nach einiger Zeit zusammen.

Der heimliche Held

Walter Bruno Iltz gehörte zu den autokratischen Alleinherrschern an deutschen Theatern, die nach 1968 von der Generation SteinPeymannFlimm verdrängt und später vergessen wurden. Nach Anfängen als Schauspieler in Dresden wird der 1886 bei Danzig geborene Apothekersohn 1924 Generalintendant in Gera, auf den "General" legt er besonderen Wert. Er setzt neue Dramatiker wie Brecht, Barlach, Zuckmayer auf den Spielplan. 1927 wechselt er an die Städtischen Bühnen Düsseldorf, wo er Moderne wie Hindemith, Weill, Strawinsky, Krenek fördert. Für sein Schauspiel engagiert er den Kommunisten Wolfgang Langhoff, den Juden Leopold Lindtberg und fürchtet sich nicht, gegen den Antisemitismus der NSDAP aufzutreten.

Mit dem unbeugsamen Willen zum Erfolg

von Nikolaus Merck

20. März 2012. Von Zeit zu Zeit liest man den Spiegel gern, erfährt man daraus den neuesten Klatsch des Landes doch. Wenn es darum geht, mal wieder einer vermeintlich heiligen deutschen Kuh in den Hintern zu treten, sind die journalistischen Krawallmacher aus Hamburg jedenfalls vorne dran. So war es vor sechs Jahren bei der sogenannten Ekeltheaterdebatte, als ein rechter Tor auf die Reise zu den Pisse-Blut-und-Sperma-Sümpfen auf deutschen Stadttheaterbühnen geschickt wurde. Und so ist es jetzt wieder, da vier arrivierte Kulturmanager und –berater das dringende Bedürfnis verspürten, mal ordentlich ins eigene Nest zu kleckern. Der Spiegel bläst in die Posaune: Die Hälfte der Theater, Museen, Bibliotheken muss weg! Und schon schlagen Radio, überregionale Presse, Fernsehen und Internet aufgeregt mit den Flügeln (hier die ausführliche Presseschau). Schönes Spiel. Jedenfalls wissen wir jetzt wieder, wer die Macht hat, Themen zu setzen. Bloß, ging es wirklich darum, die Hälfte der Kunstinstitute hierzulande (und in Österreich und der Schweiz) kurzerhand ersatzlos zuzusperren?

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Die Aura der Selbstverwirklichung

von Matthias Weigel

23. Dezember 2011. Das oberfränkische Wunsiedel wäre eine Kleinstadt wie jede andere: Kein Bahnhof, keine Diskothek, kein Kino. Dafür Kirchweih und Feuerwehrfest, Schulbusse und Stadtkapelle, der CSU-Bürgermeister vom Gehöft nebenan, die Dorfpunks im Jugendzentrum, das Weihnachts-Musical vom Kirchenchor. Würden da nicht einmal im Jahr Fremde einfallen. Andere Klamotten, andere Frisuren. Sie sind in kürzester Zeit mit dem Wirt per Du und bleiben auch unter der Woche bis zuletzt. Sie wohnen in Ferienwohnungen oder auch mal im Campingzelt, und es umweht sie die unerreichbare Aura der freien Kunst, der großen Stadt, des unsteten Lebens, der freiheitlichen Selbstverwirklichung: Die Schauspieler sind in der Stadt.

Was für G'schichten

Es gibt Charaktere, die sich erst auf den zweiten Blick für eine umfangreiche Biographie eignen. Johann Nestroy (1801-1862), der große Mann des Alt-Wiener Volkstheaters, ist so einer. Derart voluminös ist die Liste seiner Stücke und allabendlichen Bühnenauftritte, dass es scheint, als habe er schlicht keine Zeit gehabt für ein Privatleben. Wie weit gefehlt diese Annahme ist, zeigt Renate Wagner in ihrem Buch "Der Störenfried", in dem sie das Theaterleben des Österreichers gründlich und konzis zugleich nachzeichnet.

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Hipsterdämmerung

von Christian Rakow

13. Dezember 2011. Thomas Melle "gehört zu den wichtigsten jungen deutschen Theaterautoren", erfahren wir auf dem Schutzumschlag dieses Rowohlt-Hardcovers. Das ist, gelinde gesagt, eine ziemliche Übertreibung. Aber von einem Buch, das so kühn vom zerstörerischen Größenwahn unserer Zeit spricht und dabei so souverän und anspielungsreich auf der Klaviatur unseres kulturellen Wissens spielt, kann man vielleicht auch erwarten, dass der Größenwahn ein wenig in die Beipackzettelprosa hüpft. Immerhin schickt sich Melle mit diesem Roman an, einer der wichtigen jungen Erzähler zu werden.

Das Ganze des Denkens

von Dirk Pilz

März 2012. Dieses Buch ist das gehalt- und geistvollste, lehrreichste, wichtigste, scharf- und feinsinnigste, vor allem aber wagemutigste zur Tragödie seit Friedrich Nietzsches "Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik". Das erschien vor 140 Jahren; es hat das Nachdenken über die Tragödie geprägt wie keines zuvor seit Aristoteles' "Poetik". Die wurde, vermutlich, um 335 vor Christus verfasst.

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"Kauf dir doch mal ein Parfüm"

Man erfährt in Eva Mattes' Erinnerungen "Wir können nicht alle wie Berta sein" so allerhand Beiläufiges, als würde einem das Leben dieser Ausnahmeschauspielerin in freundschaftlich-geselliger Runde nach dem zweiten oder dritten Glas Wein erzählt: Welches Kleid sie zu welcher Gelegenheit getragen hat, welchen Mann sie wann attraktiv fand und welche Ferien besonders schön waren. Das muss einen nicht alles interessieren, aber der unendlich charmante Ton, in dem Eva Mattes erzählt – es gibt auch ein Hörbuch, allerdings hat man ihre Stimme beim Lesen sowieso im Ohr –, trägt einen auch über diese Stellen hinweg.

Unbedingte Augen

Sie hat sich mehr als rar gemacht in den letzten Jahren. Auf der großen Theaterbühne sah man Jutta Hoffmann zuletzt vor zwölf Jahren, in einer fast schon versunkenen Theaterepoche: als Rosa Luxemburg in Einar Schleefs Inszenierung "Verratenes Volk" am Deutschen Theater Berlin. Die Schauspielkollegin Inge Keller stellt in dem hier anzuzeigenden Buch die "kleine Anfrage", warum man sie denn in keinem Theater mehr erleben könne.

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Wo war hinten?

von Sophie Diesselhorst

10. November 2011. Als "Naturgewalt" wird der in Interviews durchgängig grantige Josef oder Sepp Bierbichler öfter mal bezeichnet – was ihn, damit konfrontiert, noch grantiger macht. Verständlich: Die Naturgewalten sind es ja, mit denen er als Kulturmensch ringt. Als Schauspieler hat er ihnen grandiose Theater- und Filmmomente abgerungen. Außerdem auch zwei Bücher, jüngst "Mittelreich".

altDas Leben läuft

Von Dirk Pilz

Februar 2012. Alexander Kluge ist 80 Jahre alt, und auch wir wollen gratulieren: herzlichen Glückwunsch! Vielen Dank für die Filme, Interviews und Fernsehproduktionen, vor allem aber für die Bücher! Die Welt wäre ärmer, leerer ohne sie.

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Lob der Verwegenheit

von Wolfgang Behrens

Berlin, 11. Oktober 2011. Der Name Heidegger fällt in dem Buch nur ein einziges Mal, und, offen gestanden, habe ich die Stelle nicht einmal verstanden (es geht da um die Haltung des 68ers Fritz Teufel, die etwas mit Novalis zu tun habe "oder mit Martin Heidegger, wenn man ihn heimlich liest" … was ist mit diesem Rätselwort gemeint?). Trotzdem: Als ich "Das Bastardbuch" las, in dem der mittlerweile 70 Jahre junge Regisseur Hans Neuenfels seine "Autobiografischen Stationen" beschreibt, ist mir immer wieder ein Abschnitt aus Heideggers Freiburger Antrittsvorlesung von 1929 in den Sinn gekommen:

altDas Unmögliche wahr machen

von Simone Kaempf

26. Januar 2012. Die Ankündigung, dass jenes Buch, das Thomas Brasch nie geschrieben hat, nun mit diesem vorliegt, wie es im Klappentext heißt, mag verlockend klingen, auch ein bisschen verwegen. Ganz sicher führt sie auf die falsche Spur. Es ist sogar genau das Gegenteil, willl man am Ende ausrufen: "Die Kinder der Preußischen Wüste" ist wohl eher das, was Brasch zu schreiben gescheut hat. Was überhaupt nicht gegen das Buch spricht. 

"Ihr seid ja gar keine ­Kommunisten!" (1949-1950)

von Esther Slevogt

Seit Juni 1949 lebt Bertolt Brecht endgültig in Berlin. Renate Langhoff hatte unter Einsatz ihrer guten Verbindungen zur SMA [Sowjetische Militäradministration - d. Red.] der Brechtfamilie ein Haus in der Nachbarschaft besorgt, eine weiße Gründerzeitvilla am Weißen See, die vom Langhoff'schen Haus aus fußläufig zu erreichen ist. Oft kommt Brecht abends zum Schachspielen vorbei oder um Paul Dessau zu besuchen, der ja ebenfalls im Hause Langhoff lebt.

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Was lernt man im Theater?

"Können wir vom Theater noch etwas lernen?" Diese Frage steht ganz oben auf dem Rückumschlag und klingt, als verheiße sie ein Ja. Auch das Inhaltsverzeichnis hört sich recht vielversprechend an: Da geht es um "Dumme Fragen" und "Autopannen", "Lügen" und "Hochzeit", "Intrigen" und "Rache" und – natürlich – "Lieben" und "Sex". Neugierig geworden, schlägt man den schmalen Band auf.

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Die Probe ist das Theater

21. September 2011. Dies ist ein Sammelband mit 18 essayartigen Aufsätzen und 1 CD. Der erste Satz im Vorwort lautet: "Das zeitgenössische Theater in allen seinen Facetten ist ohne Probe nicht denkbar." Gibt es jemand, der dieser Behauptung widersprechen würde? Eben.