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Wahrheit, Wirklichkeit, Anekdoten

12. Oktober 2011. Gert Voss' Erinnerungsbuch "'Ich bin kein Papagei'. Gert Voss - Eine Theaterreise" versammelt kleine Erzählungen, die der große Schauspieler Gert Voss seiner Frau, der Dramaturgin Ursula Voss in den Computer diktiert hat. Etwa die, wie er als Schauspielschüler, auf der Party seiner kleinen Schwester, die schönste Frau seines Lebens traf, sich Knall auf Fall verliebte und das gemeinsame Leben begann.

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Kein Alltag! Nur Poesie!

von Esther Slevogt

Berlin, 15. September 2011. Sie ist Mitte zwanzig, er schon vierzig Jahre alt. Sie fängt gerade am Theater an, wo er bereits ein berühmter Theaterregisseur ist. Sie beginnen ein Verhältnis, obwohl er eine Frau irgendwo hat. Es ist, wie es ist, er ist der Star, sie seine Muse. Die Wirklichkeit muss ausgeblendet werden. Sei es die politische oder die private. Nie verbringt er die ganze Nacht bei ihr. "Nur kein Alltag, sondern nur Poesie! Nur Kleist!" Über die Arbeit an einem Kleistprojekt waren sie einander begegnet. Heinrich von Kleist, dem sich das heimliche Paar nun in geradezu existenzieller Weise verbunden fühlt, finden sie in seinem Werk doch das eigene Lebensgefühl wieder, in der Unmöglichkeit nämlich "mit uns selbst und der Welt, in der wir lebten, eins zu sein".

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Der Sanfte

von Simone Kaempf

8. August 2011. Als erstes ein Strafbefehl. Im Original abgedruckt, so wie er im September 1989 dem Regisseur Jossi Wieler vom Polizeigericht des Kantons Basel-Stadt zugestellt wurde wegen Falschparkens in einer Parkverbotszone. Zu diesem Zeitpunkt probt Wieler am Basler Theater "Iwanow", das einzige Tschechow-Stück, das er je inszeniert hat. Über seine Tätigkeit am Theater habe der Regisseur sein Auto vergessen, das ist im Protokoll der Polizei nachzulesen, die von Wieler damals Rechenschaft verlangte.

Vom Wetter in der Raumlochwelt

von André Mumot

28. April 2010. Einfach mal kurzfassen. Thomas Thieme zum Beispiel sagt: "Alle reden, Brack arbeitet." Großartig, so ein Satz. Zumal er einer Künstlerin gewidmet ist, die derartig berühmt ist fürs Minimale. Und Thieme, der sich für seine "Büchner/ Leipzig/ Revolte"-Inszenierung von Katrin Brack eine gelbe Girlandenwelt hat entwerfen lassen, äußert noch ein paar weitere schöne Sätze zum Thema: "Ich habe bis heute nicht verstanden, was ein Bühnenbild sein soll. Alles, was es nicht sein soll, entwirft Katrin Brack. Kein Milieu, kein Bildkommentar, keine lauwarme Atmosphäre, aber auch keine künstliche Kälte."

Politisch ein Kind

von Nikolaus Merck

17. Juni 2011. Als im Jahr 1932 der erfolgreiche Basler Theaterdirektor Oskar Wälterlin wegen einer Missbrauchsaffäre – ein Opernsänger hatte einen 13-jährigen Statisten mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt – aus dem Amt gedrängt worden war, suchte er eine neue Stelle. Wälterlin, ein offenes Geheimnis in Basel, war homosexuell. In der Schweiz galten damals Männer dieser Orientierung als "pervers", die Polizei registrierte und überwachte sie.

Lauter nette Leute

von André Mumot

9. Februar 2010. Hier spricht ein Liebender. Deshalb wundert sich der Leser auch nicht, wenn Hajo Kurzenberger plötzlich von seinem "inzwischen beträchtlich angewachsenen Wieler-Archiv" berichtet. Als Dramaturg hat er mit ihm am Theater Neumarkt Zürich zusammengearbeitet und kann seitdem nicht von ihm lassen. Wegen Jossi Wielers "großer Wertschätzung für Menschen" zum Beispiel. Und weil Wieler auch "zugeben kann, dass er etwas nicht weiß", weil er als Regisseur manchmal nur zuhört und weil deshalb ein "spielerisch-liebevoller Umgang zwischen den Beteiligten" herrsche.

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So geht das eben

von Nikolaus Merck

19. April 2011. Peter Iden, 30 Jahre lang Theater- und Kunstkritiker der Frankfurter Rundschau, ein paar Jahre bis ins Jahr 2000 Feuilletonchef, Gründungsdirektor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt, Professor und zeitweiliger Leiter Schauspiel der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, neben Rolf Michaelis von der Zeit der am längsten amtierende Juror des Berliner Theatertreffens, insgesamt 14 Jahre zwischen 1970 und 2001 – Peter Iden war ein kulturpolitisch enorm einflussreicher Mann.

Das Dritte im Bunde

von Esther Boldt

12. Januar 2010. Für das Theater braucht es nicht viel: Einen, der etwas tut, und einen, der ihm dabei zuschaut. Fertig ist die Aufführung. Diese Minimaldefinition von Theater ist historisch unumstritten, ästhetische Differenzen gibt es vor allem bei den Bedeutungs- und Realitätsebenen, die sie herstellt.

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Salto Vitale eines Defensivkünstlers

von Christian Rakow

Berlin, 23. März 2011. Der Popliterat Joachim Lottmann meinte einmal in einem Gespräch, dem ich beiwohnte, eigentlich habe heute kein Autor mehr Stoff für mehrere Bücher. Man müsse es so machen wie Benjamin von Stuckrad-Barre: einen Roman wie "Soloalbum" schreiben – den einen erlebnissatten Roman –, dann geht man auf Lesetour und anschließend handeln alle weiteren Werke von Beobachtungen, die man auf dieser Tour gesammelt hat.

Bei Burgschauspieler Joachim Meyerhoff gab's die Lesetour schon vor seinem Debütbuch und es war eine Tour, beginnend im Wiener Burgtheater 2007, die von Kritikern wie Peter Kümmel in der Wochenzeitung Die Zeit quasi als Neuerfindung des Theaters im Modus "genialer Schlichtheit" begrüßt wurde, und die fast schon folgerichtig in eine Einladung zum Berliner Theatertreffen 2009 mündete.

Herbert, der Gezeichnete

von Esther Slevogt

Berlin, April 2007. Es ist wahrscheinlich eines der aufwändigsten Bilderbücher, die seit langem erschienen sind, ein veritables Stück Buchkunst, das nach den vielen virtuellen Hamletvariationen der letzten Jahre nun auffällig ausdrücklich auf physische Präsenz und Sinnlichkeit setzt: Herbert Fritschs neueste Hamlet_X-Darreichung, für die er sich diesmal mit Sabrina Zwach, Dramaturgin und Fachfrau für ästhetische Praktiken aller Art, zusammengetan hat.

Der stille Revolutionär

von Eva Maria Klinger

Wien, 6. Dezember 2010. Selbst wenn es 1980 in Wien schon üblich gewesen wäre, zum Abschluss einer Direktionsära reich bebildert Rückschau auf das eigene Wirken zu halten, Gustav Manker hätte sich der Selbstspiegelung entzogen. Sein Sohn Paulus Manker, 52, Schauspieler, Regisseur und Filmemacher hat das Versäumnis mit dem Prachtband "Der Theatermann Gustav Manker 1913-1988, Spurensuche" behoben. Eine Fundgrube, eine Augenweide, ein Lesevergnügen.

Archäologie der Anekdote

von Wolfgang Behrens

15. September 2009. Vor dem Klappentext muss man warnen. "Der erste Roman des Meisterregisseurs Luc Bondy handelt – vom Theater" liest man da, und das ist schlichtweg falsch. Okay, der Ich-Erzähler Donatey war Mitarbeiter eines bekannten Theaterregisseurs namens Gaspard Nock, und ja, es gibt ein paar Bemerkungen und kleine Geschichtchen das Theatermilieu betreffend – das Ganze indes als Theaterbuch auszugeben, ist Unfug und suggeriert, dass hier einer insiderisch ein paar Anzüglichkeiten über den Betrieb ausplaudern würde. Doch gerade nicht der Plauderton macht dieses schmale Bändchen aus, nicht er verleiht ihm seinen Charme: Luc Bondys "Am Fenster" ist vielmehr im Murmelton geschrieben – und das ist etwas ganz anderes.

Till Eulenspiegels Erbe

von Esther Boldt

29. September 2010. Einen "provokativen Zweifler" und "unterhaltsamen Intellektuellen" nannte ihn die taz, die New York Times betrauerte ihn als "Filmemacher, Theaterregisseur und politischen Störenfried". Matthias Lilienthal, der Christoph Schlingensief einst an die Volksbühne holte, sagte dem ZDF nach seinem Tod, Schlingensief sei "der einzige Mensch aus dem deutschen Theater, mit dem man nicht unerkannt auf die Straße gehen konnte." Seine Ästhetik des "gesellschaftlichen Denkens in einem Gesamtkunstwerk", werde niemand weiterführen. Zeit seines Lebens war Schlingensief eine umstrittene Figur, deren Sein und Wirken sich Festlegungen und Definitionen entzog und der Boulevardblätter ebenso in Aufregung versetzte wie linke Popmagazine.

Verlorene Theaterzeit

von André Mumot

25. August 2009. Plötzlich, auf Seite 119, ganz unten, tauchen ein paar Sätze auf, die das gesamte Buch etwas heller, etwas durchschaubarer machen: "Wir wissen", schreibt Helene Varopoulou, "das Werk der darstellenden Künste verflüchtigt sich, im Gegensatz zum malerischen Werk auf der Leinwand. Für die bedeutenden Theatermacher wie Giorgio Strehler aber kann das kollektive Theatergedächtnis an die Stelle ihrer Abwesenheit die Legende setzen."

Von Krisen, Rissen, Brüchen

von Anna Teuwen und Stefan Bläske

31. August 2010. Kaum wird wieder irgendwo eine Krise konstatiert, beschrieben oder herbeigeschrieben, ist auch das Drama nicht weit. Denn Krisen sind natürlich immer sofort dramatisch. In der Theaterwissenschaft allerdings geht man – rein gewohnheitsmäßig – mit dem Drama etwas entspannter um.

Glückliche Fehler

von Dirk Pilz

18. August 2009. Thomas Oberender sagt, das Glaubwürdige am Spiel eines Schauspielers ist sowieso nicht zu inszenieren. Er spricht von der "Gestimmtheit eines Menschen", seiner "unverwandelbaren Eigenart", dem "privaten Profil". "Die Künstler spielen, wie sie leben. Und wahrscheinlich leben sie nicht das, was sie spielen."

Inkommensurable Biographien treffen aufeinander

von Wolfgang Behrens

30. Juli 2010. Die schönste Kritik, die wohl je zu einer Inszenierung des vor Jahresfrist verstorbenen Peter Zadek geschrieben wurde, stammt - sorry, Herr Stadelmaier - aus der Feder von Benjamin Henrichs. Sie erschien am 23. Februar 1996 in der "Zeit" und sezierte mit seismographischem Gespür und unbedingter liebender Hingabe das Bühnendasein der Zadek-Schauspieler in Tschechows "Kirschgarten", seinerzeit neu inszeniert am Akademietheater Wien. Henrichs beschrieb in seinem Text auf wahrhaft wunderbare Weise die "fast unbegreifliche Beiläufigkeit und Entspanntheit" der Darsteller, von Angela Winker, Ulrich Wildgruber und all den anderen - Leute, die "auf der Bühne nur so dahin leben". Hier sollte auch der Nachgeborene eine Ahnung davon bekommen, was das Geheimnis der großen Zadek'schen Aufführungen war.

Das Gespräch als Kunstform

von Christian Rakow

22. Juli 2009. Ich habe angefangen, die Heiner-Müller-Interviews wiederzulesen, als ich jüngst auf den kalten Stufen der Berliner Volksbühne auf Restkarten für Tschechows "Möwe" wartete. Tschechow ist mit seinen melancholischen Stücken aus dem vorrevolutionären Russland von 1900 so etwas wie der Säulenheilige unseres Gegenwartstheaters. Ein echter Zeitgenosse für Zagende und Zögernde. Von Müller heißt es demgegenüber, er sei mit seinen kannibalisch finsteren Abgesängen auf die Menschheit von den Spielplänen verschwunden. Die spätbürgerliche Seele mag kein Philosophieren mit dem Holzhammer.

Der die großen Rollen der Großen spielte

von Ute Grundmann

20. Juli 2010. Die große Geste des Arturo Ui. Tanzend in "Das kleine Mahagonny". Probend für "Das Leben des Galilei". Oder die Gesten, den Gang prüfend für "Der kaukasische Kreisekreis". Als Philosoph im Schaukelstuhl für den "Brecht-Abend Nr. 3. Der Messingkauf". Momentaufnahmen des Schauspielers Ekkehard Schall, den Vera Tenschert über Jahrzehnte im Berliner Ensemble fotografiert hat. Daraus ist ein jetzt schöner Bildband des Schauspielers geworden, dessen 80. Geburtstag und fünfter Todestag in dieses Jahr fallen.

Yes, we can't

von Esther Boldt

11. März 2009. Die Theaterwissenschaft ist eine große Erfinderin. Die Begriffsschöpfung hat hier Tradition, das Umkreisen ihres Gegenstandes aus immer neuen Richtungen und Blickwinkeln, unter der Ausprägung von stets neuen Begrifflichkeiten. "Performanzen des Nichttuns" heißt ein Sammelband, der wieder einmal eine neue Sichtweise begründen soll und von Barbara Gronau und Alice Lagaay, Mitarbeiterinnen des Sonderforschungsbereichs "Kulturen des Performativen" an der Freien Universität Berlin, herausgegeben wurde.