Der stille Revolutionär

von Eva Maria Klinger

Wien, 6. Dezember 2010. Selbst wenn es 1980 in Wien schon üblich gewesen wäre, zum Abschluss einer Direktionsära reich bebildert Rückschau auf das eigene Wirken zu halten, Gustav Manker hätte sich der Selbstspiegelung entzogen. Sein Sohn Paulus Manker, 52, Schauspieler, Regisseur und Filmemacher hat das Versäumnis mit dem Prachtband "Der Theatermann Gustav Manker 1913-1988, Spurensuche" behoben. Eine Fundgrube, eine Augenweide, ein Lesevergnügen.

Till Eulenspiegels Erbe

von Esther Boldt

29. September 2010. Einen "provokativen Zweifler" und "unterhaltsamen Intellektuellen" nannte ihn die taz, die New York Times betrauerte ihn als "Filmemacher, Theaterregisseur und politischen Störenfried". Matthias Lilienthal, der Christoph Schlingensief einst an die Volksbühne holte, sagte dem ZDF nach seinem Tod, Schlingensief sei "der einzige Mensch aus dem deutschen Theater, mit dem man nicht unerkannt auf die Straße gehen konnte." Seine Ästhetik des "gesellschaftlichen Denkens in einem Gesamtkunstwerk", werde niemand weiterführen. Zeit seines Lebens war Schlingensief eine umstrittene Figur, deren Sein und Wirken sich Festlegungen und Definitionen entzog und der Boulevardblätter ebenso in Aufregung versetzte wie linke Popmagazine.

Von Krisen, Rissen, Brüchen

von Anna Teuwen und Stefan Bläske

31. August 2010. Kaum wird wieder irgendwo eine Krise konstatiert, beschrieben oder herbeigeschrieben, ist auch das Drama nicht weit. Denn Krisen sind natürlich immer sofort dramatisch. In der Theaterwissenschaft allerdings geht man – rein gewohnheitsmäßig – mit dem Drama etwas entspannter um.

Glückliche Fehler

von Dirk Pilz

18. August 2009. Thomas Oberender sagt, das Glaubwürdige am Spiel eines Schauspielers ist sowieso nicht zu inszenieren. Er spricht von der "Gestimmtheit eines Menschen", seiner "unverwandelbaren Eigenart", dem "privaten Profil". "Die Künstler spielen, wie sie leben. Und wahrscheinlich leben sie nicht das, was sie spielen."

Inkommensurable Biographien treffen aufeinander

von Wolfgang Behrens

30. Juli 2010. Die schönste Kritik, die wohl je zu einer Inszenierung des vor Jahresfrist verstorbenen Peter Zadek geschrieben wurde, stammt - sorry, Herr Stadelmaier - aus der Feder von Benjamin Henrichs. Sie erschien am 23. Februar 1996 in der "Zeit" und sezierte mit seismographischem Gespür und unbedingter liebender Hingabe das Bühnendasein der Zadek-Schauspieler in Tschechows "Kirschgarten", seinerzeit neu inszeniert am Akademietheater Wien. Henrichs beschrieb in seinem Text auf wahrhaft wunderbare Weise die "fast unbegreifliche Beiläufigkeit und Entspanntheit" der Darsteller, von Angela Winker, Ulrich Wildgruber und all den anderen - Leute, die "auf der Bühne nur so dahin leben". Hier sollte auch der Nachgeborene eine Ahnung davon bekommen, was das Geheimnis der großen Zadek'schen Aufführungen war.

Das Gespräch als Kunstform

von Christian Rakow

22. Juli 2009. Ich habe angefangen, die Heiner-Müller-Interviews wiederzulesen, als ich jüngst auf den kalten Stufen der Berliner Volksbühne auf Restkarten für Tschechows "Möwe" wartete. Tschechow ist mit seinen melancholischen Stücken aus dem vorrevolutionären Russland von 1900 so etwas wie der Säulenheilige unseres Gegenwartstheaters. Ein echter Zeitgenosse für Zagende und Zögernde. Von Müller heißt es demgegenüber, er sei mit seinen kannibalisch finsteren Abgesängen auf die Menschheit von den Spielplänen verschwunden. Die spätbürgerliche Seele mag kein Philosophieren mit dem Holzhammer.

Der die großen Rollen der Großen spielte

von Ute Grundmann

20. Juli 2010. Die große Geste des Arturo Ui. Tanzend in "Das kleine Mahagonny". Probend für "Das Leben des Galilei". Oder die Gesten, den Gang prüfend für "Der kaukasische Kreisekreis". Als Philosoph im Schaukelstuhl für den "Brecht-Abend Nr. 3. Der Messingkauf". Momentaufnahmen des Schauspielers Ekkehard Schall, den Vera Tenschert über Jahrzehnte im Berliner Ensemble fotografiert hat. Daraus ist ein jetzt schöner Bildband des Schauspielers geworden, dessen 80. Geburtstag und fünfter Todestag in dieses Jahr fallen.

Yes, we can't

von Esther Boldt

11. März 2009. Die Theaterwissenschaft ist eine große Erfinderin. Die Begriffsschöpfung hat hier Tradition, das Umkreisen ihres Gegenstandes aus immer neuen Richtungen und Blickwinkeln, unter der Ausprägung von stets neuen Begrifflichkeiten. "Performanzen des Nichttuns" heißt ein Sammelband, der wieder einmal eine neue Sichtweise begründen soll und von Barbara Gronau und Alice Lagaay, Mitarbeiterinnen des Sonderforschungsbereichs "Kulturen des Performativen" an der Freien Universität Berlin, herausgegeben wurde.

Vom Wetter in der Raumlochwelt

von André Mumot

28. April 2010. Einfach mal kurzfassen. Thomas Thieme zum Beispiel sagt: "Alle reden, Brack arbeitet." Großartig, so ein Satz. Zumal er einer Künstlerin gewidmet ist, die derartig berühmt ist fürs Minimale. Und Thieme, der sich für seine "Büchner/ Leipzig/ Revolte"-Inszenierung von Katrin Brack eine gelbe Girlandenwelt hat entwerfen lassen, äußert noch ein paar weitere schöne Sätze zum Thema: "Ich habe bis heute nicht verstanden, was ein Bühnenbild sein soll. Alles, was es nicht sein soll, entwirft Katrin Brack. Kein Milieu, kein Bildkommentar, keine lauwarme Atmosphäre, aber auch keine künstliche Kälte."

Leute im Dunkeln betrachten Leute im Licht

von Shirin Sojitrawalla

3. März 2009. Für Peter Michalzik, Kritiker und Theaterredakteur der Frankfurter Rundschau, ist das Theater eines der schönsten Dinge, mit denen man sich beschäftigen kann. Das schreibt er in seiner "Gebrauchsanweisung fürs Theater" und hätte es gar nicht sagen müssen, ist doch das Buch Beweis genug für seine Leidenschaft. Es ist auch eine Liebeserklärung an das Theater, an seine Schauspieler, Regisseure und Marotten und eine Handreichung für diejenigen, die sich freudig hineinbegeben möchten. Ein Theaterverführer, kein Theaterführer, wie er schreibt.

Lauter nette Leute

von André Mumot

9. Februar 2010. Hier spricht ein Liebender. Deshalb wundert sich der Leser auch nicht, wenn Hajo Kurzenberger plötzlich von seinem "inzwischen beträchtlich angewachsenen Wieler-Archiv" berichtet. Als Dramaturg hat er mit ihm am Theater Neumarkt Zürich zusammengearbeitet und kann seitdem nicht von ihm lassen. Wegen Jossi Wielers "großer Wertschätzung für Menschen" zum Beispiel. Und weil Wieler auch "zugeben kann, dass er etwas nicht weiß", weil er als Regisseur manchmal nur zuhört und weil deshalb ein "spielerisch-liebevoller Umgang zwischen den Beteiligten" herrsche.

"Zischt man? Ist Skandal?"

8. Dezember 2008. Friedrich Schiller, dessen "Die Räuber" Haare-Ausreißen, Augenrollen und Frühgeburten provozierte, Gerhart Hauptmann, der mit seinen "Webern" den höchstwohlgeborenen Zorn des Kaisers erregten, der skandalöse Ibsen mit seinen Leichen im Bürgerkeller, Frank Wedekind der Obszönling, Brecht der kaltherzige Anarchist – sie alle machten Skandal auf dem Theater. Derartiges, heißt es, hat es nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem deutschsprachigen Theater nicht mehr gegeben. Oder vielleicht doch?

Das ist eine der Fragen, mit denen sich Bernd Noack in seinem Buch "Theaterskandale von Aischylos bis Thomas Bernhard" beschäftigt. Noack ist in die Archive gestiegen und fündig geworden. Er hat Dramatiker, Regisseure und Journalisten getroffen, befragt und vernommen. Was macht einen Skandal auf dem Theater aus? Was bedarf es, um Skandal zu erregen? Welche Rolle spielen die Medien? Wie kommt es, dass sich wohlanständige Bürger, wenn Skandal ist, benehmen, als hätte der wilde Wullewatz sie in den Hintern gebissen?

Das Dritte im Bunde

von Esther Boldt

12. Januar 2010. Für das Theater braucht es nicht viel: Einen, der etwas tut, und einen, der ihm dabei zuschaut. Fertig ist die Aufführung. Diese Minimaldefinition von Theater ist historisch unumstritten, ästhetische Differenzen gibt es vor allem bei den Bedeutungs- und Realitätsebenen, die sie herstellt.

Castorf stößt verdienten Regisseur Treppe hinunter

18. November 2008. Die Anekdoten über ihn sind Legion. Ob er mit Kohlen auf Verwaltungsdirektoren warf, auf "Woyzeck"-Proben mit Georg Büchner persönlich sprach oder von Frank Castorf eine Treppe hinuntergestoßen wurde – immer geht es in diesen Geschichten ums Ganze. Ums Ganze des Theaters und ums Ganze des Lebens.

Schauspieler wie Corinna Harfouch oder Winfried Glatzeder und den Regisseur Dimiter Gotscheff prägte er maßgeblich. Angelica Domröse, Jürgen Gosch, Rolf Boysen oder Martin Wuttke spielten in seinen Inszenierungen. Und er hat legendäre Heiner-Müller-Erstaufführungen verantwortet. Und doch ist er – zumal im Westen – einer der großen Unbekannten des DDR-Theaters geblieben: Fritz Marquardt.

Herbert, der Gezeichnete

von Esther Slevogt

Berlin, April 2007. Es ist wahrscheinlich eines der aufwändigsten Bilderbücher, die seit langem erschienen sind, ein veritables Stück Buchkunst, das nach den vielen virtuellen Hamletvariationen der letzten Jahre nun auffällig ausdrücklich auf physische Präsenz und Sinnlichkeit setzt: Herbert Fritschs neueste Hamlet_X-Darreichung, für die er sich diesmal mit Sabrina Zwach, Dramaturgin und Fachfrau für ästhetische Praktiken aller Art, zusammengetan hat.

Komik aus Versehen, Schlingern im Verborgenen

von Georg Kasch

12. November 2008. Wer ihn nur als Oberstudiendirektor Dr. Gottlieb Taft kennt, diesen altmodisch-gestrengen wie trottelig-charmanten Direktor des Mommsen-Gymnasiums in den Filmkomödien der "Paukerreihe", jenen sieben Filmen, die zwischen 1968 und 1972 entstanden, kennt Theo Lingen nicht. Und hat dennoch schon viel von seiner Kunst erlebt: sein Markenzeichen, die nasale Stimme, und seine aufrechte, elegante Haltung, die bei Bedarf in atemberaubende Körperartistik umschlagen kann.

Archäologie der Anekdote

von Wolfgang Behrens

15. September 2009. Vor dem Klappentext muss man warnen. "Der erste Roman des Meisterregisseurs Luc Bondy handelt – vom Theater" liest man da, und das ist schlichtweg falsch. Okay, der Ich-Erzähler Donatey war Mitarbeiter eines bekannten Theaterregisseurs namens Gaspard Nock, und ja, es gibt ein paar Bemerkungen und kleine Geschichtchen das Theatermilieu betreffend – das Ganze indes als Theaterbuch auszugeben, ist Unfug und suggeriert, dass hier einer insiderisch ein paar Anzüglichkeiten über den Betrieb ausplaudern würde. Doch gerade nicht der Plauderton macht dieses schmale Bändchen aus, nicht er verleiht ihm seinen Charme: Luc Bondys "Am Fenster" ist vielmehr im Murmelton geschrieben – und das ist etwas ganz anderes.

Flaschenpost aus einer fremden Welt

von Anne Peter

31. Oktober 2008. Was fällt Ihnen zum Namen Dimiter Gotscheff ein? Außer Heiner Müller. Vermutlich Almut Zilcher, Samuel Finzi, Margit Bendokat – die Lieblingsschauspieler. Wahrscheinlich noch: Nebel. Konfetti. Leere Räume, in denen der Schauspieler einsam seine Arme in den Bühnenhimmel reißt.

Verlorene Theaterzeit

von André Mumot

25. August 2009. Plötzlich, auf Seite 119, ganz unten, tauchen ein paar Sätze auf, die das gesamte Buch etwas heller, etwas durchschaubarer machen: "Wir wissen", schreibt Helene Varopoulou, "das Werk der darstellenden Künste verflüchtigt sich, im Gegensatz zum malerischen Werk auf der Leinwand. Für die bedeutenden Theatermacher wie Giorgio Strehler aber kann das kollektive Theatergedächtnis an die Stelle ihrer Abwesenheit die Legende setzen."

Peng, peng, Peymann

von Dirk Pilz

30. Oktober 2008. Vier Zentimeter dick, weiß mit schwarzer Banderole, raues Papier. Das neue Peymann-Buch schaut wie ein Manifest aus, eine Kampfschrift für die Glaubensgenossen. Es ist aber ein Lexikon, "Peymann von A – Z" betitelt.