Erzähltes Theater

von Nikolaus Merck

März 2015. Günther Rühles zweiter Band zum "Theater in Deutschland", diesmal das zwischen 1945 und 1966 in den Blick nehmend, beschäftigt sich mit dem Wiederaufbau der Theaterhäuser und Ensembles und der Rekonstruktion des Theatersystems, wie es die Nazis bei der Schließung aller Spielstätten 1944 hinterlassen hatten. Und mit der Wiedergewinnung der Errungenschaften der zwanziger Jahre: Bertolt Brecht und Fritz Kortner entwickeln einen neuen Realismus der Bühne, Erwin Piscator re-politisiert das Theater und befreit die Szene von der Allmacht des Wortes. Das Buch bietet 1.200 Seiten Text, 300 Seiten Anhang, Bilder gibt es keine. Die Erzählung schöpft aus dem "unmittelbaren Erleben" (Rühle) der Theaterkritiker, ergänzt um Biographien, Briefe, Archivalien. Der Autor schreibt, als sei er, ein Gott des Theaters, bei allen Aufführungen, die er schildert, selbst Augenzeuge gewesen.

Infarktjefährdet

von Dirk Pilz

4. Februar 2015. Es war also damals in den berühmten Neunzigern an der Berliner Volksbühne genau so, wie man es immer befürchtet hat, oder erhofft, je nachdem.

Jeder Stadt einen Operndolmuş

von Elena Philipp

Berlin, 25. November 2014. Es kurvt ein Operndolmuş durch Berlin. An Bord des Kleintransporters Sänger und Musiker, die in Minimalbesetzung Ausschnitte aus dem Opernrepertoire in die Stadt bringen. In Kiezcafés, deutsch-türkische Begegnungsstätten, Altenheime. Zu denjenigen, denen die Kunstform und Institution Oper bislang eher fern lag. Mit ihrem Interkultur-Projekt "Selam Opera!" streckt die Komische Oper Berlin derart die Fühler aus in den urbanen Umgebungsraum und wirbt seit 2011 um neue Beziehungen: Vielheit ist die neue Normalität, und ihr müssen sich die Institutionen anpassen, so das Credo der Öffnung.

Tut mehr Unnützes!

von Wolfgang Behrens

20. November 2014. Einmal, gegen Ende des vierten und letzten Gesprächs, sagt es Peter Handke selbst: "Es drängt mich, unmittelbar zu sein (...)." Es ist diese Nähe zu einem Jargon der Eigentlichkeit, die einem in Handkes Werken zu schaffen machen kann. So faszinierend und soghaft das Umkreisen des Unmittelbaren und Eigentlichen auch sein mag – das Benennen der einfachen Dinge und das Herbeisehnen des authentischen Erlebens –, so politisch naiv geriert es sich zuweilen – wohin dies bei Handke geführt hat, ist eine Geschichte für sich (die in dem zu verhandelnden Band auf konsequente Weise nicht thematisiert wird – schade eigentlich!).

Der Logiker im Liegestuhl

von Thomas Rothschild

21. Oktober 2014. Bruno Ganz hat schon die richtige Wahl getroffen, als er als Nachfolger für den Iffland-Ring den nur ein halbes Jahr jüngeren Gert Voss vorsah. Dass Voss einer der genialen Schauspieler unserer Zeit, dass er einzigartig war – dem wird kaum jemand, nicht einmal ein Verächter seiner Kunst (auch die gab es) widersprechen. Aber worin bestand seine Einzigartigkeit? Am besten hat das, jenseits der Floskeln, Luc Bondy formuliert: "Gert ist logisch, und er versteht etwas davon, logisch zu sein in einer Figur. Aber das in Fleisch umzusetzen, in die Realität zu bringen, das kann Gert wie im Wahn." Und weiter: "Was wirklich nur Voss kann, das sind die tragisch-komischen Rollen. In der Tragik zugleich komisch zu sein, und berührend."

Die subtile Organisation des Abfalls

von Simone Kaempf

14. Oktober 2014. Schauspieler, die einfach nicht rauswollen aus der Kantine? Ein Regisseur, der mit ihnen herumalbert, statt im aufgebauten Bühnenbild zu probieren? Tage später absolvieren dann alle draußen Sportübungen, in Frauenkleidern, die überraschend in großen Mengen geliefert wurden. Zum Amüsement einer kleinen Zuschauerschaft, die parallel am Haus arbeitet. So geschehen am Hamburger Schauspielhaus, als Christoph Marthaler den "Wurzelfaust" oder "Kasimir und Karoline" probte.

Hilflos der eigenen Perfektion gegenüber

von André Mumot

7. Oktober 2014. Man kann es sich vorstellen, bildlich, wie er sich dann zwischendurch, inmitten der schönsten Aufbrauserei, an den Kopf fasst und ganz fassungslos ausstößt: "Alles, was ich hier sage, klingt ja wahnsinnig reaktionär!" Aber wenn Thomas Ostermeier einmal im Schwung ist, wird eben ausgeteilt – gegen eine Gegenwartsgesellschaft, die "widerspruchsfrei ist und befriedet und larmoyant" und deshalb auch meistens das Theater bekommt, das sie verdient.