Tut mehr Unnützes!

von Wolfgang Behrens

20. November 2014. Einmal, gegen Ende des vierten und letzten Gesprächs, sagt es Peter Handke selbst: "Es drängt mich, unmittelbar zu sein (...)." Es ist diese Nähe zu einem Jargon der Eigentlichkeit, die einem in Handkes Werken zu schaffen machen kann. So faszinierend und soghaft das Umkreisen des Unmittelbaren und Eigentlichen auch sein mag – das Benennen der einfachen Dinge und das Herbeisehnen des authentischen Erlebens –, so politisch naiv geriert es sich zuweilen – wohin dies bei Handke geführt hat, ist eine Geschichte für sich (die in dem zu verhandelnden Band auf konsequente Weise nicht thematisiert wird – schade eigentlich!).

Der Logiker im Liegestuhl

von Thomas Rothschild

21. Oktober 2014. Bruno Ganz hat schon die richtige Wahl getroffen, als er als Nachfolger für den Iffland-Ring den nur ein halbes Jahr jüngeren Gert Voss vorsah. Dass Voss einer der genialen Schauspieler unserer Zeit, dass er einzigartig war – dem wird kaum jemand, nicht einmal ein Verächter seiner Kunst (auch die gab es) widersprechen. Aber worin bestand seine Einzigartigkeit? Am besten hat das, jenseits der Floskeln, Luc Bondy formuliert: "Gert ist logisch, und er versteht etwas davon, logisch zu sein in einer Figur. Aber das in Fleisch umzusetzen, in die Realität zu bringen, das kann Gert wie im Wahn." Und weiter: "Was wirklich nur Voss kann, das sind die tragisch-komischen Rollen. In der Tragik zugleich komisch zu sein, und berührend."

Die subtile Organisation des Abfalls

von Simone Kaempf

14. Oktober 2014. Schauspieler, die einfach nicht rauswollen aus der Kantine? Ein Regisseur, der mit ihnen herumalbert, statt im aufgebauten Bühnenbild zu probieren? Tage später absolvieren dann alle draußen Sportübungen, in Frauenkleidern, die überraschend in großen Mengen geliefert wurden. Zum Amüsement einer kleinen Zuschauerschaft, die parallel am Haus arbeitet. So geschehen am Hamburger Schauspielhaus, als Christoph Marthaler den "Wurzelfaust" oder "Kasimir und Karoline" probte.

Hilflos der eigenen Perfektion gegenüber

von André Mumot

7. Oktober 2014. Man kann es sich vorstellen, bildlich, wie er sich dann zwischendurch, inmitten der schönsten Aufbrauserei, an den Kopf fasst und ganz fassungslos ausstößt: "Alles, was ich hier sage, klingt ja wahnsinnig reaktionär!" Aber wenn Thomas Ostermeier einmal im Schwung ist, wird eben ausgeteilt – gegen eine Gegenwartsgesellschaft, die "widerspruchsfrei ist und befriedet und larmoyant" und deshalb auch meistens das Theater bekommt, das sie verdient.

Das Pissoir muss runter vom Sockel

von Esther Boldt

23. September 2014. Inwiefern kann künstlerische Arbeit politisch oder gar politisch wirksam sein? Diese Frage steht in den letzten Jahren verstärkt im Raum, sie wird auf höchst verschiedene Weisen diskutiert und beantwortet. Das gerade erschienene Arbeitsbuch "Truth is concrete" geht noch einen Schritt weiter und untersucht das Verhältnis zwischen künstlerischer Arbeit und politischem Aktivismus: "A Handbook for Artistic Strategies in Real Politics", so der Untertitel. Herausgegeben wurde es vom Festival steirischer herbst in Graz und seinem ehemaligen Chefdramaturgen Florian Malzacher.

Am Abgrund der Poetik

von Thomas Rothschild

9. September 2014. Dieses Buch ist ein Kuriosum. Wenn man es nämlich umdreht, von vorn nach hinten und von oben nach unten, kommt es einem nicht nur spanisch vor – es ist dann tatsächlich spanisch. Anstelle des deutschen Titels "Ja und Nein. Vorlesungen über Dramatik" steht da nun auf dem Umschlag "Sí y No. Conferencias sobre dramática". Denn sein Autor Roland Schimmelpfennig wohnt abwechselnd in Berlin und Havanna, und er möchte – wer könnte das nicht verstehen – hier wie dort gelesen werden. Darauf kommt es ja dem Dramatiker an: ein Publikum zu gewinnen. In welcher Sprache auch immer.

Fremd zu sein bedarf es wenig

von Dirk Pilz

2. September 2014. Zunächst das: Was für ein Luxus, in Zeiten wie diesen ein Buch über Wohl und Wehe der Tragödienkunst zu lesen. Wie beruhigend, versichert zu bekommen, Tragödien gebe es einzig im Theater, nicht da draußen in der Wirklichkeit, auch nicht in uns drin als Wesenszug unserer Seelen oder Sehnsüchte. Bleibt nur zu hoffen, dass sich daran nichts ändert.