Ehrenrettung

von Thomas Rothschild

29. Juni 2018. Der Begriff des "Theaterskandals" ist geläufig. Was aber genau bedeutet er? Wo liegt der Skandal? Beim Theater, dem aufgeführten oder verhinderten Stück oder bei der Reaktion darauf? War Arthur Schnitzlers "Reigen" der Skandal, oder war es der Prozess? War Thomas Bernhards "Heldenplatz" der Skandal, oder war es die Kampagne der Presse, der Politik und aufgewiegelter "Patrioten", die das Stück nicht kannten, gegen die Aufführung? Oder ist es erst das Zusammenspiel von Anlass und Reaktion, was den Skandal ausmacht?

Der deutsche Sonderweg

von Thomas Rothschild

25. Juni 2018. Bei den Philosophen, jedenfalls bei jenen, die diese Berufsbezeichnung verdienten, ehe jeder Pseudoklugschwätzer von der Medien Gnaden Philosoph genannt wurde, kam beides zusammen, bildete eine unauflösliche Einheit: die Theorieentwicklung und die Interpretation vorausgegangener philosophischer Gedanken. In der Theaterwissenschaft ist das anders. Da teilen sich die Theoretiker mit den Theaterhistorikern die Disziplin. In Deutschland steht Erika Fischer-Lichte für die Theoriebildung in der Theaterwissenschaft und Manfred Brauneck für die umfassende Theatergeschichtsschreibung. Der Großteil der übrigen Fachvertreter, spezialisiert auf einen engen Ausschnitt aus der Geschichte, beackert ein Leben lang archivarisch ein äußerst begrenztes Feld, einen so genannten "weißen Fleck", der zu Recht weiß geblieben ist, weil er, wie die Verkaufszahlen der einschlägigen Publikationen belegen, keinen Menschen interessiert.

Schweben im Zwischenraum

von Thomas Rothschild

5. April 2018. In dieser überarbeiteten, an der FU Berlin eingereichten Dissertation der japanischen Theaterwissenschaftlerin Mariko Harigai geht es "um das Spannungsverhältnis zwischen Stimmen im Theater, ihren Hörräumen, ihren repräsentierten, bezeugten, imaginierten oder auch halluzinierten Entstehungsorten und um den theatralen Versammlungsort, an den Stimmen uns als Hörende rufen".

Blut und Rosen

von Janis El-Bira

8. März 2018. Die Weißflügelseeschwalbe hat es nicht leicht in Uganda. Der sumpfige Grund ihres Winterquartiers am nördlichen Rand des Viktoriasees verwandelt sich durch unzählige LKW-Ladungen Dreck und Industrieabfall zusehends in ein asphalthartes Gelände. Es sind vor allem die rund um die Stadt Entebbe ansässigen Rosenzüchter, die hier ihren Müll abladen. Denn Uganda ist einer der weltgrößten Rosenexporteure: Mehr als zehntausend Tonnen gelangen jährlich ins Ausland, vor allem nach Europa. Hier zieren sie Feste und Feiern, Hochzeiten, Valentinstage und Beerdigungen. Knapp sieben Tage halten sich handelsübliche Rosen in den Blumenvasen der Ersten Welt. Folglich muss und kann Uganda, eines der ärmsten Länder der Erde, ganzjährig günstigen Nachschub liefern. Der perfekte kapitalistische Kreislauf also. Selbst schuld, wenn Weißflügelseeschwalben nicht an die unsichtbare Hand des Marktes glauben.

Der Volksbühnen-Vagabund

von Christian Rakow

14. Februar 2018. Diese Ehre, in die lebendige Theatergeschichte einzugehen, wird nicht jedem Journalisten zuteil. "Ich sterbe für das Haus und für dich, Frank!" war auf einer der Comic-Zeichnungen zu lesen, mit denen Vegard Vinge und Ida Müller ihr "Nationaltheater Reinickendorf" eröffneten, im Juli 2017, am letzten Spieltag der Volksbühnen-Intendanz von Frank Castorf. Der düstere Abschied eines Märtyrers: "Peter Laudenbach schreibt seine letzte Kronik für den TIP / Befor er schneidet seine Pulsader / Auf in die Badewanne", stand da noch über dem Leichenbildnis, das der Tradition großer Wannentoter von Seneca bis Uwe Barschel entstammte.

Lügen lernen

von Shirin Sojitrawalla

21. November 2017. Der Regisseur Jan Bosse soll einmal gesagt haben, dass Joachim Meyerhoffs Theaterkunst letztendlich ein Dialog mit den Toten sei. Das könnte man auch seinen Büchern attestieren, die mit vielen Abschieden kämpfen und bei aller Komik immer auch davon sprechen, dass sich seelische Wunden nicht schließen. Dabei besitzt er ein genaues Gespür für die Kippmomente des Lebens, etwa wenn aus Liebe Rachsucht wird, Zuneigung in Hass springt und der dünne Firnis der Beziehungsherrlichkeit bröckelt.

Nur kein Getue!

von Kai Bremer

18. Oktober 2017. Die Lektüre von Wolfgang Englers essayistischen Überlegungen über "Authentizität! Von Exzentrikern, Dealern und Spielverderbern" macht manchmal richtig Spaß, weil dieses Buch stilistisch viel wagt: Prägnanz ("Nichts entgeht der Logik der Distinktion.", S. 176), intelligente Metaphern und aggressive Bonmots ("Das Arbeitskleid als Menetekel niederen Seins, ausstaffierter Funktionsfrust, Kleider machen Leute runter." S. 111). Zugleich nimmt Engler für sich ein, da er seine intellektuelle Herkunft aus dem Geist des Materialismus nicht verleugnet: "Urheber dieser Option für das 'Natürliche', 'Naive' war die mittelständische Intelligenz in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts." (S. 170) Akademische Besserwisser mögen da einwenden, dass 'Intelligenz' fürs 18. Jahrhundert ein unangemessener wie längst erledigter Begriff ist. Aber Engler macht so – wie auch sonst in diesem Buch – unmissverständlich klar, wo er steht.