Blut und Rosen

von Janis El-Bira

8. März 2018. Die Weißflügelseeschwalbe hat es nicht leicht in Uganda. Der sumpfige Grund ihres Winterquartiers am nördlichen Rand des Viktoriasees verwandelt sich durch unzählige LKW-Ladungen Dreck und Industrieabfall zusehends in ein asphalthartes Gelände. Es sind vor allem die rund um die Stadt Entebbe ansässigen Rosenzüchter, die hier ihren Müll abladen. Denn Uganda ist einer der weltgrößten Rosenexporteure: Mehr als zehntausend Tonnen gelangen jährlich ins Ausland, vor allem nach Europa. Hier zieren sie Feste und Feiern, Hochzeiten, Valentinstage und Beerdigungen. Knapp sieben Tage halten sich handelsübliche Rosen in den Blumenvasen der Ersten Welt. Folglich muss und kann Uganda, eines der ärmsten Länder der Erde, ganzjährig günstigen Nachschub liefern. Der perfekte kapitalistische Kreislauf also. Selbst schuld, wenn Weißflügelseeschwalben nicht an die unsichtbare Hand des Marktes glauben.

Der Volksbühnen-Vagabund

von Christian Rakow

14. Februar 2018. Diese Ehre, in die lebendige Theatergeschichte einzugehen, wird nicht jedem Journalisten zuteil. "Ich sterbe für das Haus und für dich, Frank!" war auf einer der Comic-Zeichnungen zu lesen, mit denen Vegard Vinge und Ida Müller ihr "Nationaltheater Reinickendorf" eröffneten, im Juli 2017, am letzten Spieltag der Volksbühnen-Intendanz von Frank Castorf. Der düstere Abschied eines Märtyrers: "Peter Laudenbach schreibt seine letzte Kronik für den TIP / Befor er schneidet seine Pulsader / Auf in die Badewanne", stand da noch über dem Leichenbildnis, das der Tradition großer Wannentoter von Seneca bis Uwe Barschel entstammte.

Lügen lernen

von Shirin Sojitrawalla

21. November 2017. Der Regisseur Jan Bosse soll einmal gesagt haben, dass Joachim Meyerhoffs Theaterkunst letztendlich ein Dialog mit den Toten sei. Das könnte man auch seinen Büchern attestieren, die mit vielen Abschieden kämpfen und bei aller Komik immer auch davon sprechen, dass sich seelische Wunden nicht schließen. Dabei besitzt er ein genaues Gespür für die Kippmomente des Lebens, etwa wenn aus Liebe Rachsucht wird, Zuneigung in Hass springt und der dünne Firnis der Beziehungsherrlichkeit bröckelt.

Nur kein Getue!

von Kai Bremer

18. Oktober 2017. Die Lektüre von Wolfgang Englers essayistischen Überlegungen über "Authentizität! Von Exzentrikern, Dealern und Spielverderbern" macht manchmal richtig Spaß, weil dieses Buch stilistisch viel wagt: Prägnanz ("Nichts entgeht der Logik der Distinktion.", S. 176), intelligente Metaphern und aggressive Bonmots ("Das Arbeitskleid als Menetekel niederen Seins, ausstaffierter Funktionsfrust, Kleider machen Leute runter." S. 111). Zugleich nimmt Engler für sich ein, da er seine intellektuelle Herkunft aus dem Geist des Materialismus nicht verleugnet: "Urheber dieser Option für das 'Natürliche', 'Naive' war die mittelständische Intelligenz in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts." (S. 170) Akademische Besserwisser mögen da einwenden, dass 'Intelligenz' fürs 18. Jahrhundert ein unangemessener wie längst erledigter Begriff ist. Aber Engler macht so – wie auch sonst in diesem Buch – unmissverständlich klar, wo er steht.

Der kuratorische Akt

von Theresa Luise Gindlstrasser

11. Oktober 2017. Kuratieren? Lateinisch "curare" heißt "sich sorgen um". Der Berliner Theaterstreit ist umfassender als die Frage: Chris Dercon – ja, nein, vielleicht, ein bisschen. Und doch entzündet er sich am Begriff des "Kurators", des Sich-Sorgenden. Aber was tun denn die Menschen, wenn sie kuratieren? Ist's sorglose Selbstbedienung am künstlerischen Potential, mutwillige Prekarisierung von Arbeitsstrukturen, Negieren von Macht- und Repräsentations-Fragen zu einem blinden Fleck und ein unkritisches Verhältnis zur Globalisierung und also Hegemonialisierung von Theater – oder doch dieses Sich-sorgen-um?

Aber anders

von Dirk Pilz

12. September 2017. "Außer sich", ein Roman. Das erste Kapitel dieser langen Erzählung heißt "Nach Hause", der erste Satz lautet: "Ich weiß nicht, wohin es geht, alle anderen wissen es, ich nicht." Ich, das ist hier auch das Buch selbst: Andere Romane mögen wissen, wohin sie das Erzählen führt, dieser hier weiß es nicht, gottlob. Er verirrt sich in Einzelgeschichten, verliert die Figuren vorsätzlich aus dem Blick, stolpert über seine eigenen Sätze, stammelt, schreit mitunter. Ich weiß nicht, wohin es geht: Das Buch ist schon außer sich, wenn es beginnt.

Lautes Vorlesen in Gruppensituationen

von Thomas Rothschild

7. September 2017. Die Aufführungsanalyse ist, möchte man meinen, Domäne des Theaterkritikers. Neben der Stückanalyse – zumal bei Uraufführungen oder bei vergessenen und wiederentdeckten Werken – und der Bewertung macht sie den Kern einer Theaterkritik aus. Über die wünschenswerte Gewichtung dieser drei Bestandteile sind Kritiker und Redakteure unterschiedlicher Auffassung, wie der regelmäßige Leser von nachtkritik.de ohne große Mühe beobachten kann.