Marode moralische Anstalt

von Esther Slevogt

21. April 2021. In Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche werden einzelne Ereignisse plötzlich zu Triggerpoints. Zwar brechen aus ihnen die unhaltbaren Verhältnisse noch einmal besonders schmerzlich hervor. Gleichzeitig wirken sie auf die bis dahin weitgehend unter der öffentlichen Wahrnehmungsschwelle wirkenden Veränderungsprozesse wie Katalysatoren. Denn sie markieren den Punkt, an dem die Prozesse unumkehrbar werden. Der Fall Ron Iyamu könnte so ein Triggerpoint sein: Ein junger Mann, der an einem renommierten Institut eine Ausbildung zum Schauspieler macht, gerät in den real existierenden Theaterbetrieb hinein und erlebt dort im Rahmen und im Namen der Kunstproduktion Dinge, die ihn existenziell angreifen. Versuche, seiner Not innerhalb der Strukturen, in denen sie sich ereignen, Ausdruck zu verleihen, scheitern immer wieder. An Indolenz, an Ignoranz und der nicht hinterfragten Gewissheit des Betriebs, die künstlerischen Produktionsbedingungen (und die eigenen Absichten) seien die bestmöglichen. Wer mit ihnen in Konflikt gerät, ist selber schuld, ist zu schwach, nicht gut genug, führt gar Böses im Schilde. Als der Schauspieler schließlich mit seinen Erlebnissen an die Öffentlichkeit geht, werden die Risse, die das System längst hat, plötzlich unübersehbar. Aber fangen wir von vorne an.

Pfauen mit Vergangenheit

von Andreas Klaeui

Zürich, 22. April 2021. "Was das Publikum selber betrifft, so dürften wir nicht vergessen, dass ein Teil der Zürcher, die das alte Schauspielhaus nachträglich als ihr Schauspielhaus bezeichnen, sich täuschen: Damals (ich erinnere mich) war es ein Emigranten-Juden-Marxisten-Theater. Entdeckt haben sie es als Ruhmesblatt nach dem Krieg; als unser Schauspielhaus liebten sie es; je schwächer es wurde." Das schrieb Max Frisch 1969 in seiner "Rede zum Zürcher Debakel". Mit Zürcher Debakel meinte er den Rausschmiss des Intendanten Peter Löffler und des Regisseurs Peter Stein mit jenem Ensemble (Bruno Ganz, Jutta Lampe, Edith Clever), das dann in Berlin an die Schaubühne ging. 

Peinliche Wühler

von Michael Bartsch

8. April 2021. Im Jahr 2021 stehen weitere wichtige Wahlen an, und in diesem Frühjahr werden in Kommunen und Ländern teils verspätet coronagestresste Krisenhaushalte beschlossen. Die AfD und die vielerorts schon zu ihrer Light-Version mutierten Freien Wähler nutzen die "Gunst" knapper Kassen, erneut gegen ideologisch missliebige "linksextreme" Vereine und Institutionen Attacken zu reiten, auch gegen große Bühnen. Getarnt werden diese Streichungsanträge mit der "Verantwortung", die schrumpfenden Einnahmen im Interesse aller nach neuen Prioriäten zu verteilen. Im Klartext läuft dieses Ansinnen auf ein Ausspielen der Kultur gegen Gewerbe und Soziales hinaus.

Orpheus digital

von Georg Kasch

Berlin, 31. März 2021. Musiktheater in Zeiten sozialer Distanz – das klingt zunächst einmal nach sicherer Bank. Während sich das Sprechtheater erst an die Aufbereitung fürs Netz herantasten musste, hatte die Oper bei Pandemiebeginn schon einen guten Vorlauf. Mit Live-Übertragungen in Kinosäle und gelegentlichen Internet-Streams hatten die großen Häuser längst wertvolle Erfahrung gemacht. Zudem konnten viele von ihnen auf ein Archiv aus Hochglanzvideokonserven klassischer Inszenierungen zurückgreifen. Entsprechend wurde seit Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 rausgekloppt, was die Bestände hergaben. Sogar live gestreamte Premieren gab es etliche. Dass die Show hier derart ungebrochen weitergeht, liegt – neben ordentlicher Budgets und Sponsoren, die fürs Freitesten zahlen – auch am internationalen Reisezirkus: Wer die Sänger:innen und Dirigent:innen nicht zum verabredeten Zeitpunkt nutzt, hat danach kaum eine Chance, sie noch einmal für Endproben zusammenzukriegen.

Eine neue Selbstverständlichkeit

Eva Hubert im Interview mit Stephanie Drees

24. März 2021. Vergangene Woche, am 15.3.2021, ist Klaus Dörr als Intendant der Volksbühne zurückgetreten. Nach nur vier Monaten hatte damit der Theaterbetrieb seinen nächsten Machtmissbrauchs-Skandal: Erst im November 2020 trennte sich das Staatstheater Karlsruhe von Peter Spuhler als Generalintendant. Klaus Dörr werden Machtmissbrauch in Form von sexueller Belästigung, Mobbing und Altersdiskriminierung vorgeworfen, erstmals öffentlich geworden in einem Hintergrund-Artikel der taz. Bei Themis, der Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt im Kulturbereich, reichten zehn Frauen Beschwerde ein. Mit Eva Hubert, einer der beiden Vorstände von Themis, sprach Stephanie Drees über die Arbeit der Organisation.

Reißt die Barrieren ein

10. März 2021. "Jeder Mensch, der eine Behinderung hat, braucht ganz essentiell Selbstironie, weil sonst kann‘s schon mal anstrengend werden", sagt die Schauspielerin Lucy Wilke. Im Theater sichtbar zu werden, ist für sie nicht nur ein persönliches Anliegen: "Es ist die ganze Gesellschaft, die abgebildet wird, und da gehören Menschen mit Behinderung schließlich auch dazu." Gemeinsam mit dem queeren Tänzer Paweł Duduś hat die Sängerin und Schauspielerin, die mit spinaler Muskelatrophie lebt, ein Stück über Selbstermächtigung erarbeitet: Ihre freie Produktion "Scores that shaped our friendship" ist zum Theatertreffen 2021 eingeladen.

Triple-F für Most Female

von Stephanie Drees

8. März 2021. Im europäischen Theater sind Männer stärker repräsentiert als Frauen und nehmen öfter hochrangige Positionen ein. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie zu Geschlechterverhältnissen an europäischen Bühnen, die von der European Theatre Convention (ETC), einem Zusammenschluss von 44 europäischen Bühnen,  in Auftrag gegeben wurde, "um in allen Unterhaltungssektoren vorherrschende, geschlechtsspezifische Ungleichheiten und mangelnde Vielfalt aufzudecken und Veränderungen voranzutreiben". Bei "prestigeträchtigen Positionen" im Bereich der Dramatik, Regie und Technik dominierten die Männer, Frauen seien "an der Spitze der Hierarchie weniger präsent" und häufiger prekär beschäftigt. Für nachtkritik.de hat Stephanie Drees mit der Geschäftsführerin der ETC Heidi Wiley gesprochen.

Den Mainstream entern

Raúl Krauthausen im Interview mit Esther Slevogt

5. März 2021. Das Videoportal TikTok hat in Deutschland ein Kulturförderprogramm aufgelegt. Insgesamt 5 Millionen Euro sollen Kulturinstitutionen "beim Einstieg in die digitale Kommunikation und dem Erreichen neuer Zielgruppen" unterstützen, wie es in der Ausschreibung heißt. Zur Förderung eingereicht werden können "Projekte, die sich mit dem Thema Diversität künstlerisch auseinandersetzen und kulturelle Teilhabe ermöglichen". Geförderte Institutionen werden verpflichtet, ihre Aktivitäten mit mindestens acht Videos pro Monat auf TikTok zu begleiten. Taugt Tiktok als kultureller Vermittlungskanal? Wir haben via Zoom kurz bei Raúl Krauthausen nachgefragt, der zur Jury gehört. Der studierte Kommunikationswirt ist Inklusions-Aktivist (u.a. Gründer der Sozialhelden) und Medienmacher. In dieser Eigenschaft hat er die Internetseite Leidmedien.de gegründet, einen Online-Ratgeber für Sprache und Behinderung. Krauthausen bloggt und bespielt mit großem Erfolg (und enormen Follower:innenzahlen) verschiedene soziale Medien wie Twitter und Instagram. Und Tiktok natürlich.

"Ich sehe so viele weiche Intendanten rumeiern"

Sebastian Hartmann im Interview mit Christian Rakow

4. März 2021. Mit seiner Adaption von Thomas Manns "Zauberberg" hat Regisseur Sebastian Hartmann einen der Streaming-Hits der Corona-Saison gelandet. Knapp 10.000 Aufrufe erzielte die Online-Premiere nach Angaben des Deutschen Theaters Berlin, die Produktion ist zum Berliner Theatertreffen 2021 eingeladen. Mit zwei beweglichen und vier statischen Kameras sowie der Live-Bildregie von Jan Speckenbach wurde die Inszenierung, die ursprünglich für eine analoge Premiere im November 2020 erarbeitet war, internetfähig gemacht.

Die Normalität des gemeinschaftlichen Arbeitens

von Sibylle Berg

3. März 2021.

Ausgerechnet Regieanweisungen …

… war mein erster Gedanke, als ich begann, Herrn Wolfs Text zu lesen.

Als hätten wir gerade keine anderen Sorgen, wir, die Theaterschaffenden ohne Theater. Wir, die AutorInnen, die nichts mehr schreiben, weil keiner weiß, wann wieder etwas aufgeführt werden kann.