Macht und Aufsicht

von Thomas Heskia

2. September 2020. Über 300 Theatermitarbeiter*innen demonstrieren vor der Sitzung des Verwaltungsrates ihres Theaters. Es geht um die Person des Generalintendanten, dem interner Machtmissbrauch und ein toxisches Arbeitsklima vorgeworfen werden, und dem in der Sitzung später der Verwaltungsrat dennoch das Vertrauen ausspricht.

Die Krise als Brennglas

14. August 2020. Nach dem Shutdown öffnen die Theater derzeit wieder – und die September-Spielpläne muten an, als hätte es Corona nie gegeben. Rausgehauen wird, was längst geplant und geprobt war, in der Hoffnung, es möge nicht wieder schlimmer kommen. Weiter wie zuvor: Ist das das Motto? Hat die Krise die Häuser nicht verändert? Welche Weichen können und müssen jetzt gestellt werden, um Theater zukunftssicher zu machen? Über Theaterschaffen im Coronamodus, den Intendant*innenjob und zeitgemäße Leitungsmodelle sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp im Theaterpodcast #27 mit der Potsdamer Intendantin Bettina Jahnke und dem Regisseur Antú Romero Nunes.

Kampf den Aerosolen!

von Harald Raab

20. Juli 2020. Ein Gespenst geht um an allen Theatern – COVID-19. Die gute Nachricht: man glaubt, mit rigoros ausgedünnten Reihen im Zuschauerraum, ausreichend Abstand der Sitze und Maskenpflicht in Garderoben und Pausenräumen die Gefahr bannen zu können. Die schlechte Nachricht: Die Virologen und Raumhygiene-Spezialisten gelangen immer mehr zu der Ansicht, dass eine der Hauptansteckungsquellen in geschlossenen Räumen Aerosole sind,  die Viren also, die mit der Atemluft eines Infizierten in die Umgebung gelangen und wegen ihrer geringen Größe stundenlang im Raum schweben können.

Intendant unter Beobachtung

Anna Bergmann im Gespräch mit Esther Slevogt

19. Juli 2020. Bis vor kurzem hatte das Badische Staatstheater in Karlsruhe den Ruf, ein modernes Vorzeigehaus zu sein. Das hatte vor allem mit der seit 2018 amtierenden Schauspieldirektorin Anna Bergmann zu tun, die als erste Amtshandlung eine hundertprozentige Regie-Frauenquote einführte. Inzwischen wurde das von Generalintendant Peter Spuhler geleitete Mehrspartenhaus von einer Führungskrise erfasst, in der dem Intendanten unter anderem Machtmissbrauch und ein toxisches Arbeitsklima vorgeworfen werden. Im Zuge dessen wurde ein Spartenleiter nach Vorwürfen sexueller Übergriffe freigestellt.

Noch ein Vertrauensvorschuss

von Georg Patzer

17. Juli 2020. "Von Haltung & Verhalten" und "Von Macht & Verführung" steht auf den letzten Spielzeitheften des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Stets setzte der amtierende Generalintendant Peter Spuhler auf politisches Theater, in den letzten Wochen allerdings werden die Spielzeit-Motti eher auf seinen Führungsstil bezogen.

Ehre füllt den Kühlschrank nicht

von Cornelia Fiedler

4. Juli 2020. Es ist deprimierend: Die neusten Zahlen zu Frauen im Kulturbetrieb zu sichten macht keinen Spaß. Der Blick auf das Einkommen von Künstler*innen generell liest sich noch immer als gesellschaftliches Armutszeugnis; und die Fakten zu Freiberufler*innen im Speziellen bestätigen die schlimmsten coronainduzierten Befürchtungen. Einerseits. Andererseits tut es richtiggehend gut, sich mit diesen Statistiken zu konfrontieren. Weil es klarzieht, dass kein individuelles Verschulden vorliegt, wenn nach dem Shutdown plötzlich die Hartz-IV-Anträge auf dem Küchentisch in der Kreativen-WG liegen. Weil wir schlicht in Strukturen leben und arbeiten, die die geringe Wertschätzung kultureller Arbeit ebenso reproduzieren wie die Schlechterstellung von Frauen.

Bochumer Verwandlungen

von Max Florian Kühlem

3. Juli 2020. Ein Moment Wahrhaftigkeit auf der Spielzeitvorstellung am Schauspielhaus Bochum: Johan Simons schaut leicht verknittert in sein Publikum aus verteilt sitzenden Journalisten auf der großen Bühne, hinter ihm der schöne Saal mit der "offenen Wunde" aus wegen Corona ausgebauten Sitzen. Der 73-Jährige sagt: "Wenn man startet, tut man so, als wisse man alles über eine Stadt. Und dann begegnet man ihr."

Vor uns liegen Monate der Angst-Arbeit

1. Juli 2020. Die Corona-Krise hat in vielen Bereichen bereits existierende Probleme verschärft oder zumindest sichtbar gemacht. Auch in der Gegenwartsdramatik, wo die Folgen der Pandemie besonders den Autor*innen noch lange schaden könnten – sagt der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz im Gespräch mit Andrea Heinz. Aber der Lockdown hat Schmalz auch dazu inspiriert, sich verstärkt um die Dramen-Analyse zu kümmern und ein neues Forschungsprojekt anzustoßen.

"Sie haben Lügen erzählt"

von Kirill Serebrennikow

Bevor der russische Regisseur Kirill Serebrennikov am 26. Juni 2020 in Moskau zu drei Jahren auf Bewährung verurteilt wurde, hielt er am Montag, 22. Juni, vor dem Gericht in Moskau eine Rede, die wir hier dokumentieren. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Birgit Lengers, Dramaturgin am Deutschen Theater in Berlin. Sie weist darauf hin, dass die ersten Buchstaben jedes Absatzes im russischen Original folgende Aussage ergeben: "ICH BEREUE NICHTS. IHR TUT MIR LEID."

Das Theater der feinen Unterschiede

von Francis Seeck

25. Juni 2020. Seit Kurzem wird im Kulturbereich vermehrt über soziale Ungleichheit gesprochen: Der Begriff Klassismus (engl. classism), der analog zu Rassismus und Sexismus eine Diskriminierungs- und Unterdrückungsform beschreibt, etabliert sich langsam auch im Deutschen – und wird immer seltener mit der Kunstepoche Klassizismus verwechselt (vgl. Seeck/Theißl 2020).