Das Verschwinden der Welt und das Theater der Diskursfetische

von Lynn Takeo Musiol und Christian Tschirner

8. April 2020. Am 27. Mai 1918 meldete die spanische Nachrichtenagentur Agencia Fabra: "Eine merkwürdige Krankheit mit epidemischem Charakter ist in Madrid aufgetreten. Diese Epidemie verläuft harmlos, keine Todesfälle bisher gemeldet." Die Krankheit reist auf Kanonenbooten, Truppentransportern, Eisenbahnen in alle Welt, kriecht in die vom Krieg geschwächten Körper. Im Herbst 1918 schließt St. Louis Schulen, Kinos und Bibliotheken, Berlin die Post und den öffentlichen Nahverkehr.

Produktivitätsdruck in der Krise

7. April 2020. Das Coronavirus herrscht, die Theater sind geschlossen. Aber zum Stillstand sind sie nicht gekommen: Ihre Bühnen sind ins Internet verlegt worden. Häuser wie die Berliner Schaubühne oder die Münchner Kammerspiele streamen Vorstellungsmitschnitte, Schauspielerinnen rezitieren Hamlet oder melden sich aus dem Familien-Wohnzimmer, Intendanten singen "Das Lied der Viren".

Kunst, die aus Karenz entsteht

Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg im Interview mit Elena Philipp

3. April 2020. Live-Präsenz ist im Theater derzeit strengstens untersagt, dafür wird verstärkt telekommuniziert. Woran arbeitet ein geschlossenes Theater, wenn die üblichen Arbeitsweisen unterbrochen sind und vorerst alles brach liegt? Davon berichten Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg, die Intendanten des Schauspielhaus Zürich, im Zoom-Gespräch.

Der Corona-Reflex

von Katja Grawinkel-Claassen

Düsseldorf, 30. März 2020. In Zeiten von Corona und "social distancing" explodiert die Zahl der digitalen kulturellen Angebote. Bei Theatern war am Anfang noch das Streaming hoch im Kurs, die Live-Übertragung von Vorstellungen. Besonders diskursive Formate wie Vorträge oder Gesprächsrunden können mit überschaubarem Aufwand gestreamt werden, wenn die Ensembles nicht mehr zusammenkommen können und "Geister-Vorstellungen" – ohne Zuschauer*innen, nur für den Stream – nicht mehr möglich sind. Hier kommen im Theater ähnliche Technologien zum Einsatz wie in Schule, Universität oder Unternehmen, die aufgrund der sozialen Isolation zur Eindämmung des Virus auf "home office" umgestellt haben.

Ist Kunst jenseits der Verschwendung denkbar?

von Lynn Takeo Musiol und Christian Tschirner

25. März 2020. Welche Rolle spielen Überlegungen zu Ökologie und Nachhaltigkeit? Ist klimaneutrales Theater technisch möglich und künstlerisch interessant? Gibt es überhaupt Zeit, sich im Alltagsgeschäft über die obligatorischen Solidaritätsbekundungen hinaus mit der Klimakrise zu beschäftigen? Mit diesen Fragen im Hinterkopf wollten wir uns mit Akteur*innen aus Stadttheater und Freier Szene zu einem Gespräch zusammensetzen, um eine Art Bestandsaufnahme zu machen.

Warten auf die große Kunstparty

von Sascha Westphal

21. März 2020. So war das nicht geplant. Eigentlich sollte das vom Netzwerk "Cheers for Fears" gemeinsam mit der Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität und dem medienwerk.nrw veranstaltete Symposium "Staging Complexity. Ein Labor zu Kunst und Theater im digitalen Zeitalter" in den Räumen des Theaters Dortmund stattfinden. Außerdem sollte es noch von zwei Präsentationen und mehrtätigen Workshops flankiert werden. Doch in Zeiten von Corona und Social Distancing war das alles natürlich keine Option mehr. Die Workshops sind auf den Herbst verschoben, die Präsentationen mussten bedauerlicherweise ausfallen.

Rechte und Sicherheiten in Zeiten von Corona

Wir fassen hier die Antworten und Hinweise zusammen, die der Bundesverband Schauspiel (Interview mit dem Justiziar Bernhard Störkmann) und der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. geben.

Die Rückkehr der Großen Erzählung

von Christian Tschirner und Lynn Takeo Musiol

"I've seen penguins, plutonium, pollution and pollen.
But I've never seen Nature at all."
Timothy Morton

11. März 2020. Es gab Zeiten, da war die Zukunft glänzend. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts zum Beispiel: Gottes Plan, ein Himmelreich auf Erden zu errichten, stand kurz vor der Verwirklichung. Christliche Sektierer in ganz Europa fühlten sich zu den unterschiedlichsten sozialen Experimenten ermutigt: Die englischen Levellers wollten die Privilegien des Adels abschaffen. Die Diggers oder True Levellers besetzten und bearbeiteten Land, verteilten die Erträge, um Handel und Geldwirtschaft zu beenden. Einige der Täufer und Mennoniten unterstützten die aufständischen Bauern in ihren Forderungen nach Auflösung der Klöster und Armenspeisung. "Natur, du bist mein Gott, dein Recht ist meins", deklariert Bastard Edmund selbstbewusst im "King Lear". Was die Zukunft brachte, war aber nicht das Reich Gottes, sondern die Neuzeit und mit ihr den Kapitalismus.

"Is she hot or not?"

10. März 2020. Nackte auf der Bühne? Gehören für viele längst zum Klischee des zeitgenössischen Theaters. Als die junge Eva Mattes 1976 in "Othello" nackt über die Bühne gejagt wurde, taugte das zu einem echten Theaterskandal. Mit seiner "Blut-und Fäkalien"-Orgie "Macbeth" löste Regisseur Jürgen Gosch noch 2005 die legendäre "Ekeltheaterdebatte" aus. Auf den FAZ-Großkritiker wirkte das Enthüllen damals wie ein "Verbrechen": "Das Theater, das sich mit 'dem Leben' (meist nichts weiter als ein Synonym für Nacktheit) verwechselt, schändet die Phantasie", schrieb Gerhard Stadelmaier.

Auswirkungen auf die Theater

März 2020. In diesem Beitrag haben wir das Theater betreffende Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus gesammelt. Bis zum 16. März 2020 wurden die Angaben laufend aktualisiert. Da jetzt alle Theater und Spielstätten in Österreich, der Schweiz und Deutschland geschlossen sind, wird diese Liste nicht weitergeführt.

Was festangestellte und freie Theaterschaffende wissen sollten, finden Sie hier.

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