Im digitalen Vormärz

von Esther Slevogt

8. Februar 2018. Im Transformationsprozess, den die traditionelle bürgerliche Öffentlichkeit unter dem Druck der Digitalisierung gegenwärtig durchläuft, könnten die Theater eine zentrale Rolle spielen: als Motor und Entwickler neuer, digitalbasierter Formen von Öffentlichkeit und Vernetzung, die keinen wirtschaftlichen Interessen unterworfen sind, als datengeschützte Plattformen gesellschaftlicher Auseinandersetzung und Labore für die demokratische Meinungs- und Willensbildung der Netzgesellschaft – sie könnten also wesentliche Mitgestalter des Raumes Internet im Digitalzeitalter sein.

Isso? IsNichSo. Es geht auch anders

von Tim Tonndorf

7. Februar 2018. Als ich neulich Radio hörte, wurde mir nahe gelegt, meinen Beruf als Regisseur aufzugeben. Doch dazu später mehr. Zunächst möchte ich der laufenden Debatte um die Arbeitsbedingungen am deutschen Theaterbetrieb eine Regie-Perspektive hinzufügen. Neben Schauspieler*innen, die sich wirkungsvoll im Ensemble-Netzwerk engagieren (in welchem ich auch Mitglied bin), Intendant*innen und Kritiker*innen (wie unlängst Michael Wolf) fehlen mir öffentliche Positionen von jungen Regisseur*innen, insbesondere von solchen, die nicht zum arrivierten Metropolen-Karussell zählen. Bei der Frage nach erstrebenswerten Veränderungen in ihrem Arbeitsfeld halten sich gerade meine männlichen Kollegen seltsam bedeckt. Dabei ist für ein Umsetzen des Umdenkens gerade der Schulterschluss von Regisseur*innen und Schauspieler*innen essentiell.

Lebenselixier der Demokratie

von Lene Grösch

7. Februar 2018. "Wir haben es heute noch nicht mit der Zerstörung des sozialen Zusammenhangs zu tun, aber mit einem ungeheuren Potential dazu. Wenn diese Diagnose zutreffend ist, dann ist allerdings Widerstand nötig. Widerstand gegen die physische Zerstörung der künftigen Überlebensgrundlagen, gegen den Extraktivismus, Widerstand aber auch gegen die Okkupation des Sozialen. Widerstand gegen die freiwillige Hingabe der Freiheit. Widerstand gegen die Dummheit. Widerstand gegen die Verführbarkeit seiner selbst, leichthin zu sagen: 'Ist ja egal, es kommt doch auf mich nicht an.'"

Die Mainphilharmonie

von Alexander Jürgs

Frankfurt / Main, 1. Februar 2018. Was für Zahlen. 868 Millionen Euro. 848 Millionen Euro. 888 Millionen Euro. So teuer wird es laut einer im vergangenen Sommer präsentierten Machbarkeitsstudie, die Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main zu sanieren oder neu zu bauen. Drei Varianten haben die Architekten vom Planungsbüro PFP für das Gebäude durchgerechnet, in dem sowohl das Frankfurter Schauspiel wie auch die Oper ihren Platz haben: eine Sanierung, die etwa elf Jahre dauern wird, eine acht Jahre dauernde Sanierung, einen Neubau. Dass das Kostenergebnis dabei kaum variierte, hat sie verblüfft. Wie teuer das Vorhaben insgesamt werden wird, hat einen Schock ausgelöst.

Neues Jahr, neue Debatten

21. Januar 2017. Im neuen Theaterpodcast sprechen die Theaterredakteurinnen Elena Philipp (nachtkritik.de) und Susanne Burkhardt (Deutschlandfunk Kultur) ab jetzt einmal im Monat über die wichtigsten Neuigkeiten und Debatten der Theaterwelt.

Deutsche, esst mehr deutsche Bananen!
oder
Wie Peter Pickelhering das deutsche Theater erfand

von Peter W. Marx

Köln, 11. Januar 2018. Es ist eine verwirrende Lust am Reden über das Deutschsein, die dieser Tage den politischen Diskurs beherrscht: Nicht erst seit dem Einzug der AfD in den Deutschen Bundestag ist es salonfähig, wenn nicht gar Mode geworden, affirmativ-sehnsüchtig vom 'Deutschsein' zu sprechen. Vor dem Hintergrund einer vermeintlichen Bedrohung nationaler Identität durch Migration wogt eine Welle nationaler Schlagworte durchs Land: Von "spezifisch deutscher Kultur", "Leitkultur" bis zum "Abendland" ist da die Rede. Und es wirkt wie eine ausgefeilte Inszenierung, wenn der rechtspopulistische AfD-Politiker Alexander Gauland ausgerechnet das ausgesprochen teutonisch-klingende Eichsfeld in Thüringen nutzt, um seine Ausfälligkeiten gegen die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özuguz, zu verbreiten.

Aus dem Wagner-Baukasten

von Regine Müller

4. Januar 2018. Es tut sich was in der Oper! Als gäbe es eine geheime Verabredung, ist neuerdings plötzlich etwas denkbar in der Gattung Oper, was vorher als in Stein gehauenes Tabu galt. Nämlich der beherzte Eingriff in die Partitur.

Und Gerhard Stadelmaier tobt

von Falk Schreiber

3. Januar 2018. Das erste Mal fiel mir Gerhard Stadelmaier Mitte der Neunziger im Frankfurter Schauspielhaus auf. Die Premiere auf der kleinen Kammerbühne war ausverkauft und aus irgendwelchen Gründen war die Kartenreservierung für den FAZ-Kritiker verlorengegangen. Für die Pressesprecherin war das eine mittlere Katastrophe: Der Fehler lag augenscheinlich bei ihr, der Saal war voll, und Stadelmaier hatte keinen Platz. Zumal dieser sich auch noch anschickte, eine Szene zu machen: Er baute sich drohend vor dem Pressetisch auf, ein breiter, wuchtiger Mann, der sich seiner beeindruckenden Physis vollkommen bewusst war, "Ich bin Gerhard Stadelmaier!" grollte er mehrfach, "Wissen Sie, wen Sie hier vor sich haben?" Panisch versuchte die Pressesprecherin, einen Platz zu organisieren, am Ende verzichtete der Dramaturg, und der Kritiker kam auf dessen Platz zu sitzen, immer noch wütend. Am Montag erschien in der FAZ ein Verriss des Abends.

Herr Müller kneift

von Anne Peter und Christian Rakow

Berlin, 21. Dezember 2017. Es ist ein bewegter Dezember für Michael Müller, den Regierenden Bürgermeister von Berlin. Er hat mit seinem Kabinett gerade den Doppelhaushalt für 2018/2019 verabschiedet, in dem die Investitionen um 4,5 Milliarden Euro steigen (der Kulturetat um rund 175 Millionen Euro für beide Jahre). Prima! Und er trägt weiter schwer an der Bürde des BER, der Flughafenruine Berlin-Brandenburg, deren Eröffnung sich nach neuesten Schätzungen auf 2020 verschiebt. Betrüblich. So liegen Jubel, Schimpf und Schande oft nahe beieinander in der Politik.

Was sagt uns das, das sogenannte Politische?

von Sibylle Berg

Meine lieben Damen und Herren,

es ist mir eine große Freude, dass ich ihnen heute in diesem Landschulheim meine vollkommen subjektive Sicht auf die politische und gesellschaftliche Aufgabe der Theater nahebringen darf.
Ich beschränke mich auf das Sprech-Theater, denn meine Opernkenntnisse sind trotz eines mich verstörenden Besuchs in Bayreuth sehr limitiert. Wie ich höre, geht es den Opernhäusern aber Gold, und mir ist kein Aufruf bekannt, der von der Oper eine explizit politische Haltung einfordert. Musik halt.

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