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In den Mainstream einfließen

von Azadeh Sharifi

Juli 2011. In den Foren der deutschen Theaterlandschaft beginnen die ersten Auseinandersetzungen mit interkulturellem Theater. Die Dramaturgische Gesellschaft veranstaltete in diesem Jahr ihr Treffen unter dem Thema "Wer ist Wir? Theater in der interkulturellen Gesellschaft". Während die wirkliche Diskussion über interkulturelles Theater in Deutschland erst noch geführt werden muss, ist Großbritannien aufgrund seiner kolonialen Geschichte den deutschen Debatten weit voraus. Das soll nicht heißen, dass Großbritanniens Kulturpolitik vorbildliche Wege geht. Es kann aber nicht schaden, einmal über den Tellerrand der deutschen Theaterdiskussion hinaus zu schauen und mögliche Wege für die deutsche Kulturpolitik zur Kenntnis zu nehmen und zu diskutieren.

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Raus in die Stadt – aber wie?

von Sarah Heppekausen

Wuppertal, 22. Juni 2011. Wuppertal, Moers, Hagen, Oberhausen, ganz aktuell Bonn und Bochum – die Liste der bedrohten Theater in Nordrhein-Westfalen ist lang. Die meisten Städte des Landes haben einen Nothaushalt, NRW steckt mitten in der kommunalen Finanzkrise. Dass die nicht notwendig auch eine Theaterkrise bedeuten müsse, darüber sind sich Kulturpolitiker und Kulturschaffende einig. Beim NRW-Theatertreffen kamen jetzt etwa 70 von ihnen bei einer internen Arbeitstagung (Namen werden hier deshalb nicht genannt) zusammen, um über die Zukunft der Bühnenlandschaft zu diskutieren.

Dem Stadttheater ist noch zu helfen

von Matthias von Hartz

Juni 2011. Deutschland hat eine der reichsten Theaterlandschaften der Welt. Gleichzeitig betreiben wir eine interessante Monokultur. Theater ist in Deutschland weitgehend synonym mit Stadt- und Staatstheater, auch wenn diese sich untereinander stark unterscheiden. Wir können sagen: Eine Institution hat das Medium fast monopolisiert. Das gilt vor allem für die Ressourcen und damit für die öffentliche Wahrnehmung. Im Vergleich zu den öffentlichen Geldern, die in die Stadt- und Staatstheater fließen, ist vernachlässigbar, was in Tanz, internationales Theater, freie Produktionsstätten, Gruppen oder andere Formen von Bühnenkunst fließt. Das macht die Kritik der Institution zu einem Thema mit größerer Tragweite. In letzter Konsequenz geht es nicht allein um die Institution, sondern um Entwicklung und Überleben des gesamten Mediums.

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Die Würde des Menschen ist antastbar

von Jens Roselt

Juni 2011. Wenn Blicke töten könnten, hätte Dostojewski keinen einzigen Roman zu Ende geschrieben, weil schon im ersten Kapitel alle Figuren tot umfallen würden. Blicke können nicht töten, aber sie können quälen. Deshalb sind sie eine Quelle sadistischer Lust. "Warum fixieren Sie mich derart?" – die Frage, die am Anfang von Dostojewskis Roman die Kettenreaktion von Erniedrigung und Beleidigungen auslöst, ist ein Angriff als Verteidigung. Er gründet in einer giftigen Mischung aus Unsicherheit und Stolz. Wer sich durch den Blick des anderen angegriffen fühlt, muss einen Schutzschild hochfahren. Dieser heißt Scham.

Der Königsweg zur Erkenntnis

von Elke Schmitter

Berlin, 15. Juni 2011. Sehr verehrte Gäste, und sehr geschätzte Theatermacher in diesem Haus!

Man kann sagen, dass dieses Experiment denkbar ungünstig begann. Ich bekam einen Anruf auf dem Mobiltelefon, als ich auf dem Fahrrad unterwegs war, und als nervöser Großstädter nimmt man natürlich auch auf dem Kurfürstendamm auf der Busspur den Hörer ab. Ich verstand den Namen des Anrufers nicht, und was von allem anderen bei mir ankam, das waren die Worte "Theater" und "Jury". Beide nicht übermäßig günstig besetzt in meinem Bewusstsein, und in der Kombination sich nicht neutralisierend, sondern wechselseitig bestärkend.

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Die übliche Verdächtige

von Sarah Heppekausen

Mülheim, 7. Juni 2011. Hätte sie ihn nicht bekommen, wäre die Meldung wohl eine sensationellere. Elfriede Jelinek erhält den mit 15.000 Euro dotierten Mülheimer Dramatikerpreis 2011. Nun schon zum vierten Mal bei insgesamt 15 Einladungen, diesmal für ihr Stück Winterreise.

Epizentrum Gessnerallee

Zürich, 26. Mai 2011. Der Leitungsposten der renommierten Off-Spielstätte Theaterhaus Gessnerallee Zürich ist neu besetzt: Der Tänzer und Choreograph Roger Merguin hat sich im Bewerbungsverfahren durchgesetzt (siehe Meldung). Einige aussichtsreiche Kandidaten wie Samuel Schwarz im Verbund mit Heike Albrecht (ehemals Sophiensäle Berlin) waren zuvor ausgeschieden. Aus dem Bewerbungswettrennen heraus hat sich, wie gemeldet, eine Aktionsgruppe "Gessnerallee 2014" gegründet (der u.a. Samuel Schwarz angehört), die in einem Manifest einen Strukturwandel in der Freien Szene Zürichs und an der Gessnerallee anmahnt.

Wenn der Hintergrund im Vordergrund steht

von Özgür Uludag

Hamburg, Mai 2011. Obwohl die Theaterschaffenden sich als Avantgarde betrachten, haben sie Angst, Schauspieler mit erkennbarem Migrationshintergrund auf die Bühnen zu lassen. Aus einer Bunkermentalität heraus verteidigen sie ihren Kultur- und Musentempel gegen die Migranten mit fremdländischem Aussehen und weigern sich, sie dort zu integrieren.

Das Bedürfnis nach intensiver Erfahrung

von Franziska Kötz

April 2011. Der Beruf des Dramaturgen hat sich nach meiner Erfahrung im Laufe der rund 20 Jahre, in denen ich dieses 'Geschäft' an verschiedensten Theatern ausübte, grundlegend verändert.

Die systematische Versteppung einer Theaterlandschaft

von Klaus Pierwoß

20. April 2011. Wer die Entwicklung der Theaterlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern seit 1989 beobachtet, der kann die neuesten Tendenzen nur mit Schrecken und Wut registrieren. Das Land, die Kreise und Kommunen als Theaterträger erweisen sich durch eine kompetenz- und phantasielose Kulturpolitik als die wahren Theaterzerstörer.