Komm mit mir ins Naziland

von Cornelia Fiedler

30. November 2017. Eine nationale "Deutscharmee" führt Krieg gegen Linke und Asylbewerber*innen in Oberhausen; in Essen haben Nazis den jugendlich frischen Fernsehsender "1West" übernommen; und in Bochum "tanzt" ein rechtsradikaler Bürgermeister frei nach DAF "die Alice Weidel": Rechte Kräfte entern die Bühnen. Es ist das Jahr, in dem erstmals seit 1945 eine rechte Partei in den Bundestag einzieht, und das als drittstärkste Kraft. Es ist das Jahr, in dem es nicht mehr reicht, auf der gefühlt richtigen Seite zu stehen und seine Angst angesichts des erstarkenden Rechtspopulismus zur Schau zu stellen, weder im Privaten noch in der Kunst.

Blut oder Ketchup

von Thomas Rothschild

29. November 2017. Wenn nicht alles täuscht, ist der Begriff des "Theatermuseums" zu einem der despektierlichsten unserer Zeit geworden, egal ob auf einzelne Inszenierungen gemünzt oder auf ganze Theaterhäuser (wie etwa auf das Berliner Ensemble unter Claus Peymann). Kaum ein Vorwurf trifft das Theater härter als der des Musealen. Die in ihm enthaltene negative Wertung scheint unwiderlegbar. Aber ist sie es tatsächlich? Bedarf es keiner zusätzlichen Differenzierungen?

Der Substanzwechsel unserer Theatersysteme

von Thomas Oberender

Berlin, 23. November 2017.

I. Das dichotomische Schema von exklusiven und kooperativen Produzenten

Freies Theater ist eine Spielart des Ensemble-Theaters, das aus verschiedenen Gründen andere Arbeitsbedingungen sucht und oft auch andere Werkformen schafft, als sie in den aufs Repertoire hin arbeitenden Strukturen möglich sind. Das macht die Hochleistungsbetriebe der Repertoire-Theater nicht per se altmodisch, langweilig oder überflüssig, sie sind ein kostbares Weltkulturerbe, das für viele Künstler*innen beispielhaft gute und komplexe Arbeitsbedingungen bereithält, aber genauso, wie dieses System seine Vorzüge hat, trifft es auch auf große Herausforderungen, auf die andere Akteure und Strukturen zum Teil besser reagieren können.

Die Intelligenz der Gruppe

Interview: Simone Kaempf und Nikolaus Merck

Berlin, 16. November 2017. Vor siebzehn Jahren startete Thomas Ostermeier an der Berliner Schaubühne mit einem Mitbestimmungsmodell, mit gleichen Gagen für alle Schauspieler*innen in einer Höhe, von der viele heute nur träumen können. Und mit dem Glauben an die kollektive Kraft des Ensembles. Vieles von dem, was zuletzt in der Debatte um die Zukunft der Stadttheater hochbrodelte, wurde an der Schaubühne ausprobiert – und auch wieder verworfen. Denn so plausibel die Forderung nach mehr Partizipation, nach höheren Gagen und besseren Arbeitsbedingungen auch klingen: Die Praxis ist komplizierter. Über seine Erfahrungen spricht Thomas Ostermeier im Interview mit Simone Kaempf und Nikolaus Merck.

Mit Stereotypen hantieren

von Sebastian Huber

15. November 2017. Der von Amy Stebbins in ihrem Artikel "Die Stunde des Whoppers" vom 12.11.2017 auf ZEIT online formulierten Kritik (hier unsere Zusammenfassung) an Ayad Akthars Stück "Geächtet" als anti-islamisch und von identitärer Ideologie nicht unterscheidbar muss widersprochen werden.

Welche Welt bedeuten diese Bretter?

von Necati Öziri

1. November 2017. Vielen Dank erst einmal für die Einladung. Ich muss gestehen, als mich Herr Vec anrief und bat, den Abschlussvortrag zu halten, ist mir mein Herz in die Hose gerutscht. Die Frage, um die es – auch vor dem Hintergrund der Sanierung, Neubebauung oder Schließung der Frankfurter "Theaterdoppelanlage" - gehen soll, beschäftigt mich nicht nur heute Abend und auch nicht nur beruflich, sondern seit etwa einem Jahr persönlich und ziemlich existenziell. Das setzte ein, so ungefähr mit dem Wahlkampf in der Türkei, begleitete den Wahlkampf in Frankreich und gipfelte in der Bundestagswahl in Deutschland.

Schluss mit dem Ablasshandel der Theater!

von Dirk Pilz

23. Oktober 2017. Meine Damen, meine Herren, ich danke für die Einladung, hier sprechen zu dürfen. Mir wurde in dieser Runde zwar, nun ja, die Rolle des jüngeren Zeitgenossen zugewiesen, aber ich werde mir die Freiheit nehmen, ein paar vermeintlich alte, womöglich banale Dinge zu sagen.

Es braucht Vitamin V

Interview: Sophie Diesselhorst und Anne Peter

16. Oktober 2017. Es ist 2017, aber es gibt Winkel auf der Welt, in denen kann von Geschlechtergerechtigkeit noch lange keine Rede sein. Im deutschen Theater zum Beispiel, das auf der Bühne doch so gern gegen Ungerechtigkeiten aller Art Sturm läuft. An den Stadt- und Staatstheatern werden nicht mal ein Drittel der Inszenierungen von Regisseurinnen verantwortet, auf den großen Bühnen sind es sogar noch weniger. Daran muss sich etwas ändern, findet der Verein "Pro Quote Bühne", der morgen mit einem Manifest und einer Pressekonferenz im Deutschen Theater das erste Mal an die Öffentlichkeit geht. Sophie Diesselhorst und Anne Peter haben mit den Regisseurinnen und Mitgründerinnen France-Elena Damian und Angelika Zacek über die Missstände im Theaterbetrieb, ihre Forderungen und Visionen gesprochen.

Freiräume

von Gerhard Preußer

4. Oktober 2017. Das Theater muss weichen. Oder zumindest vorläufig ausweichen. Drei große Schauspieltheater in Nordrhein-Westfalen hausen jahrelang in Ausweichspielstätten: Köln, Düsseldorf, Dortmund. Und auch diese drei sind im deutschsprachigen Theater keine Ausnahme: den Theatern in Frankfurt, Oldenburg, der Stuttgarter Oper steht die Ausweichexistenz noch bevor.

Niederlagen überall

von Nikolaus Merck

Berlin, 28. September 2017. Nach sieben Tagen ist heute die Besetzung der Volksbühne in Berlin auf Wunsch des Hausherren Chris Dercon beendet worden. Polizisten "entfernten" die Besetzer*innen mit sanfter Gewalt vom symbolisch aufgeladenen Ort des Geschehens. Die Sache verlief friedlich, immerhin, die Scharfmacher auf den publizistischen und parteipolitischen Schreibtisch-Barrikaden bekamen nicht den von ihnen herbeigeredeten Häuserkampf geboten.

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