Epizentrum Gessnerallee

Zürich, 26. Mai 2011. Der Leitungsposten der renommierten Off-Spielstätte Theaterhaus Gessnerallee Zürich ist neu besetzt: Der Tänzer und Choreograph Roger Merguin hat sich im Bewerbungsverfahren durchgesetzt (siehe Meldung). Einige aussichtsreiche Kandidaten wie Samuel Schwarz im Verbund mit Heike Albrecht (ehemals Sophiensäle Berlin) waren zuvor ausgeschieden. Aus dem Bewerbungswettrennen heraus hat sich, wie gemeldet, eine Aktionsgruppe "Gessnerallee 2014" gegründet (der u.a. Samuel Schwarz angehört), die in einem Manifest einen Strukturwandel in der Freien Szene Zürichs und an der Gessnerallee anmahnt.

Wenn der Hintergrund im Vordergrund steht

von Özgür Uludag

Hamburg, Mai 2011. Obwohl die Theaterschaffenden sich als Avantgarde betrachten, haben sie Angst, Schauspieler mit erkennbarem Migrationshintergrund auf die Bühnen zu lassen. Aus einer Bunkermentalität heraus verteidigen sie ihren Kultur- und Musentempel gegen die Migranten mit fremdländischem Aussehen und weigern sich, sie dort zu integrieren.

Das Bedürfnis nach intensiver Erfahrung

von Franziska Kötz

April 2011. Der Beruf des Dramaturgen hat sich nach meiner Erfahrung im Laufe der rund 20 Jahre, in denen ich dieses 'Geschäft' an verschiedensten Theatern ausübte, grundlegend verändert.

Die systematische Versteppung einer Theaterlandschaft

von Klaus Pierwoß

20. April 2011. Wer die Entwicklung der Theaterlandschaft in Mecklenburg-Vorpommern seit 1989 beobachtet, der kann die neuesten Tendenzen nur mit Schrecken und Wut registrieren. Das Land, die Kreise und Kommunen als Theaterträger erweisen sich durch eine kompetenz- und phantasielose Kulturpolitik als die wahren Theaterzerstörer.

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Peinlich und kleinlich

von Dina Netz

Köln, 24. Februar 2011. Peinlich und kleinlich. So muss man die Kölner Kulturpolitik im Moment nennen. Die Stadt hat Opern-Intendant Uwe Eric Laufenberg angetragen, während der Sanierungsphase 2012 bis 2015 Generalintendant der Kölner Bühnen zu werden, also Oper und Schauspiel zusammen zu leiten – dabei läuft der Vertrag von Schauspiel-Intendantin Karin Beier noch bis 2014. Dummerweise hatte niemand Karin Beier gefragt, was sie davon hält, weshalb sie jetzt erst recht ihren Vertrag bis zum Ende erfüllen will, auch wenn eigentlich Hamburg ruft. "Damit sind Überlegungen für eine Generalintendanz bei den Bühnen Köln für die Zeit des Interims nicht zu verwirklichen", hieß es Mittwoch Abend lakonisch in einer Pressemitteilung der Stadt. Das hätte man auch ohne große Öffentlichkeit herausfinden können. Uwe Eric Laufenberg hat sich inzwischen bei Karin Beier entschuldigt, obwohl er für das Vorgehen der Stadt ja auch nichts kann.

Frieren fürs Migrantenprojekt?

von Jürgen Reuß

Freiburg, 31. Januar 2011. Der Blick von der Galerie hinunter aufs dicht besetzte Winterer-Foyer des Theaters Freiburg, Gastgeber der Jahreskonferenz der Dramaturgischen Gesellschaft, gibt auf die Mottofrage "Wer ist WIR?" zumindest eine, nun ja, Antwort wäre wohl zu viel, sagen wir mal, beschwört eine Art Gemeinschaftssound, so ein "I see those dramaturges and all are dressed in black". Das wäre im Prinzip keiner Erwähnung wert, wenn nicht die Frage nach dem das Theater konstituierenden Wir im Zentrum des mehrtägigen Arbeitstreffens stünde. Ein gemeinsamer, unausgesprochener Dresscode kann da durchaus ebenso von Belang sein, wie die bisweilen in den Vordergrund rückende Redekunst, vor allem das eigene Anliegen ins Zentrum zu stellen. Das ist ein oberflächlicher Eindruck von außen, der sich bei längerer teilnehmender Beobachtung differenzierter gestaltet, aber dazu muss man erst mal reinkommen. Und damit ist man beim Kern des Problems.

Wie DER FAUST aufs Auge

von Frank-Patrick Steckel

Berlin, 5. Dezember 2010. Man war gewarnt. Bereits 2006 hatte der Präsident des Deutschen Bundestages das 'Fernsehformat' der ersten FAUST-Verleihung bemängelt – nur massive Verständigungsprobleme könnten uns den neuerlichen Zank zwischen ihm und dem Deutschen Bühnenverein plausibel machen. Das ungebremst enthemmte Buhlen um ein staatstragendes Gepräge der Verleihung seitens der bunt gemischten Veranstalter- und Förderergruppe geriet unvermeidlicher Weise neuerlich mit dem ebenso hemmungslosen Drang der Veranstalter nach TV-wirksamer 'Publicity' übers Kreuz. Norbert Lammert schreibt in seinem diesjährigen Offenen Brief an den Deutschen Bühnenverein entrüstet, man habe ihm versichert, "das Konzept sei weiterentwickelt worden". Diese Entwicklung hat er – zu Recht – nicht erkennen können und die 'Gala' nach ca. anderthalb Stunden in Rage verlassen.

Theater sind systemrelevant

von Norbert Lammert

 

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin,

lieber Herr Präsident Zehelein,

verehrte Gäste hier im Aalto Theater und an den Radio- und Fernsehgeräten!

 

"Die Kraft des Theaters besteht darin, Fragen aufzuwerfen, die es weder beantworten kann noch will."

Dieser schöne, richtige Satz ist leider nicht von mir. Er stammt von August Everding, dem großen Theatermann, der übrigens aus dem Ruhrgebiet stammt. Und August Everding hat hinzugefügt: "Das Theater hat nur selten Revolutionen beginnen lassen, selten Staatschefs gestürzt und nie die Menschheit verändert. Es hat aufgerufen, angerufen, lachen und weinen gemacht, es hat nachdenklich und zornig gemacht, fröhlich und aufsässig. Theater hat Kräfte mobilisiert" - Ende des Zitats.

 

Prof. Dr. Norbert Lammert
Präsident des Deutschen Bundestages
Platz der Republik 1
11011 Berlin

 

Deutscher Bühnenverein
Bundesverband der Theater und Orchester
Herrn Präsidenten Prof. Klaus Zehelein
Geschäftsführender Direktor
Herrn Rolf Bolwin
St.-Apern-Str. 17-21
50667 Köln

 

Offener Brief

Berlin, 29. November 2010

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Bolwin,

auf deutschen Bühnen habe ich schon manches gesehen. Vieles hat mich begeistert, manches verstört, einiges irritiert, häufiger inspiriert. Ich bin selten verärgert, nie wütend aus dem Theater gegangen.

Offener Brief

Köln, 30. November 2010

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident, lieber Herr Lammert,

dass Ihnen die FAUST-Verleihung in Essen am vergangenen Wochenende, über deren Verlauf Sie ja weitgehend vorher informiert waren, nicht gefallen hat, ist Ihre persönliche Angelegenheit. Es wirft aber auf Ihre Meinungsfindung ein merkwürdiges Licht, dass Sie sich ein öffentliches Urteil anmaßen, obwohl Sie die Veranstaltung bereits nach etwa einer Stunde verlassen haben und deshalb vieles gar nicht wahrnehmen konnten. Hoffentlich findet Ihre Meinungsbildung in anderen wichtigen Fragen nicht auf ähnlich fragmentarischer Grundlage statt. Dass Sie weder über den Humor noch das Verständnis für eine Parodie auf ein Fernsehformat wie die Saalwette verfügen, hatten wir nicht erwartet. Auch nicht Ihre Intoleranz gegenüber dem Anliegen von zwei wunderbaren Schauspielern, einer Preisverleihung mit künstlerischem Wagemut und Ironie einen eigenen Stil zu geben, über den wir gerne streiten mögen. Mehr Grandezza gegenüber der Kunst und ein liebevollerer Blick auf das, was da in Essen geleistet wurde, hätten den zahlreichen dort anwesenden Künstlern sicher gut getan. Schade, dass gerade Sie dies nicht mitbringen. Bei vielen, vor allem jüngeren Besuchern hat im Übrigen die Veranstaltung großen Anklang gefunden. Auch das sollte Ihnen zu denken geben.