Theater sind systemrelevant

von Norbert Lammert

 

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin,

lieber Herr Präsident Zehelein,

verehrte Gäste hier im Aalto Theater und an den Radio- und Fernsehgeräten!

 

"Die Kraft des Theaters besteht darin, Fragen aufzuwerfen, die es weder beantworten kann noch will."

Dieser schöne, richtige Satz ist leider nicht von mir. Er stammt von August Everding, dem großen Theatermann, der übrigens aus dem Ruhrgebiet stammt. Und August Everding hat hinzugefügt: "Das Theater hat nur selten Revolutionen beginnen lassen, selten Staatschefs gestürzt und nie die Menschheit verändert. Es hat aufgerufen, angerufen, lachen und weinen gemacht, es hat nachdenklich und zornig gemacht, fröhlich und aufsässig. Theater hat Kräfte mobilisiert" - Ende des Zitats.

 

Prof. Dr. Norbert Lammert
Präsident des Deutschen Bundestages
Platz der Republik 1
11011 Berlin

 

Deutscher Bühnenverein
Bundesverband der Theater und Orchester
Herrn Präsidenten Prof. Klaus Zehelein
Geschäftsführender Direktor
Herrn Rolf Bolwin
St.-Apern-Str. 17-21
50667 Köln

 

Offener Brief

Berlin, 29. November 2010

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Bolwin,

auf deutschen Bühnen habe ich schon manches gesehen. Vieles hat mich begeistert, manches verstört, einiges irritiert, häufiger inspiriert. Ich bin selten verärgert, nie wütend aus dem Theater gegangen.

Offener Brief

Köln, 30. November 2010

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident, lieber Herr Lammert,

dass Ihnen die FAUST-Verleihung in Essen am vergangenen Wochenende, über deren Verlauf Sie ja weitgehend vorher informiert waren, nicht gefallen hat, ist Ihre persönliche Angelegenheit. Es wirft aber auf Ihre Meinungsfindung ein merkwürdiges Licht, dass Sie sich ein öffentliches Urteil anmaßen, obwohl Sie die Veranstaltung bereits nach etwa einer Stunde verlassen haben und deshalb vieles gar nicht wahrnehmen konnten. Hoffentlich findet Ihre Meinungsbildung in anderen wichtigen Fragen nicht auf ähnlich fragmentarischer Grundlage statt. Dass Sie weder über den Humor noch das Verständnis für eine Parodie auf ein Fernsehformat wie die Saalwette verfügen, hatten wir nicht erwartet. Auch nicht Ihre Intoleranz gegenüber dem Anliegen von zwei wunderbaren Schauspielern, einer Preisverleihung mit künstlerischem Wagemut und Ironie einen eigenen Stil zu geben, über den wir gerne streiten mögen. Mehr Grandezza gegenüber der Kunst und ein liebevollerer Blick auf das, was da in Essen geleistet wurde, hätten den zahlreichen dort anwesenden Künstlern sicher gut getan. Schade, dass gerade Sie dies nicht mitbringen. Bei vielen, vor allem jüngeren Besuchern hat im Übrigen die Veranstaltung großen Anklang gefunden. Auch das sollte Ihnen zu denken geben.

Die Last der Performance

von Stefan Kanis

Leipzig, Oktober 2010. Theater entsteht aus einer andauernden Abfolge von Situation und Aktion. Jede Aktion - Hamlet ersticht den guten Polonius durch die Tapete – schafft eine neue Situation. Woraus sich wiederum eine Aktion ableitet. Wenn Regisseur und Spieler es zulassen, entsteht aus der Abfolge der Situationen und Aktionen nach und nach das, was gern Handlung genannt wird.

Mit jeder absolvierten Situation steigt das Vorwissen des Publikums: Das was noch kommt, wird verständlich vor dem Hintergrund dessen, was schon war. Notwendig ist bei diesem Verstehen eine stillschweigende Übereinkunft. Eine Übereinkunft, zwischen Bühne und Parkett über das, was als angemessene oder doch zumindest verstehbare Reaktion der Schauspieler auf eine Bühnensituation gilt. Das Ergebnis solcher Übereinkunft ist ein kumulativer Realismus.

Anhaltende Erregung

von Tobias Prüwer

Leipzig, Oktober 2010. "Das Theater, das wir im Moment erleben, ist für die Stadt nicht zukunftsfähig." – Das konstatierte Leipzigs Kulturbürgermeister Michael Faber schon vor einem Jahr über die Intendanz Sebastian Hartmanns am Centraltheater. Später regte er eine befristete Spielstättenschließung an und weiß damit einen Teil des Publikums hinter sich. Die Lokalpresse sekundiert und von auswärts kommt manche unsaubere Spitze. Tobt in Leipzig ein Sturm ums Stadttheater? Ein Versuch zu erklären, was zur Hölle hier eigentlich los ist.

Künstlerische Innovation und kulturelle Bildung unerwünscht

Berlin, 20. Oktober 2010. Der Vorgang ist in den vergangenen Tagen durch die Medien gegangen: Das einzige Kinder- und Jugendtheater in Sachsen-Anhalt, das Thalia Theater in Halle, steht vor der Schließung! Die von der Politik vorgebrachten Begründungen, die zu dieser Entscheidung geführt haben, sollen hier nicht noch einmal erörtert werden. Sie bedürfen in Teilen auch noch der rechtlichen Prüfung.

Im Hallenser Sumpf

von Dirk Laucke

Berlin, 20. Oktober 2010. Als Autor und Regisseur habe ich bereits drei Mal am Thalia Theater Halle arbeiten dürfen. Über die drohende Schließung des Thalia bin ich erbost und enttäuscht, aber keine Sekunde lang überrascht.

Hey Stuth, don't make it bad

Am 14. September gab Friedrich Schirmer seinen Rücktritt zum 30. September 2010 bekannt. Gesammelte Reaktionen dazu in der Presseschau.

Hamburgs Bürgermeister Christoph Ahlhaus dachte daraufhin am 17. September öffentlich über eine Hamburger Generalintendanz nach; am 28. September wurde bekannt, dass diese Idee wieder vom Tisch ist.

Schreit auf, wenn ihr Hamburger Bürger seid!

von Katrin Ullmann

Hamburg 12. Oktober 2010. Das Foyer ist brechend voll. Einen Sitzplatz hat nur, wer Glück hat, oder zu den Podiumsgästen gehört. Wegen der großen Nachfrage war die Diskussionsrunde von der beschaulichen Probebühne ins großzügige Kampnagel-Foyer verlegt worden. Veranstalter ist das Kulturforum Hamburg, ein Zusammenschluss und Verein "kulturell interessierter und engagierter Hamburger Bürger". Zentrales Thema sind die jüngsten, fatalen Kürzungen im Kulturetat des Hamburger Senats, die gerne auch Sparmassaker genannt werden.

Brief aus Berlin

von Ulrich Khuon

Berlin, Oktober 2010. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir bei immer mehr verfügbarem Wissen gleichzeitig immer weniger verstehen. Beim Blick auf die kulturpolitischen Katastrophen in Hamburg verstärkt sich dieser Eindruck. Die Verschleppung der notwendigen Baumaßnahmen im Schauspielhaus, die Sparauflagen, die in immer kürzeren Abständen angedroht, relativiert und dann doch durchgezogen werden, sind Grund genug für einen Intendanten, die Reißleine zu ziehen.