Third-Hand-Theatre

von Regine Müller

Köln, 3. Dezember 2009. Den internationalen Wanderzirkus des Koproduktionswesens hat vor geraumer Zeit die Oper erfunden. Unter dem Druck von Sparzwängen wurden zunächst vornehmlich besonders aufwändige Produktionen zwischen größeren Häusern geteilt oder von Festivals vererbt. Auf der Basis des Stagione-Prinzips reichte man die Gerüste einer Inszenierung – also Bühnenbild und Regiekonzept – weiter, wenn die erste Aufführungsserie abgespielt war. Man wollte Kosten sparen und zugleich auf der sicheren Seite bleiben. Denn eher selten wurden Raritäten oder Entlegenes koproduziert, vielleicht hin und wieder mal eine besonders geförderte Uraufführung, meistens aber Knüller wie "Tosca" oder "La Traviata".

Der austauschbare freie Künstler

von Samuel Schwarz

Zürich, 30. November 2009. Die anonymen Voten in diesem Blog entwerten jeden Versuch, etwas Vernünftiges zu schreiben. Der Text wird zu Dreck, egal, was man schreibt. Dies ist mein sechster Versuch. Der übel riechende Schweiß der anonymen Hass- und Blödelvoten springt über auf den eigenen Text. Der rechthaberische Eifer drückt auch aus dem eigenen Text schleimig zwischen den Buchstaben heraus, auch wenn man noch so vernünftig was zu schreiben versucht. Die Umstände definieren das Bewusstsein des Texts. Weil es eben möglich ist, dass auch anonyme Schreiber in den Blog pissen können, wird alles gelb und ranzig und fäkal. Das ist schade.

15 Versuche für die Zukunft des Theaters – 15 Impulse Festivals

von Matthias von Hartz und Tom Stromberg

Nordrhein-Westfalen, 24. November 2009. "Fördern was es schwer hat", war der Leitsatz des Gründers und langjährigen Leiters des Impulse-Festivals Dietmar N. Schmidt. So achtzigerjahremäßig dieser Satz anmuten mag, ist er heute noch so gültig wie damals. Und das, obwohl nicht nur die wichtigsten ästhetischen Neuentwicklungen aus der freien Szene gekommen sind, sondern auch die interessantesten Regisseure. Impulse-Entdeckungen haben es seit 1990 in einer unglaublichen Erfolgsgeschichte an die Spitze mehrerer Stadt- und Staatstheater geschafft – Barbara Frey in Zürich, René Pollesch im Prater der Berliner Volksbühne, Jan Jochymski in Magdeburg oder Sebastian Hartmann in Leipzig.

Warum "Sein oder Nichtsein" und nicht "Noch ist Polen nicht verloren"

von Jürgen Hofmann

Berlin, 20. November 2009. Anders als noch vor Beginn der Spielzeit angekündigt spielt das DT heute nicht "Noch ist Polen nicht verloren" von Jürgen Hofmann (UA Lübeck 1989), sondern "Sein oder Nichtsein" von Nick Whitby (UA New York 2008) – ein Stück, das eben-falls auf dem Lubitsch-Film "To be or not to be" basiert.

"Der Mythos lebt!"

von Anne Peter

Berlin, Juli 2009. "Wir, die Volksbühne", das sagt Stefan Rosinski gern. An Frank Castorfs berühmtem Haus ist er der neue Chefdramaturg und Stellvertretende Intendant. Konzeptionell betreute er vor der Sommerpause bereits das Antiken-Programm in der Freiluft-Ersatzspielstätte "Agora" vorm Säulenportal des Theaters, das gerade renoviert wird. Zu dem Zeitpunkt war Rosinski, Jahrgang 1961, noch Generaldirektor der Opernstiftung, ein Berliner Konstrukt, das die drei Opernhäuser, das Staatsballett und das Projekt einer gemeinsamen Bühnenwerkstatt umfasst. Anfang 2009 wurde bekannt, dass Rosinski, der mit dem Kultursenator und Stiftungsrats-Vorsitzenden Klaus Wowereit immer wieder in Konflikt geraten war, ab September von Peter F. Raddatz, bisher Chef der Bühnen Köln, abgelöst wird.

Experiment gelungen!

von Annegret Hahn

Halle, 12. Oktober 2009. Waren in der letzten Woche wirklich alle verblüfft, als die Spieler der Inszenierung ULTRAS über ihre Website "Saalefront.de" bekannt gaben, die Inszenierung nach dem Ende der ersten Staffel nicht weiter spielen zu wollen? Wie ist es dazu gekommen?

Ein Hartz-IV-Stipendium ist kein Ehevertrag

von Elena Philipp

Berlin, 12. Oktober 2009. Was ist nachhaltiger: Auf einem sinkenden Tanker anzuheuern oder eine Ehe einzugehen? Die Antwort "Ehe" liegt näher, und so war beim Symposium "Schleudergang Neue Dramatik" viel von Beziehungs-anbahnung zwischen AutorInnen, DramaturgInnen und RegisseurInnen die Rede: Einen "Flirtraum" wolle man schaffen, langfristige Arbeitsbeziehungen stiften, Ehen schließen.

Nichts ist älter als die Uraufführung von gestern Abend

von Moritz Rinke

Berlin, 10. Oktober 2009. Mein Vater ist Goldschmied und sitzt Ewigkeiten hinter seinem Werktisch mitten im Moor und modelliert. Die Fingerkuppen streichen über das blaue Wachs, Formen entstehen, werden oft zusammengedrückt und wieder auf's Neue ausprobiert – und im Licht der Lampe besehen, sieht man sogar im Wachs die Oberfläche seiner Fingerkuppen.

Zwischen den Fronten

von Esther Slevogt

Halle, 9. Oktober 2009. Die inkriminierte Szene kommt erst ziemlich am Schluss und insgesamt auch ein wenig beiläufig, ja, fast hüstelnd daher. Hoch oben auf seinem Balkon, von wo aus er im Hawaii-Shirt den Abend als notorisch Bier trinkender Sportmoderator und freundlicher Provokateur begleitet hat, spricht Billy Steinhauer (gespielt von Steven Michl) die neun radikalen Fans des Hallenser Fußballclubs "HFC" auf einen Vorfall während eines Oberliga-Spiels zwischen dem Halleschen FC und der Mannschaft Carl Zeiss Jena Ende März 2008 an. Damals waren in der Halleschen Fankurve aus dem Ultras-Block massiv die Schmährufe "Juden Jena!" ertönt. Dies hatte unter anderem dazu geführt, dass der Norddeutsche Fußballverband (einer der fünf Regionalverbände des DFB) dem HFC (und nicht etwa der Fan-Organisation) mit Sanktionen gedroht hatte.

Eine ganz normale Beschimpfung?

von Dirk Laucke

29. September 2009. Im Moment stehe ich in der Schussbahn, antisemitischer Hetze in meiner Regiearbeit "ULTRAS" keinen Widerspruch gegeben zu haben.

Deshalb eine Darstellung, was da in meiner Inszenierung am Thalia Theater Halle gelaufen ist.