Was aber ist mit all dem Ungesagten?

von Maja Weber

Osnabrück, 6. Dezember 2008. Theater im Dunkeln – nur hören? Die Idee des experimentellen Theaterensembles Limited Blindness fand am 3. September dieses Jahres in Kiel viel Beachtung: der Kieler Matrosenaufstand von 1918 war mit originalen Tagebucheinträgen, Zeitzeugenberichten und Archivmaterial inszeniert und in völliger Dunkelheit im Kieler Flandernbunker aufgeführt worden.

Wir Jury, Du Künstler

Zürich, 23. November 2008


Liebe Damen und Herren vom Festival "Politik im Freien Theater",
Liebe Jury,
Liebe Bundeszentrale für politische Bildung,

Wir gingen immer davon aus, dass dem Festival oder der Behörde diese unscharfe Formulierung mit "der besten" Produktion unabsichtlich geschehen ist und wie gesagt wollen wir mit unserem Rückzug das Profil des tollen Festivals schärfen helfen und wollten auch niemanden persönlich angreifen oder kränken. Die Polemik war in diesem Falle wirklich nicht unser Anliegen. Die Polemik kommt nun aber von Seiten der Jury, die wir ja gar nicht wirklich eingeschlossen haben in die Kritik und deren fachliche Kompetenz und Unabhängigkeit wir auch nie bestritten haben. Wir haben höchstens ihre Funktion in Frage gestellt, aber nie ihre intellektuelle Potenz.

"Wir sind nicht Dieter Bohlen!"

Köln, 20. November 2008. Der Regisseur Samuel Schwarz hat in einem offenen Brief das Auscheiden der Produktion "Der Bus" seiner Gruppe 400asa aus dem Wettbewerb des Festivals Politik im Freien Theater erklärt. Als Begründung gibt er an, durch den Rückzug von der PR-steigernden Maßnahme der Preisverleihung darauf hinweisen zu wollen, man solle über die Festivalproduktionen inhalts- statt wettbewerbsorientiert diskutieren. Er möchte auf das mediale Ritual einer Preisverleihung verzichten, samt des Jubels und der Hype. Es wird gegen eine Aufteilung der Festivalteilnehmer in Gewinner und Verlierer argumentiert und auf das abschreckende Vorbild trivialer Casting-Formate im Fernsehen verwiesen.

"Von Unfehlbarkeit kann nicht die Rede sein ..."

Köln, 20. November 2008

Sehr geehrter Herr Schwarz, liebe 400asa-Mitglieder,

mit Bedauern nehmen wir zur Kenntnis, dass Sie mit der Produktion "Der Bus" nicht am Wettbewerb im Rahmen des 7. Festivals "Politik im Freien Theater" teilnehmen wollen.

Die Bundeszentrale für politische Bildung und das Goethe-Institut, welche die beiden Preise vergeben, beabsichtigen damit eine Unterstützung von Künstlern und von Theaterproduktionen. Natürlich verbindet sich damit eine Bewertung durch eine unabhängige Jury, von "Unfehlbarkeit", wie Sie schreiben, kann aber nicht die Rede sein. Eine solche Entscheidung ist immer subjektiv. Die Jury kann ihre eigenen künstlerischen Kriterien entwickeln. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat sich dabei bewusst dafür entschieden, keine Kriterien, wie z.B. die beste Umsetzung der politischen Inhalte vorzugeben. Schließlich ist bereits durch die Auswahl der Stücke zum Festival sicher gestellt, dass die Stoffe von gesellschaftlicher und politischer Relevanz sind.

Offener Brief von 400asa

Zürich 19. November 2008.

 

Sehr geehrte Festivalleitung, sehr geehrte Jury, liebe Bundeszentrale für politische Bildung,

400asa schliesst sich der holländischen Gruppe "Hotel Modern" an und möchte sich aus dem Wettbewerb des Festivals ausschliessen. Der Grund dafür ist die Setzung der Preisverleihung. In dem Programmheft steht, dass "die beste" Produktion des Festivals ausgezeichnet wird. Wir meinen, dass sich diese durch das Adjektiv "die beste" vollzogene Kategorisierung für freies politisches Theater nicht eignet. Wir zweifeln keineswegs die Unabhängigkeit und Kompetenz der Jury an, im Gegenteil, wir wissen, dass es sich bei den Mitgliedern der Jury um sehr kompetente Experten handelt. Dies lässt aber die grundsätzliche Setzung nicht verschwinden.

Welche Darstellung braucht die Macht?

von Sandra Nuy

13. November 2008. "Wir wissen eigentlich nicht, was Politik ist, aber wir sehen, dass sie sich ereignet", schrieb einmal der britische Politologe William J.M. MacKenzie. Was wir dabei zu sehen bekommen, wenn Politik sich ereignet, folgt Darstellungsmustern, die sich als Inszenierung beschreiben lassen. Dies ist nun keineswegs ein neues Phänomen, sondern tritt ein, wann immer es eine Öffentlichkeit gibt, die es zu überzeugen gilt.

"Ich bin kein Siegelwahrer"

von Christian Rakow

Bochum, 5. November 2008. Das Treffen findet im Malersaal des Bochumer Schauspielhauses statt. Zwischen halbfertigen Requisiten tritt Elmar Goerden hervor, in unfitted Jeans und weißem T-Shirt, die Hände sind noch mit Farbe befleckt. Sein Lächeln ist entspannt: "Wenn es die Zeit erlaubt, bin ich gern hier und arbeite an meinen Bildern." Eines sehen wir uns an. "transport of summer/verpackungsplan", eine Ferienerinnerung an Italien, 2 mal 3 Meter groß, in flächigem Weiß, durch das an manchen Stellen der rote Grund hervorbricht. "Ich arbeite auf Holz, weil es grob ist. Ich brauche beim Malen einen Widerstand." Es sind abstrakte, expressive Künstler, mit denen er sich auseinandersetzt: Cy Twombly, Mark Rothko oder Anselm Kiefer. Wir wechseln in einen kleinen Aufenthaltsraum. Nein, "nachtkritik" habe er selbst noch nicht besucht. "Aber unsere jüngeren Schauspieler lesen sie viel und erzählen davon."

Im Klammergriff des Für und Wider

von Dirk Pilz

Oktober 2008. Es gibt in Nicolas Stemanns Inszenierung Die Räuber eine prägnante Szene, in der vier verschwitzte Männer an der Stahlblechrampe thronen und im Chor "Freiheit!" skandieren. Die vier Herren leihen ihre Körper hier dem revoltierenden Karl Moor, der unter Freiheit die Lossagung von jeglicher Tyrannei begreift. Die nächste Sequenz dieses im Sommer bei den Salzburger Festspielen herausgekommenen und jetzt ans Hamburger Thalia Theater übernommenen Abends ist dagegen ein wildes Stimmen-Wirrwarr desselben Chorquartetts, das sich um den Satz "Ich will alles um mich her ausrotten" windet. Es ist ein Wutausruf des Karl-Bruders Franz, der Freiheit als Freibrief zur grenzenlosen Selbstdurchsetzung begreift.

Ein Märchen aus Thüringen

von Nikolaus Merck

Berlin, 8. Oktober 2008. Wir lieben Weimar!

Kaum hat die Stadt das Haus der Frau von Stein (Goethe! Lotte! Werther!) an einen spanischen Kunsthändler verkauft, der dort angeblich Salvador Dali ausstellen will, was zweifelsfrei der Stadt von Klassik, Bauhaus und Buchenwald gerade noch gefehlt hat, kaum also hat sich das geistige Butzenscheibenstädtchen den Zorn der Bildungsbürger links und rechts von Elbe und Ilm zugezogen, stampft es in den nächsten Fettnapf rein.

Im Strudel der Leistungsgesellschaft

von Dirk Pilz

Juli 2008. Als im Juni 1797 Schiller eine frühe Fassung von Goethes "Faust" liest, wird ihm schwindelig. Denn für die "hoch aufquellende Masse" dieses Stoffes, schreibt er an den Freund, wüsste er "keinen poetischen Reif", der ihn zusammenhält. Goethe bedankt sich für die "Bemerkungen" und verspricht, dafür Sorge zu tragen, dass beide Tragödienteile "anmutig und unterhaltend sind und etwas denken lassen". Er hat sein Versprechen gehalten: Der "Faust" ist auch ein im besten Sinne unterhaltendes Stück Theaterliteratur.