Wer war das? NIEMAND!

von Esther Slevogt

8. März 2016. Das ist ja eine Frage, die sich angesichts all der aktuell medial geschürten Hysterien in unserer zerfallenden bürgerlichen Öffentlichkeit immer mal wieder stellt: Wie kann von etwas berichtet, über etwas kritisch geschrieben werden, ohne dass es gleich über die Gebühr aufgeblasen und dem Phänomen damit eine mediale Superpräsenz verschafft wird? Wie vermeidet man, zum Kollaborateur oder Entwicklungshelfer in Sachen Prominenz eigentlich verurteilenswerter Angelegenheiten zu werden, denen man medial jedoch erst die Plattform für ihren großen Auftritt bereitet?

Danke für die Wahlkampfhilfe!

von Wolfgang Behrens

1. März 2016. Kann sich noch jemand an Frank Schwalba-Hoth erinnern? Als ich noch nicht einmal ein Zuschauer war – jedenfalls noch kein Theaterzuschauer –, war das einer meiner Helden. Und zwar aus zwei Gründen: Erstens hatte der Mann einen kultverdächtigen Doppelnamen. Und zweitens hatte Schwalba-Hoth 1983 einen ebenso kultverdächtigen Blut-Anschlag verübt: Er, der damals für die Grünen im hessischen Landtag saß, hatte sich bei einem Empfang für US-Kommandeure auf Paul S. Williams, General des V. US-Korps, gestürzt und ihn mit Blut bespritzt, das er sich vorher selbst abgezapft hatte. Das löste in der Öffentlichkeit enorme Abscheu und bei meinen Klassenkameraden und mir große Bewunderung aus: Zum einen war das Ganze albern genug, um unser spätkindliches Kicherbedürfnis zu befeuern. Zum anderen aber hatte die Aktion immerhin einen so revoluzzerhaften Anstrich, dass sich auch unsere frühpubertären Fantasien darin wiederfinden konnten.

Im Leitartikelmodus

von Dirk Pilz

Berlin, 23. Februar 2016. Als ich kürzlich die Auskunft von Frank Castorf las, es gehe ihm um einen Streit wider jene "herrschende Konsenskultur", die das "elementare Grundgefühl“ des Hasses leider zudecke, ist mir einer meiner Lehrer im letzten Schuljahr eingefallen, der uns im Fach Geschichte unterrichtete und mitten in der Lehrstunde von der Tafel die Stichworte zur Historie der deutschen Arbeiterbewegung fortwischte, um, wie er sagte, noch einmal von vorn zu beginnen, was für ihn hieß, mit der Sklavenhaltergesellschaft.

Machos in Strumpfhosen

von Georg Kasch

16. Februar 2016. Was war eigentlich mit den deutschen Männern in der Silvester-Nacht von Köln los?, fragten einige verwundert in Blogs und Kommentarforen, darunter manch dunkelbraune. "Standen sie nur daneben, und haben in Angststarre verharrt? Haben sie vielleicht sogar weggeschaut? ... Warum haben die nicht ihre Frauen verteidigt, zur Not mit Fäusten?“ Vielleicht, weil sie Polizei haben (theoretisch jedenfalls) ? Oder weil der Mann von der Emanzipation kastriert wurde? Oder "um ja nichts als Rassist, als fremdenfeindlicher Rechter oder sonst was zu gelten“, wie die "besorgten Bürger“ und ihre prominenten Stimmen vermuten?

Bretter

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Bretter auf nachtkritik.de bisher: 227 Mal

9. Februar 2016. Seit 2011 bietet das Wiener Burgtheater seinen abgetragenen Bühnenboden zum Verkauf an. Nachdem die "Bretter, die die Welt bedeuten" bis dato noch nicht ausverkauft sind, taucht das Angebot nun im Onlineshop eines österreichischen Wochenmagazins wieder auf: für 200 Euro pro Brett. Ein Pappenstiel im Vergleich zum ursprünglichen Preis von 600 Euro, damals veranschlagt und während einer "Matinee" feilgeboten unter der Leitung von Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann, der in dieser beruflichen Funktion mittlerweile als "historisch" zu gelten hat.

Archiv für Extremisten

von Esther Slevogt

Berlin, 2. Februar 2016. In gewisser Weise ist der höfliche Dschihadist mit dem Mittelscheitel vielleicht auch ein verhinderter Bürger, der von einem Heldenleben träumt. Wie er da so mit seinem Konfirmandenanzug vor die Kamera tritt und Deutschland droht: "Entscheidet sich das deutsche Volk für den Krieg, hat es sein eigenes Urteil gefällt", spricht er freundlich aber bestimmt wie zu einem ungezogenen Kind, dem ungezogenen Kind Deutschland. Es geht um Deutschlands Beteiligung an Nato-Einsätzen in Afghanistan, damals, im Jahr 2009. Hinter dem jungen Mann glüht rot eine Art Theatervorhang.

"Wir sind doch nicht im Puff!"

von Wolfgang Behrens

Berlin, 26. Januar 2016. Natürlich hasse ich Claus Peymann. Wie auch nicht? Er weiß ja selbst, dass er der Antipode des relevanten zeitgenössischen Theaters ist, das hochzuhalten der Theaterkritik ohne Wenn und Aber und ohne Rücksicht auf ästhetische Verluste aufgegeben ist. Ruft Claus Peymann einen Kritiker an – ja, das kommt vor! –, dann meldet er sich schon mal mit den Worten: "Hier spricht der Todfeind!" Da Peymann zudem der Ansicht ist, Kritiker seien grundsätzlich dämlich, bleibt mir auch gar nichts Anderes übrig, als ihn zu hassen.