Agentur für Landesverrat

von Esther Slevogt

11. August 2015. Die Ermittlungen gegen netzpolitik.org wurden also eingestellt. War auch an der Zeit. Ein peinliches Schauspiel, das unsere Demokratie da abgeliefert hat. Und dann auch noch dieser so genannte Justizminister! Oder der Verfassungsschutzpräsident! Trotzdem: irgendwie auch naiv von unserem Harald Range, dem nun entlassenen Generalbundesanwalt. Dass der wirklich dachte, er kommt damit durch. Ich meine, wo heute das ganze Ding mit der Autorität analog doch überhaupt nicht mehr funktioniert. Schon bei vergleichsweise niedrig hängenden Veranstaltungen wie einem Elternabend kann sich der Lehrer (oder wahlweise die Lehrerin) schon nicht mehr gegen die Elternmeute durchsetzen. Schüler überwachen Lehrer mit der Handycam und stellen die Ergebnisse ins Netz. Alte Autoritätsstrukturen sind doch längst so massiv unterwandert, dass heutzutage die Autoritäten die wahren Loser sind. Und nur auf Staatsebene soll diese Nummer noch funktionieren?

Wir

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes wir auf nachtkritik.de bisher: "Ein oder mehrere häufig vorkommende Wörter wurden bei der Suche ignoriert!"

4. August 2015. Als ich jetzt, am zweiten August, diesen Eintrag schreibe, jährt sich Christoph Schlingensiefs "Baden im Wolfgangsee" auf den Tag genau zum 17. Mal. Wir erinnern uns: Die Einladung zum gemeinsamen Baden im österreichischen St. Gilgen am Wolfgangsee erging an sechs Millionen deutsche Arbeitslose. Erklärtes Ziel war es, gemeinsam den Wasserstand des Sees zu heben, um Helmut Kohls Ferienhaus am Ufer zu fluten. – Elfriede Jelinek betreibt ja seit einigen Jahren ihre Homepage, auf der sie laufend Texte und Kommentare veröffentlicht. Auch das Foto von Christoph Schlingensief mit "Chance2000"-Käppchen aus 1998 findet sich in dieser Sammlung auf elfriedejelinek.com.

Ufos auf Domstufen

von Wolfgang Behrens

29. Juli 2015. Gestehen wir es rundheraus: Der Kritiker freut sich auf das Sommerloch. Nach einer anstrengenden Saison lechzt er förmlich nach einer Theaterpause. Als ich noch ein Zuschauer war, war das freilich anders. Wie ein Süchtiger auf Entzug taumelte man im Sommer dahin auf der Suche nach einem ästhetischen Kick. Weil aber die Salzburger Festspiele zu teuer und überhaupt zu exklusiv waren und weil man bei den Bayreuther Festspielen länger auf eine Karte warten musste, als man überhaupt Zeitspannen zu überschauen in der Lage war, stocherte man orientierungslos im Sommertheater-Angebot seiner Region oder seines Urlaubsorts herum. Und im schlimmsten Fall tappte man hinein in die Fallen, die das Sommertheater stellt.

Machtfragen

von Dirk Pilz

21. Juli 2015. Diesmal ein kleiner Saisonrückblick. Was von einer Saison bleibt, kann naturgemäß niemand sagen. Jeder hat seine eigene hinter sich, und einen Kanon gibt es nicht, gab es nie. Aber es gibt Sachen, über die viel von vielen geredet wurde. Schaun wir mal, worüber.

Mein Ja-Wort in Rio

von Georg Kasch

Monsenhor Tabosa, 14. Juli 2015. Schöne Grüße aus dem Urlaub! Ist allerdings auch ein bisschen langweilig hier. Wenn man bei bleierner Hitze am Ende der Welt sitzt und nichts entfernter sein könnte als Theater und queeres Leben, fängt man an beides zu vermissen. Hier in Monsenhor Tabosa im Nordosten Brasiliens ist das nächste Theater jedenfalls sechs Autostunden entfernt, und der Wochenend-Höhepunkt der Menschen vor dem Kinderkriegen besteht im Mopedfahren, Rumhängen, billigen Forró hören und saufen. Nichts gegen Forró und einen frischen Caipi, und, ja, ich genieße meine Sommerpause. Aber Falk Schreiber hat schon recht: Gerade Kleinstädte brauchen das Stadttheater, um ein Fenster in Gegenwelten zu öffnen.

Maske

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Maske auf nachtkritik.de bisher: 622 Mal

30. Juni 2015. Wer hat eigentlich den Namen des beliebten sozialen Netzwerks einmal mit "Fratzenbuch" übersetzt? Es wird wohl jemand gewesen sein, der es kennt und nutzt – und der oder die gleichzeitig dabei etwas von dem Grausen empfindet, das einen mitunter kalt erwischen kann beim Durchscrollen. Oder ist es ein wohlig-warmes Grausen? Nein, uns hier graust vor nichts, denn wer die Kunst liebt, der macht nicht Halt vor den Abgründen der Menschen. Im Gegenteil: mit Freude, Humor und Forschungsgeist widmet er oder sie sich dem Studium ihrer Erscheinungsformen. Wollte man die Kulturgeschichte der Masken fortschreiben bis in die Gegenwart, müsste man die Smartphone-Fotografie doch mitbedenken und sehen, dass die Gattung ihr prächtigstes Album geschaffen hat.

Lieber gefälschte Katzenvideos

von Esther Slevogt

7. Juli 2015. So eine Kolumne ist im Grunde auch ein Relikt aus dem bürgerlichen Heldenleben. Damals, als es noch etwas Besonderes war, eine Meinung zu haben, und Journalisten und Journalistinnen mit dieser Meinung (und den dazugehörigen Publikationsorganen) jede Menge Follower generierten – auch wenn das damals noch gar nicht "Follower" hieß. Damals, als der Kolumnist (Kolumnistinnen waren ja rar, sehr rar) noch so etwas wie das role model des aufgeklärten Bürgers war.