Das Gift des Derrida

von Wolfgang Behrens

28. Februar 2018. Und dann war da noch jene Regisseurin, die die Pressereferentin des freien Produktionshauses nach allen Regeln der Kunst zusammenfaltete, weil in einer großen Zeitung eine schlechte Kritik erschienen war. "Das hätte nicht passieren dürfen", soll sie sinngemäß – wenn auch mit viel derberen Worten – gesagt haben. Warum der Kritiker nicht richtig instruiert worden sei. Warum sie, die Pressereferentin, ihm, dem Kritiker, nicht erklärt habe, wie alles gemeint sei und was er hätte schreiben müssen.

Dialektik des blinden Flecks

von Sophie Diesselhorst

20. Februar 2018. Unlängst hat Frank Castorf ein langes Radio-Interview gegeben. Die NDR-Kultur-Sendung heißt "Klassik à la carte", was man im Zusammenhang mit dem Weltenzerschmetterer Castorf unfreiwillig komisch finden kann. Andererseits ist Castorf ja selbst längst ein Klassiker. Und in dem Interview bietet er ein launiges Best-of seiner politischen und ästhetischen Positionen – wobei er es als einer, der "sagt, was andere nicht sagen", natürlich strategisch erschwert, seine Äußerungen in solche Kategorien einzusortieren.

Das Ende der Ausreden

von Dirk Pilz

13. Februar 2018. Diesmal zu #MeToo, zum Theater und den Folgen, noch einmal. Es muss sein. Es wird ja eifrig diskutiert in Theaterkreisen derzeit. Dieter Wedel, Matthias Hartmann, die vielen verstreuten Aussagen, Interviews, Statements über Machtmissbrauch an den Theatern: Jeder Fall will eigens betrachtet werden, Vorverurteilungen sind so verwerflich wie Vergröberungen, sicher. Aber es ist keine Frage der Debatte, dass es erstens ein immenses Problem mit Machtmissbrauch an den Theatern gibt und dieses zweitens durch nichts zu rechtfertigen ist.

Unbespielte Herzen

von Michael Wolf

6. Februar 2018. Man sieht es dem grimmigen Blick auf dem Foto nicht an, aber ich bin ein sentimentaler Typ. Meine schönsten Momente im Theater waren jene, in denen ich mich berühren ließ. Ich erinnere mich auch viele Jahre später noch genau: an den Ruf "Ich will leben" in einer der letzten Inszenierungen von Jürgen Gosch; an den hoffnungslosen Blicktausch am Schluss einer Ostermeier-Inszenierung, in dessen Verlauf sich ein Paar so verzweifelt liebte wie hasste; wie zärtlich und verwirrt ein Besucher die Haare einer SIGNA-Performerin streichelte ...

Werte Freiheit

von Esther Slevogt

30. Januar 2018. Dass Kunst eine Waffe ist, hat schon Friedrich Wolf gewusst, ein (im Gegensatz zu dem von ihm geprägten Satz "Kunst ist Waffe!") inzwischen ziemlich in Vergessenheit geratener Dramatiker, Schriftsteller, Arzt und Kommunist, der nach dem Zweiten Weltkrieg auch der erste Botschafter der frisch gegründeten DDR in der frisch gegründeten Volksrepublik Polen gewesen ist. Denn der Satz "Kunst ist Waffe", von Wolf 1928 in einer berühmten Rede auf dem Gründungskongress des Arbeitertheaterbundes in Berlin geprägt, gilt noch immer. Allerdings nicht in der agitatorischen Holzhammermanier, in der er so gerne benutzt wird, sondern eher als subtiles wie subversives Manipulationsinstrument.

Fantastisch!

von Wolfgang Behrens

23. Januar 2018. Wer kennt das nicht? Die Saaltüren werden geschlossen, das Licht im Zuschauerraum erlischt, der Vorhang öffnet sich, die Temperatur beginnt merklich zu steigen (weil das Theater seine Stammklientel auf Wärmelevel halten muss), noch merklicher wird die Luft dicker – und plötzlich wird der Kopf schwer. Man ist gewillt, ihn oben zu halten – Konzentration! Konzentration! – was hat der Schauspieler da vorne noch eben gesagt? "Das Leben nennt der Derwisch eine Reise" – ach ja, kenne ich, das ist …, jaja, ich bin voll dabei, wie war das, das hat doch auch der … – doch da!, ein Zucken durch den gesamten Oberkörper, und schon schnellt der längst niedergesunkene Kopf von der Brust zurück in die Höhe. Sekundenschlaf. Mitten in der Aufführung weggenickt. Peinlich!

Na los!

von Sophie Diesselhorst

16. Januar 2018. #MeToo ist im deutschen Showgeschäft angekommen. Mit den Vorwürfen, die drei Schauspielerinnen in einer Reportage des Zeit Magazins gegen den Bad-Hersfelder-Festspiele-Intendanten Dieter Wedel erhoben, rückt die Debatte, zu der man sich bisher in lässiger Distanz möglichst schlau bzw. slacktivistisch positionieren konnte – wenn man wollte – in unbequeme Nähe.