Mein Ja-Wort in Rio

von Georg Kasch

Monsenhor Tabosa, 14. Juli 2015. Schöne Grüße aus dem Urlaub! Ist allerdings auch ein bisschen langweilig hier. Wenn man bei bleierner Hitze am Ende der Welt sitzt und nichts entfernter sein könnte als Theater und queeres Leben, fängt man an beides zu vermissen. Hier in Monsenhor Tabosa im Nordosten Brasiliens ist das nächste Theater jedenfalls sechs Autostunden entfernt, und der Wochenend-Höhepunkt der Menschen vor dem Kinderkriegen besteht im Mopedfahren, Rumhängen, billigen Forró hören und saufen. Nichts gegen Forró und einen frischen Caipi, und, ja, ich genieße meine Sommerpause. Aber Falk Schreiber hat schon recht: Gerade Kleinstädte brauchen das Stadttheater, um ein Fenster in Gegenwelten zu öffnen.

Maske

von Teresa Präauer

Erwähnungen des Wortes Maske auf nachtkritik.de bisher: 622 Mal

30. Juni 2015. Wer hat eigentlich den Namen des beliebten sozialen Netzwerks einmal mit "Fratzenbuch" übersetzt? Es wird wohl jemand gewesen sein, der es kennt und nutzt – und der oder die gleichzeitig dabei etwas von dem Grausen empfindet, das einen mitunter kalt erwischen kann beim Durchscrollen. Oder ist es ein wohlig-warmes Grausen? Nein, uns hier graust vor nichts, denn wer die Kunst liebt, der macht nicht Halt vor den Abgründen der Menschen. Im Gegenteil: mit Freude, Humor und Forschungsgeist widmet er oder sie sich dem Studium ihrer Erscheinungsformen. Wollte man die Kulturgeschichte der Masken fortschreiben bis in die Gegenwart, müsste man die Smartphone-Fotografie doch mitbedenken und sehen, dass die Gattung ihr prächtigstes Album geschaffen hat.

Lieber gefälschte Katzenvideos

von Esther Slevogt

7. Juli 2015. So eine Kolumne ist im Grunde auch ein Relikt aus dem bürgerlichen Heldenleben. Damals, als es noch etwas Besonderes war, eine Meinung zu haben, und Journalisten und Journalistinnen mit dieser Meinung (und den dazugehörigen Publikationsorganen) jede Menge Follower generierten – auch wenn das damals noch gar nicht "Follower" hieß. Damals, als der Kolumnist (Kolumnistinnen waren ja rar, sehr rar) noch so etwas wie das role model des aufgeklärten Bürgers war.

Suchanfrage "Regie-Rabauke"

von Wolfgang Behrens

23. Juni 2015. Das Beste am Norden ist seine Gerichtsbarkeit. Denn in Pasewalk – einem 10.000-Seelen Städtchen in Vorpommern – hat ein Amtsgericht einen Mitarbeiter des Nordkuriers zu 1.000 Euro Strafe verurteilt. Der Journalist hatte einen Jäger als "Rabauken" bezeichnet, nur weil der ein totes Reh an der Anhänger-Kupplung seines Fahrzeugs über die Bundesstraße geschleift hatte. Vonseiten des Jägers ein alltägliches Kavaliers-Delikt also, vonseiten des Nordkurier-Manns hingegen eine ungeheuerliche Entgleisung.

Das Komplizierte begraben

von Dirk Pilz

16. Juni 2015. Heute zu den Toten. Das Zentrum für politische Schönheit (ZpS), landesweit seit dem Ersten Europäischen Mauerfall zu einiger Bekanntheit gekommen, hat eine neue Unternehmung angekündigt; sie heißt "Die Toten kommen".

Worum geht's hier eigentlich?

von Esther Slevogt

9. Juni 2015. Bürger, das klingt ja immer ein bisschen albern. Die Karikatur scheint da schon mitgedacht. Die Beschränktheit. Und der Minderwertigkeitskomplex. Dabei ist das Bürgersein ein echtes Erfolgsmodell. Eines, für das Menschen von anderswo ihr Leben riskieren, zum Beispiel, wenn sie in überfüllte Schlauchboote gepfercht von Afrika aus übers Mittelmeer zu kommen versuchen: weil sie Bürger werden wollen, in Europa. Um irgendwann vielleicht in diesem Europa in einem Häuschen sitzen zu können mit einigermaßen Geld, Frieden (zumindest keinem Krieg), ausreichend zu essen und Feierabend. Das ist für die Allermeisten auf dieser Welt eine Utopie.

Die Neue Deutsche Welle

von Georg Kasch

2. Juni 2015. Armes Deutschland! Wir haben es doch auch so schon schwer genug: Wirtschaftsmotor Europas, Großbeitragszahler der EU, G7-Supergastgeber, Weltkonflikt-Superratgeber, NSA-Superdatengeber, und dann noch Fußball-, Friseur- und Exportweltmeister, weltgrößte Safttrinker, die Größe, die Größe, ach!