Ist es nicht gut, dass es schon mal schlimmer war?

von Lara-Sophie Milagro

9. März 2021. Wenn ich meiner Tochter sage, dass sie ihr Zimmer aufräumen soll, bittet sie mich zunächst zu bestätigen, dass es zwei Tage vorher noch schlimmer aussah, räumt ein, dass es "natürlich immer noch besser geht" und erklärt sich bereit, darüber nachzudenken, ob sich der Zustand ihres Zimmers durch weitere Aufräumarbeiten verbessern ließe, jedoch nicht, ohne mich darauf hinzuweisen, wie engstirnig es ist, auf kleinen Mängeln herumzureiten, anstatt die großen Verbesserungen im Vergleich zu letzter Woche zu feiern. Wenn ich an diesem Punkt die Diskussion für beendet erkläre und auf dem Aufräumen des Zimmers bestehe, zeigt sie sich schockiert darüber, dass sie "ganz und gar nichts mehr sagen darf“ und ruft ihre Freundin an, die ihr Trost zuspricht und sie darin bestätigt, sich auf keinen Fall den Mund verbieten zu lassen. Das Zimmer bleibt derweil unaufgeräumt.

Schriftsteller und Bittsteller

von Michael Wolf

2. März 2021. Zunächst eine Anekdote: Claus Peymann probte am Burgtheater Peter Handkes Stück "Die Fahrt im Einbaum", als er auf eine verhängnisvolle Regieanweisung stieß: Ein Huhn überquert rückwärts die Bühne. Peymann beauftragte also seinen damaligen Assistenten Philip Tiedemann damit, das Unmögliche zu schaffen, nämlich ein Huhn zu besorgen, das eben das kann: rückwärts laufen. Als Tiedemann ohne Huhn zurückkehrte, soll Peymann einen Tobsuchtsanfall bekommen und die Proben für zwei Tage unterbrochen haben. Zur Premiere gab es dann tatsächlich ein zumindest scheinbar rückwärts laufendes Huhn zu sehen, das mit langem Szenenapplaus bedacht worden sei. Peter Handke hatte diesen Auftritt als Letzter erwartet, das Huhn sei nur eine Metapher gewesen, erklärte er später. Sein Regisseur aber hatte ihn beim Wort genommen.

Er will!

von Şeyda Kurt

25. Februar 2021. Am 14. Februar, am sogenannten Valentinstag, twittere ich: "Ich habe keine romantischen Gefühle gegenüber Deutschland." Eine Aussage dieser extrem beschönigenden, abmildernden Art nennt sich Euphemismus, das lernte ich im Deutschunterricht (denn eigentlich meine ich damit, dass ich Deutschland einfach wirklich nicht so mag).

Während wir wedeln

von Wolfgang Behrens

16. Februar 2021. Jetzt, da es fast zehn Jahre her ist, schaue ich anders auf diese Szene. Damals erlebte ich sie wie im Rausch, mit einem Mal war es egal, ob ich Kritiker oder Zuschauer war, ein Moment des Dionysischen bemächtigte sich meiner und ich war, ja – ich benutze ein großes Wort: Ich war glücklich. Seitdem habe ich die Situation einige Male geschildert (wenn auch nie in schriftlicher Form), trotzdem ist die Erinnerung an das so unmittelbar und eindringlich Erlebte langsam schwächer geworden. Aber erste heute, um die Erfahrung einer Pandemie reicher – darf man in diesem Zusammenhang von reicher reden? –, erst heute erscheint mir die Szene als eine große Metapher.

Die Last der Vergleiche

von Esther Slevogt

10. Februar 2021. Wann kommt es heute noch vor, dass Theater einmal heraustritt aus seinen geschützten Räumen und Meinungsblasen? Im September 2020 nahm der Regisseur Ersan Mondtag das Angebot der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" an, im noch leeren Haus in Berlin eine Performance zu inszenieren. Die Neugestaltung des ehemaligen Deutschlandhauses, das künftig das Dokumentationszentrum der Stiftung beherbergen wird, war abgeschlossen. Bevor dort mit dem Innenausbau begonnen werden sollte, wollte sich die neugeschaffene Institution mit einer kräftig ausstrahlenden Kulturveranstaltung ins öffentliche Bewusstsein katapultieren. Samt ihrer Aufgabe, "die letzte Lücke in der deutschen Erinnerungskultur" zu schließen, wie es seit Gründung der Stiftung in öffentlichen Erklärungen immer wieder heißt. Diese Lücke meint das Schicksal der etwa 12 Millionen Deutschen, die nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg ihre Heimat in Ostpreußen, Schlesien oder Pommern verlassen mussten.

Quatsch mit Sauce

von Janis El-Bira

2. Februar 2021. Der Eintopf, den die Algorithmen von Twitter und Co. in den vergangenen Tagen aufkochten, hinterließ seltsame Kleckse auf so mancher Timeline: Überall ging es plötzlich um Würzsaucen und ein Talkformat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, um M*****-Apotheken und N****-Könige, blonde Frauen mit großen Brüsten und alte weiße Männer, um Jimi Hendrix, Thomas Gottschalk, Sinti und Roma und die türkischen, arabischen und sonstigen Freund:innen eines Schlagersängers. Doch selbst wer den Anlass der zahllosen Tweets und Posts ausnahmsweise nicht mitbekommen hatte, verstand trotzdem das Entscheidende: Es ging offenbar um Rassismus. Genauer um jene komplizierte Art von Rassismus, bei dem Menschen sich regelmäßig um Kopf und Kragen reden. Sie also standhaft beteuern, keinesfalls Rassist:innen zu sein, nur um sich im Gegenzug nicht von einem rassistischen Sprachgebrauch (Z*******-Sauce, M*****-Kopf, …) trennen zu müssen. Kurzum: Es geht um den Rassismus in uns allen.

In der falschen Galaxie

von Lara-Sophie Milagro

26. Januar 2021. Nachdem das Jahr begonnen hat, wie es geendet hatte, der Lockdown erneut verlängert wurde und seit Ende vorletzter Woche klar ist, dass das kulturelle Leben in Berlin und bundesweit (mindestens) bis Ostern auf Eis liegt, habe ich beschlossen, dass ich ein Paralleluniversum brauche, um dieses Jahr zu überleben. Am besten gleich mehrere. Einige Tage später erreichte mich aus der Kulturredaktion eines renommierten Senders eine Interviewanfrage zum Thema "Colorblind Casting", die tatsächlich aus einer anderen Galaxie zu kommen schien. In der Anfrage hieß es: "Anlass ist der Start der neuen Netflix-Serie Bridgerton, in der unter anderem die englische Königin mit einer afroamerikanischen Schauspielerin besetzt ist. Die Diskussion ist jetzt aufgekommen, ob die Besetzung geschichtsverfälschend sein könnte und wem am Ende damit gedient ist, wenn Rollen ohne Rücksicht auf Herkunft etc. besetzt werden."