Was jetzt?

von Dirk Pilz

19. Dezember 2017. Zum Abschluss des Jahres ein paar Fragen. Und bitte, werte Leserschaft, es sind wirklich Fragen.
Noch einmal kurz zur Lage der Dinge:

In Österreich sitzen die Rechtsradikalen in der Regierung.

In Deutschland sitzen sie im Bundestag.

Schokomänner und andere braune Hohlkörper

von Esther Slevogt

12. Dezember 2017. Wahrscheinlich haben sie längst davon gehört. Ich bin in diesem Jahr zum erstem Mal darauf gestoßen: auf den Kampf gegen die Islamisierung des Schokoladenweihnachtsmanns. Und zwar vor einigen Wochen, als ich plötzlich durch die sozialen Netzwerke das immer gleiche Foto geistern sah, das Tausende besorgter Bürger*innen in ihren jeweiligen Supermärkten aufgenommen haben wollten, um einen Skandal zu dokumentieren. Auf dem Foto ausschnitthaft zu sehen: Weihnachtsmänner aus Schokolade in einem Supermarktregal, die aber auf dem Preisschild nicht mehr als Weihnachtsmänner ausgewiesen sind. Sondern als "Jahresendfiguren", zweineununddreißig das Stück.

Regelwerk der Komik

von Wolfgang Behrens

5. Dezember 2017. Wenn man am Theater etwas Lustiges spielt, sollte man die Kritiker*innen unbedingt so weit als möglich auseinander setzen. Denn weniges ist dem Kritikermenschen peinlicher als vor beziehungsweise neben oder hinter Kolleg*innen zu lachen, wenn diese nicht lachen. Oft reicht schon ein einziger nicht lachender Kritiker aus, um einen unabsehbaren Domino-Effekt auszulösen: Was? Herr S. lacht nicht? Oha, da lache ich mal besser auch nicht, sonst denkt Herr S. am Ende gar, ich sei so ein dummer verkicherter Typ, der schon laut losgackert, wenn einer auf einer Spermaspur ausrutscht. Frau L. lacht sowieso nicht, wenn ich nicht lache, und am Ende sitzt da ein kompakt unlustiger Kritiker*innenblock, der konzentriert nach vorne starrt und alles unsagbar albern findet, während sich das Publikum wie Bolle amüsiert.

Ein stummer Schrei nach Liebe

von Michael Wolf

28. November 2017. Ein gefürchteter Journalist hat meinen Beruf folgendermaßen beschrieben: "Ein Kritiker ist ein Zeitungsmann, dessen Mädchen mit einem Schauspieler oder Regisseur durchgebrannt ist." Bei mir trifft das nicht zu. Bei mir war es ein Zimmermann. Bevor Sie fragen: Ich habe es ausprobiert, aber Türrahmen lassen sich nur schwer kritisieren.

Der entwendete Rassismus

von Dirk Pilz

22. November 2017. Diesmal ein Verdacht. Seit Wochen wird über Sexismus und Sexisten und also über Rassismus und Rassisten geredet, als hätten alle schon immer gewusst, was durch die #MeToo-Bewegung zum Beispiel umfassend verhandelt wird, dass nämlich Sexismus und Rassismus sämtliche gesellschaftliche Bereiche betrifft, weil es beides in allen gesellschaftlichen Bereichen gibt. In den Parlamenten und Redaktionen, im Literaturbetrieb, in Kneipen und Fußballstadien, in der Filmindustrie, im Theater. Überraschenderweise wollen dabei nicht nur alle seit je Bescheid gewusst haben, es bestätigen auch alle, dass im Rassismus wie im Sexismus die Ressentiments mit den Machtverhältnissen kompakte Koalitionen eingehen, was ein Grund dafür ist, dass es beides überall gibt: Weil die Machtverhältnisse derart manifest, also die Abhängigkeiten und entsprechenden Ängste in diesen gesellschaftlichen Bereichen groß sind, finden die Ressentiments weiter fruchtbare Böden.

Ich sehe nicht fern, aber

von Esther Slevogt

15. November 2017. Zu den Medienlandschaften, durch welche vor noch nicht allzu langer Zeit die Bürger*innen lustwandelten und sich als Mitglieder einer demokratischen Öffentlichkeit fühlen konnten, hat dereinst auch das Fernsehen gehört. Viele werden jetzt wahrscheinlich augenblicklich einwenden: es gehört noch immer dazu. Ich persönlich muss dem entgegensetzen: es ist sicher sieben Jahre her, dass mein Fernsehgerät seinen Geist aufgab und seitdem kein neues mehr angeschafft wurde. Immer dachte ich: ach, ich warte noch mal die nächste technische Entwicklung ab.

Das einsame Lachen des Dramaturgen

von Wolfgang Behrens

7. November 2017. Als ich noch ein Kritiker war, habe ich einmal auf bösartige Weise einen Dramaturgen bloßgestellt. Eigentlich war es gar kein richtiger Dramaturg, sondern ein Autor, aber der Autor hatte im bewussten Fall eine genuin dramaturgische Aufgabe übernommen: Er hatte aus Bertolt Brechts Romanfragment "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar" eine Bühnenfassung erstellt. Nun war es nicht etwa so, dass ich den zum Dramaturgen gewordenen Autor deswegen schalt, weil er seinen Job schlecht gemacht hätte. Nein, infam, wie ich war (ich war ja Kritiker!), zerrte ich ihn dort ins Rampenlicht, wo er sich mit Recht im Schutze der Anonymität wähnen durfte: im Publikum.