Das sind ja nur Nazis

von Dirk Pilz

18. April 2018. Diesmal nichts über Chris Dercon und die Volksbühne. Besser wär’, eine Dercon-Debatten-Pause einzulegen. Denn es sind zwar inzwischen allerhand Fakten auf dem Tisch, die wesentlich zum Abbruch der Dercon-Intendanz geführt haben. Es wurden auch allerlei handfeste Argumente und Probleme benannt (siehe die Fragen nach dem Ensembletheater und dem Status des Stadttheaters, siehe die Fragen nach den Verhältnissen der Künste untereinander), aber der Streit ist ideologisch festgefahren. Es werden Schlagworte hin und her geworfen, Vorwürfe gemacht, Verbitterungen ausgetauscht. Rechthaber hier, Rechthaber dort. Die Fakten sind allenfalls Girlanden einer lustvoll bespielten Kulturkampfarena. Lassen wir das für eine Weile.

Der bequeme Weg

von Esther Slevogt

10. April 2018. Seit einiger Zeit teile ich mein bürgerliches Heldenleben mit einem Obdachlosen. Meist kommt er erst abends, um sich hier im Durchgang zum Nachbarhof in die immer gleiche Ecke zu kauern. Der Durchgang hat den Luxus, dass er beheizt ist und seine Türen sich schließen lassen. Der Mann ist eher jung als alt, schaut freundlich, fast kindlich aus seinen erschreckten Augen. Oft sitzt er auch mitten am Tag einfach da, raucht, trinkt und grüßt freundlich, wenn ich an ihm vorbei zu den Fahrradständern hinterm Haus gehe. Meist lässt sich die Dauer seines Aufenthalts in diesem Durchgang an der Zahl der Kippen, an leeren Flaschen und Essensresten ablesen, die er um sich verteilt hat.

Gruppenkunde

von Wolfgang Behrens

3. April 2018. Man kann Kritiker*innen in drei Gruppen einteilen:

1) In die Gruppe derer, die geliebt werden wollen,

2) in die Gruppe derer, die gehasst werden wollen, und

3) in die Gruppe derer, denen es egal ist, ob sie geliebt oder gehasst werden.

Die meisten Kritiker*innen werden wohl behaupten, zur dritten Gruppe zu gehören – eine Blitzumfrage unter einem (in Zahlen: 1) befreundeten Kritiker ergab sogar 100 Prozent, wobei der Umfang der Stichprobe vielleicht nicht optimal gewählt war. Ich behaupte jedoch, dass alle jene, die sich selbst der Gruppe 3 zuordnen, lügen, weswegen sich streng genommen alle Kritiker*innen in die ersten beiden Gruppen aufteilen lassen.

Äh, ästhetische Kriterien?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 27. März 2018. Das deutsche Stadt- und Staatstheater verhält sich zum internationalen Kunstbetrieb wie der unter prekären Bedingungen produzierte Indie-Film zum Hollywood-Blockbuster. Das ist nichts Neues, wurde mir aber noch einmal besonders deutlich, als ich in Nathaniel Kahns sehr sehenswertem, an Insider-Interviews reichen Dokumentarfilm The Price of everything bei Sotheby's New York einen Auktionator tänzeln und hämmern sah und neidisch dachte: Wow, was für eine Spannung dieser Kunstmarkt produziert. Und was da für ein Glaube drinsteckt! An den Wert der Kunst bzw. des jeweils verhandelten Kunstwerks, das feierlich erleuchtet hinterm Auktionator an der Wand hängt und die Gebote in die Höhe treibt, bis man die Nullen nicht mehr zählen kann.

Kuscheln mit der Community

von Michael Wolf

21. März 2018. Meine erste Theatererfahrung hatte ich als dritter Hirte beim Krippenspiel. Ich war noch zu klein, mir den Text zu merken. Mein Part bestand darin, hin und wieder auf den Bauch eines Stofflamms zu drücken, woraufhin es "Mäh" machte. Die Kirchengemeinde liebte mich blasphemisch. Ich bekam mehr Applaus als Jesus.

Knallharte Politik

von Dirk Pilz

14. März 2018. Diesmal eine Anmerkung zu Uwe Tellkamp. Es ist bereits viel zu seinem Dresdner Auftritt gesagt worden, auch von mir. Ich will nicht wiederholen. Aber es geht mir darum, wie jetzt die Causa Tellkamp diskutiert wird. Es ist bezeichnend.

Die vereinigte Fußgängerzone

von Esther Slevogt

7. März 2018. Die Geschichte der sogenannten deutschen Einheit ist auch so eine Geschichte aus dem bürgerlichen Heldenleben. Zumindest, wenn man sie (und ihren aktuellen Zustand) ganz sternheimsch liest: als Folge von Verdrängung und Kleingeist, die das Personal der Sternheim-Stücke stets so deformieren, dass man über sie lachen würde, wenn sie und ihre Geschichten nicht so zum Weinen wären.