Ist das Kunst, oder kann das weg?

von Lara-Sophie Milagro

28. April 2020. Als vorletzte Woche Rauchwolken über dem Berliner Humboldtforum aufstiegen, dachte ich als erstes an eine performative Protestaktion: Irgendein mutiger Künstler nutzt das Corona-Vakuum, um den nachhaltigen gesellschaftspolitischen Einschnitt voranzutreiben, den momentan alle prophezeien, und wählt ein großbürgerliches Prestigeobjekt, das seit Jahren wegen seines ignoranten Umgangs mit Berlins kolonialer Geschichte in der Kritik steht, um ein Exempel zu statuieren.

Das Minutenspiel

von Wolfgang Behrens

14. April 2020. Nein, ich möchte nicht darüber schreiben. Weil alle darüber schreiben und ich nicht wüsste, was ich noch dazu beizutragen hätte. Andererseits wirkt es auch seltsam, nicht darüber zu schreiben. Da es momentan anscheinend gar nichts Anderes gibt, wirkt es geradezu eskapistisch, wenn man sich äußert, aber nicht dazu. Anstatt mich in Theateranekdoten zu flüchten, möchte ich daher einen bislang unveröffentlichten Text von mir zugänglich machen, den ich geschrieben habe, als ich noch ein Kritiker (oder vielleicht sogar noch ein Zuschauer) war. Da es damals noch nicht möglich war, darüber zu schreiben, ist er insofern unverdächtig, ein Kommentar dazu zu sein. Trotzdem fiel er mir dieser Tage ein, weil er auch eine Art Anleitung enthält, wie man damit zurechtkommen könnte. Der Text stammt übrigens aus einer Zeit, als noch die alte Rechtschreibung galt.

I love you, but I’ve chosen Ausgangssperre

von Michael Wolf

7. April 2020. Auf Twitter entdeckte ich den Fußballkommentator Robby Hunke, der – in Ermangelung seines Sports – nun Ereignisse des Alltags kommentiert. Wir sollten uns an ihm ein Beispiel nehmen. Wahrscheinlich ist die Saison gelaufen, aber es kommt ganz sicher eine neue. Künstler, Kritiker und Zuschauer sind nun angehalten, sich fit zu halten. Dafür ist kein Theater vonnöten, wissen wir doch: Die ganze Welt ist eine Bühne. Das Skript können wir den Ausgangsbeschränkungen entnehmen, so etwa der Verordnung zur Änderung der Verordnung über erforderliche Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 in Berlin.

Ich will da nicht mitmachen!

von Şeyda Kurt

31. März  2020. Spätestens nach dem rechtsextremen Terroranschlag in Hanau wünschte ich mir wie viele andere Menschen, die Rassismus erfahren und sich mit ihm beschäftigen, eine Zäsur. Eine Eruption, einen gesellschaftlichen Resonanzraum für den absoluten inneren Ausnahmezustand, den ich fühlte. Ich wollte mich darauf verlassen, dass meine, unsere Geschichte sich in eine soziale Realität übersetzt. Das alles blieb aus.

Wir in Schieflage

von Lara-Sophie Milagro

25. März 2020. Als mich Anfang letzter Woche immer mehr Jobabsagen erreichten, die Leute anfingen, sich bei Rossmann Klopapier und Desinfektionsmittel aus der Hand zu reißen, ich erfolglos versuchte, meiner Mutter ihren Frisörbesuch auszureden und wir am vorerst letzten Kita-Tag mit anderen Eltern zusammenstanden und betretene "Und wo geht ihr jetzt in Quarantäne?"-Gespräche führten, begann ich Dinge zu tun, die ich noch vor zwei Wochen für unvorstellbar gehalten hätte: mäßig witzige "5ter Tag Quarantäne"-Videos mit hustenden Hunden an WhatsApp-Kontakte zu verschicken, einem Aufruf zur Meditation für die endgültige Auslöschung des Virus zu folgen, mir die weiße Massai auf DVD anzusehen (aber nur weil unser Internet mal wieder nicht funktionierte!) und mich mit Freunden zu gemeinsamen virtuellen Museumsbesuchen zu verabreden.

Don't cry. Work!

von Esther Slevogt

18. März 2020. Da haben wir nun den Salat, beziehungsweise das Virus. Plötzlich wird zum Existenzproblem, was das Theater stets als Alleinstellungsmerkmal stolz vor sich herträgt: die physische Kopräsenz. Die Anwesenheit echter Körper in einem echten Raum. Gegen die grassierende Ansteckungsgefahr hilft nicht mal, die vierte Wand wieder hochzuziehen. Zu spät. Unser bürgerliches Heldenleben findet jetzt auf unbestimmte Zeit hinter verschlossenen Türen statt.

Ich weiß es nicht

von Wolfgang Behrens

10. März 2020. Erlauben Sie (ich verwende hier die generische Höflichkeitsform: alle Menschen, die ich duze oder die von mir geduzt werden wollen, sind selbstverständlich mitgemeint) – erlauben Sie mir, Ihnen ein kleines, mir aber umso eindrücklicheres Begebnis aus meiner Studienzeit zu erzählen! Ich hatte damals das Glück, noch zwei Semester bei Ernst Tugendhat zu hören, bei einem der damaligen Meisterdenker der Freien Universität Berlin und Vorreiter der sprachanalytischen Philosophie im deutschsprachigen Raum, der übrigens vor zwei Tagen seinen 90. Geburtstag beging. Im Wintersemester 1991/92 hielt Tugendhat seine letzte Vorlesungsreihe an der FU, die später auch im Druck erschienenen "Vorlesungen über Ethik". In der Regel trug er im zum Bersten gefüllten Hörsaal eine knappe Stunde vor, ein zweiter Teil war der Diskussion gewidmet.