Scheitern muss sein dürfen

Potsdam, 16. Juni 2010. Für den Berliner Tagesspiegel (16.6.2010) hat Heidi Jäger ein ausführliches Interview mit dem Potsdamer Intendanten Tobias Wellemeyer geführt, der in seiner ersten Spielzeit an der Havel nicht nur mit einem zurückhaltenden Publikum zu kämpfen hatte, sondern vor allem auch die Unterfinanzierung seines Hauses beklagt. Trotz der leicht gestiegenen Zuschüsse der Stadt entstehe ein finanzieller Fehlbedarf, da diese gebraucht würden, um die Tariferhöhungen aufzufangen. Man müsse versuchen, die Einnahmesituation zu verbessern, "indem wir mehr Karten verkaufen oder aber sie teurer machen", auch wenn er das eigentlich nicht wolle. Musical-Bespielung und eine verstärkte Vermietung des Hauses werden diskutiert.

Im Land der alten Männer

Wien, 14. Juni 2010. "Theater ist das Land alter Männer und ihrer Fantasien", beginnt Uwe Mattheiss seinen Zwischenbericht von den Wiener Festwochen in der taz (14.6.2010). Diesen Eindruck vermitteln ihm zumindest die langen Abende des Festivals: Robert Lepage rette in "Lipsynch", "einer neunstündigen moralischen Anstalt, ein armes nicaraguanisches Mädchen vergeblich vom Hamburger Strich". Auch Luc Bondy kümmere sich in "Helena" um "gefallene griechische Frauen" und führe noch einmal "den Krieg um die Schönheit". Frank Castorf lote in seiner "Drei Schwestern"-Adaption immerhin "nicht nur weibliche Hysterisierungspotenziale aus", sondern entdecke "die prekarisierten bürgerlichen Intellektuellen als Erben des von Marx und Engels verachteten Lumpenproletariats".

"Ich habe alles gegeben"

Berlin, 10. Juni 2010. Jetzt spricht der Entlassene: Nachdem Frank Castorf, Intendant der Berliner Volksbühne, gestern in einem Interview eher nebenbei mitteilte, dass er seinen Chefdramaturgen entlassen habe, schießt Stefan Rosinski heute auf allen Kanälen zurück. "Die Vorwürfe von Castorf gegen mich sind unhaltbar", äußert er Birgit Walter und Ulrich Seidler gegenüber in der Berliner Zeitung. "Ich habe alles gegeben, um die Volksbühne wieder auf Kurs zu bringen", verteidigt er seinen Kurs. Währenddessen fahnden die beiden Autoren süffisant nach einem Nachfolger: "Günstiger wäre es, die Chefdramaturgie der Volksbühne gleich abzuschaffen und eine befristete Stelle für einen Sündenbock auszuloben. Wer würde, bei allem, was über Rosinskis unbewiesene Qualitäten als Dramaturg zu sagen wäre, dazu nicht taugen?"

Von Freudenfeldern und verantwortungsvollem Scheitern

9. Juni 2010. Anlässlich der Remdoogo-Installation bei den Herrenhäuser Festspielen in Hannover stellt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (9.6.2010) den Berliner Architekten Francis Keré vor. Dieser ist darauf spezialisiert zu erforschen, "wie man in klimatischen Extremzonen die Bautraditionen der Armut technisch verbessern kann". Es könne also "keinen besseren Interpreten für die zunächst bizarr erscheinende Idee" geben, "in der Steppe Burkina Fasos (...) eine Oper zu bauen", wie dies mit dem von Christoph Schlingensief initiierten Festspielhaus-Projekt Remdoogo geplant ist.

Gegen das Seufzen

9. Juni 2010. Frank Castorf hat wieder gesprochen, mit dem Berliner Tagesspiegel. Dort ist heute ein Interview veröffentlicht, dass Peter Laudenbach anlässlich des jüngst in Moskau herausgekommenen Tschechow-Abens Nach Moskau! Nach Moskau!, der demnächst nach Wien und im Herbst nach Berlin weiterzieht, und der Kündigung für Chefdramaturg Stefan Rosinski mit dem Volksbühnen-Intendanten geführt hat.

Sie wollen Gift verspritzen

In der Süddeutschen Zeitung (26.5.2010) antwortet der Intendant der Berliner Schaubühne Thomas Ostermeier, Jahrgang 1968, auf Botho Strauß', Jahrgang 1944, Laudatio auf Jutta Lampe zum Joana-Maria-Govin-Preis, in der der frühere Dramaturg eben dieser Schaubühne das gegenwärtige Theater als "Reservat für unantastbare Dummheit und Bildungsferne"  geschmäht hatte. Ostermeier fragt woher denn diese Feindschaft käme?

Für letzte Worte sind andere zuständig

"Propagierte Öffnung nach außen, Druck nach innen, so janusköpfig stellt sich das Centraltheater dar", so Nina May (Die Zeit, 20.5.2010) in einem Text der genauer auf die "Paris, Texas"-Inszenierung eingeht, aber auch auf dem Kampf um die Wirkungsästhetik. "Hartmann vereint die beiden Gesichter des Hauses in seiner Person", er sei der  Mann, der mit den Zuschauern vorm Theater Fußball spiele und zugleich der Mann, dem Mitarbeiter Machotum vorwerfen und der beim Publikumsgespräch auf eine kritische Frage mit einem heftigen Gegenangriff reagiere.

Die FAZ vom 17.5.2010 veröffentlicht Botho Strauß' Laudatio auf Jutta Lampe anlässlich der Auszeichnung mit dem Joana-Maria-Govin-Preis. Er nutze die Gelegenheit "zur Abrechnung mit dem gegenwärtigen Schaugewerbe" formuliert ganz reizend der zuständige Redakteur, in dem wir wohl den Straußschen Gesinnungsgenossen Gerhard Stadelmaier vermuten dürfen.

Die taz (18.5.2010) stellt die Kölner Schauspiel-Intendantin Karin Beier als "Überzeugungstäterin" vor.