Bröckelndes Fundament

30. Januar 2021. Gravierend sind einer Studie des Beratungsunternehmens Ernst & Young ("Rebuilding Europe") zufolge die finanziellen Folgen der Corona-Lockdowns für die Kultur: "Neunzig Prozent Verluste für die Bühnenkünste, 76 Prozent in der Musik, 56 Prozent in der bildenden Kunst, dreißig Prozent in der Buchbranche. Das einzig gewachsene Segment: Games." Das schreiben der Filmkomponist Matthias Hornschuh, Vorsitzender des Berufsverbands mediamusic und Mitglied im Aufsichtsrat der Gema, und die Schriftstellerin Nina George, die Präsidentin des European Writers' Council, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Nachhaltigkeit und digitale Öffnung

24. Januar 2021. Der Direktor der öffentlich-rechtlichen Kultur-Stiftung Pro Helvetia Philippe Bischof umreißt in einem Gastkommentar fürs Tagblatt (23.1.2021) die Grundzüge der kommenden Schweizer Förderpolitik. In fünf Punkten zieht er Schlussfolgerungen aus der Notlage von Künstler*innen und aus weiteren Tendenzen der Kultur in Pandemiezeiten.

Stelle frei!

20. Januar 2021. Der Münchner Merkur (19.1.2021) berichtet über die Essener Agentur "Kulturexperten", die zuletzt mehrmals beratend bei Besetzungen von Intendanzen mitwirkte. Die "Kulturexperten" werden in dem Text als Headhunter bezeichnet. Zuletzt sollen sie bei der Besetzung der Intendanzen in Regensburg, Annaberg-Buchholz und Schwerin involviert gewesen sein.

Jeder kennt jeden

14. Januar 2021. In der Aargauer Zeitung untersuchen Julia Stephan und Julia Nehmiz die Ergebnisse einer Anfang November 2020 veröffentlichten Umfrage des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbandes SBKV zum Thema Machtmissbrauch und sexuelle Belästigung. 80 Prozent aller Teilnehmenden der Umfrage haben "in den letzten zwei Berufsjahren mindestens einen sexuellen Übergriff erlebt, 69 Prozent davon waren Frauen. Die Vorwürfe gehen von abwertenden und anzüglichen Sprüchen zu Angeboten beruflicher Vorteile bei sexuellem Entgegenkommen und in seltenen Fällen bis zur Vergewaltigung."

Soli für darbende Künstler*innen, Roadies, Clubbesitzer und andere

5. November 2020. In der Zeit schlägt der Musiker Herbert Grönemeyer vor, dass die "vermögendsten Menschen des Landes" den durch "die Pandemie und den neuerlichen Lockdown in Not" geratenen Künstler:innen mit einer Vermögensabgabe "zur Seite springen".

Mit Maske und Hygiene-Stewards

30. Oktober 2020. Großveranstaltungen sind auch unter Corona-Bedingungen mit geringem Ansteckungsrisiko abgehalten werden. Zu diesem Ergebnis, über das unter anderen der Berliner Tagesspiegel berichtet, kommt eine Studie von Mediziner*innen der Universität Halle-Wittenberg. Das Forschungsteam hatte am 22. August 2020 auf einem eigens für die Experimentalzwecke angesetzten Konzert des Popsängers Tim Bendzko in Leipzig Ansteckungsrisiken untersucht.

Dünnes Eis

29. Oktober 2020. Die Medien reagieren in ihren Kommentaren sehr unterschiedlichen auf den neuerlichen Kultur-Lockdown in Deutschland ab Montag.

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.10.2020) rechnet Jan Brachmann vor, dass die Bundesregierung "knallhart kalkuliert" und "klare Prioritäten gesetzt" habe: Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens sowie des Betriebs von Kindertagesstätten und Schulen. Wenn man sich die Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2018 ansehe, wisse man, warum Kultur nicht zur Wirtschaft gehöre. "Theater, Opern- und Konzerthäuser machten in Deutschland insgesamt einen Jahresumsatz von 8,8 Milliarden Euro. Das sind weniger als 0,3 Prozent der Bruttowertschöpfung. Da braucht man über Systemrelevanz gar nicht erst zu diskutieren, selbst wenn man die Vervierfachung der Umsätze durch Umwegrentabilität noch einrechnet." Außerdem treffe die Schließung der Kultureinrichtungen ein Publikum, das ohnehin nur sieben bis zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmache. Die würden zwar als besonders zivilisiert gelten, anders als die Anhänger der Partyszene. Aber: "Wenn man schon Feiern in kleinen Gruppen verbietet, kann man schwer Opern- und Theatervorstellungen mit mehreren hundert oder – wie momentan in Österreich noch erlaubt – tausend Besuchern zulassen, vor allem dann nicht, wenn man an die öffentliche Symbolwirkung von Kunst glaubt."

Im RBB (29.10.2020) wird Maria Ossowski deutlich: "Bitte, wer kuschelt und quatscht während klassischer Konzerte, wer säuft im Theater, wer singt in der Oper mit, und wer tanzt bei einer Lesung? Niemand. Wir, die Kulturmacher und die Kulturbegeisterten, büßen für jene Gruppe, die kein Politiker in den Griff bekommen hat, nämlich die Hochzeiter, die Partymacher, die Leugner. Ihretwegen soll vielen, vor allem kleineren Kulturinstitutionen, jetzt der Todesstoß versetzt werden." Sie geißelt Populismus und Verzichtsethik und kommt zum Schluss: "Die Entscheidung trifft die Falschen, sie trifft sie ins Mark, sie ist zerstörerisch, denn Kultur ist nicht systemrelevant, dieser Begriff aus der Finanzkrise nervt nur noch. Kultur ist existenzrelevant, sie ist lebensrelevant."

Auf Deutschlandfunk Kultur (28.10.2020) kommentiert Stefan Keim: "Wenn alle anderen gesellschaftlichen Aktivitäten herunter gefahren werden, ist es schwer zu vermitteln, warum die Kultur eine Ausnahme machen soll. Es gibt schon rationale Gründe, aber in diesem Moment geht es nicht nur um Logik. Ohne Solidarität kann so ein Lockdown nicht funktionieren." Allerdings dürften Künstlerinnen und Künstler und andere gebeutelte Berufsgruppen nicht alleingelassen werden. Das funktioniere aber nur, wenn die Künstlerinnen und Künstler "eine starke Interessenvertretung bilden. Sie werden bisher kaum gehört, weil sie keine Lobby haben. Lobbyismus gilt vielen Kulturtreibenden als unkünstlerisch und korrupt, ist aber eine Notwendigkeit."

Ebenfalls auf Deutschlandfunk Kultur (28.10.2020) kritisiert Rechtswissenschaftler Volker Boehme-Neßler die Verordnungen, die sich "auf dünnem Eis" bewegten: "Ich rechne mit einer Klagewelle."  Denn immer wieder gehe es bei der Einschränkung von Freiheitsrechten auch um die Frage der Verhältnismäßigkeit. So könnten etwa Theater oder Restaurants mit konsequent praktizierten Hygienekonzepten zu Recht darauf pochen, dass ihnen ein hohes Ansteckungsrisiko erst einmal nachgewiesen werden muss – der Rechtsweg habe durchaus Aussicht auf Erfolg. Wenn ein Theater klage, gelte das Urteil zwar nur für dieses eine Haus. Doch sei davon auszugehen, dass dann viele andere folgten.

"Durch eine wiederholte vorübergehende Schließung von Konzerthäusern, Opern, Kinos, Museen und Theatern wird nach jetzigem Wissensstand womöglich kein einziges Infektionsgeschehen verhindert", argumentiert Marcus Stäbler im NDR (29.10.2020) Dafür werde eine Branche mit rund 1,2 Millionen Erwerbstätigen und einem Gesamtumsatz von knapp 170 Milliarden Euro jährlich unverschuldet noch weiter an den Rand des Ruins oder darüber hinaus getrieben. "Außerdem nimmt das Verbot uns die Möglichkeit, in der realen Begegnung mit Musik, Film, Kunst und Theater neue Kraft zu schöpfen." Die generelle Absage von Kulturveranstaltung zerstöre womöglich mehr als sie rette. "Das kann nicht Sinn der Sache sein."

In der Süddeutschen Zeitung (29.10.2020) äußert sich Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel im Interview zum Lockdown: Ihr Haus müsse mit hoher Wahrscheinlichkeit in Kurzarbeit gehen. "Die emotionale Seite, puh, da ist eine tiefe Traurigkeit. Die Möglichkeit, sich wenigstens hier noch live zu begegnen, auch dem Publikum zu begegnen, wenn auch eingeschränkt, war extrem wichtig in den vergangenen Wochen." Lernen und verhandeln könne man nicht, wenn mit Verboten und Willkür durchregiert werde. "Das höhlt auf Dauer Demokratie und die offene Gesellschaft aus, die wir doch sein wollen. Krise kann als Gefühl kein Dauerzustand sein."

"In Theatern habe ich mich in den letzten zwei Monaten sicher gefühlt", schreibt Tobi Müller auf zeit.de (29.10.2020). "Doch wenn 75 Prozent der Infektionen nicht mehr zurückverfolgt werden können, hilft Fühlen nicht mehr weiter und die Rede von sicheren Orten wirkt etwas wohlfeil." Halbrichtige Zahlen zum Beweis ihrer (wirtschaftlichen) Bedeutung würden der Kultur gerade nicht helfen. Wichtiger sei es, nicht immer nur den Staat zu adressieren, sondern auch jene, "die diesen Staat bezahlen und darunter ganz besonders jenen, die sich nicht primär als Teil des Publikums verstehen". Müllers Vorschlag: "Vielleicht könnte man nun winzige Teile dieser großen Gruppe gerade in für alle schweren Zeiten stärker für sich einnehmen, wenn man nicht nur Solidarität einfordert, sondern selbst stärker welche zeigt, zunächst einmal untereinander."

In der Welt (29.10.2020) argumentiert Jan Küveler für die Theaterschließungen und verweist auf den Klassismus der Theater: "Wem nützen sie, an wen wenden sie sich mit ihrem Programm?" Es möge ja sein, dass offene Theater das Infektionsgeschehen nicht maßgeblich beeinflussen. "Aber dass man sie im Vergleich zu Kitas, Schulen und Lebensmittelläden für einen Tick verzichtbarer hält und deshalb jenen Branchen zurechnet, denen, um Schlimmeres zu verhindern, ein vierwöchiger Shutdown zugemutet werden kann, könnte sie auch ehren. Manchmal ist das Nicht-Notwendige (die Schließung der Theater) eben notwendig (gesamtgesellschaftlich sinnvoll), damit später, wenn alles wieder gut ist, das Nicht-Notwendige (die Theater) seine Notwendigkeit (die Unverzichtbarkeit als Stätte der Unterhaltung und symbolischen Selbstvergewisserung einer Gesellschaft) wieder beweisen kann."

(geka)

 

 

"Stammtisch-Sumpf des Jeder-darf-mal-Postens"

22. Oktober 2020. Unmut erfasste den FAZ-Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier, als ihm am 16. Februar 2006 ein Spieler des Schauspiels Frankfurt während der Aufführung den Spiralblock entwendete. Stadelmaiers folgender Zeitungsbeitrag "Angriff auf einen Kritiker" führte zur Entlassung des Schauspielers. Felix Lempp zufolge ist Stadelmaiers Bestürzung "als Entsetzen über den Verlust der Insignie des souveränen Kritikers zu deuten" – und die sogenannte "Spiralblockaffäre" als Diskussion darüber, welche Rolle und welchen Stellenwert der Theaterkritik in einem seit der Jahrtausendwende zunehmend pluralistischen Theatersystem zukommt. Diese "Ortsbestimmung der aktuellen Theaterkritik" nimmt Lempp in seinem Beitrag "Vom Spiralblock zum Blog?" auf der Plattform 54books vor.

Community der Besserwisser

16. Oktober 2020. In der heutigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung meldet sich der Regisseur und ehemalige Schauspieldirektor des Landestheaters Linz, Gerhard Willert, zu mehreren "gefühlten Wahrheiten" zu Wort, die er einigen bei nachtkritik.de erschienenen Texten entnommen habe. "Was nun in dieser Online-Kantine zur allseits konstatierten (Führungs-)Krise des Theaters samt angeblichen Folgen zu lesen ist", schreibt Willert, "lässt ein paar Muster erkennen. Zunächst einmal: Es scheint um Strukturen zu gehen."