Gegenwart statt Ohrensessel

1. Juli 2010. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geißelt Gerhard Stadelmaier bei seinem traditionellen Ausblick auf die Spielpläne der kommenden Saison die Mode der Zeit: "In Frankfurt sind nur ungefähr zwanzig Prozent des Spielplans episch verseucht, an den Münchner Kammerspielen dagegen gut achtzig, im Berliner Gorki Theater an die neunzig Prozent. Den Bühnen scheint die Lust aufs neuere Drama ziemlich vergangen." Dabei handele es sich natürlich um Bequemlichkeit, denn: mit einem Stück sei man "immer in Gesellschaft: von fremden Leuten" und "immer in einer anderen Welt". Der Roman dagegen bietet den "Gemütsschutz des Ohrensessels", der "Schmökerer darf sich was wünschen". Bei den "richtigen neuen Stücken" diagnostiziert Stadelmaier einen "eindeutigen Schlag ins Exotische", egal ob es sich um die Probleme eines Bauherrn mit Handwerkern (Roland Schimmelpfennig) handelt, deutsch-ivorische Begegnungen (Gintersdorfer/Klaßen) oder um "schick resignierte Soziologen, die die Welt im Monopoly-Spiel beherrschen".

Provokation als einzig möglicher Diskussions-Auslöser

Frankfurt am Main, 30. Juni 2010. Zwei Frankfurter Zeitungen, die Frankfurter Allgemeine und die Frankfurter Rundschau, berichten heute (30.6.2010) über die (Nicht-)Vorstellung der Pläne für den deutschen Pavillon auf der nächsten Biennale von Venedig im Frankfurter Museum für Moderne Kunst. Dessen Leiterin Susanne Gaensheimer ist Kuratorin des Pavillons und hatte Anfang Mai die Wahl Christoph Schlingensiefs als Pavillon-Gestalter bekannt gegeben. Inzwischen hatte Arno Sighardt, der Präsident der Bundesarchitektenkammer, ob dessen nationalsozialistischer Monumentalität den Abriss des Pavillons gefordert; Gerhard Richter hatte überdies die Berufung Schlingensiefs als Niedergang der Malerei gewertet und kritisiert ("Die nehmen einen Performer, dabei haben wir Tausende Künstler").

Faustine, Woyzickine, Schweinsteigerine

Juni 2010. Im aktuellen ZEIT-Magazin (17.6.2010, Nr. 25) ist ein Interview abgedruckt, das Ijoma Mangold mit Anne Tismer geführt hat und das auf Wunsch der Künstlerin komplett ohne Kommata veröffentlicht ist. Die ehemalige Star-Schauspielerin erzählt darin, dass die Film-Aktion Meechfieber, für die sie 2004 mit dem Aktionskünstler John Bock zusammenarbeitete, für sie "bis dahin das größte Kunsterlebnis" war. Alles, was sie vorher gemacht hat, hält sie für "totalen Pipifax". Als Schauspieler müsse man "ja nicht mal den Text selber schreiben", das Schwierigste sei noch das Auswendiglernen. Um Kostüme und Bühne kümmerten sich andere, und "dann sitzt immer einer unten zum Aufpassen dass alles klappt. Also ehrlich – das ist doch lächerlich. Ich verachte das jetzt. Man muss sich auch immer das Gehirn ausleeren weil sonst fluttern da Gedanken rum – das ist nicht so angesagt – bringt alles durcheinander – und Mädchen müssen das mehr als Jungs."

Scheitern muss sein dürfen

Potsdam, 16. Juni 2010. Für den Berliner Tagesspiegel (16.6.2010) hat Heidi Jäger ein ausführliches Interview mit dem Potsdamer Intendanten Tobias Wellemeyer geführt, der in seiner ersten Spielzeit an der Havel nicht nur mit einem zurückhaltenden Publikum zu kämpfen hatte, sondern vor allem auch die Unterfinanzierung seines Hauses beklagt. Trotz der leicht gestiegenen Zuschüsse der Stadt entstehe ein finanzieller Fehlbedarf, da diese gebraucht würden, um die Tariferhöhungen aufzufangen. Man müsse versuchen, die Einnahmesituation zu verbessern, "indem wir mehr Karten verkaufen oder aber sie teurer machen", auch wenn er das eigentlich nicht wolle. Musical-Bespielung und eine verstärkte Vermietung des Hauses werden diskutiert.

Im Land der alten Männer

Wien, 14. Juni 2010. "Theater ist das Land alter Männer und ihrer Fantasien", beginnt Uwe Mattheiss seinen Zwischenbericht von den Wiener Festwochen in der taz (14.6.2010). Diesen Eindruck vermitteln ihm zumindest die langen Abende des Festivals: Robert Lepage rette in "Lipsynch", "einer neunstündigen moralischen Anstalt, ein armes nicaraguanisches Mädchen vergeblich vom Hamburger Strich". Auch Luc Bondy kümmere sich in "Helena" um "gefallene griechische Frauen" und führe noch einmal "den Krieg um die Schönheit". Frank Castorf lote in seiner "Drei Schwestern"-Adaption immerhin "nicht nur weibliche Hysterisierungspotenziale aus", sondern entdecke "die prekarisierten bürgerlichen Intellektuellen als Erben des von Marx und Engels verachteten Lumpenproletariats".

"Ich habe alles gegeben"

Berlin, 10. Juni 2010. Jetzt spricht der Entlassene: Nachdem Frank Castorf, Intendant der Berliner Volksbühne, gestern in einem Interview eher nebenbei mitteilte, dass er seinen Chefdramaturgen entlassen habe, schießt Stefan Rosinski heute auf allen Kanälen zurück. "Die Vorwürfe von Castorf gegen mich sind unhaltbar", äußert er Birgit Walter und Ulrich Seidler gegenüber in der Berliner Zeitung. "Ich habe alles gegeben, um die Volksbühne wieder auf Kurs zu bringen", verteidigt er seinen Kurs. Währenddessen fahnden die beiden Autoren süffisant nach einem Nachfolger: "Günstiger wäre es, die Chefdramaturgie der Volksbühne gleich abzuschaffen und eine befristete Stelle für einen Sündenbock auszuloben. Wer würde, bei allem, was über Rosinskis unbewiesene Qualitäten als Dramaturg zu sagen wäre, dazu nicht taugen?"

Von Freudenfeldern und verantwortungsvollem Scheitern

9. Juni 2010. Anlässlich der Remdoogo-Installation bei den Herrenhäuser Festspielen in Hannover stellt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (9.6.2010) den Berliner Architekten Francis Keré vor. Dieser ist darauf spezialisiert zu erforschen, "wie man in klimatischen Extremzonen die Bautraditionen der Armut technisch verbessern kann". Es könne also "keinen besseren Interpreten für die zunächst bizarr erscheinende Idee" geben, "in der Steppe Burkina Fasos (...) eine Oper zu bauen", wie dies mit dem von Christoph Schlingensief initiierten Festspielhaus-Projekt Remdoogo geplant ist.