Mein Faust oder dein Faust?

17. Januar 2009. "Urfaust" gestern in Hamburg, Thalia Theater. Pause nach anderthalb Stunden. Die Raucher stehen draußen vor der Tür. Kalt ist's, die Mützen sind tief ins Gesicht gezogen. Die Mütze von Michael Thalheimer geht fast bis an den Rand seiner Brille. Er raucht, und er schimpft. Über den Urfaust von Andreas Kriegenburg. "Ich bin von den Socken!" ist durch die Hamburger Winterluft zu hören. Und soll, schnappen wir noch auf, dieses Psycho-Zeugs etwa an David Lynch erinnern? Thalheimer meint vermutlich, dass sich Mephisto bei Kriegenburg vom weißen Lemming in einen fiesen Grinse-Clown verwandelt.

Einar Schleef, Pensionär

17. Januar 2009. In den 90er Jahren habe ich manchmal versucht, mir Einar Schleef als alten Mann vorzustellen: altersweise, milde, ein bisschen müde. Es ging nicht, die Fantasie versagte, Schleef blieb in meiner Vorstellung immer ungefähr 50 Jahre alt. Die Haare Schleefs mochten wohl grau werden, aber zum zahnlosen Greis taugte er nicht. Er ist ja dann auch nicht alt geworden, im Juli 2001 wollte sein Herz den Raubbau des Künstlers am eigenen Körper nicht mehr mitmachen und blieb stehen.

Gestern in der Schaubühne

15. Januar 2009. Gestern in der Schaubühne hat Sepp Bierbichler seine Schuhe ausgezogen. Auf der Bühne. Während der Premiere von John Gabriel Borkman. Wir fragten uns hinterher: Inszenierung oder Bühnenproblem? Immerhin hatte sich Felix Römer beinahe auch flach gelegt, und Angela Winkler rutschte oder stolperte beim Schlussapplaus.

Aus dem Leben der Nachtkritiker

13. Januar 2009. Als die Nachtkritiker noch klein waren, passierte es ihnen schon einmal, dass sie vor den Pforten des Paradieses abgewiesen wurden. In Wien, wo der große Luc Bondy, mit dem auch sehr großen Gert Voss den noch größeren "König Lear" inszenierte. Als die Nachtkritiker noch klein waren, schickten sie einfach ihren Premierenbericht von vor den Pforten des Paradieses. Dass sich im Paradies wenig Paradiesisches abspielte, konnten später alle sehen, als der große Gert Voss im kleinen Fernsehkasten bei der Lear-Übertragung pathetisch sich das Hemd vom Leibe riss.

Willkommen!

11. Januar 2009. In einer Kurzglosse in einer Frankfurter Sonntagszeitung lesen wir, wie Volker Weidermann am Abend des 80. Geburtstages von Heiner Müller der Krise des Theaters begegnete, in, na, was denken Sie, wo?: richtig, in der Volksbühne. Außerdem traf er dort Italiener, Studenten und einen "Obdachlosen mit einer Tasche voller tropfender, bestialisch stinkender Fäkalien". Wir rufen ein freundliches: Willkommen im gemütlichen Krisen-Plauderer-Club!

Der Hochkulturpromi

von Tomo Mirko Pavlovic

8. August 2007. Es gibt Augenblicke im Leben, in denen man sich unsicher fühlt. In der Bank, wenn einen der grinsende Hosenanzug Anfang Zwanzig fragt, ob man noch nicht angesichts des fortgeschrittenen Alters und der aktuellen Rentendiskussion an die Erstellung eines persönlichen Liquiditätsplans für die Restzeit gedacht habe. Bei einer Fahrzeugkontrolle auf dem Balkan, wenn man bemerkt, dass der sich nähernde Polizist Turnschuhe trägt.

Der Bronchialneurotiker

von Tomo Mirko Pavlovic

26. Juli 2007. Es gibt Dinge im Leben, die existieren und niemand weiß, warum. Schnaken. Das Fernsehen. Durchschnittlich sechs Kassen im Supermarkt, von denen höchstens zwei besetzt sind. Oder der Call-Shop nebenan, wo kein Mensch jemals telefoniert, nicht einmal der Besitzer selbst, ein mürrischer Äthiopier, der nie zurückgrüßt und trotzdem einen Mercedes fährt. All das gibt es und man sollte niemals nach ihrem Sinn fragen.

Der Angreifer

von Tomo Mirko Pavlovic

23. Juli 2007. "Das ist mein Platz!" Da ist er schon wieder, dieser Satz. Und sein dazugehöriger Mensch. Baut sich vor einem auf wie eine Fleisch gewordene Aufforderung. Ein Vertreibungsdekret mit Lesebrille. Ein performativer Akt mit Theaterkarte am langen Arm.

Der Frühaufsteher

von Tomo Mirko Pavlovic

20. Juli 2007. Es gibt Menschen, die sich wundern, wenn sie ein scheinbar herrenloses Badetuch auf einem adriatischen Liegestuhl Sekunden nach Sonnenaufgang sehen. Es gibt Menschen, die sich immer noch fragen, weshalb es ihnen niemals gelungen ist, ihren Namen an erster Stelle auf dem Seminaraushang für das neue Semester einzutragen.