Die Verhältnisse – sie sind nicht so?

von Nikolaus Merck

5. März 2016. In einem Gespräch mit dem Norddeutschen Rundfunk hat der Schauspieler Edgar Selge, einer meiner großen Schauspielhelden, einen Satz gesagt, der einerseits enorm hoffnungslos, andererseits enorm befreiend wirkt. Selge: "Du findest einen großen Trost in diesen Theaterfiguren, die mit ihrer großen Verzweiflung dir die Hände herreichen und sagen: Komm, das Leben ist so."

Die Diva und ihre Fans

von Michael Wolf

29. Februar 2016. Eine gute Hauptdarstellerin zieht Publikum. Da kann man schonmal auf sechs Millionen Zuschauer kommen, so wie gestern abend Anne Will dank der Promi-Performance von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Komische Sicht auf eine Talkshow? Die heute erschienenen Berichte legen eine solche Perspektive nahe, denn es scheint fast so, als verdienten sich die Medienjournalisten dieses Landes montags als Theaterkritiker was dazu. 

Harry Potter goes Theaterbühne

Harry Potter28012. Dezember 2016. Die Jahresplanungen von nachtkritik.de schreiten voran. Aus dem Juli vom Londoner Palace Theatre winkt uns ein Ereignis heran, das wir nicht verpassen dürfen. Oder doch?

 

 

 

 

 
 

Aus dem NS-Phrasenpool

von Georg Kasch

Berlin, 21. Januar 2016. Der Schock muss wirklich tief sitzen. Sowohl bei der Berliner Volksbühne, deren Tage gezählt sind. Als auch bei ihren Fans. Wer immer der Urheber dieses Aufklebers ist, der im Dezember gleich mehrfach in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gesichtet wurde – er (oder sie) hat einen echten Hass auf die Entscheidung, dass nach 25 Jahren der Intendanz Frank Castorfs Schluss ist. Und dass Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner nicht etwa Sebastian Hartmann, René Pollesch oder Herbert Fritsch zum Nachfolger bestimmte. Sondern Chris Dercon, München- und London-erfahrenen Kultur-Manager, dem man neoliberalistisches Verwalten und ein internationales Allerlei vorwirft.

Einmal durchgreifen, bitte!

von Georg Kasch

15. Dezember 2015. In Hannover ist die Welt noch in Ordnung. Denn wo gibt es ihn noch, den unbedingten Glauben an die Macht des Theaters? Dort, wo man sich gegen sie zu wehren versucht. An der Staatsoper Hannover hat Kay Voges, Schauspiel-Intendant in Dortmund, gerade eine Inszenierung von Carl Maria von Webers "Freischütz" herausgebracht. Es ist seine zweite Operninszenierung, in die – wie Elmar Krekeler in der Welt berichtet – "beinahe alles hineinpasst, was irgendwie mit dem Deutschen in Geschichte und Gegenwart in Verbindung gebracht werden kann".

Bert Neumanns letzter Raum

von Esther Slevogt

Berlin, 6. November 2015. Vielleicht ist ein Schlüssel das Gemälde Der tote Christus im Grabe von Hans Holbein (d.J.). Der 1497 in Augsburg geborene Maler lässt darauf in das Grab Christi wie in ein Terrarium blicken, in dem ein elendig ausgemergelter, toter Körper mit ersten Verwesungsmerkmalen liegt. Seht, scheint das Bild zu sagen: auf dieses Stück Sterblichkeit habt ihr Menschlein eure Erlösungshoffnung gerichtet. Eine Reproduktion des Gemäldes taucht wie ein Kassiber in den fast sechs Stunden, die dieser Abend dauert, immer wieder auf. Und es prangt auch hoch oben über der Volksbühne. Am Ende trägt es Alexander Scheer, der in Frank Castorfs Adaption der "Brüder Karamasow" den mittleren Bruder Iwan spielt (und dabei dem Holbein'schen Christus erschreckend ähnlich sieht), als eine Art megalomanes Selfie mit sich herum.

Dünne Frauen im Rock

30. September 2015. Es kommt ja hin und wieder vor, dass auch so ein niederes Wesen wie ein Theaterkritiker einen Telefonanruf von einem Theaterintendanten erhält. Zwar gelten Kritiker*innen in diesen Kreisen als eher minderbemittelte Kreaturen, die kaum in der Lage sind, ein Kunstwerk zu beurteilen. Trotzdem ist es ihren hohen Vertretern immer wieder wichtig, uns hier bei nachtkritik.de wortreich davon zu überzeugen, dass an ihrem Haus gerade einmal wieder eine weltbewegende Arbeit im Entstehen begriffen ist, deren Besprochen-werden auf nachtkritik.de unabdingbar für das Überleben der deutschen Stadttheaterlandschaft sei.

Kritikerleben mit Peymann. André Heller-Palimpsest I. Eine Elegie

von Nikolaus Merck

Berlin, 27. September 2015. Versteigerung im Berliner Ensemble, Peymann räumt den Fundus aus. "Zum vierten oder fünften Mal", sagt der Mann mit Zylinder, Frack und Lesebrille ("Ich kann das hier gar nicht lesen ...", - klopft die Taschen seines Fracks vergeblich ab - "Mann, jetzt habe ich keine Lesebrille", - an die Hilfstruppler hinter der Bühne gewandt: "Wo ist meine Brille ...?"). Bin ich hingegangen.

Ist das noch Kunst oder ist das schon Sozialarbeit?

Berlin, 2. September 2015. Leide wie ein Flüchtling! Ruft das Bochumer Schauspielhaus und stellt auf seinem Gelände ab heute einen LKW auf, in den das Publikum sich zusammenpferchen darf. Anlass ist der tragische Fund eines Lasters mit 71 Leichen Ende August in Österreich. Am Tag nach dem Unglück habe das Theater ein Anruf des Spediteurs Gerard Graf erreicht, der in seinem Fuhrpark einen LKW des gleichen Typs besitze, verkündet es in einer Pressemitteilung: "Gerard Graf war so schockiert und betroffen, dass er sich mit der Bitte an das Schauspielhaus Bochum wandte, eine Aktion in die Wege zu leiten, die nachvollziehbar macht, was Menschen bereit sind für ein Leben in Sicherheit in Kauf zu nehmen."

Die zehn maßgeblichen Ereignisse der Saison 2014/2015

von Christian Rakow

Berlin, 27. Juli 2015. Spardebatten, neuer Aktivismus, politische Kundgebungen allerorten, Aufhörer und Rückkehrer, und natürlich der Berliner Theaterstreit. Das war die Saison 2014/2015.