Denn sie wissen schon, was sie tun

Berlin, 16. Dezember 2014. Als wäre es gestern gewesen: Ich betrat den Prater der Volksbühne – bisher hatte ich nur ein paar Gerüchte über die Arbeiten des Regisseurs aufgeschnappt –, und im Zuschauerraum spürte ich sofort eine fast einschüchternde Entschlossenheit um mich herum. Der Einlass hatte sich wegen Nachbesserungen an der Bühnensicherheit um eine Stunde verzögert, und nun trugen die Totenkopf-Masken hinter der monströs-schwarzen Bühnenwand und der kriegerische Soundtrack ihr übriges zu dieser Atmosphäre bei, in der man sich – ganz real – nicht sicher fühlte. Schon bald quietschte im absoluten Dunkel der Plastikvorhang auf, und mit einem plötzlichen Lichtblitz offenbarte sich für einen Sekundenbruchteil die ganze gemalte Bühnenwelt, an der man sich auch im Verlauf der unzähligen kommenden Stunden nicht sattsehen sollte: Die Premiere von John Gabriel Borkman unter Leitung des Trios Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen begann.

Stahlhelmträger, vortreten!

Berlin, 10. Dezember 2014. Dietmar Wischmeyer, der Oberhumorikus des Berliner Hochkulturadios "nur für Erwachsene" radio eins, wettert in seiner beliebten und belächelten Mittwochs-Rubrik "Wischmeyers Schwarzbuch" heute gegen das Subventionstheater, das ihm als "Zecke im Fell der Kommune" erscheint.

Platz für nichts Neues

Schleswig, 9. Dezember 2014. "Hier sende ich Euch einige aktuelle Fotos vom Abriss
des Theaters in Schleswig. (...) Das zynische Plakat der Abrissfirma komplettiert den Wahnsinn." Dies schickte uns heute Regisseur Patrick Schimanski per E-Mail.

Feierlich an die Außenwand

Berlin, 11. September 2014. Das Zentralkomitee für nachtkritische Schönheit ruft zu einer Aktion auf!

Aktivisten werden das Klingelschild der Wohnung von Philipp Ruch, dem Leiter des Zentrums für politische Schönheit und einem der ersten Opfer von Berlins Innensenator Frank Henkel, bei Nacht und Nebel abschrauben. Danach werden die Aktivisten von einer Fahrradrikscha – die auf die prekäre Situation der Personenbeförderung in Berlin hinweist – mitten durch die Stadt an die Außengrenze des gesunden Menschenverstandes gefahren: zur Klosterstraße 47, wo die Senatsverwaltung des Inneren residiert. Während der Rikscha-Fahrt wird streng auf eine gute Behandlung des Klingelschildes geachtet, um die Menschenwürde Philipp Ruchs nicht mit Füßen zu treten.

An die Grenzen Europas

von Sophie Diesselhorst und anderen

Ab 7. November 2014. Anfang dieser Woche informierte die Künstlergruppe Zentrum für politische Schönheit über den Verbleib von 14 Kreuzen aus der Maueropfer-Gedenkinstallation "Weiße Kreuze" neben dem Reichstag. Diese hätten die "Flucht aus dem Regierungsviertel vor den Gedenkfeierlichkeiten zu '25 Jahre Mauerfall' ergriffen" und seien "in einem Akt der Solidarität" über die EU-Außengrenzen zu den "zukünftigen Mauertoten" geflüchtet. Die Polizei ermittelt inzwischen wegen schweren Diebstahls.

Neben Nullen?

6. November 2014.Es gibt diesen unangenehmen Moment, wenn man zum Beispiel am Ende einer Meldung den Lebenslauf einer Theatergröße skizzieren will. Da landet man immer schnell bei Formulierungen wie: "Seine Karriere begann an den Kammerspielen unter Baumbauer." Oder: "Ihre größten Erfolge feierte sie unter Langhoff am Deutschen Theater".

Es kann ja nicht immer so bleiben

4. November 2014. Heute vor 25 Jahren hat das Theater gezeigt, was es vermag. Es waren Theaterleute, die die große Demonstration am 4. November 1989 am Alexanderplatz vorbereiteten und die Verantwortung für ihren Ablauf übernahmen. Und nicht zuletzt sie waren es, die schließlich bei der großen Kundgebung vor – noch immer unglaublichen – 500.000 Menschen sprachen: die Schauspieler Annekathrin Bürger, Steffie Spira, Ulrich Mühe, Thomas Neumann, Johanna und Ekkehard Schall, der Bühnenbildner Henning Schaller, die Dramatiker Heiner Müller und Christoph Hein. Keiner kann wissen, wie die Geschichte verlaufen wäre, hätte es diese Demonstration nicht gegeben. Wäre fünf Tage später die Mauer gefallen?

revolution burkina faso

von Jan-Christoph Gockel

30. Oktober 2014.

morgens

maschieren die menschen die menschen maschieren zum zentrum schon in der nacht waren sie da mit blasintrumenten und trillerpfeifen zu hunderten zu tausenden strömen sie zum platz der nation maschieren tanzen und an jeder größeren kreuzung stecken sie etwas in brand sie sind keine chaoten alles top organisiert straff könnte man sagen mit klarem ziel

Ihr dummen Kritiker-Honks!

28. Oktober 2014. Hier zur Abwechslung mal ein paar Kommentare, die wir im Oktober auf nachtkritik.de NICHT veröffentlicht haben. Damit ihr mal wisst, was ihr so verpasst ...

In Ulm, um Ulm und um Ulm herum

von Georg Kasch

Berlin, 23. Oktober 2014. Waren Sie schon mal in Ulm? Ich nicht. Im Ulmer Theater also auch noch nicht. Bis gestern. Da hat mich der Livestream zu "Refugium" geführt, einer Stückentwicklung von Michael Sommer. Der langjährige Chefdramaturg, der seit dieser Spielzeit frei arbeitet, hat Interviews mit Ulmer Flüchtlingen geführt. Daraus ist ein Stück entstanden, dessen Gedankenspiel so geht: Was, wenn es eine Firma gäbe, die versuchte, Menschlichkeit und Ökonomie miteinander zu versöhnen? Eine Firma, die Mittelmeer-Flüchtlinge rettet – und damit auch noch Geld verdient?