Ein kleines Juwel ringt um Fassung

von Dieter Stoll

Nürnberg, 11. Mai 2019. Der erste Blick fällt auf einen Traum, der dem zweiten nicht standhalten kann. Die schlummernde Dame des Hauses kauert als ohnmächtige Spinne im Netz, die Ahnung einer realen Szene ist großräumig umhüllt vom riesigen Seidentuch mit Himmelsblick zu den Schafswölkchen. Schön kitschig? Bei genauerer Betrachtung könnte die wallende Textilfläche auch eine kolossale Negligé-Zwangsjacke sein, geschneidert als Übergangsmodell für frostige Wechselwirkungen im alsbald einsetzenden Beziehungsstress.

Das arme Tier zeigt seine Zähne

von Nikolaus Merck

Kassel, 10. Mai 2019. Der Krieg ist schwarz und weiß und überall. Er kriecht über die Bühne von Daniel Roskamp, in die Kostüme der Soldaten, auf den Planwagen der Marketenderin (für die Heutigen: bei der Markentenderei handelt es sich um einen ambulanten Supermarkt hinter der Front), bis auf die verblichene Haut seiner Opfer. Schwarz und weiß. Ein Gegensatz, so wie die traditionellen Lesarten für die "Mutter Courage" von Bertolt Brecht: "Hyäne des Krieges", die am Schlachten und Morden verdient, die ihre Kinder opfert, nur um einen kleinen Gewinn einzubringen. Oder: das Muttertier, das versucht im menschenverschlingenden Krieg zu überleben, und dabei, weil die Verhältnisse eben einmal so sind, ihre Kinder verliert, die kriegstauglichen Söhne Schweizerkas und Eiliff, sowie die Tochter Katrin, die stumm ist, und nicht besonders hübsch.

Singspiel mit Klassenfrage

von Georg Kasch

Halle, 10. Mai 2019. Wenn's schon draufsteht, muss es ja stimmen: "Cetacea" (Wale) prangt auf der altmodischen Vitrine im Zentrum der Bühne. Darin: ein Mensch. Voluminös zwar und in blauer Kleidung. Aber doch ein Homo sapiens. Sein Name: Alexander. In Leon Englers Stück "Die Benennung der Tiere" liegt er schon zu Beginn in den Gleisen einer U-Bahn-Station, die hier mit in der Vitrine stecken. Und weil er so dick ist und sich selbst mit Tiernamen beschimpft, beschließen die, die ihn dort finden – Passantin Helena und U-Bahn-Wache Oskar –, dass er ein Wal sein müsse. Ist ja auch die idealere Projektionsfläche als ein dicker Loser. Während er also auf den Schienen liegt und blutet, reden um ihn herum die Schönen und Reichen, aber auch die Durchschnittsmenschen von ihren Sehnsüchten und Kümmernissen und schrammen dabei ständig am Eigentlichen vorbei: einen Menschen zu retten.

Lotz und Schmalz und Leberwurst

Skurril und ziemlich witzig ist Englers Stück, das – nach szenischen Lesungen sowohl beim Heidelberger Stückemarkt als auch beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2018 – nun in Halle uraufgeführt wurde. Hier prallen die großen Seinsfragen aufs Banale – Englers gefräßiger Held Alexander etwa rutscht ausgerechnet auf einer Leberwurststulle aus. Stellenweise wirkt das wie eine Mischung aus Wolfram Lotz und Ferdinand Schmalz. Engler reißt Sinnfragen und sonstige Gegenwartsthemen an wie ein ungeduldiges Kind, um sich an ironisch funkelnden Dialogen zu erfreuen.

DieBenennungderTiere2 560 Falk Wenzel uZur Hilfe, zur Hilfe! Oder auch nicht: Bettina Schneider, Till Schmidt, Alexander Pensel, Nils Thorben Bartling, Nils Andre Brünnig © Falk Wenzel 

In Halle nimmt Regisseur Ronny Jakubaschk Englers leichten Ton ernst – und macht aus "Die Benennung der Tiere" ein veritables Singspiel, das den Blick für die Klassenunterschiede schärft. Beides ist zwar schon bei Engler angelegt. Aber Ausstatterin Anna Sörensen hat die Promis, die Alexander vermeintlich zu Hilfe eilen, in Variationen des Gleichen gesteckt: rote Lockenperücken über weißen Gesichtern, Anzüge mit Dollar- und Leopardenmuster. Höchst künstliche Virgin Queens sind sie, Elon Musk (der Auto- und Raketenbauer), König Mswati III. aus Swasiland (der letzten absolutistischen Monarchie in Afrika) und Modebloggerin Chiara Ferragni. Jörg Kunze aber pumpt mit seinem sich vor großen Vorbildern verneigenden Soundtrack mit Songs von ironischer Eleganz Leichtigkeit in den Abend.

Der Wal als Hoffnung "für uns kleine Leute"

Der beginnt erst einmal erstaunlich trocken: Bettina Schneiders Helena findet Nils Thorben Bartlings verzweifelten Alexander in der Vitrine, in der tatsächlich Schienen liegen und eine Bahnsteigkante. Am Notruf-Telefon wirkt sie ernsthaft besorgt. Aber schon das Fachgespräch mit der pedantischen U-Bahn-Wache Oskar – Till Schmidt versprüht den spröden Charme eines Hausmeisters – über Tier- und Leberwurstsorten verschiebt den Diskurs ins Surreale. Wenn Schmidt dann auch noch unter Hochdruck vom Wal als der letzten Hoffnung "für uns kleine Leute" singt zwischen Zarzuela und Brecht, erreicht der Abend zum ersten Mal Betriebstemperatur.

Nach und nach kommen jetzt die potentiellen Heilsbringer hinzu, die sich allesamt als um sich selbst kreisende Würstchen entpuppen: Nils Andre Brünnings eitles Babyface (Tesla-Gründer Elon Musk) und Alexander Pensels König, ein schnöseliger Knabe, klauen dem Wal erst das Wasser, um später mit den leeren Flaschen dessen Vitrine zu bewerfen. Nora Schultes Bloggerin quietscht als aufgedrehtes Selfie-Girl herum.

DieBenennungderTiere1 560 Falk Wenzel uDie Drei, die doch nichts dran drehten: Babyface Musk, ein aufgedrehtes Selfie-Girl und ein schnöseliger Königsknabe: Nils Andre Brünnig, Nora Schulte, Alexander Pensel @ Falk Wenzel 

Es ist ihnen allen hoch anzurechnen, dass sie Karikaturen schaffen, ohne hemmungslos zu überzeichnen. Aber keine*r von ihnen kann so herrlich deprimiert auftrumpfen wie Elke Richters Elfriede Jelinek. Jelinek steckte – so will's der Text – die ganze Zeit im Chiara-Ferragni-Kostüm, weil sie auch mal ein normales Leben führen wollte. Hier verschwindet Schultes Bloggerin hinter der Vitrine und Richter kommt als Lookalike hervor, nur 30 Jahre älter. Eine müde Herrscherin, halb Schiller-Königin, halb Nobelpreisträgerin mit müde-eleganter Suada. Hinreißend, wie sie über kleine Schwänze schimpft, nach ihrer Valium kramt und überall die Phallokratie wittert. Immer, wenn sie von Sex spricht, krümmt sich Swasi III., der so gierig mit Ferragni angebandelt hatte, und klammert sich fest an den Schuh, den er von der Bloggerin behalten hat.

Später besingen die drei in goldschimmernden Barockkleidern madrigalhaft die Kartoffel, finden Helena und Oscar den Eingang zum Wal, weil sie sich von diesem Gang Rettung erhoffen wie die des biblischen Jona, hört Alexanders Herz auf zu schlagen. Das ist zugleich alles sehr komisch und sehr traurig, weil die Menschen auf der Bühne die ganze Zeit nur einen Schritt von der (Wal-)Rettung entfernt sind, sich aber mit ihrer Heilserwartung selbst im Weg stehen.

 

Die Benennung der Tiere (UA)
von Leon Engler
Regie: Ronny Jakubaschk, Bühnen und Kostümbild: Anna Sörensen, Dramaturgie: Sophie Scherer, Musik: Jörg Kunze.
Mit: Bettina Schneider, Nils Thorben Bartling, Till Schmidt, Nils Andre Brünnig, Alexander Pensel, Nora Schulte, Elke Richter.
Premiere am 10. Mai 2019
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.buehnen-halle.de

 

 

Kritikenrundschau

Ein "verrücktes, aber durchdachtes, intelligentes Stück", eine "skurrile, hintersinnige Geschichte" hat Andreas Montag erlebt, wie er in der Mitteldeutschen Zeitung (13.5.2019) schreibt. Regisseur Ronny Jakubaschk habe seine Darsteller bestens eingestimmt, Anna Sörensen fantastische Kostüme und eine ebensolche Bühne gezaubert, Jörg Kunze die Musik beigesteuert – "alles fein". Unter den Darstellenden schieße Elke Richter als Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek "den Vogel ab".

Schon sehr geil

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 10. Mai 2019. Sagt das quantenmechanisch interessierte Stubenmädchen zum gschaftelnden jungen Herrn: "Es gibt nichts zum Aufheben, wenn ich die Augen zulass." Von wegen patriarchale Herrschaftsverhältnisse: Der junge Herr Josef Ellers wird von Karoline Kuceras Stubenmädchen mit Stummfilm-Pantomime in den Boden geküsst. Den Liebhaber davor, Gerald Votava als Soldat, hat sie zum Tod durch Stromschlag verführt. Der Unterschied zwischen einem Kutschenunfall und politischen Wahlen? "Ich liebe Wale!" Was ist das nochmal für ein Stück?

Alle gegen alle

von Gerhard Preußer

Münster, 10. Mai 2019. Das Bild kennt man: eine Gruppe von ausgehungerten Gestalten, halbtot auf einem Floß liegend, um einen improvisierten Mast mit roter Fahne zur Menschenpyramide arrangiert, einem sehr fernen Schiff am Horizont verzweifelt zuwinkend. So hängt Theodore Guéricaults Monumentalgemälde "Das Floß der Medusa" im Pariser Louvre. Und so beginnt Stefan Ottenis Inszenierung nach dem gleichnamigen Roman Franzobels in Münster. Gemälde, Roman und Bühnenfassung greifen ein historisches Ereignis auf, den berüchtigsten Schiffbruch des 19. Jahrhunderts. Berühmt, weil er schon damals, lange vor dem Holocaust, zeigte, dass der Mensch sich keine Grenzen setzen kann, auch nicht die, die man optimistisch Humanität oder Menschlichkeit nennt. 

Ein quietschnasser Stöckelschuh

von Sonja Eismann

Berlin, 9. Mai 2019. Vor Jahren wählte eine feministische Freundin von mir für eine ihrer digitalen Identitäten das Alias "Persona". Das klang weltläufig, abgeklärt und irgendwie mystisch. Ich war neugierig, schämte mich aber zuzugeben, dass ich den Film von Ingmar Bergman noch nicht gesehen hatte. Jetzt, mit der gleichnamigen, auf dem Film basierenden Theateraufführung in meinem Terminkalender, suchte ich ihn endlich. Und fand online die Originalversion mit spanischen Untertiteln (die ich, aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse, alle paar Minuten mit dem englischen Dialogskript auf einer anderen Website abglich). Wie feministisch war Bergmans Blick? Ging es darum überhaupt? Und wie ist die Perspektive einer jungen Regisseurin über 50 Jahre später im immer noch männerdominierten Theaterbetrieb auf eben diesen Blick?

Der ewige Bettler 

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 9. Mai 2019. "Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn." Sagt der Türhüter zu dem Mann vom Lande. Es sind die beiden letzten Sätze in Kafkas zur Essenz verdichteten Erzählung "Vor dem Gesetz". "Komm, wir gehen. – Wir können nicht. – Warum nicht? – Wir warten." So der wiederkehrende Gesprächsverlauf zwischen Estragon und Wladimir in Samuel Becketts Jahrhundert-Drama. Die einfachen Sätze, die mehr noch Chiffre für unser Sein sind als konkreter Dialog, ruhen still unter dem Stück, mit dem Peter Brooks Théâtre des Bouffes du Nord Paris auf eine deutsche Bühne – in das Haus des Koproduzenten Ruhrfestspiele – zurückkehrt. Hinter den Zeichen liegt die Natur des Menschen.

Obertöne der Flageolette

von Ulrich Wolff

Berlin, 6. Mai 2019. Das war wie eine Entführung in eine Kinderwelt. Zu Weihnachten gibt's den Baukasten, der dann ausprobiert und natürlich auch zweckentfremdet wird. Die Nebelwolken aus Thom Luz' "Fog Machine Factory" schaffen die Atmosphäre, die Phantasie in sich selbst anzuregen. Im Bühnenhintergrund stehen denn auch wie zufällig Verpackungskisten mit der Aufschrift "Look solutions".

"Ich geh doch geil ab"

von Andreas Merkel

Berlin, 5. Mai 2019. Mit zwei Fragen gehe ich in diese Vorstellung. Erstens: Wie gut spielte David Foster Wallace wirklich Tennis (diesen ebenso literarischen Monolog- wie theatralischen Dialog-Sport)? Zweitens: Wie lange halte ich die vierstündige Aufführung eines Romans aus, den ich als Bad Reader nach 120 von 1500 Seiten im ersten Zehntel abgebrochen habe?

Die Invasion der Plastikbabys

von Gerhard Preußer

Recklinghausen, 4. Mai 2019. Wie macht man aus einem rassistischen Roman eine anti-rassistische Theateraufführung? Die Aufgabe ist schwer, weil doppelt: die politische Tendenz umkehren und die Erzählung in ein Bühnengeschehen verwandeln. Die Lösung kann nur sein, das eine mit dem anderen zu erreichen. Die ästhetische Form muss den politischen Inhalt verkehren.

Im Schummer so fern

von Andrea Heinz

Wien, 4. Mai 2019. Eigentlich wären es Texte zur Stunde: Sophokles’ "Ödipus" und "Antigone". Es geht um Fragen von Recht und Gerechtigkeit, zivilem Ungehorsam, Verantwortung nicht nur der Politiker*innen, sondern auch der Bürger*innen für ihre eigenen Handlungen. In "Ödipus"macht einer sich schuldig, weil er blind den Weissagungen glaubt, die ihm prophezeien, er würde sich schuldig machen.

Raus aus dem Scheißhaufen!

von Andreas Thamm

Erlangen, 4. Mai 2019. Wenn es 90 Minuten lang um die großen Konzepte geht, braucht man umso dringender die kleinen, cleveren Ideen. Es ist also kein Wunder, dass der Szenenapplaus in Erlangen dann aufbrandet, als Lisa Fedkenheuer und Martin Maecker albern in Bienenkostümen dastehen und nicht mehr sprechen, sondern aufgeregt summen. Die Übersetzung kommt simultan vom Band, eine herzzerreißende Liebesgeschichte: "Ich verstecke dich in meiner Wabe!" – "Aber was für ein Leben wäre das?" Hach.

Trinkröhrchen, Slipeinlagen, Dschihad

von Falk Schreiber

Berlin, 4. Mai 2019. Und wenn der Rohstoff einen Plan verfolgen würde? "Was, wenn das Öl etwas will?", fragt Lajos Talamonti verhältnismäßig früh in "Schwarze Ernte", der jüngsten Recherche von Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura, die sich diesmal mit den Verflechtungen von internationaler Wirtschaft und islamischem Fundamentalismus am Beispiel Saudi-Arabiens auseinandersetzt. Talamonti jedenfalls ahnt, um was für einen Plan es gehen könnte: Vielleicht will sich die Natur der Menschheit entledigen und hat deswegen Öl im arabischen Wüstensand versteckt. Ein mythischer Gedanke, der überhaupt nicht passt zum trockenen, analytischen Theater, für das Kroesinger und Dura bekannt sind. Und der gerade deswegen eine beunruhigende Kraft entwickelt.

Ficken im Puppenhaus - #HotelStrindberg in Notizheft-Tweets

von Berit Glanz

Berlin, 3. Mai 2019. Als ich angefragt wurde, ob ich aus der Perspektive einer Person, die nicht oft ins Theater geht, über die Premiereninszenierung des Theatertreffens berichten möchte, musste ich erstmal ein dunkles Geheimnis offenbaren:

Wer hat das geschrieben?!

von Martin Thomas Pesl

Wien, 3. Mai 2019. Es ist ein ungeschriebenes Bühnengesetz, Tausende Male eingehalten: Wenn in die Musik hinein jemand frustriert: "Aus! Aus! Aus!" ruft, dann tritt, mit kurzer Verzögerung, Stille ein. Wenn nicht, wie hier, dann ist das schier unerhört, dann muss das Theater aus den Fugen sein. Martin Hemmer kann noch so oft "Aus!" kommandieren, Andreas Dauböck spielt die begonnene Nummer zu Ende. Am Multiinstrumentalisten, der abseits der Bühne von heimeligen Lampenschirmen umgeben sicher hinter seinem Schlagzeug sitzt, verpufft die selbstbehauptete Autorität von Hemmers Figur Stan. Diese Autorität meint er zu haben, weil er hier so etwas wie der Autor/Regisseur ist, und mehr noch, weil er sich zu niemand geringerem als dem großen Rainer Werner erklärt hat: "Je suis Fassbinder".

Liebe, Sex und Sippenhaft

von Jan-Paul Koopmann

Bremen, 3. Mai 2019. Wie die da knutschen, so richtig mit Sabberfaden von Lippe zu Lippe – das ist wirklich supersüß. Weil da eine Zärtlichkeit ans Licht kommt, die man diesen beiden Julias nun wirklich nicht mehr zugetraut hätte. Die erste halbe Stunde von "Fuck Identitity - Love Romeo" hatten die beiden im Pool gelegen und sich mit einer Derbheit über ihre Popos und die Rasur ihrer Beine unterhalten, die Shakespeare zwar noch kannte (zumindest von Männern), die im heutigen Zeitalter der Post-Schicklichkeit dann aber doch überrascht.

Ich bin kein ..., aber

von Sascha Westphal

Bochum, 3. Mai 2019. Wörter schreiben Dinge fest. Sie ordnen zu und grenzen aus. Das muss nicht einmal Absicht sein. Aber wenn etwas, wie es heißt, schwarz auf weiß steht, dann zieht es meist auch Konsequenzen nach sich. Natürlich ist auch das Gegenteil denkbar. Sprache könnte auch Räume öffnen, Verbindungen schaffen, Unterschiede auflösen. Bilder dagegen sind freier und auch bunter. Sie lassen das Schwarze wie das Weiße hinter sich. Zugleich entziehen sie sich simpler Zu- und Festschreibungen. Etwas bleibt immer offen.

Vor Männerbünden gibt's kein Entkommen

von Dorothea Marcus

Koblenz, 28. April 2019. Da steht er, der neue Kanzler Angelo, frisch aus dem Männerbund gekürt vom Präsidenten Vicentio, und macht im blauen Business-Anzug ein paar Dehnübungen. Zuvor hatte sein Darsteller Frank Röder, der dem smarten österreichischen Sebastian Kurz vom Typ her ziemlich ähnlich ist, uns lässig improvisierend dazu aufgefordert, genau hinzusehen. Nicht allzu neidisch auf das Bier zu sein, das auf der Bühne beständig burschentreu geöffnet wird, und uns dennoch eins zu fühlen mit dem Bühnengeschehen.

Weißmehlfrei im Hausfrauenland

von Anna Landefeld

München, 28. April 2019. Wie ein ausgestreckter Mittelfinger: Es ist ein szenisches Manifest gegen Bodyshaming und gegen alle, die sich dessen jemals schuldig gemacht haben. Eine Stunde lang rechnet das queerfeministische Theaterkollektiv Henrike Iglesias ab. Nein, bei "Fressen", einer Koproduktion mit den Münchner Kammerspielen und dem Jungen Theater Basel, wird nicht groß drumherum geredet, sondern im allerbesten Sinne vulgär, im allerbesten Sinne aufdringlich das Kind beim Namen genannt – und ja, klar, gesittet bis hemmungslos gefressen. Vielleicht ein bisschen haudrauf? Das haben Manifeste wahrscheinlich so an sich. Es soll endlich jeder kapieren, ein für alle Mal. Und so heißen Laura Naumann, Marielle Schavan, Sophia Schroth alle Frauen ("und die sich heute als solche fühlen") zu ihrer "Kochshow" mit Shiny-Floor, Glitzervorhang und einer übergroßen, vampiresken Venusfliegenfalle in der Kammer 3 der Münchner Kammerspiele willkommen: "Auf die Fresse, fertig, los".

Die Terroristen aus der Nachbarschaft

von Alexander Jürgs

Wiesbaden, 28. April 2019. Etwa zur Halbzeit des Stückes beginnen die Spekulationen, die Gedankenspiele, die Fragen. Es geht um die Ermordung von Edward Pimental in der Nacht zum 8. August 1985. Eine Frau aus der RAF hat den Soldaten der US-Armee in einem Wiesbadener Nachtclub, dem "Western Saloon", angesprochen und den Club auch gemeinsam mit ihm verlassen. Kurz darauf wurde der junge GI getötet. Der Grund: Die Terroristen wollten an seinen Dienstausweis kommen.