Wer mag schon Kriege?

von Anke Dürr

Hamburg, 1. Februar 2019. Die gute Nachricht heißt: Es gibt sie noch, die überzeugten Europäer (und Europäerinnen). Junge Menschen der Generation Erasmus, die den Kalten Krieg nur aus ihren Geschichtsbüchern kennen und in zwei, drei oder noch mehr Sprachen zu Hause sind. Zu acht stehen sie am Freitagabend auf der Nebenbühne des Hamburger Thalia Theaters, dem Thalia in der Gaußstraße, und reden über Krieg und Frieden, Grenzen und Freiheit, Vergangenheit und Gegenwart, Polizeigewalt und Ehen zu dritt. Die Frauen und Männer bilden das Ensemble von Falk Richters neuem Projekt "I am Europe", das im Rahmen der Lessingtage seine Deutschlandpremiere feierte.

Make Schwyz Great Again

von Kornelius Friz

Weimar, 1. Februar 2019. Wer in Weimar "Wilhelm Tell" inszeniert, droht zweifach zu scheitern. Zunächst darf man dem Herrn Schiller nicht zu untreu werden, was Jan Neumann seinem Tell vorsichtshalber sogleich voranstellt, indem er zwei Karikaturschweizern die Meta-Ebene sowie Äpfel aus Esspapier und Pappe umlegt. Und zugleich sollte man sich hüten, nicht nur in Weimar, den vollbesetzten Saal mit Schillers Versen in den Schlaf zu leiern, wie es den meisten im Publikum als Pennäler womöglich schon einmal passiert ist. Siehe da, Neumann wagt den Balanceakt und gewinnt.

Der Schoß ist fruchtbar noch

von Gabi Hift

Wien, 31. Januar 2019. Dem Watschenmann, einer Figur mit einem dicken Lederkopf, konnte man seinerzeit im Wiener Wurstlprater gegen Einwurf von 1 Schilling eine Watschen (Ohrfeige) herunterhauen. Im Leben ist ein Watschenmann einer, an dem sich alle abreagieren. Heinrich, die Hauptfigur in Karin Peschkas Roman, den die Regisseurin Bérénice Hebenstreit zusammen mit Michael Isenberg fürs Volx in Wien dramatisiert hat, will freiwillig so ein Watschenmann sein, ein Märtyrer.

Schieß doch, Barbie!

von Georg Kasch

Hamburg, 31. Januar 2019. Gegen Ende steht Dennis Seidel alias Christina Johnsson an der Rampe und diskutiert mit ihrem Stoffhund im Arm. In der anderen Hand hält sie eine Wonderwoman-Barbiepuppe, der sie ihre Liebe gesteht, die sie küsst. "Was muss ich sehen", ruft da empört der Hund, also Christina Johnsson, gespielt von Seidel: "Du hast eine Frau geküsst. Bist du etwa lesbisch?"

Ich ist eine Oberfläche

von Steffen Becker

Stuttgart, 31. Januar 2019. Die Konvention der Kritik gebietet, bei der Uraufführung eines Stücks erst mal dessen Geschichte zu schildern. Gleichzeitig interessiert die Leser*innen das Drama drumherum wahrscheinlich mehr. Bei der Premiere von "Das Imperium des Schönen" von Nis-Momme Stockmann war im Publikum deren Verschiebung um zwei Wochen beliebtes Thema. "Jeder hat seine Sorgfaltspflicht gegenüber der Kunst", ließ sich der Autor gegenüber der Regionalzeitung zu den Gründen aus, warum Regisseurin Nummer 1 gehen musste. Klingt ziemlich nach "die war unfähig, meinen Text auf die Bühne zu bringen". Wäre Stockmann eine seiner Figuren, würde er diese Interpretation zurückweisen.

Die um den Knacks tänzeln

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 30. Januar 2019. Und jetzt nochmal zum Mitschreiben: Repräsentation versucht immer, die Grenzen zu sichern. Die Grenzen einer Welt, in der der weiße Mann unsichtbar ist und daher der einzige, dem es völlig freisteht, sich in etwas anderes zu verwandeln und ein Drama zu veranstalten. Aber das Drama hat nichts mit dem Knacks zu tun. Und der Knacks ist das, was uns in echt verbindet. Also ist es ein paradoxes Unterfangen, ihn auf die Bühne zu zerren. René Pollesch versucht's trotzdem – oder tut er nur so?

Ein lausiger Mensch

von Valeria Heintges

Luzern, 30. Januar 2019. Ihre "Elefanten" nannte die Übersetzerin Swetlana Geier die Romane von Fjodor M. Dostojewski, die sie ins Deutsche übersetzte. Einen Elefanten kann man nicht auf die Bühne heben, scheint sich das estnische Regie- und Ausstattungsduo Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo gedacht zu haben, aber wenn man ihn in zwei Teile schneidet, dann könnte es gehen. Und so haben sie Dostojewskis ersten Roman "Schuld und Sühne", der in Geiers Übersetzung "Verbrechen und Strafe" heißt, für ihre Arbeit am Luzerner Theater in zwei sehr ungleiche Teile geteilt. Zuerst eine Stunde "Sühne" in der Box, dann drei Stunden "Schuld" im Theater.

Geschichte strickt

von Tobias Prüwer

Leipzig, 27. Januar 2019. "Wir Menschen sind immer in Geschichten verstrickt. Zu jeder Geschichte gehört ein darin Verstrickter." Die Worte des Geschichtenphilosophs Wilhelm Schapp hätten über der "atlas"-Uraufführung hängen können, die das merkwürdige Gebilde von Zeit(-ge-)schichten unters Brennglas legt. Unablässig variiert Thomas Köcks Auftragswerk fürs Schauspiel Leipzig Fragen nach dem Verhältnis von Zeit und Geschichte und den Menschen darin. Regisseur Philipp Preuss übt sich in Zurückhaltung und holt den Leipziger Stadtraum als Projektionsfläche mit in die Inszenierung.

Offene Rechnung

von Anna Landefeld

München, 27. Januar 2019. "Klack". Immerzu "klack" machen die drei Absatzpaare. Lustig zunächst, so wie das der namenlosen jungen Frau, die es liebt, wenn es in den Straßen schön klackt beim Müllrunterbringen. Doch langsam geht das freudige, arhythmische Geklacker in eines über, das gespenstisch ist. Links, zwo, drei, "klack" hallt es auf der Kleinen Bühne im Münchner Volkstheater. Ein Widerhall von Vergangenem, das so laut war, dass es bis in unser Heute nachklingt.

Die Arche NoAfD

von Georg Kasch

Dresden, 26. Januar 2019. Einmal verlässt Schauspieler Holger Hübner das riesige Schiffsgerüst, das sich imposant in den Himmel reckt, geht an die Rampe und regt sich vorm Eisernen Vorhang so richtig auf. In den Lagern und Heimen habe es Saufereien und Raufereien gegeben, Mitarbeiterinnen seien sexuell belästigt worden! Von Lagerkoller und Depressionen ist die Rede, von Menschen, die teils direkt aus dem Gefängnis zu uns kamen, teils vor Alimentenzahlungen flohen. Steht so im SPIEGEL! Und dann kostet so ein Übersiedler auch noch 13.000 Mark im Jahr! Beim Datum des Magazins, Februar 1990, dämmert’s auch dem Letzten: Der Text polemisierte gegen die im Westen ankommenden Ossis. Trotzdem fügt Hübner leise hinzu: "Meine Freiheit will ich, und wenn ich die nicht kriege, dann gehe ich. Deshalb bin ich aufs Schiff."

Fiebertraum Pubertät

von Tilman Strasser

Köln, 26. Januar 2019. "Geh doch gleich auf'n Strich." – "Um dir dort zu begegnen? Nee, bestimmt nicht." Jetzt streiten sie schon wieder! Gerade noch drückte Elisabeth ihren Bruder Paul mit dem Hintern an die Wand – teils spielerisch, teils zärtlich, teils zur Demütigung. Und im nächsten Moment fliegen zwischen den beiden die Fetzen, sodass der treudoofe Gérard nur noch von einer zum anderen blicken kann. Gérard, ein Freund des Hauses, steht im Bademantel vor den Keifenden, inmitten von Gitarre und Schminkspiegel, Laken und Kissen und Teenie-Postern. Eben noch war er hier Teil einer intim-skurrilen Pyjama-Party. Jetzt muss er einsehen, dass ihm die Welt dieser Geschwister in ihrer bizarren Logik ewig verschlossen bleiben wird.

Als Plattenläden nicht mehr helfen konnten

von Valeria Heintges

Zürich, 26. Januar 2019. Die Bestseller-Trilogie "Das Leben des Vernon Subutex" von Virginie Despentes ist ein "Abgebrüll" auf die Grande Nation, wie der "Spiegel" schrieb. Es ist auch ein Roman über die Musik, von den 60ern- bis heute. Bei der Uraufführung des Werks im Zürcher Theater Neumarkt ist alles da: Das Geräusch, das ein Plattenspieler macht, wenn die LP nur noch leer vor sich hindreht. Das Sampling an den Turntables, das schlierende Geräusch, wenn eine Passage zurückgedreht wird und dann noch einmal zu hören ist. Der subversive Kommentar der Frank-Zappa-Titel, Klänge von CDs, das Grölen zu eingespielten Liedern, das Zucken zu Techno oder Metal, die Karaokesession, die Seite auf Facebook, wo man Freunden per Post Musiktipps gibt. Und der Discosteg, der manche Tänzer besser präsentiert als die anderen.

Heiner-Müller-Deklamations-Schock

von Esther Slevogt

Berlin, 26. Januar 2019. Es ist schon sehr gewöhnungsbedürftig, wenn Heiner Müllers süffisante Sentenzen, von ihm selbst dereinst eher unterschwellig gemurmelt als wirklich gesprochen, nun mit dem hehren Pathos deutscher Stadttheaterschauspieler deklamiert werden. Müllers böse funkelnde Bonmots, die gern gleich mehrere Reizworte deutschen Horrors dialektisch miteinander kreuzten, von Hitler und Stalin über Auschwitz bis Stalingrad. Weil der Dichter sich gern und mit diebischer Freude aus dem Giftschrank der deutschen Geschichte bediente, die ihm reiches Material für seine saftigen wie verrätselten Dramen bot.

Schwarz ist Weiß, Weiß ist Schwarz

von Alexander Jürgs

Frankfurt am Main, 26. Januar 2019. "Heute bin ich mal dran", sagt Komi Togbonou, der einzige Darsteller mit schwarzer Hautfarbe auf der Bühne. "Heute drehen wir den Spieß mal um, heute bin ich mal das Individuum, die Krönung der Schöpfung, heute bin ich mal normal." Und dann geht er sich einen Sklaven kaufen. Einen Haussklaven ganz für ihn allein – und nicht bloß "Slave Sharing", was er auch schon mal ausprobiert hat. Die Darsteller mit weißer Haut buhlen um seine Gunst. Preisen sich an, posieren, betteln, zeigen das Gebiss, die Hände, den Körper. Der Preis purzelt immer weiter in den Keller, von Fünfzigtausend auf Null. Komi Togbonou grinst und brüllt: "Black Friday!" Und das Klavier klimpert "House Of The Rising Sun".

Traurige Tropfen

von Tobias Prüwer

Chemnitz, 26. Januar 2019. Platsch! Wasser spritzt, als die Junge Frau mit einem Sprung in die Swimmingpoolbühne den Abend eröffnet. Mit ähnlichem Getöse platzt sogleich die restliche Badegesellschaft in die Inszenierung. Was als Familienschwank beginnt, lässt Nina Mattenklotz allmählich in einen See aus Melancholie zerfließen. Denn bald geistern die titelgebenden "Einsame Menschen" durch die blau geflieste Badelandschaft am Theater Chemnitz. Und ein als Gartenzwerg deplatzierter Akkordeonspieler gibt ihnen wehmütige Musikfetzen vor, die die Gefühlslage der Inszenierung beisammenhalten.

Ein Leben auf Minigolfkurs

von Maximilian Sippenauer

München, 25. Januar 2019. Kein Sport bringt den Westen so gut auf den Punkt wie Golf. Instinktstarke Männer, die Halme englischen Rasens in die Brise werfen, um zu spüren, woher der Wind bläst, das Gefälle des Grüns studieren wie die Topographie von Aktienkursen, sich von ihren Lakaien das passende Holz oder Eisen reichen lassen, um dann eiskalt einzulochen. Was symbolisierte den Hyperindividualismus, dieses neoliberale Macher-Machotum, darin der Kampf des Egos allein im Bestehen seiner eigenen Zweifel, im Willen zum Gewinn besteht, besser? Auch, weil diese Golfwelt eine exklusive ist. Denn die Mitte der Gesellschaft spielt bloß Golfspielen, spielt, ganz biedermännische Farce, die sie ist: Minigolf.

Fronten ohne Krieg

von Rainer Nolden

Trier, 25. Januar 2019. Der geplante (und dringend notwendige) Umbau des Trierers Theaters wirft seine Schatten voraus. Das nach Plänen des Architekten Gerhard Graubner 1964 eröffnete Haus ist für die Zeit der Restaurierung auf der Suche nach alternativen Spielplätzen. Einen hat es jetzt ausprobiert, und zwar in der Europäischen Kunstakademie auf der anderen Moselseite. Eine neue Spielstätte eröffnet man am besten mit einem neuen Stück, sagte sich Intendant Manfred Langner und entschied sich für die deutschsprachige Erstaufführung von "Politisch korrekt", bei deren Inszenierung er auch selbst Hand anlegte. Geschrieben wurde sie von Salomé Lelouch, Tochter des Filmregisseurs Claude.

Zwischen Lüstern- und Zerschundenheit

von Jürgen Reuß

Freiburg, 25. Januar 2019. Heinrich II. liegt in Unterhose tot vorm Vorhang, seine Nächsten, in Hieronymus-Bosch-Lustgarten-Gewänder gehüllt, umstehen ihn. Für die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak, die nach ihrem beeindruckenden Sommernachtstraum mit "Die Bartholomäusnacht“ zum zweiten Mal in Freiburg inszeniert, ist das so etwas wie die zentrale Familienaufstellung, die etliche Jahre später dazu führt, dass die als Aussöhnung von Protestanten und Katholiken im Frankreich des 16. Jahrhunderts propagierte Hochzeit von Margarete von Valois und Heinrich von Navarra in ein Pogrom an Protestanten ausartet.

Oder besser noch: eine Frau

von Sascha Westphal

Detmold, 25. Januar 2019. Die Situation hat etwas Romantisch-Idyllisches. Selbst die leicht heruntergekommen wirkende Bungalow-Fassade, die sich im Hintergrund erhebt, stört diesen ersten Eindruck nicht weiter. So wie es sich Jennifer und Bob Jones in ihren Liegestühlen bequem gemacht haben, deutet alles auf eine angenehme, zum Träumen und Schwärmen einladende Frühlingsnacht hin. Und das versucht Jennifer auch: "Die Nacht ist so wundervoll. Man kann beinahe hören, wie die Wolken vorüber ziehen." Doch Bob lässt sich auf die poetischen Anwandlungen seiner Frau erst gar nicht ein. Seine recht prosaische Reaktion deutet jene Risse an, die schon nach wenigen Repliken offen zu Tage treten. Eigentlich wäre es an der Zeit, dass die beiden sich einmal aussprechen, aber das will ihnen nicht gelingen. Kleine, alltägliche Missverständnisse provozieren umgehend Vorwürfe, und die gipfeln schließlich in einer feindseligen Sprachlosigkeit.

Proaktive in Präventivhaft

von Cornelia Fiedler

München, 24. Januar 2019. Fast die gesamte AfD-Fraktion hat am Mittwoch demonstrativ den Saal des Landtags verlassen, als Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern in einer Gedenkstunde für die Opfer der Shoa deutliche Zweifel an der Verfassungskonformität der Partei formulierte. Das ist schon jämmerlich genug. Dass sogar der Bayerische Verfassungsschutz einen Tag zuvor bekannt gegeben hatte, dass er nun – neben einzelnen AfD-Abgeordneten mit Kontakten zur rechtsextremistischen und zur Reichsbürger-Szene – auch den rechtsnationalen "Flügel" der AfD und ihre Nachwuchsorganisation "Junge Alternative" beobachtet, macht die Empörung, ja Selbst-Viktimisierung der Abgeordneten noch absurder. Wie eng die Bande zwischen Partei und gewaltbereiter rechter Szene offenbar sind, zeigt leider nicht zuletzt die Flut massiver Drohungen, mit der Knobloch jetzt, nach ihrer couragierten Rede konfrontiert ist.