Der kapitale Weltraum

von Alexander Jürgs

Frankfurt, 19. Mai 2018. Die Welt ist kaputt, der Untergang nah, die Ressourcen sind aufgebraucht: zu wenig Wasser, zu wenig Erde, zu wenig Öl. Die Reichen haben längst begonnen, sich Inseln bei Neuseeland zu kaufen, dort bauen sie ihre Bunker und unterirdische Golfanlagen. Wieder andere suchen die Rettung im Weltall. Eine Kolonie auf einem neuentdeckten Planeten soll entstehen. Wer mitreisen will auf das außerirdische Paradies, muss allerdings einen Aufnahmetest bestehen.

Schottisch zu dritt

von Leopold Lippert

Wien, 18. Mai 2018. Auf der Bühne steht der Zuschauerraum des Burgtheaters im Kleinformat, komplett mit Balkon, Kristalllustern, und Wandverkleidung aus rotem Samt (Bühne: Stéphane Laimé). Die Saalbeleuchtung ist noch an, als ein spitzer Schrei das Geplänkel der Premierenbesucher*innen unterbricht. Durch eine offene Tür sieht man Mädchen vorbeihuschen, mit weißen Kleidchen und langen Perücken, erst einzeln, dann im Pulk. Sie kreischen laut, und sie laufen schnell. Die Szene könnte gruselig sein, Stimmung machen für den gewitternden Auftritt der Hexen auf der Heide – im hellen Licht wirkt sie aber eher komisch, lakonisch, und atmosphärisch zutiefst ambivalent.

Leinen los!

von Simone Kaempf

Berlin, 18. Mai 2018. In diesem Prospero klopft noch das Herz eines groovigen Draufgängers. Nur müde ist er geworden. An den Schläfen deutlich ergraut, Schal um den Hals. Prospero, der ums Königreich betrogene Herrscher, der Strippenzieher, der aus Büchern Zauberkraft empfängt. Der sorgende Vater, der doch weiß, der Zeitpunkt ist gekommen, die Tochter ziehen zu lassen und nicht anders kann, als zu melchancholischen Gitarrenriffs von ihr Abschied zu nehmen: "I can't take my eyes off you", vom Schauspieler Bernd Geiling so zart und raumfüllend gesungen, dass am Ende doch endlich noch echtes existenzielles Timbre aufkommt.

"Trigger. Mich. An."

von Gabi Hift

Berlin, 18. Mai 2018. Ein altmodischer, humanoider Roboter in einer Uniform aus Plastikfolie mit spitzen Schulterpolstern hält uns seine Handfläche entgegen. Wo sind wir hier? "Cyborg City" heißt der Ort, in den uns der Android einlädt. Es entpuppt sich als eine Ansammlung von Plastikkojen, die durch rote Leuchtlinien am Boden verbunden sind. Aber dieses Cyborg City ist in einen ganz anders gearteten Raum hineingebaut, ist überwölbt von einer düster glühenden weltlichen Kathedrale, am Kopfende öffnet sich ein Bühnenportal wie das Maul eines riesigen Wals.

Die Projektion der Anderen

von Tobias Prüwer

Leipzig, 17. Mai 2018. Harald Glööckler springt den Zuschauer an. Oder ein Verschnitt vom ihm. Dann morpht das an die Wand projizierte Gesicht zu dem eines anderen. Aufgespritzte Lippen bleiben eine Konstante im Larvenreigen, der Silikonaufwerfungen zeigt, Kunstbräune, getrimmte Bärte, künstlich klimpernde Endloswimpern. Gleich schon zu Beginn deutet sich an: Um Projektionen wird es in Nuran David Calis' Inszenierung am Schauspiel Leipzig gehen. Ästhetisch gibt es bei seinem "Angst essen Seele auf" nichts Neues zu sehen. Wesentliche Elemente enthielt schon sein 2015 am selben Haus produzierter Baal. Das ist nicht weiter schlimm: Wer einen Calis bestellt, bekommt einen Calis.

Luft zum Angucken

von Andreas Klaeui

Zürich, 17. Mai 2018. Den einen wabert es manchmal dann doch ein bisschen sehr, die andern finden darin gerade das Signum seiner Arbeit: Bühnennebel, Trockeneis, Nebelmaschinen haben in Thom Luz einen treuen Adepten. Immer wieder verschafft der Regisseur dem Propylenglykol prominenten Auftritt in seinen Abenden – sei es der regenverhangene Tessiner Nebel, in dem sich Herr Geiser verfängt in Der Mensch erscheint im Holozän, sei es der sanfte, dennoch undurchdringliche Dämmervorhang, hinter dem im Basler Inferno die Persönlichkeiten verschwanden, aus der Welt und aus den Erinnerungen: Weißes Fluidum füllt die Bühne.

Mord im Dunkeln

von Christian Muggenthaler

München, 17. Mai 2018. "Puh!", sagt der Marquis von Posa, nachdem er seine Bitte um Gedankenfreiheit an den König gebracht hat, puh, das immerhin wäre geschafft. In der gut vier Stunden "Don Karlos", die Residenztheaterchef Martin Kušej seinem Münchner Publikum gönnt, ist Posas Rede eine der rhetorischen Spitzen, die aus einem Meer von manischer Dunkelheit und oft gewaltiger Stille hervorragt. Die Totenstille, die im Spanien König Philipps II. dräut und allenthalben beklagt wird, dieser Staatsstillstand hat sich phasenweise auch der Bühne bemächtigt, erzeugt eine bewusste, gewollte, exemplarische Lähmung, lässt Friedrich Schillers ganze dichte, dichterische, schicksalsschwangere Schwere sich ausbreiten.

Im Mausoleum der Zukunft

von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 12. Mai 2018. 1984 ist noch lange nicht vorbei. Orwells Roman von 1948 ist auch 2018 noch erschreckend aktuell. Armin Petras hat seine eigene Bühnenfassung geschrieben, in der Orwells Zukunftsvision zwar nicht unsere Gegenwart ist, aber unsre heutige Zukunftsfurcht. Da gibt es für Nachbarschaftshilfe zwei "likes" im Sozialkreditsystem. Man sorgt sich um seine "work-life-balance". Für die Jüngeren gibt es eine Grundration an Porno und Fitness, für die Älteren Handwerk und Naturrestauration. London ist heiß und ohne Winter, Tiere gibt es nur noch als künstliche Repliken. Nicht nur Romane werden maschinell gefertigt, sondern auch Träume. Big Brother ist wahrscheinlich nur noch ein Megacomputer, der alle Daten sammelt, um das Leben aller zu optimieren.

Hymne an Pina

von Elena Philipp

Wuppertal, 12. Mai 2018. Stuhl um Stuhl stapelt sich Michael Strecker auf den Rücken. Sechs, sieben, acht schwarze Caféhausmöbel hängt, hakt und huckepackt er sich auf den Rücken während er, zunehmend vorsichtig, von Stuhl zu Stuhl balanciert. Schon schwankend gabelt er den zehnten Stuhl mit einem Bein des neunten auf – da rutscht er ab, stürzt und das wackelige Gebilde fällt polternd in sich zusammen. Alles vergebens.

Die Gleichschaltung der Zufriedenen

von Andrea Heinz

Wien, 12. Mai 2018. Man fängt bei dieser Geschichte am Besten von vorne an. Im Herbst 2017 startete das Wiener Schauspielhaus die "Seestadt-Saga", eine "begehbare Social-Media-Serie". Protagonist*innen waren fiktive Figuren, die in der (realen) Seestadt Aspern, einem (sehr weit draußen liegenden) Wiener Stadtentwicklungsprojekt, lebten. Marko Herz (der viele an den österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz erinnerte) gründete dort die "Liste Seestadt", eine Bürgerbewegung, die in der Folge immer mehr ins rechte politische Lager driftete.

Sind so kleine Blüten

von Frauke Adrians

Berlin, 12. Mai 2018. Theater besucht Gipfel, um Gipfeltheater zu machen? Warum nicht. Anfang Juli 2017 schickte Regisseur Gernot Grünewald drei Berliner Schauspieler für vier Tage zum G20-Gipfel nach Hamburg, auf dass sie vorausgewählte Beteiligte – Durchschnitts-Demonstranten, eine Attac-Aktivistin, einen Autonomen aus der Roten Flora – begleiteten und sich ein eigenes Bild machten. Das wäre eine ebenso schöne Aufgabe für Journalisten gewesen. Die Probleme, die das kleine Ensemble bei der Aus- und Verwertung des gewonnenen Materials hatte, sind denn auch erkennbar ganz ähnliche wie die des Reporters auf Sendung: Man kann zu viel wollen und zugleich zu wenig.

Mehr Opfer!

von Willi Spatz

Augsburg, 12. Mai 2018. Als großer Verdienst der Dramaturgie in der ersten Spielzeit André Bückers als Augsburger Intendant zeichnet sich die Präsentation hierzulande unbekannter, in ihrer Heimat aber bedeutender Stückeschreiber ab. Nach dem israelischen Autor Hanoch Levin und seinem Das Kind träumt im Januar ist nun Turgay Nars 1001-Nacht-Überschreibung "Das Spiel der Schahrazad" zu entdecken. Der 1961 geborene Turgay Nar ist sowohl Dramatiker, Lyriker als auch Drehbuchautor.

Ein deutscher Totentanz

von Alexandra Zysset

Chemnitz, 11. Mai 2018. Oma Ursula ist tot und die Familie fährt nach der Beerdigung zu ihrem Haus. Die Friedhofserde klebt noch an den Schuhen, die schwarzen Trenchcoats sind vom Regen durchnässt; auf dem dreckigen Boden liegen ein paar ungeschälte Kartoffeln und der nach Mottenkugeln riechende Rock der Verstorbenen. Ansonsten scheint sie vollkommen: die nackte, leere Gegenwart.

Im Mausoleum der Revolten

von Sascha Westphal

Essen, 10. Mai 2018. "Wir lernen im Vorwärtsgehn, wir lernen im Gehen." Dieser hoffnungsvolle Ausruf steht am Ende der 1976 im Rahmen der Wiener Festwochen uraufgeführten "Proletenpassion". Nach all den blutigen Niederlagen und den wiederholten Fehlern, die immer wieder die Reaktion triumphieren ließen, sollte nun die Zeit beginnen, "da sich die Völker befreien", wie es in einer anderen Zeile des Liedes "Wir lernen im Vorwärtsgehn" heißt. Dessen waren sich zumindest der Schriftsteller Heinz R. Unger und die Mitglieder der Rockband "Schmetterlinge" sicher. Aber selbst vor gut vierzig Jahren waren Zweifel an diesem Revolutions-Optimismus angebracht.

Dem Durchdrehen zuschauen

von Andreas Wilink

Recklinghausen, 10. Mai 2018. Wir begeben uns auf "Subtile Jagden". So lässt sich mit Blick auf Ernst Jünger, den entomologischen Meister der affektiven Kälte, sagen. Wie "Insekten in einem Beobachtungsglas", schreibt Ewald Palmetshofer in der ersten Regieanweisung zu "Vor Sonnenaufgang", sollten sich uns die Figuren aus dem Fundus seines Vorgänger-Kollegen Gerhart Hauptmann darbieten. Aber stimmt diese ausforschende Betrachtung? Spürt man nicht einen unterirdischen Wärmestrom fließen? Das Dramen-Personal – und wie Palmetshofer es zu- und gegen- und aneinander vorbei führt – drückt Schmerz um das Vergebliche aus. Da ist ein Nachzittern angesichts der Gleichgültigkeit des Kosmos, ist die deterministische oder fatalistische Einsicht, "unheilbar selbst sein" zu müssen. Gelegentlich äußert sich der Mut zum 'trotzdem', obgleich alles auseinander "driftet", zuvörderst im Menschlichen. Mehr als das Verwalten von Schicksal ist nicht drin.

Zurück in die Zukunft

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 10. Mai 2018. Dystopien sind in. Der Tag, an dem die Welt untergeht: ein Faszinosum. Totale Überwachung, ewige Kälte, Endzeit-Kriege, globale Katastrophen: Szenarien, die in der Literatur und im Film geradezu in Mode sind. Und das Theater zieht mit. Gleich drei Klassiker dieses Genres – "1984", "Schöne neue Welt" und "Fahrenheit 451" – sind in dieser Saison am Stuttgarter Staatstheater zu sehen. Auch Sebastian Baumgartens neue Stuttgarter Inszenierung "Salome" – eine Bearbeitung der Einar-Schleef-Bearbeitung von Oscar Wildes gleichnamigem Einakter – ist in dieser Hinsicht richtig hip: Unsympathischer, finsterer, ekeliger, aussichtsloser kann es gar nicht zugehen auf der Bühne.