Jenseits des Zauberwaldes

von Falk Schreiber

Lübeck, 25. November 2017. Der Medea-Mythos ist eine Migrationsgeschichte: In Kolchis, an der Ostküste des Schwarzen Meeres, herrschen Unrecht und Grausamkeit. Priesterin Medea verliebt sich in einen Griechen, verlässt ihr Zuhause und flieht in dessen Heimat. Aber Verliebtheit zählt nicht als Asylgrund, trotz aller Integrationsmühen wird sie geschnitten, auch ihr Geliebter wendet sich ab, am Ende stehen Wahnsinn, Mord, Chaos. "Man hat mich bös' genannt, aber ich war's nicht. Allein, ich fühl', dass man es werden kann." Integration gescheitert.

So ist der Mensch

von Claude Bühler

Basel, 24. November 2017. Ein Kind ist auf die Welt gekommen, tot. Martha, die Mutter, schreit, als stiege der Schmerz aus ihrem Innersten hervor. Sanitäter führen die zitternde Frau im blutigen Hemd weg. Unbarmherzig brennt ein Scheinwerfer aus der Hinterbühne sein Licht in die Netzhäute im Auditorium: Die Sonne geht auf, also mitleidlos das Leben weiter. Aber wie denn? Die Familienleute stehen da wie Fragezeichen. Licht aus.

Was isst Liebe?

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 24. November 2017. Immerhin: Niemand muss ganz nackt auf die Bühne! Alle haben immer irgendetwas an. Wenn nicht volles Outfit, dann wenigstens schwarze Shorts, Stofffetzen, Binden um Brüste und Augen. Einmal spült Lulu ihr Kleid mit Wasser weg, es löst sich auf, und sie liegt nackt auf einem Tisch: auf den Zacken hunderter Speisegabeln. Aber sofort geht das Licht aus. Also: Kompliment! Armin Petras erspart seinem Publikum in der kleinen Spielstätte Nord des Staatstheaters Stuttgart doch tatsächlich (fast ganz) eine splitternackte Lulu. Danke!

Wer ist sie, und wenn ja, wieviele?

von Gerhard Preußer

Köln, 24. November 2017. Ein Quilt ist eine Steppdecke. Aber noch viel mehr. In Amerika ist es ein Erbstück. Ein "family quilt" ist eine aus Flicken zusammengenähte Decke, ein Symbol der Familienidentität, der Kontinuität über Generationen. Ein solcher alter Quilt ist das zentrale Symbol in der letzten Szene von Tracy Letts' Erfolgsstück "Mary Page Marlowe". Er ist empfindlich, fadenscheinig, fällt aber noch nicht auseinander, von rätselhafter Bedeutsamkeit, schön, trotz brauner Flecken.

Goldregen über verlorenen Existenzen

von Jan Fischer

Göttingen, 24. November 2017. Kate Tempests Texte hört man am besten von der Spoken-Word-Künstlerin selbst. Diese tiefe Stimme, die diese spielerischen Texte voller Wut und emphatischer Klugheit in schnoddrigem Nordlondoner Akzent dahinflowen lässt. Man sollte ihre Texte von ihr selber hören, anderseits kann Kate Tempest ja auch nicht überall sein. Von daher ist es den drei Darstellern in "Wasted", das im Deutschen Theater Göttingen erstmals übersetzt aufgeführt wird, hoch anzurechnen, dass sie es versuchen.

Deutsch-deutsche Geschichtsaufrechnung

von Christian Rakow

Dresden, 24. November 2017. Als die Schlachten weitestgehend geschlagen sind, setzen sich Richard Zurek und sein Anwalt Feuchtenberger nebeneinander – und teilen sich eine Banane. Es liegt inzwischen offen zutage, dass die Staatsanwaltschaft eine Aufklärung ihres Rechtsfalls systematisch verhindert. "Wo leben wir eigentlich", sagt Zurek. In einer Bananenrepublik, möchte man meinen.

Schriller Zauber

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 23. November 2017. Eingesperrt in eine Kristallflasche erkennt der Student Anselmus sein Anderssein. In einem Lichtkegel ringt der junge Schauspieler Luis Quintana um Luft. Er rollt die Augen, krümmt sich in dem kalten Behältnis. Mit jedem Atemzug zeigt der Künstler die Angst des jungen Mannes, der zwischen Liebe und Wahnsinn taumelt. Erbarmungslos stellt das kalte Licht sein verängstigtes Gesicht zur Schau. Regisseurin Juliane Kann peitscht die Schauspieler in ihrer Fassung von E.T.A. Hoffmanns Märchen "Der goldne Topf" im Kleinen Haus des Karlsruher Staatstheaters an körperliche Grenzen. Mit dem Ensemble blickt sie tief in die zerrissene Psyche der Figuren.

Hakenkreuze im Rücken

von Andreas Thamm

Würzburg, 23. November 2017. Leni Riefenstahl erinnert sich an Speere und Fahnen von tausend nackten Nubakriegern. 1962 bereiste die Nazi-Propagandistin erstmals den Sudan, um den Stamm zu fotografieren. Auf der anderen, rechten Seite der Bühne hat Regisseur Dominik von Gunten Susan Sontag platziert. In ihrem Essay "Faszinierender Faschismus" beschrieb Sonntag, wie Riefenstahl in den Aufnahmen der Nuba die Bildtradition des Dritten Reiches fortsetzt. Das ist der Konflikt- und Knotenpunkt des Stücks "Riefenstahl und Rosenblatt sind tot".

Es war einmal

von Martin Pesl

Wien, 19. November 2017. Schenken wir uns den obligatorischen Hartmann-Gag. Den übernimmt die Produktion selbst, wenn Sofie Hartmann dem Gast erklärt: "Es gab ja mal den Onkel Matthias, aber zu dem haben wir keinen Kontakt mehr." Da sitzt sie mit dem nigerianischen Geflüchteten gerade auf dem Riesensofa ihrer Eltern, während ihr Bruder und Vater mit unterschiedlichem Erfolg Dehnübungen machen.

Der Ausweg aus dem Ausstieg

von Martin Jost 

Innsbruck, 19. November 2017. "Was wir wollen" hat Teresa Dopler ihr Stück genannt, dabei ist das letzte, was ihre Figuren wissen, was sie wollen. Sie sind Aussteiger, zum Teil in zweiter Generation, serielle Neuanfänger, hoffnungslose Selbstsucher, Flüchtlinge. Sie wissen bloß, was sie nicht wollen, nicht mehr aushalten. Ihre Fantasie vom Ankommen ist eine Utopie, denn sobald das Neue zum Status quo wird, möchten sie nur noch weg.

Mitten in der irren Gegenwart

von Eva Biringer

Wien, 18. November 2017. Was wollen uns diese Zwerge mit dem FDP-gelben Bart und den kruppstahlblauen Augen sagen? Etwa, dass in der neo-kapitalistischen Vorgartenhölle niemand eine weiße Weste trägt? Erst stehen sie still, wandern dann über die Bühne, wie von einem unsichtbaren Spieler gelenkte Schachfiguren. Ausgedacht hat sich dieses herrlich obskure Bühnenbild Florian Lösche. Dazu gehört auch ein Eisbecken, aus dem Joachim Meyerhoff als Doktor Stockmann zu Beginn des Stücks in aller Frische auftaucht (Mens sana in corpore sano, Sie wissen schon). Vor allem aber ist dieses Bühnenbild eine Eislaufbahn. Alle Darsteller, mit Ausnahme des Ehepaars Stockmann, gleiten mehr oder weniger talentiert auf Schlittschuhen durch ihre Bühnenexistenz. Gespielt wird Henrik Ibsens "Volksfeind", geschrieben 1882, uraufgeführt ein Jahr später, nun aufs Entschiedenste modernisiert von Frank-Patrick Steckel. Seine Tochter Jette Steckel führt Regie, zum Glück.

Viel Wind um nichts

von Henryk Goldberg

Weimar, 18. November 2017. Jule sammelt Unterschriften, die Windräder sollen ins Dorf, aber Jule ist aus der Stadt geflüchtet, weil sie frischen Wind will und frische Luft und unter freien, frohen Leuten sein - so solls auf dem Land unter Leuten sein. So geht sie auch auf der Bühne von Tür zu Tür, indem sie vorn steht und mit den Leuten spricht. Die Leute, die vor ihren Türen stehen, stehen hinter ihr am Mikrophon und antworten, einer nach dem anderen. Das ist eine gute Szene, es ist ein wenig wie es in "Nullzeit" war: Da waren sie, und just dieselbe Schauspielerin, auch gut, wenn sie unter Wasser waren, jenseits der wirklichen, der naturalistischen Bühnen-Welt. Da hatten banale Texte auf einmal einen Klang, der ihnen Bedeutung zuwachsen ließ über die schlichten Worte hinaus. Und auch sonst ist es dieses Mal in Weimar wie es in Nullzeit war, es ist wieder Juli Zeh und es ist wieder ein Abend der Plattitüden.

Kein Entrinnen, nirgends

von Martin Krumbholz

Bochum, 18. November 2017. Es handelt sich, natürlich, um die bewährte Übersetzung von Peter Stein, die in ihrer Lakonie am besten zum kühlen, analytischen Ansatz der Regisseurin Lisa Nielebock passt. "Wer tötet, bezahlt; tun – leiden – lernen": Es ist der hochgewachsene, weißbärtige Wächter (Heiner Stadelmann), der diese hämmernden Worte bedächtig, fast zögernd spricht. Alle sieben Spieler sind in dieser nur knapp zweistündigen Inszenierung auch Beteiligte des Chors. Anfangs schlendern sie auf die Bühne (man kennt diesen Auftritt bereits aus anderen Nielebock-Arbeiten) und nehmen nebeneinander auf einer langen Bank Platz, hinter sich eine dichte Wand aus hölzernen Lamellen, die sich viel später öffnen und einen fragmentarischen Blick in die Tiefe freigeben wird (Bühne: Oliver Helf).

Theater des Anstands

von Thomas Rothschild

Bruchsal, 18. November 2017. Eine Story, die eine ausweglose Situation zeigt und mit einem Doppelselbstmord endet, kann der Gefahr des Kitsches kaum entgehen. Was aber, wenn sie keine Erfindung ist? Kann dann das wirkliche Leben kitschig sein? Der Schauspieler Joachim Gottschalk, der sich zusammen mit seiner jüdischen Frau Meta vergiftet hat, weil er der Aufforderung, sich von ihr scheiden zu lassen und ihre angekündigte Deportation in ein KZ zu dulden, nicht folgen wollte, hat tatsächlich gelebt. Und die Geschichte unterscheidet sich von zahlreichen ähnlichen Geschichten nur dadurch, dass Gottschalk zu seiner Zeit ein prominenter Schauspieler war.

Gärende Lebensreste

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. November 2017. Man möchte Gerda eine Strumpfhose schenken. Eine, die richtig gut sitzt. Und schöne Beine macht. Denn wenn sie sich gleich zu Beginn des Abends rücklings auf einen der Barhocker hangelt, dabei immer wieder abrutscht und es zeitlupenmühsam und vergebens aufs Neue versucht. Dann rutschen auch immer wieder ihre Nylon-Kniestrümpfe. Rutschen hinunter bis zu den Knöcheln. Und damit und dorthin auch ihr letztes Restchen Würde.

Der aufgeschnittene Bauch des Herrschers

von Friederike Felbeck

Mülheim an der Ruhr, 18. November 2017. Der Regisseur Philipp Preuss ist in seinem Element. Seine zweite Inszenierung für das Theater an der Ruhr siedelt an der Schnittstelle zwischen Performance und Bildender Kunst und verschränkt kongenial das brandaktuelle Stück "Am Königsweg" von Elfriede Jelinek mit dem Klassiker "König Ubu" von Alfred Jarry. Schon einmal kreuzte Philipp Preuss Elfriede Jelinek mit einem Klassiker: Am Schlosstheater Moers trafen sich so Aischylos "Prometheus" und "Kein Licht".

Von nun an ging's bergab

von Michael Wolf

Berlin, 17. November 2017. Da steht der Lehrer in seinem Rollkragenpullover (Ist das orange? Ist das Schlamm? Ist das überhaupt eine Farbe?). Dazu trägt er eine abscheuliche abscheuliche Bügelfaltenhose. (Man muss das Wort wirklich zwei mal schreiben.) Keine fünf Minuten sind vergangen, und schon möchte der Kritiker am liebsten die Kostümbildnerin Carolin Schogs packen und schütteln. Denn stilistisch ist der Mann von Beginn an nicht zu retten. Dabei geht es doch um seinen Untergang. Der soll doch erst später kommen!

God oder Good?

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 17. November 2017. Eine kleine Freiheitsstatue war das Willkommensgeschenk in der neuen Welt. Jetzt steht sie herum, neben den Campingsessel. Ein Ding, mit dem der alte Mendel Singer nichts anfangen kann, so wie sich diese neue Welt für ihn überhaupt anfühlt, als ob er in den falschen Film geraten wäre. Aber diesen Film namens "American Dream" dreht er sich selbst immer weiter, indem er nicht denkt, sondern stur beharrt. Joseph Roths Roman "Hiob" wird gern im Theater gespielt. An dem Stoff lässt sich über Migration und Integration nachdenken, übers Anpassen und Sich-Arrangieren mit neuen Lebenssituationen. Hiob alias Mendel Singer ist das Musterbeispiel für einen, der in alten Denkmustern hängen bleibt, lieber einsteckt als sich öffnet. Keine sympathische Figur. Mendel verdient nur begrenzt Mitleid.

Her mit den alternativen Fakten!

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 17. November 2017. Rotes Scheinwerfer-Licht auf einem rosa gestreiften Boden. Phototapete miesester Auflösung betont die Holzhütte als Holzhütte. Eine Reihe von Bildschirmen, flimmernd, Clipart-Atmosphäre. Von oben hängt eine Projektionsfläche, eingefasst in Höhlenromantik. Sieben Schauspielende in beigem Trainingsanzug und mit Kim-Jong-un-Frisur tunken die Gesichter langsam ins dann grüne Scheinwerfer-Licht. Zu langsam, zu bunt, zu hell, zudem ein viel zu leises Gedudel, das hört niemals auf. Am Volkstheater Wien inszeniert Hermann Schmidt-Rahmer den Roman "1984" von George Orwell in richtig ranziger Optik. Die Bühne von Thilo Reuther, die Kostüme von Michael Sieberock-Serafimowitsch, die Videos von Clemens Walter und das Licht von Paul Grilj: Ist alles immer Verfremdungseffekt. Hält die Bühnenillusion in verstörender Distanz.

Wer ist mein Mentor?

von Michael Laages

Hamburg, 17. November 2017. Womöglich hatte sich Maxim Gorki ja so das "Nachtasyl" vorgestellt – Menschen am Rand der Gesellschaft, Untergegangene und Untergeher, auf engstem Raum und unter armseligsten Bedingungen aufeinander geworfen, bis schlimmstenfalls Blut fließt oder Füße verbrüht werden. Und vielleicht fühlt sich so ja heute auch eine jener Notunterkünfte für Geflüchtete an, 100 Familien in einer dörflichen Turnhalle, mehrstöckige Betten nebeneinander gepfercht, und die Grenze zwischen den Privatsphären ist ein windschief gehängtes Bettlaken. Das ist nun unsere Welt, wenn wir in Hamburg Leiden lernen wollen; bei und unter Anleitung von Signa, dem so außergewöhnlichen Performance-Team, dessen deutsche Karriere nach aufsehenerregenden Lebenswelt-Erfindungen in Dänemark von Köln aus unter anderem über Leipzig und Berlin nach Wien zu den Festwochen führte – dann neulich nach Mannheim zu den Schillertagen und mittlerweile zum dritten Mal auch nach Hamburg und ans Deutsche Schauspielhaus.