Unsterblicher Gorilla des Kapitalismus

von Michael Wolf

Berlin, 31. Juli 2021. Plötzlich zucken sie, gerät Leben in die Kadaver. Ausgetopft sollten sie sein, mausetot, doch jetzt bewegen sie sich. Wiederbelebt von einer Vision, einer besseren Zukunft, stehen sie von den Toten auf, verlassen ihre Vitrinen, ihr Gefängnis, zerstoßen das Schaufenster und vereinigen sich mit dem Publikum. Ein Delfin und ein Rochen, ein Kakadu, ein Affe und ein Kolibri und noch viele weitere Tiere schweben als Projektionen an Decke und Seiten des Zuschauerraums entlang, suchen die Eintracht mit den Menschen, mischen sich unters Volk. 

Coming of age vs. erwachsenes Zombietum

Sophie Diesselhorst

Freiburg, 29. Juli 2021. Genuines (nur für ein Online-Publikum produziertes) Netztheater ist selten geworden, seit die Theater wieder für Zuschauer:innen öffnen können. Dass es ein Genre ist, das auch ohne Lockdown ein Publikum bei der Stange halten kann, beweist nun eine studentische Theaterproduktion aus Freiburg, wo der "Interessenverband für studentisches Theater" mit der vieldeutigen Abkürzung FIST* Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" als Livestream mit Publikums-Abstimmungstool adaptiert hat. Und zwar kunstvoll und mitreißend.

Wir sind solche Klischees

von Stephanie Drees

Berlin, 27. Juli 2021. Am Anfang ist es ein Witz. Auf dem Fußboden der frisch erstandenen Altbauwohnung wird sie geboren, die Idee, in schampusgetränkter Süffisanz, als kurzer Scherz zwischen den beiden selbstironisch gesättigten Neubesitzern. Ein Hetero-Paar Ende Dreißig, Berliner Großstadt-Milieu, beide erfolgreich, beide attraktiv, beide selbstzufrieden. Gut, vielleicht steuert die Beziehung schon langsam in Richtung der Langeweile-Klippen, aber noch verbindet die Frage "Willst du mich nuttiger?" beide in schmunzelnder Koketterie. Man wird zum Abziehbild, aber man weiß darum und so ein bisschen edgy bleiben, das ist bestimmt noch drin. Sie die Coole, er der kindsköpfige Lüstling.

Gärten der Welt

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 25. Juli 2021. Im Sonnenuntergang sieht jede Stadt gut aus. Selbst das arg gebeutelte Beirut, wo vor knapp einem Jahr der halbe Hafen in die Luft flog, die Explosion verwüstete ganze Viertel, über 200 Menschen kamen ums Leben. Aus dem Autofenster der Regisseurin und Schauspielerin Maya Zbib (Mitgründerin der Zoukak Theatre Company, die auch schon öfter in Deutschland gastierte) sehen wir nun aber nicht die Zerstörung, sondern Vollkommenheit, den pastellbunten Himmel über der Corniche, der langen Küstenpromenade, auf der Beirut abends flaniert. "Wir haben den Sonnenuntergang um ein paar Minuten verpasst", informiert uns Maya Zbib und stimmt fröhlich ein in das Lied, das gerade im Autoradio läuft.

Geburt eines Monsters

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 25. Juli 2021. Eigenhändig hat Richard dem arglosen Lord Hastings einen Plastiksack über den Kopf gestülpt und nun steigert sich der König in einen wahren Blutrausch hinein. Er reißt seinem Opfer die Gedärme aus dem Leib, windet sich einen Strang wie einen Lorbeerkranz um den Kopf, wiegt sich mit dem blutigen Rest in einer Art Rauschtanz. Wie angewurzelt stehen die Augenzeugen da, und Lord Buckingham stößt nur kurz hervor, dass davon wohl nichts nach draußen dringen darf.

Promi Deko Queen

von Georg Kasch

Berlin, 24. Juli 2021. Ist Theater eigentlich noch ein gesellschaftliches Ereignis, jenseits der immer ausgedünnter wirkenden Feuilletonseiten? Wenn man zur großen, schon im vergangenen März geplanten Premiere von "Mord im Orientexpress" ins Berliner Schillertheater eilt, wo gerade die Komödie am Kurfürstendamm ihr Interim aufgeschlagen hat, ahnt man, was Theater zuweilen auch bedeutet: roter Teppich, Blitzlichtgewitter, im Publikum Fernsehprominenz im Dutzend. Es ist ein Spektakel der eigenen Art, dessen Lust zu Größe und Glanz auch FFP2-Masken, Desinfektionsmittel und Nachverfolgungsdokumentation nichts anhaben können.

Willkommen im Wilden Westen

von Julia Nehmiz

Bregenz, 23. Juli 2021. Die rohe Bretterwand fährt hoch. Nebel. Im gleissenden Gegenlicht eine schwarze Silhouette. Langer Mantel, Pistole in der Hand: Michael Kohlhaas. Müde wirkt er, erschöpft, verzweifelt, als würde er nicht mehr kämpfen mögen, sondern nur noch nach Hause. Raus aus dieser Geschichte, die ihn zu reuen scheint. Die Bretterwand fährt wieder runter. Für Kohlhaas gibt es kein Entkommen.

Trostlose Diskussionskultur

von Steffen Becker

München, 23. Juli 2021. Im Programmheft der Inszenierung von Ferdinand von Schirachs "Gott" am Residenztheater findet sich ein Spoiler. Von Schirach bekennt im Nachdruck eines NZZ-Interviews, dass sein Stück ein klares Ziel hat: Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Zulässigkeit assistierter Sterbehilfe vom Februar 2020 soll endlich umgesetzt werden. Was der Autor wünscht, wie das Publikum mit seinen am Eingang erhaltenen roten und grünen Abstimmungs-Karten umgeht, ist also klar.

Fantastische Menschwerdung

von Joseph Hanimann

Avignon, 19. Juli 2021. Nach zwei Wochen Laufzeit des Festivals Avignon ist die Nackenstarre aus einem Jahr Theaterstillstand verschwunden. Sich der Zukunft entsinnen, wie die Devise des Festivals 2021 heißt, das zwingt zur Wendigkeit, nicht nur im Nacken. Gesellschaftsutopien und Katastrophenvisionen umkreisen in den bisher drei Dutzend Produktionen rückwärtsgewandte Glücks- und Niedergangsfantasien. Und da Avignon von einer Saison zur anderen gern dieselben Künstler einlädt, entsteht über die Jahre hin ein ausgedehntes Panorama zeitgenössischer Befindlichkeit.

Der Hedonist und der Tod

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 17. Juli 2021. Wer hat die Hosen an im Hause Jedermann? Hugo von Hofmannsthal täte uns den Lebemann als erstes im Dialog mit dem Koch vorführen. Das Menü für die Tischgesellschaft kann ja gar nicht erlesen genug sein. In Salzburg nutzt Regisseur Michael Sturminger diese Szene, um gleich mal die Buhlschaft einzuführen. Sie sitzt auf Jedermanns Schultern, ihr Kleid verdeckt sein Gesicht – und sie ist es, die den Essensplan vorgibt. Er tritt (mit dem Text des Kochs) durchaus fürs Recycling der Überbleibsel vom Vortag ein.

Der Bratschen-Sound der Kanzlerin

von Michael Laages

Oldenburg, 17. Juli 2021. Frisch gewählt sind die Damen und Herren, die da gerade Platz nehmen im Halbrund der Arena aus blauen Sesseln – im neuen Deutschen Bundestag, dem 19. Parlament seit 1949. Eine Wahlurne war zu sehen gewesen auf der Bühne, Menschen steckten weiße Zettel hinein; dann wurde die vom TV-Bildschirm vertraute Ergebnis-Grafik simuliert, und aus den Blöcken in Schwarz, Rot und Grün, Gelb und Blau gaben die führenden politischen Köpfe von CDU/CSU, SPD und Grünen, FDP und AfD per Video-Projektion die ersten Nach-Wahl-Statements ab. Schließlich schwor die Stimme des Parlamentspräsidenten Wolfgang Schäuble das Personal ein auf die parlamentarischen Regeln – und jetzt, bei Schäubles Rede, war erstmals (nach dem Einstimmen des Orchesters auf das nun beginnende Stimmengewirr) das Prinzip zu hören, auf dessen Basis der Berliner Komponist Paul Brody die "Demokratische Sinfonie" entworfen hat, die da als letzte Premiere der Saison am Staatstheater in Oldenburg zur Uraufführung gekommen ist. Sie ist ein musikalisches Abenteuer.

Spielplatz der einsamen Kinder

von Martin Thomas Pesl

Wien, 17. Juli 2021. Für ein Stück gegen die Zeit lässt Meg Stuart ganz schon viel davon zu. Am Beginn ihrer neuen Arbeit ist von den sich überschlagenden, unaufhaltsamen Ereignissen, die der Titel "CASCADE" suggeriert, gar nichts zu spüren, im Gegenteil. Nach und nach schlüpfen die sieben Performer:innen zu einem nervös machenden Klangteppich aus den Ritzen des Raumes, den ihnen der französische Theatermacher Philippe Quesne hingezaubert hat. Im nebelverhangenen Steinbruch – er könnte sich auf einem der Planeten aus dem "kleinen Prinzen" befinden – tasten sie sich voran, experimentieren mit dem, was sie vorfinden.

Fröhliche Grausamkeiten

von Esther Boldt

Worms, 16. Juli 2021. Lang liegt er da, der Rüssel des Elefanten. Zärtlich gestreichelt und liebkost wird er, geschmiegt und gefüttert – mit Gugelhupf in jeder Geschmacksrichtung. Die Hand, die ihn streichelt und füttert, ist eine mächtige: die von Papst Leo X. Im vollen, weißgoldenen Ornat steht er da, golden kringeln sich die Locken unter der Mitra hervor. Seinen Job würde er am liebsten stante pede dem Dickhäuter übergeben – auch, als er von jenem kleinen Mönch erfährt, der im fernen Deutschland tobt und schreit. Dieses Deutschland! "Deutschland ist ein schönes Land", sagt sein Legat Cajetan einmal. "Es wird nur von den falschen Leuten bewohnt."

Tausendschön im Taubenschlag

von Michael Laages

Kassel, 10. Juli 2021. Zu Jacob und Wilhelm, den Grimm-Brothers, pflegt die Stadt Kassel ja eine besonders enge Beziehung – die Märchensammler und Grammatiker gingen hier zur Schule und legten hier auch die ersten richtungsweisenden Projekte vor. Dass also dem scheidenden Intendanten am örtlichen Staatstheater ein Werk mit Grimm-Bezug beschert worden ist, passt ganz gut; und überhaupt schließen sich mit diesem Finale für Thomas Bockelmann einige Kreise. Der Hausherr hatte ja vor 17 Jahren schon, bei der Amtsübernahme vom Vorgänger Christoph Nix, die Hausautorin Rebekka Kricheldorf aus Münster mitgebracht; und er blieb ihr treu.

"Leg dich hin!"

von Steffen Becker

Stuttgart, 10. Juli 2021. Freiheit hat als Buzzword Konjunktur. Der Malle-Urlaub, das Tempolimit, die Maskenpflicht – alles wird zur Freiheits-Frage hochgejazzt. Umso erfrischender, dass Roland Schimmelpfennig in seiner Überschreibung von Arthur Schnitzlers "Reigen" den Begriff weg von schiefen Vergleichen rein ins saftige Leben holt. Freiheit heißt hier, eine Prostituierten-Transe im Park zu vögeln oder ein Hotelzimmer zu verwüsten – und zwar so, dass es beim Hotelmanager Bewunderung auslöst ("Zerstörung und Freiheit. Es gibt keine Grenzen mehr. Wahnsinn. Wahrscheinlich haben sie auch in die Dusche gekackt"). In der Mehrzahl der 17 "Skizzen aus der Dunkelheit", die hier Premiere feiern, führt das Streben nach (sexueller) Befreiung aber nur zur Erkenntnis des eigenen Gefangen-Seins.

Marsmenschen im Neonlicht

von Jan Fischer

Hannover, 10. Juli 2021. Dort dreht sich eine eigenartige Konstruktion an der Bühnendecke, woanders werden Berge abgebaut und Menschen zu Stein: Bei den Theaterformen in Hannover zeigen Julia Häusermann und Simone Aughterlony verrätselten Neonpunk während die chilenische Regisseurin Manuela Infante sprachliche Gesteinsschichten in marsianischer Verfremdung übereinander schichtet.

Das Leben geht weiter

von Jan Fischer

Hannover, 8. Juli 2021. Ziemlich selbstbewusst, anders lässt es sich nicht sagen, landete das Festival Theaterformen in diesem Jahr in Hannover. Oder besser gesagt: Mitten in einer verkehrspolitischen Debatte. Die erste Ausgabe des Festivals mit Anna Mülter als künstlerischer Leiterin in der Nachfolge von Martine Dennewald ließ die Raschplatzbrücke sperren, um dort ein "Stadtlabor" einzurichten. Die Brücke ist ein Nadelöhr in der Stadt – Hannovers CDU-Chef Maximilian Oppelt kritisierte die Sperrung, Hannovers Grüner Oberbürgermeister Belit Onay hielt dagegen, selbst die BILD sah sich bemüßigt, in großen Lettern zu fragen: "Muss das wirklich sein?". Kurz: Das Festival Theaterformen ist Stadtgespräch. Auch, wenn es nicht unbedingt ein Gespräch über Theater ist.

Stuhlrücken im Papstpalast

von Joseph Hanimann

Avignon, 5. Juli 2021. Intendantenwechsel zum Auftakt. Gleich am Eröffnungstag dieses 75. Theaterfestivals Avignon erfuhr man nach lebhaften Spekulationen, wer ab September 2022 Nachfolger des bisherigen Leiters Olivier Py sein wird. Solch zusätzlicher Spannung hätte das Festival mit seinem stolzen Programm gar nicht bedurft. Doch gehört das zur Besonderheit Avignons.

Dreifacher Schwurbler

von Sabine Leucht

München, 4. Juli 2021. Ein Mann sitzt nachts an seinem Schreibtisch. Eine Katze besucht ihn und verschwindet wieder - aus seinem Zimmer und aus dem Gedicht. Das ist bereits die ganze äußere Handlung dieses satirischem "Sprechtextes" für die Bühne, der "Die Politiker" heißt und mehr oder weniger von allem erzählt. Vornehmlich aber von der Einsamkeit und den Dauerschleifen und Kurzschlüssen, die das nächtliche Denken produziert, vom Stillstand und von fehlenden Zukunftsperspektiven, wofür wir gerne und fast reflexhaft "die Politiker" verantwortlich machen – oder kurz: die Anderen.

Die Sehnsüchte der Mondreisenden

von Grete Götze

Frankfurt, 4. Juli 2021. "Um was geht es denn?" "Sie meinen die Handlung? Das weiß ich noch nicht so genau." "Was soll das heißen? Sie wissen es noch nicht? Sie sind doch schon fertig." " Ja genau, das ist immer mein Problem. Ich schreibe und schreibe, und wenn ich fertig bin, merke ich, dass ich überhaupt nicht weiß, um was es geht." "Das ist schlecht, Boris, das ist sogar sehr schlecht." So beurteilt zumindest Kernphysikerin Sonja die literarischen Ergüsse von ihrem um Science-Fiction bemühten Raumfahrtkollegen Boris.