Let's Flausch

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 21. Februar 2021. "Cotton Candy, Marshmallow, Kittens", setzt Claire Lefèvre mit ihrer Aufzählung ein. Mit der langen Liste ihrer "Favorite Things" perforiert Lefèvre mit sonorer Stimme das Lullaby-Dröhnen von Soundkünstler*in Zosia Hołubowska. Beide sitzen in geblümten gepolsterten Jacken am Bühnenboden vom Studio brut. Ich, im Einführungsgespräch dazu eingeladen es mir beim Videoschauen bequem zu machen, am Sofa zuhaus. So wie schon letzten Sonntag und am vorletzten auch. Weil: Unter dem Titel "Sunday Screenings" macht das brut Wien im Februar jede Woche eine Onlinepremiere, insofern bis jetzt drei. Lauter Filmversionen von im Winter abgesagten Live-Projekten, alle frei verfügbar bis zum Sommer.

Untergang, live und in Farbe

von Andrea Heinz

Berlin / Online, 19. Februar 2021. Fangen wir gleich damit an: Mit "Anthropos, Tyrann (Ödipus)" ist der Volksbühne ein richtig großer Wurf gelungen. Gemeinsam mit dem Theater des Anthropozän der Humboldt Universität, mit der Meeresbiologin Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Bremerhaven (AWI) und Mitverfasserin der Stellungnahme "Klimaziele 2030: Wege zu einer nachhaltigen Reduktion der CO2-Emissionen" der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, und dem Dramaturgen Frank Raddatz verkündet Regisseur Alexander Eisenach "die Wiederauferstehung der Tragödie". Wobei die ja streng genommen nie tot war, ist unsere Gegenwart doch eine einzige Tragödie: Wir schauen, "live und in Farbe", wie es im Stück einmal heißt, zu beim Untergang, aber laufen lieber sehenden Auges hinein, als ernsthaft etwas dagegen zu unternehmen. Wie Menschen halt so sind.

Verlogene Toleranzattitüde

von Verena Großkreutz

Genf / Online, 19. Februar 2021. Das Herz macht sich gut. Wie eingefroren steht es da. Gegossen in Glas. Ausgestellt als Kunst. Das Herz bleibt als griffiges Bild omnipräsent in Milo Raus Genfer Inszenierung von "La Clemenza di Tito", Mozarts letzter Oper, einer Seria, komponiert 1791, in Zeiten der Französischen Revolution, für die Prager Kaiserkrönung Leopolds II. Das Herz, das gleich zu Beginn einem kräftigen Mann aus dem Körper gerissen wurde, geht im Verlauf des Abends auf der Bühne von Hand zu Hand. Eine blutige Metapher für alles Leid dieser Welt, das durch die Kunst in bare Münze verwandelt wird.

Lost in Adaptation

von Martin Thomas Pesl

Wien, 18. Februar 2021. Die erste Szene ist stark. "Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?", fragt die Frau im blütenweißen Hosenanzug den ebenso strahlend gekleideten Mann. Sie flüstert ihm etwas ins Ohr, wie Bill Murray einst Scarlett Johansson in "Lost in Translation", wir hören nicht, was. Seine Miene verdüstert sich. "Ist vielleicht auch besser so", sagt er. Das ist geheimnisvoll, ein Vorgriff mit Spannungspotenzial. Hernach wird man sehen, wie die Beteiligten nach und nach bis hierher kamen. Am Ende erlebt man die Szene noch einmal, nur ergibt sie da plötzlich keinen Sinn mehr.

TKKG – Das Musical

von Falk Schreiber

Chur / online, 18. Februar 2021. "Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich", verspricht Artikel 8 der Schweizerischen Bundesverfassung. Schöne Worte sind das, die aber zugleich vereinbar zu sein scheinen mit obszönem Wohlstand Weniger, beunruhigender Diskretion und teils zweifelhaftem Geschäftssinn.

Willkommen im Zeitalter der seltenen Erden, Ihr Kackbratzen!

von Elena Philipp

Berlin / Online, 12. Februar 2021. Die Schöpfung beginnt auf der Hinterbühne. Ratzfatz geht sie voran, noch bevor der Abend richtig beginnt: Textbuch zwischen die Zähne geklemmt, Handtasche übers Handgelenk, das Chaos gelichtet, die Erde in den Raum gehängt und die Gebirge aufgetürmt: "Stille! Was ist das hier für ein permanentes Hintergrundgemurmel?", raunzt Katja Gaudard als Gott in die letzten Handgriffe vor Vorstellungsbeginn. "Ich versuche etwas zu erschaffen." Goldenes Zeitalter, bam! Zeugung des Menschen – zack! Und schon stürzen die Spieler*innen durch eine Schwingtür auf die Vorderbühne: Das Spiel nimmt seinen Lauf.

Zoom verleiht Flügel!

von Gabi Hift

Wien, 12. Februar 2021. "Guten Abend! Wir glauben nicht daran, dass es jemals wieder Live Theater geben wird." So begrüßt die Moderatorin Pia Hierzegger ihre schaudernden Gäste zur Zoom-Session. "Deshalb haben wir ins Theater Fernsehstudios eingebaut. Und einmal im Monat hüpfen wir aus unseren Pyjamas und machen für Sie eine Show."

Kreuzberg nach der Apokalypse

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 12. Februar 2021. Der Fahrradbote klingelt – und er bringt ein ganzes Theater nach Hause, sprich: die deutschsprachige Erstaufführung von "Krasnojarsk" von dem norwegischen Autor Johan Harstad. Man bekommt, wohl verpackt in einer stoßsicheren Box, eine VR-Brille, einen Controller (eine Kreuzung aus Maus und Lichtzeiger zum Ans-Handgelenk-Hängen) und ein USB-Kabel zum Nachladen. Es könnte ja der Strom ausgehen, bevor man die Weltuntergangsgeschichte hinter sich oder, schlimmer noch, bevor man die Virtual Reality überhaupt ins Laufen gebracht hat.

Koma to go 

von Dorothea Marcus

Detmold, 11. Februar 2021. Erst eine Runde Schnick Schnack Schnuck spielen, dann losrasen, egal, wohin. In eine beliebige Lebenslotterie gewürfelt sind die Drei aus "Wasted", jenem ersten Theaterstück der britischen Ausnahmepoetin, die früher Kate Tempest war und sich heute non-binär identifizieren und Kae Tempest nennen. Gar nicht so einfach, das korrekt zu gendern, Tempest selbst jedenfalls wollen in der 3. Person Plural "sie" genannt werden, was sich grammatikalisch schwierig anfühlt, aber hiermit versucht wird. 

Homunkulus' schöne neue Welt

von Falk Schreiber

Freiburg / Online, 10. Februar 2021. Faust ist ein Wanderer. In "Der Tragödie zweitem Teil" wandert der Held durch Romantik und Klassik, durch deutschen Wald und griechisches Gebirge, durch Mittelalter und Moderne, durch Antike und Gegenwart. Bei Krzysztof Garbaczewski wandert Thieß Brammers Faust durch das Theater Freiburg: durch den leeren Saal, durch Pfützen auf der Bühne, schließlich über eine höhlenartig dunkle Hinterbühne und durch schmucklose Verbindungsgänge. Um irgendwann im virtuellen Raum zu landen, den man auch in Südbaden als pandemiesicheren Rückzugsort fürs Theater erkannt hat.

Derselbe fucking Planet

von Martin Thomas Pesl

München / Online, 7. Februar 2021. Ganz richtig fühlt sie sich noch nicht an, die derzeitige Normalität, in der es möglich ist, in Wien an einer Premiere im Werkraum der Münchner Kammerspiele teilzunehmen. Es ist mind-blowing und verstörend und irgendwie auch Gegenstand jenes Stückes, das hier eigentlich zur Uraufführung kommen sollte, nun aber stattdessen vorerst gestreamt, verfilmt, verlivetheaterfilmt wird: "Flüstern in stehenden Zügen" von Clemens J. Setz handelt von diesen Firmen, die E-Mails mit bedrohlichen Szenarien – Stromabschaltung, Computerviren – und einer Telefonnummer verschicken. Die Nummer führt in ein Callcenter, wo sich jemand als "Ulrich Müller" vorstellt und in gebrochenem Deutsch oder Englisch die Behebung des Problems infolge einer monetären Transaktion verspricht.

Weil der Nazigeist weiterlebt

von Thomas Rothschild

Salzburg / Online, 6. Februar 2021. "Am liebsten würden sie / wenn sie ehrlich sind / uns auch heute genauso wie vor fünfzig Jahren / vergasen / das steckt in den Leuten / ich täusche mich nicht". An diesem Satz muss nur die Zahl korrigiert werden. "Wie vor achtzig Jahren" muss es heißen. Ansonsten hat der Befund, den Thomas Bernhard seinem Professor Robert Schuster in den Mund legt und den eine beharrliche Konvention als "Übertreibung" zu relativieren versucht, nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt.  August Zirner spricht ihn, die linke Hand in der Manteltasche, in der rechten ein verwelktes Herbstblatt, fast beschwörend zu seiner Nichte Olga, die auf der Straße bespuckt wurde, aber die Wirklichkeit nicht wahr haben möchte.

Etwas ist faul am Status Quo

von Georg Kasch

Leipzig / Online, 5. Februar 2021. Kategorien, Einordnungen, Schubladen? Helfen kaum weiter, wenn es um Menschen geht. Und doch labeln wir alle, jeden Tag: unterscheiden zwischen Mann und Frau, groß und klein, hässlich und schön. Nach eigener Erfahrung, Prägung, Bauchgefühl. Und dann passiert es, dass wir zum Beispiel Menschen mit Behinderung entweder als unzulänglich entwerten oder als Helden mystifizieren. Weil sie im Rollstuhl sitzen. Weil ihr Körper nicht der Norm entspricht. Und weil sie "trotzdem" ihr Leben leben.

Die Sklaven der Dinge

von Christian Rakow

Villach / Online, 5. Februar 2021. Nach Kärnten bin ich nie gekommen. Und mithin nie zur Neuen Bühne im 62.000-Seelenort Villach. Erst dieser zweite Corona-Lockdown macht es möglich, jetzt da Theater in wachsender Zahl auf Onlinepremieren ausweichen: gestreamt aus leeren Sälen, für Zugeschaltete von irgendwo. In meinem Falle aus Berlin.

Gregor Samsa in Quarantäne

von Matthias Schmidt

Weimar, 4. Februar 2021. "Wie aber", resümiert Gregor Samsa, sich in seinem Käfer-Dasein langsam einfindend, "wenn jetzt alle Ruhe, aller Wohlstand, alle Zufriedenheit ein Ende mit Schrecken nehmen sollte!" Man sitzt, statt im Theater, vor seinem Monitor und denkt sich, schöner als Kafka kann man es nicht sagen. Die Gewissheiten haben ein Ende. Vorübergehend, das ist die Hoffnung. Das dachten Samsas Eltern und seine Schwester allerdings auch …

"Hey Diggi, alles fresh?"

von Elena Philipp

Berlin, 3. Februar 2021. Schwärmerei sei erlaubt, ausnahmsweise. Schließlich behandeln wir hier ein zentrales Werk des Sturm und Drang, Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werther" – "für die virtuelle Gegenwart adaptiert" von einem freien Theaterkollektiv um die (Film-)Regisseurin Cosmea Spelleken.

Erdbeertortenbaum voraus

von Elena Philipp

Leipzig/online, 1. Februar 2021. Klöße, Klöße, nichts als Klöße. Beim gemeinsamen Abendessen aller gullivingischen Einwohner*innen gibt's ausschließlich rund Gekochtes. Seit jeher. War doch der Gründer der Ansiedlung, Lemuel Gulliver, ein Kloßgourmet. Doch mit der Ankunft eines Schwungs Neugullivinger*innen wird die Tradition gleich über Bord gekippt – und in der Vollversammlung dieser "Vollversammlungsdemokratie" über ein ergänzendes Gericht abgestimmt: Wassermelone? Bratwurst? Eis?

Ist da jemand?

von Shirin Sojitrawalla

Darmstadt / online, 31. Januar 2021. Ein Mann sitzt vor einem Fenster. Der Raum dahinter ist leer. Ein paar Deckenstrahler spenden Licht. Die Wände sind weiß, auf dem Boden Parkett oder Laminat, eine Tür, weitere Fenster, sonst nichts. Es wirkt, als sei eben jemand ausgezogen. Oder gestorben. Es könnte sich um ein Zimmer in einem Altersheim handeln, ein Zimmer zum Sterben in einem Hospiz, auf einer Palliativstation oder sonst wo. Es geschieht nichts darin, muss es auch nicht. Dieser "Sterberaum" gleicht einer großen Meditation zum Thema Tod und Sterben.

Der Mensch ist die Lösung

von Max Florian Kühlem

Krefeld und Mönchengladbach / online, 30. Januar 2021. 2021 könnte das Jahr werden, an dem sich ein ganzes Land an einem seiner wichtigsten Künstler abarbeitet: Joseph Beuys wurde vor 100 Jahren in Krefeld geboren. Das Theater Krefeld-Mönchengladbach hat jetzt für einen ersten (nicht im offiziellen Programm von "Beuys21" gelisteten) Aufschlag im Jubiläumsjahr gesorgt. Ein sechsköpfiges Ensemble begibt sich in "Beuys' Küche" – in einen transformativen Beuys-Echoraum, in eine ständige Suchbewegung nach dem künstlerischen Funken, der die radikale Kraft von kreativer Veränderung der Gesellschaft entfachen kann. Eine gute Diskurseinleitung, die durch die verstärkte vierte Wand des heimischen Bildschirms bei der Streaming-Premiere allerdings mitunter auch sedierende Wirkung entfalten kann.

Historisches Krisenmanagement

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 30. Januar 2021. Jeder Dokumentarfilmer weiß das, und auch alle, die dieses Genre schätzen: Das weitaus Interessanteste sind Menschen, die wirklich etwas zu erzählen haben. So wie der ehemalige Salzburger Bürgermeister Heinz Schaden, wenn er sich an den 1. September 2015 und die Tage und Wochen danach erinnert.