Wir müssen unserem fragilen Planeten entkommen!

von Elisabeth Maier

Konstanz, 4. Juli 2020. Im Garten des Konstanzer Münsters sitzen die Zuschauer mit Mund- und Nasenschutz und warten auf den Einlass. Alles ist anders bei der Uraufführung von Christoph Nix' Abschiedsinszenierung von "Hermann der Krumme oder die Erde ist rund" bei den Münsterfestspielen des Theaters Konstanz. Das historische Spektakel über den körperlich schwer behinderten Gelehrten aus dem 11. Jahrhundert (1013 bis 1034), der bei den Bendiktinermönchen auf der wenige Kilometer entfernten Insel Reichenau am Bodensee seine universellen Theorien entwickelte, zeigte das Theater vor 250 Zuschauern (so viele lassen die Corona-Verordnungen in Baden-Württemberg zu). Gemeinsam mit der Choreografin Zenta Haerter und mit Jung-Regisseur Lorenz Leander Haas hat der scheidende Intendant das historische Stück auf die Freilichtbühne gebracht.

Die Mietgroschenoper

von Jürgen Reuß

Freiburg, 4. Juli 2020. War früher der Einlass ein anarchischer, dem Publikum weitgehend selbst überlassener Akt, werden zurzeit auch die Theatergäste unter strenger Regie inszeniert. Zunächst in die Maske, dann vorgeschriebene Laufwege und feste, locker im Raum verteilte Positionen. Nie mehr als zwei nebeneinander. Erst wenn die Akteure auf der Bühne übernehmen, darf das Publikum die Maske fallen lassen. Treten die nach dem Applaus ab, muss das Publikum wieder ran zur umgekehrten Choreographie. Gewöhnungsbedürftig, aber dafür geht die Show weiter.

Hallo, Welt!

von Jan Fischer

Braunschweig, 5. Juli 2020. Mit brachialer Gewalt ballt sich ein Sturm zusammen, knallen Wellen gegeneinander, brechen, es knackt und rattert und rauscht und der Himmel wird immer dunkler: Eine Naturgewalt, gegen die sich ein Mensch nicht durchsetzen kann, sondern einfach nur zuschauen und machtlos das Beste hoffen. Voldemārs Johansons Arbeit "Thirst" kommt einem fast vor wie eine Allegorie auf dieses verflixte Jahr 2020. Dabei ist sie denkbar einfach: Auf eine Leinwand im großen Haus des Staatstheater Braunschweig wird ein Loop eines Sturmes mitten im Atlantik projiziert, dazu kommt sein wuchtiger Sound so laut aus Lautsprechern, dass es rumort im Bühnengebälk. Aber dennoch: Die Gewalt des Sturmes und der rauen See sind durchaus hypnotisch, es ist schwer, sich von dieser Installation loszureißen.

Ein Käfer, gefangen in der Blase

von Verena Großkreutz

29. Juni 2020. Ein merkwürdiges Monster amöbt sich da im Schneckentempo einmal quer über den Kunstrasen. Seine Außenhaut besteht aus unzähligen Stofftieren aller Größen – doch nicht aus niedlichen Plüsch-Käfern, wie man es – wenn schon, denn schon – im Fall von Kafkas "Verwandlung" erwarten würde, sondern aus Teddybären. Solche, die man sich auf der Kirmes schießen kann. Manchmal reckt sich eine menschliche Hand heraus aus dem unförmig wabernden Kuschelmeer, hangelt ein bisschen am Hinweisschild "Bitte bis hier vorfahren!", saugt sich an den Betonsäulen des Parkhauses fest. Ein hübsches, freundlich wirkendes Monster ist das, aber was sollen die Teddybären? Verweis auf die ödipale Phase, die Gregor Samsa nie überwinden konnte? Es bleibt stumm, das Schmuse-Monster. Denn es dient nur als bildlicher Kontrapunkt zum Text, den das Ensemble Lokstoff dramatisch befeuert und farbig durchleuchtet artikuliert und in Szene setzt.

2020 – Odyssee im Theaterweltraum

von Karin E. Yeşilada

Paderborn, 28. Juni 2020. Endlich wieder eine Uraufführung der Westfälischen Kammerspiele! Wie aber wird das Aufeinandertreffen von Theaterleuten und ihrem Publikum nach wochenlanger Zwangstrennung ausfallen? Überraschend. Denn Katharina Kreuzhages Uraufführung der Erzählung "Bericht über eine unbekannte Raumstation" von James Graham Ballard, zunächst als Online-Produktion geplant und nach Aufhebung des Lockdowns blitzschnell zur Live-Produktion umgearbeitet, wird zu einer Wiederbegegnung der dritten Art, in der Schauspieler und Publikum elliptisch umeinanderkreisen und schließlich als Supernova miteinander verschmelzen. Ein Abend, der nicht nur emotional bewegt.

Mehr Vulkan geht nicht

von Verena Großkreutz

Zürich/online, 27. Juni 2020. Was für ein starkes Bild. Warum träumen, warum erwachen? Gerade räsonierte die Conférencière über die Möglichkeit, die coronabedingte "Lücke in der Zeit" sinnvoll zu nutzen, erscheine doch zuvor Unveränderbares plötzlich veränderbar, da switcht die Kamera zu den Außentreppen des Züricher Opernhauses: zu Tenor Iain Milne, der sich dort niedergelassen hat, um sich der Arie "Pourquoi me réveiller?" aus Massenets "Werther" hinzugeben. Irgendwann zieht es den Singenden zum Bauzaun, der ihn vom Vorplatz der Oper trennt, wo sich eine kleine Gruppe ZuhörerInnen eingefunden hat. Er schaut und singt sehnsüchtig zu ihr hinüber. Social Distancing lässt grüßen, aber es steht auch die Antwort auf die betonisierende gesellschaftliche Frage im Raum: Wer gehört wohin?

Schwestern der Schöpfung

von Frauke Adrians

27. Juni 2020. Dieses doofe Virus. Nicht nur, dass es Festivals killt und Uraufführungen ins Internet verbannt, jetzt löst es auch noch eine Art Schein-Schlafkrankheit aus. Im neuen kainkollektiv-Stück, das für die diesjährigen Ruhrfestspiele gedacht war und nun als überwiegend vorproduzierter Graphic-Novel-, Video- und Zoom-Mix auf YouTube Premiere hatte, beschließen alle Kinder der Welt, sich auf unabsehbare Zeit schlafend zu stellen. Sie haben keine Lust, die Fadenspiele der Erwachsenen weiterzuspinnen, die die Generationen und Länder verbinden. Sie entziehen sich, vielleicht, um die Erwachsenen zur Vernunft zu bringen.

Das Kind beim rechten Namen nennen

von Steffen Becker

Baden-Baden, 25. Juni 2020. Aus den Boxen dringt ein Billy Joel-Klassiker: "I haven't been there for the longest time". Die Darsteller tanzen dazu ausgelassen (aber mit Abstand) über die Bühne des Theaters Baden-Baden. Lange waren sie nicht mehr da und sie haben es offenkundig vermisst. Aber der Eingangssong hat auch etwas zum Stück "Der Vorname" von Alexandre de La Patellière und Matthieu Delaporte zu sagen. "And the greatest miracle of all / Is how I need you / And how you needed me too / That hasn't happened for the longest time". Die Protagonisten verbringen gemeinsam einen Abend, den sie so noch nicht erlebt haben. Sie erfahren, dass sie noch auf ganz andere Arten miteinander verbunden sind, wenn auch nicht so, wie es Billy Joels Fröhlichkeit nahelegt.

Vor dem Mord bitte Hände waschen

von Thomas Rothschild

Tübingen, 19./20. Juni 2020. Nein, das hat sich das Landestheater Tübingen nicht extra für die Wiedereröffnung nach der erzwungenen Vorsommerpause ausgedacht, und es wurde auch nichts verschoben. Streng nach Spielplan gab es zwei auf einander folgende Premieren, die geradezu modellhaft die Spannweite dessen abstecken, was Theater in jenen zweieinhalb vordigitalen Jahrtausenden bedeutet hat, die manche unter dem Eindruck gegenwärtiger oktroyierter Entwicklungen auf den Müllhaufen der Geschichte entsorgen wollen – zwischen einem der ältesten Dramen der europäischen Antike und einem zeitgenössischen Stück, das in den 24 Jahren seit seiner Uraufführung auf schlechterdings beängstigende Weise an Aktualität gewonnen hat.

"Hey, Ihr im Westen!"

von Martin Pesl

Berlin / Wien / Online, 21. Juni 2020. Kommt ein Wiener nach Oberösterreich und geht dort ins Deutsche Theater Berlin. Dort sieht er sich Inszenierungen aus Russland, Polen, Georgien an. Der Witz unserer absurden Corona-Zeit ist, dass das eben kein Witz ist. Es geht, es ist gratis, und niemand wundert sich, wenn diese Konstruktion ein Festival genannt wird. Während die Autorentheatertage des DT 2020 de facto abgesagt sind und den eingeladenen Autor*innen stattdessen Stückaufträge erteilt wurden, bietet das seit 2018 veranstaltete Eröffnungswochenende "Radar Ost" auch in diesem Jahr volles Programm – im Internet. Produktionen aus osteuropäischen Ländern, teilweise in Kollaboration mit Berliner Künstler*innen, wurden von Birgit Lengers, der Leiterin des Jungen DT, sorgsam kuratiert. Ihr Mann Björn platzierte sie in einer Art Graphic-Novel-Version des ehrenwerten Berliner Hauses, abrufbar über dessen Webseite.

Die magische Hand der Zeit

von Christian Rakow

Berlin | Online, 20. Juni 2020. Ich denke, ich lege mal los. Es ist weit nach Mitternacht an diesem längsten Tag der Nordhalbkugel, und Gob Squad wollen noch bis in die Morgenstunden Mitsommer feiern. Aber die Klänge aus "Good Night" von den Beatles, die an diesem Abend zu jeder vollen Stunde erklingen, locken immer sirenenhafter in die Kissen.

Norm oder Nicht-Norm, das ist hier die Frage

von Georg Kasch

Berlin / Online, 16. Juni 2020. Menschen ohne Behinderung haben es schwer. Wegen des KNZR- und KKG-Syndroms (Kommt nicht zur Ruhe; Kennt keine Grenzen) brauchen sie immer was zu tun. In jungem Alter werden sie von den anderen separiert und auf eine Sonderschule für Kinder mit Lernstärke geschickt. Und wenn sie sich tagsüber nicht richtig verausgabt haben, können sie abends nicht einschlafen, brauchen mitunter sogar Schlaftabletten. 

Die Ratten erinnern sich

von Anna Landefeld

München, 15. Juni 2020. Würden die Zuschauer*innen keinen Mund- und Nasenschutz tragen, man könnte die Uraufführung von Enis Macis "Wunde R" mit (maximal zugelassenen) 17 Zuschauer*innen in der Kammer 3 für einen mäßig besuchten Theaterabend halten. Denn bei dieser ersten Aufführung nach dreimonatigem pandemischen Theaterschlaf erinnern keine abmontierten Sitze, keine abgedeckten Reihen an Hygienevorschriften. Stattdessen betritt man einen beinahe dunklen, beinahe leeren Raum, in dem man frei umherwandeln darf.

Delphi liegt in Oberbayern

von Sabine Leucht

München, 15. Juni 2020. Schwer zu sagen, wie der Gang zum Orakel gewirkt hätte, wäre die Premiere von "Oracle" wie vorgesehen Ende April gewesen. Womöglich hätte der hartgesottene Theaterbesucher die 35-minütige Tour durch Markus Selgs mit antiken Verweisen und esoterischen Farben zum Bersten gefüllte Spielräume zwischen zwei andere Veranstaltungen geschoben und als leicht gruseligen Brainwashing-Versuch abgebucht. Doch inzwischen ist ja alles anders und der Gang in ein echtes Theater ein kolossaler Nervenkitzel, der einen vor lauter maskierter Menschen (es sind mindestens sechs!) im Foyer der Kammer 2 fast den Pressetisch übersehen lässt.

Geisterpremiere der Weltbessermacher

von Max Florian Kühlem

Wuppertal, 14. Juni 2020. Da seltsamerweise jede Kultureinrichtung etwas anders auf das Corona-Virus zu reagieren scheint, hier kurz die Version des Schauspiels Wuppertal im Theater am Engelsgarten: "Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner", die laut Intendant Thomas Braus "erste Premiere im Corona-Modus", ist eine Geister-Premiere. Abgesehen von einer Handvoll Journalist*innen und Ehrengästen wie Oberbürgermeister Andreas Mucke darf das Publikum sie nur als Online-Stream verfolgen. Für die Anwesenden gilt: Handdesinfektion, Mund-Nase-Bedeckung bis zum Sitzplatz, der Ausgang ist nicht der Eingang – man kennt das Spiel.

Marionette Beethoven

von Frauke Adrians

Mainz, im Juni 2020. Was hätte das für ein Jubeljahr werden können. Nahezu alle Theater und Orchester hatten zu Ludwig van Beethovens 250. Geburtstag Großes oder doch Mittelgroßes geplant, von der Aufführung sämtlicher Symphonien – innerhalb einer Spielzeit, gern auch an einem Tag – über weltweit vernetzte "Klima-Konzerte" mit Beethovens Pastorale bis zum letztgültigen "Fidelio" fürs 21. Jahrhundert. Dann kam Corona, halbierte die Spielzeit 2019/20, und was aus 2020/21 wird, vermag noch kein Mensch zu sagen. Während die Bonner Beethoven-Jubiläumsgesellschaft ihr Beethovenjahr einfach um neun Monate verlängert und viele Projekte entsprechend verschiebt, retten die Theater- und Konzerthäuser derzeit, was in der zu Ende gehenden Spielzeit überhaupt noch zu retten ist.

Palast als Panikraum

von Tobias Prüwer

Leipzig, 12. Juni 2020. Die Bestuhlung trägt Trauerflor. Schwarze Tücher decken sie ab, lassen in nur jeder zweiten Reihe jeden dritten Platz frei. Das Schwarz zieht sich bis hinein in den Bühnenraum, wo wieder etwas Leben einzieht – auch wenn es in dieser "Medea" vor allem ums Sterben geht. Der Boden ist eine einzige schwarze Wasserfläche, die das Licht des Herrscherpalast-Kubus mal schluckt, mal diffus reflektiert. Die Drehbühne kreist und optisch gewaltig entfesselt sich der Zauberin Rachedurst als dunkler Sog. Markus Bothe hat seine fast fertige "Medea", deren Premiere im Frühjahr in Quarantäne musste, nun den Hygienestandards angepasst.

Für die im Dunkeln ist es die Hölle

von Valeria Heintges

Zürich, 12. Juni 2020.Vor neun Monaten, zur Eröffnung der Spielzeit im September 2019, standen Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg schon einmal so leger und gleichzeitig so angespannt-gespannt vor ihrem Publikum im Schiffbau in Zürich. Ein riesiges Eröffnungsprogramm der acht Regisseure konnten sie damals ankündigen, dem eine intensive, insgesamt erfolgreiche Spielzeit folgen sollte.

Im Uhrwerk

von Sascha Westphal

Bochum, 10. Juni 2020. Endlich wieder Theater! Endlich wieder lebendige Schauspieler*innen, mit denen das Publikum in einem Raum zusammenkommt! Endlich steht das Reale wieder gleichberechtigt neben dem Virtuellen! All diese Gedanken und Gefühle werden einen sicher noch eine Zeit lang begleiten. Das kollektive Erlebnis des Theaters hat im Moment etwas Befreiendes. Das gilt sogar noch, wenn man wie im Bochumer Schauspielhaus während der gesamten Vorstellung den Mund-Nase-Schutz tragen muss und die zwangsweise leeren, von den Sitzflächen befreiten Theatersessel um einen herum eine beinahe gespenstische Atmosphäre verbreiten.

Ich sehe dich, was du nicht siehst

von Esther Slevogt

Augsburg / VR, 10. Juni 2020. In meinem Homeoffice, wo ich ganz alleine an meinem Schreibtisch sitze, ist plötzlich noch ein anderer. Ein anderer Schreibtisch und ein anderer Mensch. Dieser Mensch, weiß und männlich, trägt zunächst noch schlampige Unterwäsche und verrichtet Unübersichtliches, das in der Summe bald recht zwanghaft wirkt. So platziert er dauernd Gegenstände in auf dem Boden markierte Kästchen: Zeitungen, eine Schreibmaschine oder seine Aktentasche etwa. Aber auch Kleidung, die er immer wieder an- und auszieht: die Unterwäsche, wenn er sich für den Gang ins Büro fertig macht;  Anzug, Hemd und Schuhe, wenn er wieder zurückkehrt.