Doppelte Mörderköniginnen

von Alexander Jürgs

Marburg, 21. September 2018. Das Gefängnis ist ein goldlackierter Käfig mit schrägem Boden. Senkrechte und waagerechte Schlitze als Fenster und Ausgänge hat dieser Bühnenkasten, in ihm eingeschlossen ist Maria Stuart, die Königin von Schottland. Sie singt, sie durchwühlt die Papiere, sie hofft, sie hadert. "Nicht das Schafott ist's, das ich fürchte, Sir."

Die Tragödie ist schon geschrieben

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 21. September 2018. Im Nachtklub "Tram 83" treffen sie aufeinander, die Bewohner eines immer noch nicht wirklich postkolonialen, neoliberalen Absurdistans namens "Stadtland": Underdogs und Glücksritter auf Zeit, und alles was dazwischen liegt. Fiston Mwanza Mujila stammt aus dem Kongo. Er war 2009 Stadtschreiber in Graz und lebt seitdem hier. An der Universität unterrichtet er afrikanische Literatur, und mit seinem Debütroman "Tram 83" eroberte er 2015 die Herzen des Feuilletons. "Tram 83" landete auf der Longlist des Man Booker International Prize, erhielt Auszeichnungen und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Am Beispiel seines Heimatlandes schreibt Mujila über die globalisierte Welt, über die Unüberblickbarkeit des Ganzen, über die ausgehebelten Werte. In französischer Sprache schildert er kongolesische Verhältnisse – aber solche Wirtschaftsgeographie bestimmt die Landkarten ja überall.

Dein Avatar lebt

von Sascha Westphal

Mülheim, 21. September 2018. Als wir in einer Fünfer-Gruppe den kleinen grauen Vorraum zur Bühne 3 im Mülheimer Ringlokschuppen Ruhr betreten, wartet Anna Kpok schon auf uns. Die Performerin Clara Gohmert ist zwar offensichtlich ein menschliches Wesen. Aber für die Dauer des gleich beginnenden Game wird sie zur Spielfigur, zum Avatar für fünf Spielerinnen und Spieler, denen jeweils zwei Befehle zur Verfügung stehen: "Start / Stop", "Rechts / Links", "Ducken / Springen", "Zoom / Einsammeln" und "Benutzen / Inventar". Jeder hat seine Funktion, aber nur zusammen können wir Anna Kpok durch die schöne neue Welt der näheren Zukunft leiten.

Eine Runde geht noch

von Matthias Schmidt

Halle, 16. September 2018. Die Bühnen Halle haben in ihrem Opernhaus eine neue Raumbühne installiert – BABYLON heißt sie, und wie auch schon die preisgekrönte Vorgängerin HETEROTOPIA hat Sebastian Hannak sie entworfen. Das Theater preist sie mit feinster Formulierungsleistung; "Spuren vergangenen Zusammenlebens und verlorener Solidarität" soll sie zu rekonstruieren helfen, "Möglichkeiten neuer Gesellschaftlichkeit" entdecken. Unter anderem.

Leben in der Quantentheorie

von Dorothea Marcus und Esther Slevogt

Berlin / Dortmund, 15. September 2018. Vorspann von Esther Slevogt (Berlin): Es ist ein Experiment, das auf einer These beruht: Die global vernetzte und digitalisierte Welt hat die Bedeutung konkreter Räume ebenso relativiert wie unsere Anwesenheit darin. In Sekundenschnelle können wir Nachrichten teilen oder empfangen, das Geschehen an den Börsen in New York oder Tokio simultan verfolgen. Was aber bedeutet Vernetzung, Digitalisierung und Quantenphysik für das Theater, das immer noch als Ort gilt, in dem Menschen Raum und Zeit miteinander teilen? Lässt sich dieser Raum mit Hilfe digitaler Medien erweitern, in eine andere Stadt, ein anderes Theater zum Beispiel? Wie kann man erzählen, wenn die Kontinuität von Raum und Zeit aufgehoben ist?

An der Wasserfront

von Andreas Wilink

Köln, 15. September 2018. "Teufelslachen" bescheinigte Daniel Kehlmann in der Dankesrede zur Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises vor zwei Wochen in Berlin seiner Romanfigur. Das diabolische unterscheide sich, nach einer Definition von Milan Kundera, vom Lachen der Engel dadurch, dass mit ihm ein "kompromissloser Blick" auf die Welt, wie sie ist, und "die Kraft der Unversöhnlichkeit" Ausdruck fände. Da hört der Spaß auf – oder fängt gerade erst an.

Fürchtet die Studentinnen!

von Karin E. Yeşilada

Paderborn, 15. September 2018. Nicht wenige der Paderborner Zuschauerinnen äußern sich am Ausgang des Theaters kritisch gegenüber der Studentin, die ihren Professor der sexuellen Belästigung bezichtigt. "Das war doch Manipulation!" Womöglich lag es aber auch wieder mal am grandiosen Spiel von David Lukowczyk, dass der Professor als Opfer einer Intrige dasteht und die Sympathien des Publikums einkassiert.

Picknick mit Promis

von Rainer Nolden

Trier, 15. September 2018. Beine, die in den (Bühnen-)Himmel ragen; der Saum eines Gehrocks. Schwere Bronze auf monumentalem Piedestal, darauf die Plakette mit dem Namen und den Lebenseckdaten: "1818 KARL MARX 1883". Mehr sieht man nicht von der Statue, die in der Geburtsstadt des durch dieses Denkmal Geehrten für zahlreiche Diskussionen sorgte. Erstens: Ein Geschenk aus China. Zweitens: Karl Marx eben, also Kapital und Kommunismus, beides, je nach Sichtweite, ziemlich igitt. Drittens: Trier. Ein Ort, der mit seinem berühmtesten Sohn lange fremdelte, bis er ihn als Tourismusmagneten in die Arme geschlossen hat, weil er nicht nur übers Kapital geschrieben hat, sondern jetzt auch jede Menge einbringt.

Rücksitzgeschichten für Penelope

von Michael Bartsch

Dresden, 15. September 2018. Der Prolog wartet mit großem Pathos auf. "Krieg" schmettert es unter Anspielung auf die Ilias in den Saal, "der Schmerz, das Blut, alles bricht auf, zerreißt". Was sich zu lyrisch verdichteter Hochsprache aufschwingt wird im Folgenden jedoch schnell gebrochen und vom Allzumenschlichen eingeholt. Ein Absturz ins Banale, gar in billige Gags ist dabei nicht zu befürchten. Diese Dresdner "Odyssee" hält Niveau und hinterlässt einen runden Eindruck.

Die Logik der Schuld

von Harald Raab

Heidelberg, 15. September 2018. "Ich bin ein Medium. Ich höre und wiederhole, was ich höre." Jakob Mohr erzählt seine Geschichte mal mechanisch wie ein Roboter, mal als gequälter Mensch. Über der langen Unterhose trägt er ein kurzes Hemdchen. Eines der Sorte, die man im Krankenhaus verpasst bekommt, lächerlich, entwürdigend, entpersonalisierend. Vor die Brust hat er sich ein rundes Serviertablett geschnallt – sein Strahlenschutz.

Tendenz zur Entgeilisierung

von Maximilian Pahl

Basel, 14. September 2018. Einige wenige gezielte Heilsversprechen braucht Tartuffe, wenn er im dritten Akt von Molières Komödie auftaucht, um Orgons Familie gefügig zu machen. Das Charisma und die Verheißung tun ihr Übriges beim Dreh an den feinen Rädern der groben Figuren im von vornherein aufgewühlten Milieu. In der Tartuffe-Überschreibung von PeterLicht trifft "Tüffi" eine noch viel gefälligere Opfergruppe, nämlich sieben verwirrte Barockpuppen mit Diskursköpfchen, die viel reden, sehr viel meinen und ihre Welt anhand des Begriffpaares "geil" und "ungeil" einteilen.

Verblassende Kaskaden

von Christian Rakow

Berlin, 14. September 2018. Dass die beiden zusammenfinden würden, war auch nicht zu erwarten: Thomas Bernhard und Thom Luz. Bernhard, der Autor mit der Füllfederramme, der zu Lebzeiten praktisch alles in Grund und Boden schrieb: Österreich natürlich, dieses Land voller "gemeiner Nazis und stupider Katholiken", oder die "Alten Meister" wie den "schrecklichen Ur- und Vor-Nazi" Dürer, oder Heidegger, diesen "lächerlichen nationalsozialistischen Pumphosenspießer" und "Voralpenschwachdenker", oder den "miserablen" Komponisten Bruckner mit seinem "chaotisch-wilden, auch noch im hohen Alter religiös-pubertären Notenrausch".

Utopie in Katerstimmung

von Andreas Schnell

Bremen, 14. September 2018. Klar, Witze mit Namen gehen natürlich gar nicht, erst recht nicht in Überschriften – aber diese trifft dann doch mehr als nur ein bisschen auf "Love You, Dragonfly" zu. Auf dieses Gefühl einer Verlorenheit am Ende eines Jahrhunderts, das einst mit dem Versprechen auf eine neue Zeit begann. Das dann immer wieder exzessiv eskalierte, um heute eher unappetitlich auf beinahe überwunden geglaubte Ideen zurückzukommen. Die gesellschaftlichen Utopien des 20. Jahrhunderts sowie verschiedene sich kritisch darauf beziehende Sinnstiftungskonstruktionen sind wesentlicher Teil des Stoffs, mit dem sich Armin Petras am Theater Bremen nun als neuer Hausregisseur einführt.

Raus hier, Sie transpirieren Bürgerlichkeit

Von Gerhard Preußer

Düsseldorf, 14. September 2018. Plastikbahnen knattern im Wind. Vorne gähnt eine riesige Baugrube, darüber ragen die Baukräne in den Himmel. Seit Jahren wird das Düsseldorfer Schauspielhaus, der Prachtbau aus den frühen 60er Jahren, renoviert und ist noch lange nicht fertig. Aber immer wieder erobert Intendant Wilfried Schulz das Haus für einzelne Inszenierungen während der Bauzeit zurück. Wie jetzt zur Spielzeiteröffnung mit Vicki Baums "Menschen im Hotel". Hinein kommt man ins Theater nur durch den schmuddeligen Hintereingang. Aber drinnen ist alles in Ordnung. Man trifft sich wieder in Düsseldorfs guter Stube.

Wider Trump und Stanislawski

Von Sascha Westphal

Gladbeck, 14. September 2018. "In einem amerikanischen Leben gibt es keinen zweiten Akt", heißt es in F. Scott Fitzgeralds letztem, unvollendet gebliebenem Roman "Die Liebe des letzten Tycoons". Der Roman könnte Pate gestanden haben für die neueste Bühnenarbeit des Nature Theater of Oklahoma, "No President". Und der zitierte Satz – einer der berühmtesten des großen Chronisten des Jazz Age – schwingt mit, wenn Robert M. Johansons Erzähler in der Maschinenhalle Zweckel mit deutlichem Nachdruck den "zweiten Akt" ausruft. Fitzgeralds Diktum hat heute, beinahe 80 Jahre später, allem Anschein nach seine Gültigkeit verloren. Den Eindruck legt nicht nur "No President" nahe. Oder anders gefragt: In welchem Akt seines Lebens befindet sich eigentlich Donald Trump? Seit er sich als Reality-TV-Host neu erfunden hat, auf jeden Fall im zweiten.

Türklinken in Kopfhöhe

von Shirin Sojitrawalla

Darmstadt, 14. September 2018. Wenn das Theater Filmstoffe adaptiert, muss es sich was einfallen lassen, sonst gewinnt das Kino. Das gilt umso mehr, wenn der Film von Michael Haneke stammt. Hat das überhaupt schon mal wer gewagt? Ein Haneke-Drehbuch für die Bühne zu adaptieren? Wie dem auch sei, der Schweizer Regisseur Christoph Frick traut sich was.

Brokat-Vorhänge und Feinripp-Unterhosen

Von Claude Bühler

Basel, 13. September 2018. Siehe, der nackte Mensch. Steffen Höld tritt in Unterhose und mit Bauchkissen an den Bühnenrand, als ein Mensch, "keinen Namen hat er noch". Er wolle nun erzählen "das, was nicht gewesen ist", erinnern, "was nicht ist". Hinter ihm der bis auf die Mauern leere, halbdunkle Bühnenraum, in den schwere Brokatvorhänge halb herunterhängen, in dessen Seiten Rauchmaschinen bereitstehen. Schon oft wurde das Theater als Illusionsmaschine offengelegt. Hier ist es Programm.

Unendlich reflektierte Spiegelwelt

Von Kaa Linder

Zürich, 13. September 2018. Radikal streng ist diese Lesart von "Hamlet", die den Totenkopf zum Programm erklärt: In ihrer letzten Amtszeit bringt Intendantin Barbara Frey ihre sechste Shakespeare-Inszenierung auf die Zürcher Pfauenbühne. Das auftretende Personal am dänischen Hof ist von Anfang an mausetot. In uniform blickdichtem, schwarzem Samt, die Gesichter kreidebleich, geistert es zugeknöpft auf der ebenso schwarzen wie blickdichten, da spärlich erleuchteten, Bühne umher.

Botschaft ohne Knalleffekt

von Mirja Gabathuler

Zürich, 13. September 2018. Etwas nervös darf man sein. Denn die US-amerikanische Performerin Ann Liv Young taucht selten ohne das Präfix "Provokation" auf. In den letzten Jahren gehörte es unter anderem zu ihrem Programm, Zuschauerinnen und Zuschauer mit intimen Fragen zu löchern, sie zu beschimpfen, zu erschrecken, zu bekleckern, oder ihnen, wortwörtlich, Scheiße anzudrehen. Ihren Performances eilt entsprechend der Ruf voraus, Grenzen zu überschreiten, Geschmack und Gewohnheiten zu strapazieren. Mit "Antigone" hat sich Ann Liv Young erneut eine Frauenfigur aus dem kollektiven Mythen- und Märchen-Repertoire vorgeknöpft. Die Reihen füllen sich – die hinteren zuerst.

Von deutschen Bänken

von Frauke Adrians

Berlin, 13. September 2018. Sehr sinnfällig, dass dieses Stück laut Programmheft "im Rahmen der Exzellenz-Reihe gefördert durch die Deutsche Bank Stiftung" entstanden ist. Es geht nämlich um deutsche Bänke. Verschiedene davon hat Eva Veronica Born auf einer Drehscheibe in ihr Bühnenbild montiert: solche aus Holz und welche aus Kunststoff, solche, auf denen man liegen kann, und auch diese fiesen Hartschalensitzreihen, die eben gerade verhindern sollen, dass hier jemand Platte macht.