Europa am Abgrund

von Max Florian Kühlem

Köln, 17. Januar 2020. Der neue Castorf ist draußen, die Fans können wieder Bingewatchen. Diesmal am Schauspiel Köln, gute fünf Stunden am Stück, mit Spitzkohl-Eintopf-Pause sogar fast sechs, dauert der nach Carl Sternheims Dramenzyklus "Aus dem bürgerlichen Heldenleben" benannte Theaterabend. Normalerweise werden in ein Paket mit diesem Stempel die Stücke "Die Hose", "Der Snob" und "1913" geschnürt. Frank Castorf packt noch enger: "Das Fossil" und Sternheims einziger Roman "Europa" kommen mit dazu.

"Ich will nicht leben ... müssen!"

von Janis El-Bira

Berlin, 17. Januar 2020. Wie hinlänglich bekannt, kommt Kunst gewiss nicht von Können, allenfalls hier und da von Müssen, aber doch ganz sicher von einer soliden Beratungsresistenz. Und weil das so ist, baut auch der Theaterformalist Ulrich Rasche inzwischen seit Jahren unverdrossen weiter an jenen riesenhaften Klang- und Bewegungsinstallationen, die ihm – nebst drei Theatertreffen-Einladungen – eine Reihe wiederkehrender Zwischenrufe eingebracht haben.

Nimm das, White Supremacy!

von Andrea Heinz

Wien, 17. Januar 2020. Wenn jemand die "Hamletmaschine" auf die Bühne bringt, dann weiß man schon: Jetzt wird es politisch. Und wenn bei "Regisseur" Oliver Frljić steht, dann weiß man außerdem: Jetzt wird es wieder provokant. Der aus Bosnien stammende Frljić gilt ja immer noch als extrem arger Radikal-Regisseur, aber spätestens nach diesem Abend, der auch sein erster am Wiener Burgtheater ist, muss man sagen: Geht so. Radikal ist da eher noch, wie so ein Premieren-gestähltes Publikum wie das Wiener das an sich abperlen lässt, freundlich klatscht und nach Hause geht. Dabei war doch alles da: Trockensex in sämtlichen Varianten und Formen, etwas, das sich als Vergewaltigung deuten lässt, wüste Publikums- und Österreich-Beschimpfung, Schändung von Flaggen und, eh klar, viel Kunstblut.

Kreuzbrave Kreuzottern

von Christian Muggenthaler

Bamberg, 17. Januar 2020. Ein Stück wie ein bösartiger kleiner Drillbohrer: Das macht kleine Löcher in die Selbstgewissheit und das Selbstverständnis des Landes, die da lauten, es sei die "Mitte" – der Mittelstand, die Mittelschicht, das Mittelfeld, wie auch immer das eigentlich gemeint ist –, die für Deutschland, seine Demokratie und seine Sozialsysteme besonders wichtig und stabilisierend seien.

Ganz oben

von Frank Schlößer

Schwerin, 17. Januar 2020. Die Klammer des Abends bildet die Videoeinspielung des Interviews, das Günter Gaus mit Gustaf Gründgens in der legendären Reihe "Zur Person" führte. Im Juni 1963 wurde es ausgestrahlt, im Oktober starb Gründgens. Gaus fragt ihn, wann er denn gemerkt hätte, dass er "ganz oben" sei. Und Gründgens spricht nach einer kunstvollen Pause über die "Zeit meiner größten Erfolge" 1933 bis 1945, "eine Zeit, die für mich trotz allem, was ich täglich an Praktischem zu tun hatte, so wenig Realität besaß...".

Der Osten leuchtet, der Westen glänzt

von Leopold Lippert

Potsdam, 17. Januar 2020. Es ist eine komplizierte mediale Konstruktion, die das Potsdamer Hans-Otto-Theater da in den vergnüglichen Freitagabend hievt: "Wir sind auch nur ein Volk", nach Drehbüchern von Jurek Becker, ist ein Theaterstück nach einer Mini-Fernsehserie, die wiederum die Vorbereitung einer Fernsehserie erzählt, die aber nie produziert wird. Neun Folgen wurden zum Jahreswechsel 1994/95 im Ersten ausgestrahlt, und die 30-Jahr-Feiern des vergangenen Herbsts sind Anlass genug, den Stoff wieder aufzugreifen: Worum es geht, ist schließlich die Ost-West-Annäherung und der neue Alltag im wiedervereinigten Deutschland.

Come in and find out

von Christian Rakow

Berlin, 16. Januar 2020. Als Frank eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in unruhigen Träumen gefangen: Frau und Kind dürstet es, das Radio vermeldet Wasserknappheit. Frank sucht Hilfe bei den Nachbarn, aber draußen ist Wüste. Gleißend hell. Die Sonne spricht zu Frank, verkündet Ominöses. Die Nachbarn haben kein Wasser übrig. Franks Frau und Kind, mit den taubenetzten Namen April 1 und 2, verdursten sang- und klanglos.

Sieg des Systems

von Michael Wolf

Berlin, 16. Januar 2020. Andrea Breth will die Bühne gar nicht mehr verlassen. Während die meisten Regisseure sich – sei es aus Schüchternheit, sei es aus Koketterie – nur einmal kurz mit ihren Ensembles verbeugen, bleibt sie inmitten ihrer Spieler stehen, schubst sie einzeln an die Rampe, applaudiert selbst dem Publikum eifrig. Da scheint sich jemand ehrlich zu freuen, wieder zurück zu sein. Breth war in den Neunzigerjahren künstlerische Leiterin der Schaubühne, wechselte dann nach Wien, wo sie die letzten zwanzig Jahre regelmäßig am Burgtheater arbeitete. Damit ist nun, da Martin Kušej die Burg leitet, Schluss. Nach Berlin mitgebracht hat Breth einen Nestroy für ihr Lebenswerk und Yasmina Rezas Stück "Drei Mal Leben".

Echt oder gespielt?

von Gabi Hift

Wien, 16. Januar 2020. Achtung Spoiler! Falls Sie planen, sich "Die Traumdeutung von Sigmund Freud" anzusehen, lesen Sie nicht weiter! Vergleichen Sie erst im Nachhinein das, was Sie gesehen haben, mit dem unten Beschriebenen, und berichten Sie bitte hier von den Unterschieden. Nur so werden sich gewisse Rätsel aufklären lassen.

Auf Müll gebaut

von Falk Schreiber

Hamburg, 16. Januar 2020. Kunstferner kann man eine Performance kaum beginnen. Moritz Frischkorn steht in einem Seitenflur des Hamburger Theaterkomplexes Kampnagel und erklärt dem Publikum das Konzept hinter "The Great Report": die Idee, dass Logistik eine Form von Choreografie sei. Er berichtet von drei Recherchereisen in den Libanon, nach Kreta und Nigeria. Und er erzählt, dass er bei jeder dieser Reisen eine*n Co-Künstler*in mitgenommen habe, die das Thema der Reise dann individuell bearbeitet hätte: In Beirut produzierte Nour Sokhon eine Soundinstallation, auf Kreta drehte Paula Hildebrandt einen Film, im Nigerdelta gestaltete Robin Hirsch eine Fotodokumentation. Präsentiert würden die Reiseergebnisse als Ausstellung, in der man sich frei bewegen könne; auf dass man ein Verständnis der Welt bekomme, einer Welt, in der Finanzen, Daten, Waren, Rohstoffe und nicht zuletzt Müll auf kaum durchschaubaren Routen hin- und hergeschoben werden.

Kampf auf verlorenem Posten

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 16. Januar 2020. "Bürger in das Schauspielhaus – schmeißt die fetten Bonzen raus", riefen wutentbrannte Demonstranten am 16. Januar 1970, während sich im Foyer des Düsseldorfer Schauspielhauses das Premierenpublikum tummelte. "Das Schauspielhaus gleicht einer Festung, hermetisch abgeriegelt durch Barrieren und fast 600 Polizisten", notierte die Düsseldorfer Stadtpost bei der Eröffnung des "riesigen eckenlosen Monumentalkunstwerks". Ganz ohne begleitende Demos erstrahlt es nun 50 Jahre später in neuem Glanz, auch wenn die Fassade zum Teil eingerüstet bleibt.

Durch und durch Schauspieler

von Mirja Gabathuler

Basel, 16. Januar 2020. "Julien - Rot und Schwarz"? Was die Optik des Abends betrifft, herrschen eher pudriges Rosa, Pomp und Seidenglanz vor. Auf einer drehenden Bühne sind mehrere Gemächer mit verschnörkelter Tapete angeordnet – wie Guckkästen wirken sie. Dazwischen enge Gänge und viele Türen, von denen kaum eine nach Draußen führt. Als wären die Figuren verhaftet in diesem um sich selbst kreisenden Puppenhaus.

John Wayne & the Fab Five

von Elena Philipp

Berlin, 15. Januar 2020. Bleibt der bosshafte Erfolg aus? Dann ist man wohl "schlicht und einfach ein Lauch". Oder: "die niederste Form eines Mannes". Mit solchen Slogans, schlicht wie ein Faustschlag, tourt Felix Blume aka Kollegah einnahmenstark durch die Lande. Rezitiert Jonas Dassler aus des Rappers Ratgeber "Das ist Alpha. Die 10 Boss-Gebote", klingt der Gorki-Spieler so abgefuckt wie das Original: "Sex zu haben wird für dich, dank deiner Bosshaftigkeit, so alltäglich und selbstverständlich wie pissen gehen." Nicht wahr. "Das klingt jetzt erstmal alles sehr komplex und theoretisch ist aber eigentlich ganz simpel!" In der Tat. Hoch brandet das Gelächter im Gorki Theater, wenn das Gift toxischer Männlichkeit derart schäumt. Dagegen soll "In My Room" als Antidot wirken.

Warst kein Guter

von Leopold Lipppert

Wien, 15. Januar 2020. "Es gibt die Geschichte des Tages und die der Nacht. Die eine steht in den Büchern. Die andere erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand." Über einem Leichenhaufen beginnt Ferdinand Krutzler (Thomas Frank) eine Geschichte zu erzählen, die über drei Theaterstunden lang zu der seines Lebens werden wird. Die eines Erdberger Strizzis, eines Ganoven, der die Wiener Unterwelt über Jahrzehnte prägen soll. Eine Gegenerzählung also, von ganz unten, und wenn man bedenkt, dass die Verbrechen dieses Verbrecherlebens vor dem Hintergrund der Zwischenkriegs-, NS- und Besatzungszeit passieren, könnte das interessant werden. Einen neuen Blickwinkel auf schmerz- und schuldbehaftete Zeitgeschichte ermöglichen. Doch leider kommt es anders.

Austreibung des Raubtierrauschs

von Andreas Klaeui

Zürich, 12. Januar 2020. Streiks sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Wie es sich gerade in Frankreich zeigt: Da steht wochenlang fast alles still, und was schaut am Ende heraus? Drei Monate Bedenkzeit. Aus der Blütezeit des Klassenkampfs (1957) stammt Ayn Rands Roman "Atlas Shrugged" ("Atlas wirft die Welt ab"). Die US-amerikanische Autorin entwirft darin die Fantasie eines Streiks nicht der Arbeitnehmer, sondern der Arbeitgeber, um aufzuzeigen, dass von nichts nichts kommt.

Theaterfotos in Bewegung

von Matthias Schmidt

Dresden, 11. Januar 2020. Am Anfang ist der Lärm. Anschwellender Kriegslärm. Dann Stille. Dunkelheit. Schemenhaft zu erkennen, fünf nackte, im Wasser hockende Menschen, die versuchen, sich eine Zigarette anzuzünden. Sie beginnen, Sätze aus dem Roman vorzutragen. Der brutal wie kaum ein anderer den Ersten Weltkrieg sezierende Text, die fünf im kurzen Flackern der Feuerzeuge erkennbaren Gestalten, 19jährige Jungs (in Dresden allerdings, warum auch immer, drei Männer und zwei Frauen), eben noch Schüler, jetzt nacktes Menschenfleisch, das seine Haut in einem Schützengraben zu Markte trägt. Verstörende Töne erklingen – düstere Bässe, sphärische Sounds, das Programmheft beschreibt sie als binaural (darf gegoogelt werden). Das Setting ist gespenstisch. Es ist vielversprechend. So beginnen Theaterabende, die man nicht vergisst.

Spiel mir das Lied vom Öl-Tod

von Martin Thomas Pesl

Wien, 11. Januar 2020. Nobody ist ein Cowboy, und zwar ein nihilistischer. "All things are made of something, the no-thing", sagt er in Gestalt des Schauspielers Jesse Inman, und später singt es der Musiker Andreas Spechtl  ("Ja, Panik") auch melancholisch vom Band. Irgendwie haben die Figuren am Ende des neuen Stücks von Thomas Köck keine Lust mehr. Gerade noch gaben sie die Devise "nie vergessen" aus, dann folgt die Erinnerung "wir sterben alle", nämlich in dem Fall wirklich alle, wegen des klimabedingten Niedergangs, an dem – soweit man den einige Szenen zuvor von Til Schindler hinauskatapultierten Dystopien der "Carbon Democracy" folgen kann – Kapitalismus, Kohlenutzung und die Suche nach Öl schuld sind.

Sind wir nicht alle ein bisschen Bovary?

von Willibald Spatz

Augsburg, 11. Januar 2020. Das Stück "Bovary, ein Fall von Schwärmerei" ist keine Romanadaption. Die Autorin Ivana Sajko bezeichnet es selbst als Cover-Version. Sie spinnt die Motive aus dem Flaubert'schen Roman weiter bis in die Gegenwart oder bis zur zeitlosen Allgemeingültigkeit. Gleich am Anfang heißt es: "Wir sind in der Provinz. Im Wohnzimmer des Arztes für Allgemeinmedizin, das sie geschmackvoll eingerichtet hat. Doch schon im nächsten Augenblick könnten wir irgendwo anders sein. In Paris, im Jahr 1857. In Berlin, im Jahr 2026. Es ist wichtig, dass es nicht gerade jetzt ist und nicht hier, denn die Welt ist ein hässlicher, grausamer und langweiliger Ort."

In des klaren Sinns Umnachtung

von Martin Krumbholz

Oberhausen, 11. Januar 2020. Nein! Bitte nicht! Aber ja. "Alles ist wahr", steht auf der Rückseite des Oberhausener Spielzeitmagazins. Auch dieser Theaterabend "nach Henrik Ibsen" ist leider wahr. Und die Leute im nicht ganz gefüllten Oberhausener Parkett lassen ihn sich nicht nur gefallen, sie feiern ihn sogar. Nehmen es hin, dass sie einer mediokren Ibsen-Verramschung mit Musik beiwohnen, die einen Stoff plündert, ohne ihm auch nur einen Funken Witz und Verstand abzugewinnen, geschweige einen Hauch an Zeitgenossenschaft, soviel in den aufgepeppten Texten auch von Amazon, Facebook und Google die Rede sein mag.

Nur der Handschuh fühlt die Welt

von Jan-Paul Koopmann

Oldenburg, 10. Januar 2020. Widerspruchsfrei ist das nicht und die Übergänge mögen fließend sein, aber es lässt sich doch ziemlich genau sagen, wo die allgemeine Anspannung in offenen Wahnsinn umschlägt: Astronautin Alex steht draußen auf Socken vor dem Habitat und harkt den Mars, im Hintergrund jagt Ulf eine imaginäre Ziege, während Kollege Christian mechanisch immer wieder nach dem Hörer des Notfalltelefons schnappt, mit dem sich dieser Spuk hier beenden ließe – wenn denn mal jemand ranginge.