Bruce Springsteen lässt grüßen

von Max Florian Kühlem

Oberhausen / online, 15. Mai 2021. Dass der amerikanische Traum schal geworden ist, haben Theaterautoren wie Eugene O’Neill schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts verstanden. Warum also heute wieder ein Stück darüber machen wie Wolfram Höll mit "Nebraska" für das Theater Oberhausen? Vielleicht weil sich die Erzählung, der westliche Kapitalismus zeichne sich dadurch aus, dass in ihm ein Tellerwäscher zum Millionär werden kann, äußerst hartnäckig hält. Sarah Wagenknecht zieht sie zum Beispiel in ihrem aktuell heiß diskutierten Buch "Die Selbstgerechten" heran, um zu erklären: "Wer daran glaubt, kann sich eigentlich nicht beschweren, wenn er sein Leben lang mit schlechten Löhnen abserviert wird, denn es muss dann ja an ihm selbst lieben, dass es mit dem großen Geld nicht geklappt hat."

Blendung und Erhellung

von Anna Landefeld

München, 15. Mai 2021. Es werde Licht! Und es ward Licht. – Da steht er oben, der, den alle nur den Lord nennen, auf der Empore mit noch höher emporgereckten Armen. Da sitzt man unten im pandemisch-ausgedünnten Zuschauerraum, blickt hinauf zu ihm. Man bestaunt: seinen schwer-goldbrokatenen, bodenlangen Mantel, seine Haut, die ein ganzkörperiger Anzug überzieht, piktogrammige Ornamentalik ziert ihn, seine Stimme, mehrfach verzerrt und flirrend wie die Videoprojektion, die sich über ihn und das Mauerwerk des Münchner Marstalls, der nun zum Tempel geworden ist, legt. Und dann predigt er uns auch noch einen Hymnus auf die Schönheit des Lichts und der kapitalistischen Ausbeutung. Wahrlich, was für ein erhellender Beginn.

Los komm, wir sterben endlich aus

von Verena Großkreutz

Chemnitz, 15. Mai 2021. Draußen wütet ein unheimlicher Nebel, der alles Leben tötet. Drinnen im Supersupermarkt treffen drei letzte Menschen und bizarre Geistergestalten aufeinander. Hinein in den rettenden Laden kommen allerdings nur die Kaufwilligen und Liquiden. Dietmar, der Anwalt, hat's geschafft. Ein gefundenes Fressen für die Supersupermarkt-Filialleiterin Simone, die Dietmar gleich in ihre geistverwirrende NOA-Verkaufstechnik verwickelt: "Willst du NUR dieses Düngemittel, damit deine Pflanze ein langes Leben haben wird, ODER willst du AUCH dieses Anti-Borkenkäfer-Spray?" Der fiese Nebel ist für sie weniger bedrohlich als vielmehr nervend: Denn er entzieht sich jedem wirtschaftlichen Nutzen – im Gegensatz zu anderen Katastrophen, an denen sich gut verdienen lasse.

Geschichte ohne Vergangenheit

von Andrea Heinz

Wien, 14. Mai 2021. Es gab mal eine Zeit, da brach Panik aus, wenn in Wien der Kartenverkauf für die Festwochen startete. Ist schon eine Weile her. Man erinnert sich, vor ein paar Jahren wurde einiges an Porzellan zerschlagen, das Verhältnis zwischen Festivalleitung, Publikum und Politik, naja, etwas eingetrübt. Tomas Zierhofer-Kin, der sich nach seinem Abgang darüber freute, dass "dieses unqualifizierte Kritiker-(bewusst ungegendert-)Blabla mir jetzt nun auch offiziell sowas von am Oasch vorbeigehen kann", schaffte es in seiner Intendanz endgültig, dem Publikum die Lust auf die Festwochen zu vergällen. Wobei die Erlöse bereits unter seinem Vorgänger Markus Hinterhäuser massiv einbrachen.

Verwoben ins laute Weltgewühle

von Esther Boldt

Berlin / online, 14. Mai 2021. Ganz kurz scheint alles gut zu werden. Da sind die Tänzer:innen in Outfits mit Leopardenprints geschlüpft, haben sich auf der waldgrünen Bühne in Vogelartige, in Krabbeltiere, Tippelwesen und Gehörnte verwandelt. Da ist der Mensch wieder ganz zum Tier geworden, sich einfügend in den Lauf der Natur, oder gar: sich hingebend. Doch dann kommt ein Tänzer in gelber Hose daher und knallt gemächlich alle ab, "Bäng!" sagt er, deutet mit dem Zeigefinger, und die Wesenartigen sinken nieder. Eines ums andere.

Bagatellisierte Gesinnungspandemie

von Michael Bartsch

Frankfurt am Main / online, 14. Mai 2021. "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!" Brechts viel zitierten Satz aus dem Epilog des "Arturo Ui" möchte man aktuell nur dahingehend modifizieren, das "noch" durch ein "wieder" zu ersetzen. Für die meisten Mitbürger mag der politische Klimawandel nur ein gefühlter sein. Hundert Minuten Film "NSU 2.0" des Schauspiels Frankfurt aber rufen eindringlich ins Bewusstsein, wie weit nationalistische Komplexe, rassistische oder frauenfeindliche Gesinnungen inzwischen wieder verbreitet sind. Es geht um die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds, mehr noch um jene darauffolgenden Verbrechen, "die ohne Kumpanei so nicht möglich gewesen wären". "Es ist so leicht, in normalen Kreisen auf Gleichgesinnte zu treffen", sagt Stephan Ernst, der Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Es reicht schon lange

von Matthias Schmidt

Leipzig / online, 14. Mai 2021. Isabell kehrt aus der Stadt in ihr Heimatdorf zurück, nur zu Besuch, natürlich, und Sebastian, der das Dorf nie verlassen hat und sie seit der Schulzeit ohne Aussicht auf Erfolg verehrt, schwärmt ihr vor, er könne aus den alten Eisenbahnschwellen der stillgelegten Bahnstrecke Möbel bauen und zu überhöhten Preisen an die Städter verkaufen. "Auf sowas steht ihr doch! Stell' dich in Leipzig auf den Markt und die Leute reißen dir das Zeug aus der Hand. Aus dem wurmstichigsten Holz, das du hier nur noch zum Verfeuern verwenden würdest, machen die sich dort Regale und Schränke. Aber wir sind die Hinterwäldler!"

Ode an einen Oktopus

von Elena Philipp

Berlin, 13. Mai 2021. Anders als wir, so anders wie ein Alien. Mit einem zentralen und acht dezentralen Gehirnen, eins in jedem Tentakel, deren Saugnäpfe als hochkomplexe Sinnesorgane funktionieren. Intelligent wie kaum ein Wesen, das mensch bislang erforscht hat, sind Oktopoden wundersame Wesen. Ihr Evolutionspfad hat sich vor 500 bis 600 Millionen Jahren von dem der Säugetiere getrennt. Naturforscher*ins Traum: Könnte man nur mit diesen Tieren kommunizieren!

Nest in Schieflage

von Christian Muggenthaler

München, 13. Mai 2021. Das Theater bringt die Wahrheit ans Licht. So ist das zumindest in William Shakespeares Tragödie "Hamlet": Der Brudermörder verfängt sich in der Parallelität des Bühnengeschehens. Und wie steht es um die Wahrheitsfindung in Robert Borgmanns Inszenierung des Klassikers am Münchner Residenztheater? Ganz gut soweit: Da zeigt sich eine ganz eigene Wahrheit. Dass nämlich dort, wo sich Lug und Trug und Unrecht einnisten, das Nest im Nu auseinander fällt, alle Wahrheit aus dem Lot gerät und die allgemeine Lage die Schieflage des Wahnbilds bekommt – inklusive Geistererscheinung. So wie die Titelfigur sich in den Wahnsinn zu flüchten scheint, sein aus dem Gleichgewicht gebrachtes Ich darin verbirgt und beschützt, so verlagert diese neue Münchner Inszenierung – eigentlich völlig logisch – all den Stoff in Bereiche jenseits der Logik.

Kein Gott ohne Prediger

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien / online, 12. Mai 2021. Pippi Langstrumpf macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt. Und zwar in Dauerschleife. Bis das Knattern von Flugzeugmotoren unterbricht. "Der liebe Beuys, der muss noch einiges lernen." Und widdewidde wer will es ihn lehren? Jonathan Meese! Der zum 100. Geburtstag vom 1986 verstorbenen Kunst-Papa Joseph Beuys gemeinsam mit seiner Mutter-Mami Brigitte Meese im Wiener Volkstheater eine Online-Party schmeißt – "1000 Jahre Boys" – die den "verfilzten Beuys" befreien sollte. Also den jungen vom alten befreien, den Künstler vom Politiker, vom Parteigründer, vom Guru, von der Religion und von jedem aktivistischen "Aufruf zur Alternative".

Ein Schmusi für die Freiheit

von Martin Thomas Pesl

Bregenz, 12. Mai 2021. Corona hat den Bühnenkuss rehabilitiert. Hätte der Kritiker zuvor schnöden Realismus bemäkelt, ertappt er sich nun dabei, wie er Vivienne Causemann und Luzian Hirzel verzückt beim Knutschen zusieht. Sie haben es auch spannend gemacht: Hirzel als Chris hat Causemann als Ann seine Liebe gestanden, sie ist nach einer kurzen Bedenkpause, nebenbei viel Kunstasche vom Boden aufwischend, unter dem Tisch durchgekrochen, hat ihm in die Augen geschaut und lange gewartet. Aber dann! Das Naheliegende wird hier paradoxerweise zum Symbol der Bregenzer Theaterfreiheit.

Heldenhafte Apokalypse

von Valeria Heintges

Luzern, 9. Mai, 2021. Das Tell-Denkmal in Altdorf stellt die Sache eindeutig dar: Der starke Vater blickt sinnend in die Ferne. Und sein kleiner Sohn Walter schaut ihn bewundernd von unten her an. Ganz klar: Der Vater beschützt den Sohn. Und der dankt es ihm. So eindeutig ist die Sache am Luzerner Theater nicht. Der Tell, den Fritz Fenne auf der Bühne zeigt, ist verzweifelt, hat Angst. Denn die Väter hier haben ihren Söhnen (und Töchtern) ein Desaster hinterlassen.

"Als Männer noch Männer waren..."

von Steffen Becker

Karlsruhe / online, 09. Mai 2021. Ob Sibylle Berg das als Kompliment sieht? Im Nachgespräch zur digitalen Aufführung ihres Werks "In den Gärten oder Lysistrata 2" berichtet Schauspieler Jannek Petri, dass seine Beschäftigung mit ihrem Text über Geschlechterrollen ihn nun permanent seine Beziehung hinterfragen lasse. Es riecht nach "das nimmt kein gutes Ende". Schauspielerin Lucie Emons lobt in der gleichen Runde den bösen Witz des Werks und wie sie gleichzeitig die Leere und Einsamkeit angefallen habe, die dieser Witz offenlege. Spoiler: Sie hat Recht.

Der Teufel möglicherweise

von Sascha Westphal

Bochum / online, 8. Mai 2021. Es beginnt mit einer Außenansicht des Bochumer Schauspielhauses in all seiner architektonischen Majestät. Dann schwebt die Kamera durch das leere Foyer und fängt die bildungsbürgerliche Atmosphäre ein, die dieses Theatergebäude verströmt mit seinen geschwungenen Wänden, den schmalen Säulen, dem riesigen Kronleuchter im oberen Foyer, in dem nun ein Wellblechbau steht, die sogenannte "WeltHütte", die einst Anna Viebrock für eine Triennale-Inszenierung entworfen hat.

Auf dem Schaukelpferd in den Wortsturm

von Stefan Forth

Hamburg, 7. Mai 2021. Politik ist ein Kinderspiel. Volkes Stimmen ahnen das schon seit Beginn der Bundesrepublik. Deshalb ist es nur konsequent, dass die Regisseurin Charlotte Sprenger für das Hamburger Thalia Theater das großartige Bühnengedicht "Die Politiker" von Wolfram Lotz jetzt in ein überdimensioniertes Kinderzimmer verpflanzt hat. Für die wirkungsvolle post-pubertäre Selbstinszenierung der deutschen Demokratie dürfen dabei natürlich Kameras so oder so nicht fehlen – weshalb die Premiere als Livestream vielleicht etwas weniger schmerzt als bei anderen Produktionen.

Wiederkäuer im Eventzelt

von Claude Bühler

Basel, 6. Mai 2021. Tschechow auf Schweizerdeutsch! Zweifelsohne die Überraschung des Abends, das Theater hatte es bis zuletzt geheim gehalten, dem Premierenpublikum bleibt der exklusive Effekt vorbehalten, Tschechows Landgut-Klassiker ohne Vorgedanken plötzlich in die Deutschschweizer "Agglo" versetzt zu erleben. Man ist frappiert, wie gut das (meistenteils) klappt, ja errötet beinahe, wie treffend dem Basler Autoren Lucien Haug, verantwortlich für die Textfassung dieser Tschechow-Aktualisierung, und Regisseur Antú Romero Nunes ein Jetzt-Bild der Schweiz geglückt ist. Direkt: So genussvoll selbstmitleidig und sentimental kann man auch hierzulande sein. 

Eine Bühne den Liebenden

Von Falk Schreiber

Wien / online, 4. Mai 2021. Richard II. gilt als der schlechteste unter den vielen schlechten Königen Shakespeares. Sein Handeln ist erratisch, seine Herrschaft verschwenderisch, die Staatsfinanzen stehen vor dem Bankrott, und als echte Probleme auftreten, so etwas wie politischer Wettbewerb etwa, gibt er sofort klein bei und macht den Thron frei für einen Populisten, Heinrich IV., der den Weg zum Blutvergießen der "Rosenkriege" ebnen wird. Gleichzeitig ist Richard bei Shakespeare aber auch: ein tragischer Träumer, der überfordert ist von den Zwängen des Regierens. Ein Träumer, so inszeniert Johan Simons ihn im Wiener Burgtheater.

Karneval mit Schmiere

von Andreas Klaeui

Basel, 4. Mai 2021. Am Ende schnallt sich Philoktet den nekrotischen Fuß wie einen Phallus vor den Damenslip und holt sich einen runter. Die schmerzende, schwärende Wunde, die bei Heiner Müller noch auf einen klaffenden Riss im System verwies, weist dieses System nun als machistische Selbstbefriedigung aus. Oder so.

Genie auf Augenhöhe

von Christian Rakow

Recklinghausen, 4. Mai 2021. Alan Turing, Mathematiker, Logiker, Kryptonanalytiker, Erfinder des Turing-Tests zur Qualitätsprüfung von Künstlicher Intelligenz, Überwinder des Enigma-Verschlüsselungssystems der Nazis, "Vater der Informatik" und Wegbereiter des Computers. Mit einem Wort: Genie der Zahlen. Seit dem Film "Imitation Game" von 2014 stellt man ihn sich mit dem Gesicht von Benedict Cumberbatch vor.

Das Trauma der Verführung

von Andreas Wilink

Recklinghausen / online, 2. Mai 2021. Vielleicht können wir, mit unseren westlich geübten und getrübten Sinnen für den Sonnenaufgangs-Osten, diese Erzählung vom Begriff des Ausnahmezustands her betrachten. Dabei ist es gleichgültig, ob das im Meer schwimmende Japan die Auffassung teilt, dass jede Leidenschaft pathologischer Natur und also dem Menschen – ob Mängel- oder Überschusswesen – eingeschrieben sei. Das Werk von Yukio Mishima jedenfalls handelt vom Obsessiven, das größer ist als das, was Psychologie und kausale Logik davon verstehen, und öffnet sich hin zu anderen Räumen.