Die Realität reicht euch nicht!

von Philipp Bovermann

München, 27. Juni 2017. Das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) geht auf Klassenfahrt. Es hat sich dafür einen roten Bus gemietet, der nun auf dem Schulhof des Münchner Sophie-Scholl-Gymnasiums steht. Im Vorzimmer zum Büro des Rektors sitzt am Montagmorgen Philipp Ruch, "Chefunterhändler" des Berliner Aktionskunst-Kollektivs, samt seinem "Eskalationsbeauftragten". Ihnen gegenüber: Der Oberschulleiter und eine Geschichtslehrerin. Als Zeugen sind ausgewählte Medienvertreter von dem Termin informiert worden. Wer hier wem Nachhilfe gibt, ist klar. Ruch spricht, die Beamten schreiben fleißig mit.

Lasst uns albträumen!

von Dorothea Marcus

Köln, 25. Juni 2017. "Aus dieser Distanz kannst du wirklich nicht sagen, dass irgendwas falsch läuft", sagen Dorothy und Joseph aus Detroit, als sie vier Kilometer vor ihrem Kölner Hotel auf der Severinsbrücke aussteigen und sich einen Blick auf die Domsilhouette erlauben. Was für eine Fehleinschätzung – in Wirklichkeit steht Deutschland vor dem Zusammenbruch: Schweine laufen durch die Straßen, knackige Aliens werden als Appetithäppchen für Karnevalspartys in Käfigen gezüchtet, die Straßen werden durch unvermittelt ausbrechende Revolutionen verstopft – und am Ende mäht eine Terroristengang alles nieder.

Im Randständigen das Wesen

von Christian Rakow

München, 24. Juni 2017. Da ist es passiert. Als sich Jürg Kienberger, Raphael Clamer und Stefan Merki quer zur Rampe an Heimorgeln aufbauten und einander überbietend eine Wall auf Sound auftürmten und Ueli Jäggi mit einem Schluck Gary-Brooker-Originalstimme "A Whiter Shade of Pale" heraus schmeichelte, da öffneten sich die Herzen, und ich schwör's, es reckten sich Hände im Parkett unwillkürlich nach vorn, und viel fehlte nicht, dass sie sich mit Unterwäsche zum Liebeswurf gefüllt hätten.

Regen tropft auf Metall

von Christian Muggenthaler

Coburg, 24. Juni 2017. Vom Schnürboden herab tropft's. Beständig, wenn auch ohne Eile, fällt Tropfen für Tropfen in einen Metalleimer hinein. Irgendwas ist undicht im Herrschaftsbereich des Herzogs zu Friedland, besser bekannt als Wallenstein, Generalissimus des Kaisers im Dreißigjährigen Krieg. Dieses Tropfen, dieser unbestechliche Rhythmus der vergehenden Zeit, ist das einzig Stetige in dieser Geschichte um Staatsraison und Landesverrat, in der sich keiner auf keinen und niemand auf nichts verlassen kann: höchstens auf die Liebe, aber die garantiert schlussendlich auch für nichts. Am Landestheater Coburg wird jetzt die Tür aufgesperrt zu Friedrich Schillers literarischem "Wallenstein"-Gemach, und das Publikum kann eintreten in einen knallharten Polit-Thriller.

Fernrohr des Fortschrotts

von Gerhard Preußer

Essen, 24. Juni 2017. Ein riesiger schwarzer Weihrauchkessel schwingt zu Beginn der Inszenierung bedrohlich in Richtung des Publikums und stößt graue Dampfwolken aus. Oh weh, hier droht uns die katholische Kirchenmacht. Die Bühne (Ann Heine) ist eine mehrfach gekrümmte, schiefe Fläche, Rutschbahn und Bodenwelle. Ach ja, hier fällt es schwer, aufrecht und sicher zu stehen. Alles ist parat für den Schaukampf zwischen dem Forscher Galilei und dem fortschrittsfeindlichen Papsttum. Etliche Einfälle bietet Konstanze Lauterbachs Inszenierung auf, um Bertolt Brechts schon lange kanonisierten Schulschmöker "Leben des Galilei" am Essener Schauspiel unterhaltungsgerecht aufzupolieren. Keine Schonzeit für Brecht, hier werden ihm Beine gemacht.

Aprikose auf der Hose

von Gabi Hift

23. Juni 2017. Frauen: 100 %, Männer: 0% – so siehts aus bei den Siegerinnen des diesjährigen Autorenwettbewerbs am Deutschen Theater. GUT SO! Und war nicht einmal absichtliche Bevorzugung. Die Kulturjournalistin Anke Dürr, die mit dem Regisseur Jan Ole Gerster und der Schauspielerin Annette Paulmann die Jury bildete, dachte Sivan Ben Yishai wäre ein Mann. Alle drei Autorinnen haben nämlich auch noch fremdländische Namen. Sivan Ben Yishai kommt aus Israel, Afsahne Ehsander aus dem Iran und Yade Yasemin Önder immerhin aus einer türkischen Familie – migriert ist sie allerdings nur von Wiesbaden bis ans Leipziger Literaturinstitut.

Die Niederkunft der Beate Zschäpe

von Willibald Spatz

München, 22. Juni 2017. Wenn man sagt, es gehe um eine Gruppe Personen, die auf einem Raumschiff eine zweite Erde ansteuern, dann ist das schon mal falsch. Denn es geht um gar nichts, es soll um jeden Preis der Welt nichts erzählt werden. "Eine Assoziation" nennen Olga Bach, Ersan Mondtag und Florian Seufert ihre Sammlung an Texten, und das beschreibt es treffend: Von Sophokles geht es über Kafka, Schiller und Spongebob zu Dr. Oetker und Wikipedia. Nichts ergibt sich zwingend aus dem anderen, aber alles passt im Großen und Ganzen doch wieder zusammen.

Sag mir, wo Du stehst

von Michael Laages

Mannheim, 22. Juni 2017. Friedrich, der Namensgeber und Patron der "Schillertage" in Mannheim, spielt ja im Rahmen dieses biennalen Festivals ganz persönlich und in Schrift und Wort oft nur eine ganz kleine Nebenrolle, wie gedanklich präsent auch immer er sein mag – in "Second Exile" nun, der an den kroatischen Regisseur Oliver Frljić vergebenen Auftragsarbeit, taucht er als ziemlich ulkiges Zitat auf: Boris Koneczny, Mitstreiter im Mannheimer Ensemble für die Arbeit des kroatischen Gastes, erzählt vom Vorsprechen, das er (vielleicht so ähnlich) in frühester Nachwendezeit am Berliner Ensemble absolvierte.

Klippschule der Revoluzzer

von Harald Raab

Mannheim, 20. Juni 2017. "Ihr habt wirklich nichts verstanden", stöhnt gegen Schluss der Aufführung Anja Dargatz. Im richtigen Leben ist sie Landesvertreterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bolivien. Bei den Schillertagen am Mannheimer Nationaltheater tritt sie in "Demetrius (Exporting Freedom)" als mitwirkende Politikberaterin und gestrenge Seminarleiterin auf. Und sie hat wahrscheinlich recht: Denn es wird dem Publikum bei dieser mit der Mannheimer Bürgerbühne erarbeiteten Adaption des schillerschen Demetrius-Fragments nicht leicht gemacht.

Jesus in der Zwangsjacke

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 17. Juni 2017. Wenn politische Utopien ihren Reiz verlieren, suchen Menschen ihr Heil im Jenseits. So kommt es, dass Fragen der Metaphysik derzeit vermehrt in den öffentlichen Raum drängen. Und ins Theater. In Mainz spüren sie der Mystikerin Hildegard von Bingen nach, in Mannheim bietet Signa die Möglichkeit zur Gruppen-Transzendenz, in München zelebriert Susanne Kennedy den Tod als Bewusstseinserweiterung, um nur wahllos einige Beispiele zu nennen.

Stalin ruft an

von Alexander Jürgs

Mainz, 17. Juni 2017. Der Teufel heißt hier Woland und sieht aus wie ein Schluckspecht von der Trinkhalle. Wampe unterm Netzhemd, Pferdeschwanz, Sonnenbrille, Typ: kaputter Alt-Hippie. Er ist nach Moskau gekommen, um es den sowjetischen Atheisten einmal so richtig zu zeigen. Denn wer nicht an Gott glaubt, glaubt schließlich auch nicht an seinen Widerpart.

Manson Family für Anfänger

von Alexander Kohlmann

Mannheim, 16. Juni 2017. Da liegt eine junge Frau mit entblößtem Unterkörper in einer schmuddeligen, engen Kammer. Nur ein Waschlappen klemmt zwischen ihren Beinen. Um das Bett herum knien Besucher*innen. Auf ihrem Bauch sind vier gefüllte Schnapsgläser abgestellt. "Die müsst ihr jetzt trinken. Und dann Euren Mund-Inhalt in den Bauchnabel der Göttinnen-Hülle spucken", sagt ein Mann mit beschwörender Stimme. Und das Seltsame geschieht: Alle Zuschauer befolgen die Anweisung.

Wir alle werden sterben

von Tobias Prüwer

Dresden, 16. Juni 2017. Die Stimme verabschiedet sich. Im Guckkasten verlischt das Licht, jenes im Zimmer glimmt auf. Zeit zu gehen und die letzte Station in "Nachlass" zu verlassen. Als Acht-Kammer-Spiel realisiert Rimini Protokoll diesen Nachdenkraum über die letzte Reise am Staatsschauspiel Dresden. Grüppchenweise werden die Zuschauer für Minuten in verschiedene Lebenswelten geworfen und mit individuellen, in ihrer Tiefe variierenden Reflexionen über den Tod konfrontiert.

Überzeugungstäter auf dem Kirchendach

von Valeria Heintges

Zürich, 16. Juni 2017. Wenn Deutschland riesig Luther feiert, dann will auch die Schweiz nicht beiseite stehen. Und so feiert Zürich von nun an zwei Jahre lang den eigenen Reformator Huldrych Zwingli mit Roadshows, Theater, Ausstellungen, zeitgenössischen Disputationen und Konzerten. Zum Auftakt wird direkt am Wirkort des lokalen Reformators im Zürcher Grossmünster die "Akte Zwingli" geöffnet. Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist steuerte das Libretto fürs Mysterienspiel bei, eine Mischung aus Zwingli-Passagen, dessen schweizerdeutscher Bibel und eigenen, zuweilen arg pastoral daherkommenden Texten. Hans-Jürgen Hufeisens zeitgenössische Musik nutzt Kinderlieder und Kompositionen von Zwingli selbst, mal lautmalerisch illustrierend, mal schwelgerisch begleitend, solistisch, chorisch oder beides zusammen, aber nie kitschig und immer eindeutig heutig.

Ikonen unter Sturmhauben

von Friederike Felbeck

Essen, 15. Juni 2017. "Was würde dich dazu bringen, deinen Kaffee stehen zu lassen, raus auf die Straße zu gehen und den Aufstand zu proben?" Zu dieser Frage kehrt der Abend, der sich "Pussy Riots" nennt und das Werden und Wirken der gleichnamigen russischen Art-Aktivistinnen rekonstruiert, immer wieder zurück.

Einmal Flüchtlingskrise mit allem

von Jan Fischer

Hannover, 14. Juni 2017. Womit beginnen? Mit den nüchternen Zahlen? Mit dem Meta-Diskurstheater? Mit dem bedrückenden Endbild? Mit dem Pinguin auf Rollschuhen? "Mare Nostrum", die mexikanisch-kolumbianische Koproduktion auf dem Festival Theaterformen, macht es einem nicht leicht.

Ein Platz für Bürger

von Lukas Pohlmann

Dresden, 11. Juni 2017. Eigentlich beginnt "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" bereits bevor sie beginnt: Die Bürger sind schon da, die Bühne auch – ganz gleich, wann sich die Zuschauer zur Premiere Stücks von Peter Handke in Dresden einfinden. Vielleicht war noch nie eine Produktion der Bürgerbühne des Dresdner Staatsschauspiels besser vorbereitet.

Widerspenstig, instabil

von Jan Fischer

Hannover, 10. Juni 2017. Das erste Hindernis liegt gleich im Eingang: Wer die Inszenierung "Portrait of myself as my father" aus Zimbabwe bei den Theaterformen in Hannover besuchen möchte, muss über einen der Performer hinwegsteigen, der breitbeinig im Eingang liegt. Laute Musik knallt durch den Saal. In der Mitte des Raumes ist mit weißen Spanngurten ein Boxring markiert, in dessen äußerer Ecke ein weiterer Performer lümmelt, nackt bis auf ein paar Lederriemen um den Bauch, eine Boxershorts und ein Ledersuspensorium mit Nieten. Die Regisseurin und dritte Performerin der Inszenierung, Nora Chipaumire, deklamiert derweil in Football-Schulterpads mit einem Holzpenis, der ihr in der Wadengegend baumelt, über die Musik hinweg "This is a manifesto" ins Mikro. Die ersten Zuschauer stecken sich die neonfarbenen Ohrstöpsel in die Ohren, die beim Einlass vorsorglich ausgeteilt wurden.

Seelenruhe und Dinkelbrei

von Grete Götze

Mainz, 10. Juni 2017. Wer glaubt, nach diesem Abend viel mehr über die Mystikerin Hildegard von Bingen zu wissen als vorher, der irrt. Die 1991 geborene Zürcher Nachwuchsdramatikerin Katja Brunner hat für das Staatstheater Mainz eher eine freie Assoziationskette zur Ärztin und Äbtissin aus dem Mittelalter geschrieben, die zwei Klöster am Rhein leitete und durch ihren starken Willen in einer männlich dominierten Welt der katholischen Kirche wie ihre Visionen bekannt wurde. Der dreißigseitige Stücktext ist eine wilde Mischung aus Groß- und Kleingeschriebenem, Spiegelstrichen und Überschriften. Figuren oder stringente Handlungen sucht man hier vergeblich. Irritierende Sprachbilder, etwa vom Schambereich einer Hexe, aus der ein Fußballverein raus strömt, oder "durcheinander fahrende Gedanken zwischen Schädelplatten", gibt es dafür umso mehr.

So leicht verliert sich die Façon

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 10. Juni 2017. In seinen Erinnerungen "Zeitkurven" schreibt Arthur Miller über die Entstehung von "Hexenjagd", seinem Drama, das 1953 zeitbedingt auf Joseph McCarthys Tribunal und den hysterischen Exorzismus einer linken beziehungsweise kommunistischen 'Gefahr' in Hollywood und anderswo reagierte. Als der Autor im Hexenmuseum von Salem historische Lithographien von 1692 sah, auf denen bärtige Männer ihr Entsetzen angesichts satanischer Umtriebe und unnatürlicher Dinge bekunden, habe er "augenblicklich den Zusammenhang: die moralische Stärke der Juden und die Abwehr der Sippe gegen die Verunreinigung von außen" begriffen.