Die Grimm-Gaudi

von Valeria Heintges

Zürich, 10. November 2019. Das schwere Buch ist total verstaubt. Aber einen Märchenerzähler mit Diplom kann das nicht stoppen – oder doch? Langhaarig, im Mantel, sehr altväterlich sitzt Lukas Vögler vor dem Bühnenvorhang in Zürich. Doch dann streikt er plötzlich. Was die Königin denkt? "Keine Ahnung!" Rüde schimpft er über seine "Minigage" und erklärt: "Einen Scheißdreck erzähle ich euch!"

Familenbande im Gezeitenwechsel

von Harald Raab

Weimar, 10. November 2019. Der Ort könnte nicht passender sein, um Abwicklung in Szene zu setzen: das alte E-Werk Weimars, heute Spielstätte des Deutschen Nationaltheaters. Es riecht immer noch nach Schmieröl. Leitungsrohre ohne Zweck laufen von irgendwoher nach nirgendwo, museale Eisensaurier des Industriezeitalters. Auf der Bühne eine Arena, begrenzt von einem Mauerhalbrund. In der Mitte, wolkig ausfransend die deutschen Farben Schwarz, Rot, Gold aufgetragen. Links ein Monumentalgemälde zu Ehren 40 Jahre DDR-Sozialismus mit Gottvater Marx, einem Held der Arbeit und einer Genossin. Rechts ein Bild der hedonistischen Bauhausgesellschaft beim Maskenball mit Altmeister Gropius als Mephisto. Der Maler Dieter M. Weidenbach, einst Meisterschüler bei Willi Sitte, trägt live noch letzte Pinselstriche auf. Und die Parole "Fuck the Wall". Vom Bühnengeschehen lässt er sich kaum beeindrucken.

Gefangene der Form

von Max Florian Kühlem

Mülheim, 9. November 2019. Die 90 Minuten auf der Bühne des Mülheimer Theaters an der Ruhr, die die Uraufführung "Reine Formsache" darstellen, sind nur ein Teil der neuen Arbeit des Collective Ma’Louba. Regisseur Waël Ali, der zum ersten Mal mit der Gruppe arbeitet, hat das Stück mit improvisierten Elementen als offenen, stetiger Veränderung unterworfenen Prozess angelegt – und als solcher ragt es über die Grenzen des Theatersaals hinaus.

Künstlermahnungen aus dem Ghetto

von Petra Hallmayer

München, 8. November 2019. Der Abend beginnt mit einem langen Schweigen. Stumm sitzen zwei Männer und zwei Frauen auf rotgepolsterten Stühlen auf der leeren dunklen Bühne. In Rückblenden und Zeitsprüngen erzählt Roland Schimmelpfennig in seinem im Auftrag des Bayerischen Staatsschauspiels entstandenen Stück "Der Riss durch die Welt", das von Tilmann Köhler nun am Cuvilliéstheater uraufgeführt wurde, von einer radikal misslingenden Begegnung.

Wiedergänger mit Herz

von Jan-Paul Koopmann

Bremen, 8. November 2019. Die Leiche nicht wegzuschaffen, war wirklich ein Geniestreich. Denn obwohl sich in Ibsens "Rosmersholm" ohnehin alles um die vorab verblichene Beate dreht, macht es einen schon richtig kirre, wie sie da die ganze Zeit in ihrer kalten Pfütze liegt. Im schmuddelweißen Kleid der Wasserleiche steckt Lisa Guth, die krampfig zuckt und die sich windet, wenn die anderen über sie sprechen: ein Resonanz-Zombie, der in seiner Gelenkigkeit ein bisschen an dieses furchtbare Mädchen aus Der Exorzist erinnert, oder an Hideo Nakatas Ring - an Horror jedenfalls, auch wenn Armin Petras' Geistergeschichte unterm Strich doch sehr viel trauriger ist als unheimlich.

Gott weiß, ich will kein Engel sein

von Falk Schreiber

Lübeck, 8. November 2019. "Ich bin froh, dass ich damals nicht wusste, dass ich mir mit sechzig die gleichen verfluchten Kämpfe ansehen muss, die ich mit 29 sah", wird Autor Tony Kushner im Programmheft zitiert. 1991 wurde Kushners "Angels in America: A Gay Fantasia on National Themes" uraufgeführt, ein Sittengemälde aus der Mitte der 1980er, als die Bedrohung durch AIDS deutlich wurde, die frisch gewählte US-Regierung unter Ronald Reagan allerdings die dringend notwendige Aufklärung verschleppte, weil Reagan früh die evangelikalen Christen als Wählerbasis seiner republikanischen Partei erkannt hatte, Evangelikale, die AIDS als gerechte Strafe Gottes für blasphemische Homosexualität sahen.

Die Nächte mondkranker Soldatinnen

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 8. November 2019. Israel ist (neben Schweden, Norwegen und Eritrea) eines von vier Ländern auf der Welt mit einer Wehrpflicht für Frauen. Im Gegensatz zu den Männern (drei Jahre) müssen die Frauen aber nur zwei Jahre Pflichtdienst ableisten, und die allermeisten Führungspositionen im israelischen Militär haben Männer inne. Sivan Ben Yishai ist eine Berliner Autorin, die in Israel geboren wurde und aufgewachsen ist. Sie hat ein Stück geschrieben, das von acht Soldatinnen handelt. Präziser gesagt, handelt es davon, wie sich acht Soldatinnen in einem Albtraum treffen, der der Realität eines israelischen Frauen-Wehrdienstlagers ziemlich nah kommen dürfte.

Anna Seghers reloaded

von Matthias Schmidt

Dresden, 8. November 2019. "Die 'Montreal' soll untergegangen sein zwischen Dakar und Martinique." Mit diesem, dem ersten Satz des Romans von Anna Seghers, beginnt auch seine Dresdner Bühnenfassung. Gleich sechsmal spricht Seidler ihn, der Ich-Erzähler, schaut dabei ins Publikum und fährt fort, von den Hoffnungen, den Wirrungen der deutschen Flüchtlinge im Marseille der frühen 40er Jahre zu erzählen. Er fragt ins Publikum, "Sie finden das alles ziemlich gleichgültig? Sie langweilen sich?" Ganz sicher tut das in diesem Moment niemand, zu offensichtlich ist die historische Parallele der untergegangenen "Montreal" zu den Booten im Mittelmeer.

Die Kanonen auf euch drehn

von Thomas Rothschild

Konstanz, 8. November 2019. Das Ensemble steht im Halbdunkel mit dem Rücken zum Publikum und singt, leise, verhalten, ganz und gar unkämpferisch "Le temps des cerises", die Kennmelodie der Pariser Commune. Da hört man Schüsse, eine Frau nach der anderen, ein Mann nach dem anderen fällt tot zu Boden. Die Essenz des Stücks ist vorweggenommen. In der Folge tragen die Darsteller*innen Blutspuren auf den Kostümen. Sie spielen alle mehrere Rollen – wohl nicht einer Konzeption zuliebe, sondern den Gegebenheiten am Konstanzer Theater folgend. Gezeigt werden "Die Tage der Commune", ein "Schauspiel nach Bertolt Brecht".

Fahrt fatal

von Tilman Strasser

Köln, 7. November 2019. Schließlich schwankt der Horizont. Gerade hat der Präsident verkündet, dass das Schiff nicht in Kuba vor Anker gehen darf, mit weißem Hut und im schlimmsten Sinne staatsmännisch. Da kippt das bühnenbreite Bild von Meer und Himmel erst in die eine, dann in die andere, dann wieder in die eine Richtung, es knarzt entsetzlich dabei. Und die Passagiere, die bis dahin schier ununterbrochen gequatscht, gestammelt, gesungen, geschrien haben, starren auf eine Welt, die selbst seekrank geworden zu sein scheint: Die Ablehnung bedeutet nicht etwa nur, dass sie sich auf den langen Rückweg von Havanna nach Hamburg begeben müssen. Sondern direkt in den sicheren Tod.

Sie hat "Scheiße" gesagt

von Martin Thomas Pesl

Wien, 7. November 2019. Dieser Meta-Witz zündet nur im Theater in der Josefstadt: "Mach die Tür hinter dir zu!", sagt Johannes Rosmer im Streit zu seiner Mitbewohnerin Rebekka. Sie antwortet: "Welche Tür?" Tatsächlich ist keine Tür zu sehen, das Bühnenbild ist ein Würfel aus verschieden breiten türkisen Streifen, eine Art Strichcode in 3D, wie er – wohl seit dem "Matrix"-Film der Wachowski-Schwestern – oft den virtuellen Raum symbolisiert.

Die ewigen Gesetze der Unterdrückung

von Dorothea Marcus

Düsseldorf, 3. November 2019. In schwarzem Jumpsuit und Lackpumps stellt Claudia Hübbeckers Linda die neue Werbekampagne "Visibility" vor: Kosmetik zur Sichtbarmachung von Frauen ihres Alters, über 50-Jährige, die im öffentlichen Leben kaum noch vorkommen (geschweige denn im Theater). Fast eine Revolution also, wenn sich Linda nun der kosmetischen Ermächtigung dieser vergessenen Zielgruppe widmet. Wenn auch für sie selbst das Gesetz der weiblichen Alters-Unsichtbarkeit zunächst keineswegs gilt: Als "Senior Brand Managerin" von "Swan", einem der Marke "Dove" nachempfundenen Kosmetik-Konzern, ist sie die perfekte Verkörperung von Eleganz und Souveränität, eine energetisch-eloquente Über-Performerin. Oder, in ihren eigenen Worten: "preisgekrönte Geschäftsfrau, glücklich verheiratet, zwei hübsche Töchter, und ich passe immer noch in dasselbe Kleid wie vor 15 Jahren."

Große Erzählung

von Nikolaus Merck

Berlin, 2. November 2019. Natürlich zählt Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann zu den großen deutschsprachigen Romanen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Woran die DDR scheiterte – fehlende Demokratie, falsch patentierter Antifaschismus, mangelnder Gemeinsinn, Partei- und Starrsinnsherrschaft – hat Brigitte Reimann in ihrem postum veröffentlichten Hauptwerk getreulich verzeichnet und das Wie des Scheiterns in Männerherrschaft, Brutalität, Bürokratismus, fehlender Solidarität herzhaft ausgemalt. Die Schriftstellerin starb 1973 mit 39 Jahren an Krebs, an ihrem Buch arbeitete sie bis zuletzt.

Querschläger in Wartestellung

von Dieter Stoll

Nürnberg, 2. November 2019. Die Dame des Hauses grüßt rücklings liegend nackt von der Wand herab. Überlebensgroß sechs Meter breit, grade richtig für die gehobene Ehemännerfantasie und deren grapschenden Zaungäste. Man krault gerne mal im Vorbeigehen an gewissen Stellen des Kunstwerks, dessen Po-Falte das Modell selber gerne mit dem Titel "Höhlenforscher kurz vorm Einstieg" bespöttelt. Unter dem Bild kann man das Original sogleich live erleben, mit dem gesundheitsapostolisch streng verbotenen Kuchenteller in der Hand und dem ersten Bekenntnis des Abends mit übervollem Mund. "Ich hasse dieses Bild", sagt sie und lacht schrill dabei. Das tut sie fortan oft – ein bisschen hassen, noch lieber spitzig kichernd auftrumpfen.

De-Mythisiert das!

von Gabi Hift

Berlin, 1. November 2019. Als Höhepunkt des Herbstsalons im Gorki Theater, der diesmal unter dem Motto "De-heimatize it!" steht, gibt es zwei Premieren in einer Double Feature Show. Der Hauptakt in der Regie Yael Ronens kündigt eine Wiederverhexung Europas und das Ende des Patriarchats noch am selben Abend an. Daniel Cremer verspricht mit seinem Vorprogramm in einem lauschigen Zelt im Garten des Gorki Theaters vielleicht noch Unerhörteres: Er will die Liebe wieder als taugliche Abendunterhaltung installieren, und zwar nicht die Liebe als Problem oder als Tragödie, sondern "Das Wunder der Liebe" (den Titel des allerersten Skandalaufklärungsfilms von Oswalt Kolle werden wohl nur Senior*innen wie ich wiedererkennen). Das Setting ist eine Art Schulung für ein Love-in; dass es sowas gab, ist ähnlich lange her wie der Kolle-Film und natürlich muss man das den Leuten erst mal neu beibringen.

Die Geometrie des Ausstoßens

von Christian Muggenthaler

Memmingen, 1. November 2019. Man kann einen Menschen, der stets in der Mitte der Gesellschaft gestanden war, recht schnell zum Außenseiter machen. Ganz einfach dadurch, indem sich alle anderen von ihm wegstellen. Diese Geometrie der Menschenverachtung funktioniert erstaunlich unkompliziert, weil viele, die sich wegstellen, zugleich das beruhigende Gefühl haben dürfen, ihrerseits weiterhin zur Gemeinschaft zu gehören. Sie stehen ja weiterhin beieinander. Zum Nachdenken über die eigene Rolle innerhalb einer Gesellschaft gehört deswegen immer auch, sich über die eigene Position in ihr Rechenschaft zu geben. Es klappt nicht, keine zu haben.

From Gezi with Love

von Steffen Becker

Stuttgart, 31. Oktober 2019. "Die Türkei ist anders, als Sie denken", sagt die Autorin Ebru Nihan Celkan in einem Vorbericht zur deutschen Erstaufführung ihres Werks "Last Park Standing" am Schauspiel Stuttgart. In der ersten Einblendung auf dem Monitor des Kammertheaters soll man die Situation der Türkei auf hiesige Verhältnisse übertragen und sich vorstellen, dass man verklagt wird, wenn man an die Proteste gegen Stuttgart 21 erinnert. Klar ist die Türkei anders. Gezi Park, der Putsch, der Autokrat – alles, nur kein Europa. Im weiteren Verlauf arbeiten der Text und die Inszenierung von Nuran David Calis aber wirkungsvoll daran, dieses bequeme Differenz-Empfinden zu stören.