Zusammen ist man weniger allein

von Cornelia Fiedler

Bregenz, 20. Juli 2019. "Aber nur im Spiel", so lautete früher auf dem Spielplatz das Mantra, wenn die selbstgesponnenen und live gespielten Geschichten zu verrückt, zu wild, zu brutal oder eine Spur zu real zu werden drohten. Nur im Spiel errangen wir Kinder spektakuläre Siege, gerieten in Gefangenschaft, stritten, entdeckten, litten, liebten, – bis die Eltern zum Abendessen riefen. Nur im Spiel sind jetzt in Bregenz zwei besondere Kindsköpfe mit leuchtenden Augen am Start: Ulrich Matthes und Wolfram Koch. Allein auf weiter Bühne denken sie sich als Don Quijote und Sancho Panza nicht nur ihre eigenen Rollen samt Vorgeschichte aus, sondern alles – vom Vogelgezwitscher am Morgen bis hin zur allerblutigsten Schlacht. Wenn einer der beiden sich müde gespielt hat und aussteigen will, weiß der andere genau, welcher Trigger zieht, um ihn ins nächste imaginäre Abenteuer mitzureißen. Eine starke Regiesetzung, dennoch bleibt die prominent besetzte Inszenierung von Jan Bosse seltsam distanziert und ohne Richtung.

Hitler sagt Sorry

von Sascha Westphal

Düsseldorf, 17. Juli 2019. Der direkte Vergleich verbietet sich eigentlich. Schließlich ist die Ruhrtriennale ein mit Millionenbeträgen ausgestattetes kulturelles Großereignis, das sich wie die anderen berühmten Festivals in Avignon und Edinburgh, in Salzburg und Berlin, internationaler Beachtung sicher sein kann. Das Asphalt Festival, das seit 2012 in Düsseldorf stattfindet und in diesem Jahr von Land und Stadt mit insgesamt 200.000 Euro gefördert wird, präsentiert sich dagegen als eher lokales Sommerfestival, das auf jede Form von Pomp verzichtet. Sein zentraler Veranstaltungsort, das "Weltkunstzimmer", ein interdisziplinäres Kunstzentrum, das seine Heimat auf dem Gelände einer ehemaligen Backfabrik gefunden hat, steht vielmehr für eine inspirierende Offenheit. Kunst und Alltag vermischen sich hier nicht nur in dem im Hinterhof gelegenen Festival-Biergarten auf eine verführerische Weise.

Spiel mit dem Feuer

von Steffen Becker

Worms, 12. Juli 2019. Bei den diesjährigen Nibelungenfestspielen lernt das Publikum: Königin Brünhild kommt gar nicht aus Island, sondern aus Isenburg an der Ruhr. Der Drache, in dessen Blut Siegfried angeblich gebadet hat: Nur eine Echse. Das riecht nach Sakrileg – und in der Tat haben Autor Thomas Melle und Regisseurin Lilja Rupprecht vor dem Wormser Dom nichts anderes vor, als den Stoff hops zu nehmen.

Justitia ab

von Anna Landefeld

München, 11. Juli 2019. Es ist die ganze große Linie, die Regisseurin Christiane Mudra in ihrer aktuellen Arbeit "Kein Kläger" zieht, von Hitler über die Auschwitzprozesse und die Anfänge der bundesrepublikanischen Justiz bis zum fremdenfeindlichen Attentat am Münchner OEZ durch den 18-jährigen David Soboly und den NSU-Prozessen. Ihre These: Seit der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten zieht sich ein brauner Faden durch die deutschen Justizstuben, der bis heute nicht gerissen ist, sondern im Gegenteil noch immer ein klebriges Netz bildet.

Nach Gutenstein! Nach Gutenstein!

von Martin Thomas Pesl

Gutenstein, 11. Juli 2019. Vor 200 Jahren müssen Schauspieler*innen schon ziemlich furchtbare Schmiere betrieben haben, aus heutiger Sicht jedenfalls. Das ist eine Nebenerkenntnis der Uraufführung "Brüderlein fein", die bei den Raimundspielen Gutenstein das Leben des nach Johann Nestroy zweitbekanntesten Vertreters des Altwiener Volksstücks Ferdinand Raimund nachzeichnet. Und es dürfte schon was dran sein: Das rollende R, die große Geste, die übertriebene Emotion und das "Extemporieren", das wollten die Leute damals. Sehr erfreulich, dass sich das heute geändert hat. Die "echten" setzen sich von den Stück-im-Stück-Szenen doch angenehm ab.

Fortschritt: stop

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 10. Juli 2019. So klingt Zerstörung: fies brüllend, elektronisch verzerrt, stampfend – wie Maschinenlärm eben oder eine Großbaustelle. Ein ohrenbetäubendes fünfminütiges Intro, mit dem das Stuttgarter Citizen.Kane.Kollektiv im Stuttgarter FITZ seine Performance "Stuttgart Wrackstadt" beginnt. Schließlich hat sich das siebenköpfige Ensemble ein brisantes Thema vorgeknöpft: Was wäre, wenn die Autoindustrie in der Stuttgarter Region, wenn Daimler zusammenbräche? Was hätte das für Folgen für die Stadt, für die Menschen?