Geschichten vom Verschwinden

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 23. Oktober 2021. Seit 2012 wird jährlich am 30. August weltweit der "Internationale Tag der Verschwundenen" begangen, um jenen Menschen zu gedenken, die in ihren Ländern entführt oder heimlich verhaftet, dann gefoltert und ermordet wurden. In Mexiko etwa verschwinden jährlich tausende Menschen spurlos. Täter sind korrupte staatliche Sicherheitsdienste und Drogenkartelle. "Desaparecidos" nennt man die Verschwundenen. Die Desaparecidos sind Thema des Theaterabends "Algo Pasó (La Última obra)", der jetzt als internationales Kooperationsprojekt im Kammertheater des Staatstheaters Stuttgart Premiere hatte.

Schuld in wütender Form

von Christian Muggenthaler

Nürnberg, 22. Oktober 2021. Das kommt immer wieder. Ein zerstörerisches, ruinöses Sodbrennen der Geschichte. Diese ätzende Ursuppe an Nationalismus, angerührt von den Zündelbuben der Romantik, beständig weiterbrodelnd, das Gift darin schön brav unter der Wahrnehmbarkeits-Schwelle: Es schmeckt ja immer nur den anderen bitter. In der Suppe schmurgeln der Rassismus und der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts, danach grausig serviert im Tausendjährigen Reich. Stunde Null: Deckel drauf und weiter simmernd bis zum rechten Terror heutigen Tags, von der Strafverfolgung lang und länger und heute noch häufig ungerochen.

Ein Stern, der sich selber frisst

von Claude Bühler

Basel, 22. Oktober 2021. Frenetischer Applaus nach zweieinhalb Stunden für ein Moritatenmärchentraumpsychodramasingspiel, das alle Register zieht: Tote kehren ins Leben zurück (nur Vorstellung oder höhere Realität?), ein Riesenteddy bumst einen Stoffleoparden (Symbol für einen Kindsmissbrauch?), das Mädchen Krabat schießt sich in den Mund (war die nicht schon anfangs tot?), eine Mühle brennt nieder (Brandstiftung, wenn ja, wer war's?) und zwischendurch werden wir noch von Mahlers berühmtem Adagietto aus der fünften Sinfonie weichgekocht. Ein Kuddelmuddel? Fürwahr! Aber ein Unterhaltsames, aufgeladen mit und getragen von sehr viel Sentiment.

Rückfahrt in eine fremde Zeit

von Michael Bartsch

Dresden, 22. Oktober 2021. Die gute Nachricht zuerst: Zahlreiche bemerkenswerte Passagen von Ingo Schulze, die seine Titelfigur Norbert Paulini als Antiquar und Archetyp des Buchlesers mit Bleistift sicherlich angestrichen hätte, kehren in der Bühnenfassung wieder. Meist sogar exponiert und einprägsam deklamiert. Pointiertes über den Literaturbetrieb, den Sieg des Kommerzes über den Geist nach 1990, auch die späte Selbstverneinung Paulinis, man müsse über das Durchgangsstadium Buch zum eigentlichen Leben finden.

Das große Trippeln

von Leopold Lippert

Frankfurt, 22. Oktober 2021. Ach diese Bühne! Raimund Orfeo Voigt hat eine elegante Planetenbahn ins Frankfurter Schauspiel gestellt, eine elliptische Plattform, umrundet von einer zweiten, drehbar, kippbar, hebbar, senkbar, zum rauf- und runterklettern, rutschen und stolpern. Umgeben von steilem Bühnenabgrund; obendrauf ein Zylinder als Deckel, aus dem diffuses Weißlicht glimmt. Und dann trippeln sie auch schon los, die uniformierten Schauspieler*innen mit ihren knallfarbenen ausladenden Tüllumhängen, schwarzen Halskrausen und Turmfrisuren (Kostüme: Matija Ferlin). Ja, sie trippeln sehr effizient, geräuschlos und etwas beschwingt, immer nur die Zehenballen am Boden, kein fester Tritt, kein Knarzen, alles geschmeidig im Fluss an diesem Hofstaat im Nirgendwo.

Überleben im Glaskasten

von Cornelia Fiedler

Köln, 22. Oktober 2021. 1 Club-Mate, 2 Scheiben Brot, in Würfel geschnitten, mit Öl in der Pfanne geröstet, ein Teller aufgewärmte Rote-Beete-Suppe mit Kokosmilch, 1 Päckchen M&M's Peanut vom Kiosk, das ist die Kalorienbilanz dieser Nachtkritik. Also, nein, ich weiß nicht was Hunger ist – ein Privileg, das vermutlich die meisten Menschen im Depot 1 des Schauspiels Köln teilen. Aber genau darum geht es in weiten Teilen der Romanadaption "Atemschaukel", um unendlichen, den Verstand zersetzenden Hunger.

Genug vom Jetzt

von Stephanie Drees

Berlin 22. Oktober 2021. Spezialisierungen. Es liegt nahe, dass es in der Zukunft (wie viel es davon geben wird, sei erstmal dahingestellt) auch viel um sie gehen wird: Welches Spezialwissen wirst du einbringen in ein Zeitalter, das – eine mögliche Variante – den Superreichen gehören wird? Solchen wie Jeff Bezos und Elon Musk zum Beispiel, deren Lebensalltag sich außerhalb dieses Planeten abspielen könnte. In Raumstationen, beispielsweise, in denen partiell auch die Kunst ihren Platz hätte, gar vielleicht ihre berühmten Frei- und Spielräume einzubringen wüsste. Temporär. Frei nach dem Motto: "Jetzt ist Kunst, nachher ist wieder Scheiße" – die Dietmar-Dath-Version des guten alten "Brot und Spiele".

Es gibt keine Entwarnung!

von Thomas Rothschild

München, 22. Oktober 2021. Wer bei den Stichwörtern "Urteile" und "Prozess" an ein Gerichtsdrama denkt, geht in die Irre. Zwar bezieht sich das Stück von Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi auf einen Prozess, aber nicht um die dort gesprochenen Urteile geht es in erster Linie. Die sollen sich vielmehr die Zuschauer selbst bilden.

Vom Drill der Kinder

von Esther Boldt

Darmstadt, 20. Oktober 2021. Ein Kasten ist die ganze Welt. Daraus vorerst kein Entrinnen. Hoffnung ist drinnen trotzdem, auf das Glück da draußen, auf Liebe, Anerkennung, Auserwähltsein gar. Darum wird nun im Kasten trainiert – für den Ernstfall. Für den Ausfall. Für das Leben danach.

Die BRD sehen … und sterben?

von Anna Landefeld

München, 20. Oktober 2021. Irgendjemand, irgendwas hat sie hineingeworfen in dieses Leben, in diesen erbsengrünen Theaterraum. Hier schlurfen sie, raufen sie sich die Haare, zittern ihnen die Hände. Hier tänzeln sie überdreht, kauern in einer Nische, starren vor sich hin. Und überall dieses erbarmungslose Licht, das die Traumata scharf ausleuchtet, die ihnen dieses Leben ins Gesicht gebrannt hat.

Scheiterhaufen mit Cheerleadern

von Sabine Leucht

München, 17. Oktober 2021. Von Beginn an ist klar, wer in welcher Liga spielt. Da sind die bebrillten grauen Mäuse, die Notiz-Kladden fest an die Brust gepresst. Da sind die Goths, die aussehen, als hätten sie sich eben für ein Tim Burton-Filmset eingedüstert. Die Athleten haben ihre Daumen in den Bund ihrer Jeans gehakt, und die rosa Röcke der "gemeinen Mädchen" werfen messerscharfe Falten. Selbst die Nerds, die um die Emotionalität von Zahlen wissen, dürfen "Beim Zeus, was für Arschlöcher!" sagen.

Die Kraft der Wahrheit

von Martin Krumbholz

Bochum, 17. Oktober 2021. Versteht man es richtig, dann sind in dieser Bochumer Sophokles-Adaption wir, das Publikum, der Chor der alten thebanischen Männer. Auf der Bühne gibt es ihn jedenfalls nicht. Blutrot ist sie anfangs ausgeleuchtet, spiegelglatt der Fußboden, das Hubpodest fährt hinauf und senkt sich ab, ein Kubus, der als Videoscreen dient, schwebt über allem. Steven Scharf spielt den Titelhelden. Eben hat er aus dem Mund seines Schwagers Kreon (Stefan Hunstein) erfahren, dass die Götter noch eine Rechnung mit Theben offen haben. Scharf hat sich demonstrativ andächtig vor Kreon auf den Boden gesetzt, um ihm zuzuhören. Ganz weit offen die Ohren. Dann tritt er an die Rampe, zieht nervös am Saum seines blauen Sakkos und richtet einen Appell an uns, das Volk der Thebaner sozusagen. Wir sollten doch gefälligst den Kerl herausrücken, der den alten Laios, seinen Vorgänger, erschlagen hat. Ob wir denn eine Idee hätten. Dann würde uns kein Haar gekrümmt. Sonst aber, wenn wir uns etwa einbildeten, wir könnten den Freveltäter decken …

Tüftler:innen unter sich

von Christian Rakow

14. bis 16. Oktober 2021. Wenn etwas Positives aus den bitteren Corona-Monaten bleibt, dann ist’s der Aufbruch der Tüftler. Softwarefummler, Tonwerker, Kamerakönner, Mischpult-Akrobaten drängten aus dem Dunkel der geschlossenen Schauspielhäuser hinauf nach Digitalien. Und mit ihnen verströmte sich der Geist der Technikerszene ins aufkeimende Netztheater: das Werkeln in Modulen, das Jonglieren mit Beta-Versionen von Programmen, die Lust auf Trial-and-Error, Scheitern als Chance, das Teilen von Gemeingut (Sharing, Open Source, Wiki), überhaupt das Herumreichen von Wissen und Werkzeugen (Tools).

Die Hoffnung stirbt zuletzt

von Frank Schlößer

Rostock, 16. Oktober 2021. So geht das nicht. So kann man das nicht machen. Schon gar nicht für Erwachsene. Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert. Michael Unterguggenberger, Salvador Allende, Thomas Sankara und all die anderen Spinner sind auf die Fresse geflogen. In Rostock kämpft der fast hundertjährige Kleingartenverein "Pütterweg" immer noch gegen die Investoren – mit 103 Grünzeug-Parzellen und dem Spruch "Beete statt Knete". Schön und gut, sehr sympathisch. Aber der Pütterweg liegt heute nicht mehr am Stadtrand, das ist Innenstadtlage! Wer 5 x 5 rechnen kann, der muss auch einsehen, dass da endlich was Richtiges gebaut werden muss!

Poesie statt Ironie

von Claude Bühler

Basel, 16. Oktober 2021. Es braucht Mut, das Stück einer im deutschsprachigen Raum kaum bekannten Autorin als Monolog auf die Bühne des Schauspielhauses zu bringen, zumal der Text der Französin Claudine Galea keine Lachveranstaltung verspricht. Von den 480 Plätzen blieb bei der Premiere die Hälfte leer. Dabei hätte die Aufführung volle Ränge verdient, bietet sie doch den seltenen Genuss reinsten Schauspieltheaters: Eine Autorin spricht vom Sterben ihres Vaters, wir werden Zeugen ihrer Regungen.