Paarhölle deluxe

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. Januar 2019. Selten ist ein Ende so gewiss, selten ein Stückausgang zu unverrückbar: Wenn Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" auf dem Spielpan steht, ist klar, dass diese exzessive Bourbon-Party bis zum bitteren Schluss gespielt werden wird. Bis zu dem Moment, in dem George behauptet, der Fantasie-Sohn, den seine Frau Martha sich mehr als 20 Jahre imaginiert hat, sei auf einer Landstraße tödlich verunglückt. Sei mit dem Auto frontal gegen einen Baum gerast.

Zwei Generationen Gegengeist

von Tobias Prüwer

Leipzig, 18. Januar 2019. Es beginnt plakativ. Kaum hängen Plakate mit "Think national" und "rechts rules" an der Wand, sind sie auch schon wieder heruntergerissen. Vermummte Jugendliche stürmen die Leipziger Schauspielbühne und entfernen die Nazipropaganda. Vom Start an positioniert sich Armin Petras in "Jeder stirbt für sich allein / Leipziger Meuten", das Hans Falladas Roman mit Lokalgeschichte verzahnt.

Roboterguide statt Rosenmuster

von Reingart Sauppe

Saarbrücken, 18. Januar 2019. "Es geht um Mettlach und nicht nur um die Firma", beschwört Patrick seine Idee mit kämpferischer Verve in der Stimme. Der schlaksige Mittvierziger aus Orscholz, dem Nachbarort von Mettlach, will einen Bürgerverein gründen, einen Ideenwettbewerb starten und einen Roboterguide als Touristenattraktion anschaffen. Patrick träumt von einer Zukunft ohne den Mettlacher Hauptarbeitgeber Villeroy&Boch. Denn auf den Keramikproduzenten, der die meisten Industriearbeitsplätze längst abgebaut hat und den Ort als Outlet nutzt, ist kein Verlass.

Von Janis El-Bira



Potsdam, 18. Januar 2019. Alles auf dem Weg: Fast einhundert Minuten lang schleicht an diesem Abend im Potsdamer Hans Otto Theater die weit aufgerissene Bühne um die eigene Achse und mit ihr ein Küchenverhau aus zwei Wänden, Herd und Spüle, Tisch und Ofen. Eine Ahnung von Kulisse, ein Hauch von Eigenheim, sicherlich nicht schön, eigentlich nicht einmal gemütlich. Ein Klavier fährt auch noch mit, mehr Nutzinstrument als Requisite. Das alles dreht und exzentriert sich also, verliert seinen festen Ort. Manchmal kommt das Ensemble herbei, schiebt und wendet die Küchenzeile – es hilft nichts, denn die Zeit will nicht stille stehen, die Welt nicht wieder in die Fugen finden. Nur vorne rechts herrscht Ruhe. Denn dort sitzen zwei Puppen, nackt und faltig, als Abbilder von Frau und Mann geschaffen, nicht gezeugt, und damit keiner Vergänglichkeit unterworfen. Ganz anders Arne (Joachim Berger) und Lore (Rita Feldmeier), die gelegentlich mit den Puppen spielen. Denn Arne und Lore sind seit fast einem Menschenleben ein Paar. Sie sind zusammen alt geworden – und jetzt wollen sie sterben.

Das Gespenst der Freiheit

von Andreas Wilink

Köln, 18. Januar 2019. Ein mythisches Grundmuster scheint in "Rückkehr nach Reims" durch: Auszug und Wiederkunft des Heros / Sohnes, verbunden mit einer realen bzw. symbolischen Vatertötung. Parallel untersucht der Soziologe Didier Eribon das neoliberale System unserer defekt gewordenen Demokratien. Noch einmal erlebt die (französische) Gesellschaft das Scheitern der Aufklärung und die Opferung des Einzelnen bzw. der Beherrschten im Namen des etatistischen Prinzips.

Nacht in Dunkeldeutschland

von Christian Muggenthaler

Bamberg, 18. Januar 2019. Die viel beschworene innere Sicherheit eines Staats hängt stark ab von der inneren Sicherheit seiner Bürger. Das ist dann vor allem eine interne Frage des Bewusstseins und keine externe, außerhalb liegende Bedrohungslage. Wie Julie Zehs Roman "Leere Herzen" andeutet, der jetzt am E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg dramatisiert wurde, hängt die Stärke einer Demokratie auch zusammen mit der inneren Überzeugung ihrer Bürger hinsichtlich ihres Werts, der mehr ist als eine Wohlstandsgarantie, mit der sie gern mal verwechselt wird. Bedroht wird das friedliche Miteinander auch durch Selbstmordattentäter, die ihre innere Mitte gänzlich verloren haben und als Zeichen dieser Ortlosigkeit nun noch so viele Opfer als möglich mit in ihren Freitod nehmen wollen.

Im Wellness-Modus

von Elena Philipp

Berlin, 17. Januar 2019. Sanfte Stimmen aus dem Off weisen uns den Weg durchs Portal. Vom Parkett auf die Bühne, den heiligen Ort des Theaters. "Experiences, experiences" versprechen die körperlosen Stimmen oder die stimmlosen Körper von neun Performer*innen – in solch gedämpfter Tonlage und von säuselnder Muzak untermalt, dass man die Offerte kaum mitbekommt. Jahrmarkt war gestern. Heute lockt eine supersofte Wellness-Welt, in der die hyperherzlichen Hosts meditativ bis stoned lächeln und alle ganz, ganz freundlich sind. Eigentlicher Kontakt ist aber unterbunden. Willkommen in der Zukunft! Entworfen von der Regisseurin Susanne Kennedy und dem Bildenden Künstler Markus Selg. Für die Berliner Volksbühne.

Stelzvogel-Gollum im Miniwunderland

von Jan Fischer

Hannover, 17. Januar 2019. Der Aufstieg des Faschismus findet im in heimeliger Holztäfelung statt. Auf der Bühne des Schauspiel Hannover erstreckt sich eine Flucht aus braunem Holz bis zu einem Vorhang ganz hinten im Fluchtpunkt des Bühnenbildes, dessen Atmosphäre irgendwo zwischen von der Zeit vergessener Eckkneipe und 50er-Jahre Amtsstube liegt. Aber vorneweg erzählt – ganz episches Theater – erst einmal ein Ansager, was das Publikum zu erwarten hat. "Was wir heute Abend zeigen", meint er, "kennt der ganze Kontinent". Es sei der Aufstieg der "braunen Legende". Immer wieder schiebt er dabei Darsteller und Darstellerinnen aus dem Weg, die schnell noch ein Bier oder einen Kurzen trinken.

Baumeister Roarks Träume

von Michael Laages

Giessen, 13. Januar 2019. Mittlerweile treibt ja einige alteuropäische Geister das Bemühen um, diesen Kern amerikanischen Gedankenguts zu verstehen: "The Fountainhead", den 1943 erschienenen Roman der russischen Emigrantin Ayn Rand, die 1905 als Alissa Semjonowna Rosenbaum in Sankt Petersburg zur Welt gekommen und mit 21 Jahren ausgewandert war in die USA. 1982 starb sie. Die Erfahrungen der Kollektivierung und ideologischen Gleichschaltung in der jungen Sowjetunion hatten sie nie losgelassen. In Romanen und Erzählungen verordnete sie den amerikanischen Exil-Gastgebern ein radikales Kontrastprogramm – Individualismus pur, Egoismus und Gier als Allheilmittel, inklusive der Verachtung sozialer Verantwortung und des Staates, der Regierung selbst.

Auf der Suche nach der Süße

von Gabi Hift

Wien, 12. Januar 2019. "Warum erzählen wir die Geschichten?" – Auf steiler, heller Schräge stehen fünf in lange schwarze Roben gekleidete priesterliche Gestalten. "Was zu suchen sind wir hergekommen?" Die Geschichte, die sie uns erzählen, handelt von einem Road Trip, von Bruder und Schwester, die auf der alten Gastarbeiterroute hinunter nach Süden fahren, in jenen Ort, von dem aus ihr Vater vor Jahrzehnten nach Deutschland aufgebrochen ist. Sie wollen die Stelle finden, wo ihr Großvater bei einem Autounfall gestorben ist. Als sie Kinder waren, hat der Vater deshalb in den Nächten geschrien, er war in psychiatrischer Behandlung. Nun wollen die Geschwister hinunter und an der Stelle einen Baum pflanzen. Während sie fahren, kommen aus dem Autoradio Nachrichtenfetzen, Tagesmeldungen, Stories und Liedfragmente, die rätselhaften Mustern zu folgen scheinen.

Kunstparty im Klimawandel

von Grete Götze

Frankfurt am Main, 12. Januar 2019. Vor genau einem Jahr hat Robert Borgmann zuletzt am Schauspiel Frankfurt inszeniert. Kafkas Romanfragment "Das Schloss", mit Max Mayer als Landvermesser K. Ein rätselhafter, vieldeutiger Abend, dessen ungeheure Figuren sich ins Gedächtnis eingraben. Mit Samuel Becketts "Warten auf Godot" hat sich Borgmann nun wieder einen schwer zu dechiffrierenden Text vorgenommen, der durch seine Zeitlosigkeit Parabelcharakter hat.

Das Elend der Jeansfabriken

von Thomas Rothschild

Stuttgart, 12. Januar 2019. Ein ebenso drastisches wie sinnfälliges Arrangement: Unten stehen, dicht gedrängt, die Arbeiter und stützen mit hochgereckten Armen das Obergeschoss, in dem die Reichen sich bequem eingerichtet haben, "zu ebener Erde und erster Stock." Das Bild hat sich im Theater ebenso etabliert wie in der politischen Propaganda. Oben aber steht der Fabrikant Dreißiger im goldfarbenen Anzug und klagt sein Leid in ein Mikrophon.

Schostakowitschs unbekannte Geliebte

von Willibald Spatz

Augsburg, 12. Januar 2019. Endlich angekommen in der endgültigen Zwischenlösung. Nachdem im Staatstheater jetzt wirklich bald mit der Sanierung begonnen werden kann – archäologische Funde und die Bereitstellung von Fördergeldern hatten den Start der Arbeiten eine Weile verzögert –, wurde nun auch in der neuen Brechtbühne auf dem ehemaligen Gaswerksgelände der Spielbetrieb aufgenommen. Auf diesem Areal gab es bereits eine Interims-Interimsspielstätte im Kühlergebäude, wo im September "Gas" von Georg Kaiser gezeigt wurde (zur Nachtkritik vom 28. September 2018).

Die radikalste Revolution heißt Vernichtung

von Andreas Thamm

Coburg, 12. Januar 2019. Zunächst hört das Publikum nur seinen Herzschlag, dann die Stimmen der Ärzte aus dem Off. Der Mann, der da in einem Krankenhausbett liegt, heißt Herr Meisner und ist der viertreichste Mensch der Welt, ein nicht konkreter definierter Unternehmer.

Blitz und Donner? Rammstein!

von Martin Krumbholz

Hagen, 12. Januar 2019. Auf einem Monitor im Foyer des Hagener Theaters läuft in Endlosschleife ein Fernsehvortrag des neunzigjährigen Marcel Reich-Ranicki über sein Lieblingsstück "Die Räuber". Wie üblich reiht der alte Mann neben einigen Banalitäten (dass das Stück vor Unwahrscheinlichkeiten nur so strotzt) auch einige Wahrheiten aneinander; etwa, dass Schillers Jugendwerk weniger durch einen angeblichen gesellschaftskritischen Impetus besteche als durch den sprachlichen Furor, den ungeheuren "Schwung", mit dem der Autor aufwarte. Niemand, "nicht einmal die deutschen Regisseure", so Reich-Ranicki, könne die Kraft dieses Stücks bis heute zugrunde richten.

Fluchtpunkt Atlantik

von Simone Kaempf

Berlin, 11. Januar 2019. Keine fünf Minuten und Dimitrij Schaad wird schon mit Szenenapplaus belohnt. Dabei hat der Schauspieler nur seinen Oberkörper entblößt, sich einmal auf den herausgestreckten Bauch geklatscht und gefrotzelt, dass dieser Körper für Europa stehe: "Aktuell noch Mittelklasse, aber bald geht es steil bergab." Der mittelprächtige Witz löst lautes Gelächter aus, und das ist natürlich Schaad zu verdanken, der sympathischsten Rampensau Berlins, wenn nicht des ganzen Theaterbetriebs. Ein erstklassiger Improvisator ist er, ein uneitler Selbstdarsteller, der erstmal alle "Applausflittchen" zur Mäßigung ruft. Und wirklich sparen sich alle ihre Zuneigung auf fürs Ende dieser Roman-Adaption von Regisseur Hakan Savaş Mican am Maxim Gorki Theater, für die es einen so satten, mitreißend-ehrlichen Applaus aus dem ganzen Zuschauerraum gibt, wie es selten geworden ist.

Ich atmete die Asche der Toten

von Sascha Westphal

Dinslaken, 11. Januar 2019. Das Tamburin, das Oskar Schell eigentlich ständig dabei hat, ist nirgends zu sehen und, ein leichtes Aufatmen sei erlaubt, auch nicht zu hören. Mirko Schombert hat in seiner Inszenierung von Jonathan Safran Foers Bestsellerroman auf dieses Accessoire verzichtet und damit schon einmal alles richtig gemacht.

Wer wandert, muss dem Tod nicht begegnen

von Dorothea Marcus

Frankfurt am Main, 11. Januar 2019. Eine einzige trauernde Mutter muss zu viel ertragen. Deshalb sind es zum Glück auch vier Frauen, die sich die komplexe Hauptfigur Ora aufteilen, um den über 730 Seiten langen, grandiosen, klugen und traurigen Roman des israelischen Schriftstellers David Grossman "Eine Frau flieht vor einer Nachricht" in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt zu erzählen. Vier verschiedene Typen von Frauen (Eva Bühnen, Altine Emini, Christina Geiße, Sarah Grunert) mit Microport, die eine pathetischer, die andere resoluter, die dritte kontrollierter, die vierte mädchenhafter.

Das Böse herbeifantasieren

von Mirja Gabathuler

Basel, 11. Januar 2019. Pause. Auf der Frauentoilette des Theaters Basel wird Schlange gestanden. Kurz vor Klotür geraten zwei ältere Damen aneinander:

"Verzeihen Sie, aber Sie haben mich überholt."
"Aber ... Was bitte wollen Sie damit sagen?"
"Nichts. Nur, dass ich zuerst dran bin."
Irritierte Stille. Dann Lachen: "Tut mir leid. Ich bin ja bereits paranoid."

"Hexenjagd" heißt das Drama, das an diesem Abend offensichtlich auch in Toiletten-Querelen nachhallt. Arthur Miller hat sein bekanntes und oft aufgeführtes Stück 1953 veröffentlicht. Beschrieben werden darin die Hexenprozesse in der Kleinstadt Salem im Sommer 1692. Gemeint ist auch die Kommunistenverfolgung in der McCarthy-Ära der späten 1940er- und 1950er-Jahre, von der Miller selbst betroffen war.

Im Zukunftslabor

von Valeria Heintges

Zürich, 10. Januar 2019. Auf Videoprojektionen stehen nackte Avatare im Wasser, Menschen, die mumifiziert wirken. Dann zeigt sich die zersplitterte, eckige Bühne von Barbara Ehnes: zwei Dreiecke, hinten eine rechteckig-hohe Wand, die auch für Projektionen genutzt wird. Im Vordergrund eine kaum sichtbare Scheibe; mal dient sie als Videofläche, mal taucht sie das Geschehen dahinter in Schlieren und Unschärfen. Da erscheint im Video der Kopf von Inga Busch, mit hochartifizieller, weißer Kleopatra-Perücke, stechend geschminkten Augen, riesengroß. Sie ist Professor Anna Waldman, Wissenschaftlerin und Lehrerin von Viktor Frankenstein.