Botschaft ohne Knalleffekt

von Mirja Gabathuler

Zürich, 13. September 2018. Etwas nervös darf man sein. Denn die US-amerikanische Performerin Ann Liv Young taucht selten ohne das Präfix "Provokation" auf. In den letzten Jahren gehörte es unter anderem zu ihrem Programm, Zuschauerinnen und Zuschauer mit intimen Fragen zu löchern, sie zu beschimpfen, zu erschrecken, zu bekleckern, oder ihnen, wortwörtlich, Scheiße anzudrehen. Ihren Performances eilt entsprechend der Ruf voraus, Grenzen zu überschreiten, Geschmack und Gewohnheiten zu strapazieren. Mit "Antigone" hat sich Ann Liv Young erneut eine Frauenfigur aus dem kollektiven Mythen- und Märchen-Repertoire vorgeknöpft. Die Reihen füllen sich – die hinteren zuerst.

Von deutschen Bänken

von Frauke Adrians

Berlin, 13. September 2018. Sehr sinnfällig, dass dieses Stück laut Programmheft "im Rahmen der Exzellenz-Reihe gefördert durch die Deutsche Bank Stiftung" entstanden ist. Es geht nämlich um deutsche Bänke. Verschiedene davon hat Eva Veronica Born auf einer Drehscheibe in ihr Bühnenbild montiert: solche aus Holz und welche aus Kunststoff, solche, auf denen man liegen kann, und auch diese fiesen Hartschalensitzreihen, die eben gerade verhindern sollen, dass hier jemand Platte macht.

Springen statt Marschieren

von Elena Philipp

Berlin, 12. September 2018. Linie, Kreis, Spirale. Gehen, Springen, Fallen. Aus einfachen Bestandteilen baut Anne Teresa De Keersmaeker mit ihrer Compagnie Rosas seit 35 Jahren komplexe Choreographien. Bevorzugt transponiert die flämische Choreographin und Tänzerin In ihren Körper-Raum-Klang-Gebilden die Partituren klassischer oder zeitgenössischer Kompositionen in Bewegung. An der Volksbühne hat sich die flämische Choreographin jetzt, beauftragt noch von Chris Dercon und Marietta Piekenbrock, alle sechs "Brandenburgischen Konzerte" von Bach erschlossen, mit 16 Tänzer*innen und 20 Musiker*innen des B'Rock Orchestra unter der Leitung der Violinistin Amandine Beyer. Ein Großauftrag, der ihr Werk, wie es bislang in Berlin zu erleben war, in ein anderes Licht rückt.

Lasst sie den Prinzen auch noch spielen!

von Gabi Hift

Berlin, 8. September 2018. Sophie Rois und René Pollesch debütieren am Deutschen Theater Berlin. Wie wird das werden? Wird es zusammenpassen? Schon erklingt der "Einmarsch der Torreros", bekannt aus "Carmen" und "Tom und Jerry", aber es dauert noch gute zehn Minuten bis Sophie Rois mit dem Aufschrei "Oh mein Gott! Ich bin so müde!" auftritt und sich aufs Bett wirft.

Demokratie-Spiele

von Veronika Krenn

Wien, 8. September 2018. Opfer oder Täter, das ist hier die Frage. "Die Bosheit, die ihr mich lehrt, will ich ausüben", sagt Shylock. An andrer Stelle legt er nach: "Du nannt'st mich Hund, bevor du Grund dazu hattest, doch weil ich ein Hund bin, hüte dich vor meinen Fängen." Der Jude in William Shakespeares "Kaufmann von Venedig" ist eine Figur, die sich seit dem Jahr 1604 im Laufe der Interpretationsgeschichte radikal gewandelt hat: Vom grell maskierten Scheusal, das von seinem Schuldner ein Pfund Fleisch aus seinem Körper einfordert, bis zur NS-Zeit, wo die Figur einschlägig antisemitisch interpretiert wurde. Nach 1945 setzte langsam ein Umdenken ein und Shylock wurde als Opfer des an ihm verübten Unrechts gezeigt. Anna Badora setzt bei ihrer Interpretation des umstrittenen Klassikers auf eine demokratische Entscheidung.

Uns geht's noch schlechter als den Zombies

von Georg Kasch

Frankfurt am Main, 8. September 2018. Diese beiden Alten haben es faustdick hinter den Ohren. Stehen trüb rum mit grauen Gesichtern und fahlen Klamotten. Aber wenn es darum geht, die eigene Existenz zu feiern und gegen die gierigen Söhne zu verteidigen, drehen sie groß auf, spucken Gift im angedeuteten Blankvers. Wie die beiden mit ziemlichem Witz ein altes, eingespieltes Paar skizzieren – er hört nicht zu, sie pult ihm am Ohr herum –, wie Heidi Ecks das immer eine Spur weicher, mütterlicher hinbekommt als Peter Schröder, durch den ein Vatergott grollt, macht ihre Abwehrschlacht der Söhne unheimlich.

Bad Ass Medea

von Julika Bickel

Berlin, 8. September 2018. Medea ist ins kulturelle Gedächtnis vor allem als rachsüchtige Kindsmörderin eingegangen. Ungeachtet der zahllosen Ausleuchtungen und Neudeutungen, die Künstler*innen dem Mythos in den vergangenen Jahrhunderten gegeben haben. Es hält sich das Bild, das Euripides 431 v. Chr. zeichnete: die Furie, die ihre eigenen Kinder tötet. Vor ihm galt Medea als gefallene Göttin, die ihre Kinder sogar retten wollte. Das Berliner TAK Theater im Aufbau Haus hat sich dem Stoff in "Medea Rromnja“ aus einer vielversprechenden frischen Perspektive genähert, nämlich aus der feministischen Rroma-Perspektive.