Politisch verfolgt

von Dorothea Marcus

Köln, 29. Februar 2020. Viermal in seinem Leben wurde der Kölner Schriftsteller mit türkischen Wurzeln Doğan Akhanlı verhaftet, zuletzt 2017. Während er – seit 2001 deutscher Staatsbürger – sonst meist bei der Einreise an der türkischen Grenze abgefangen wurde, veranlasste die Türkei den letzten Zugriff auf ihn per Interpol. In seinem Hotel, mit seiner Lebensgefährtin auf Kurzurlaub im spanischen Granada, wurde er frühmorgens aus dem Bett geholt und wegen eines angeblichen Raubmordes vor vielen Jahren verhaftet. Fast drei Monate durfte er Spanien nicht verlassen. Weltweit erhob sich massiver Protest, seine Sache schaffte es auf die Titelseite der New York Times.

Die Rede nach dem Schuss

von Jan-Paul Koopmann

Hannover, 28. Februar 2020. Es ist dermaßen viel geschrieben worden über den beklemmenden Nicht-Charme der alten Bundesrepublik, dass man es schon gar nicht mehr sagen möchte. BRD Noir – Sie wissen schon – wo allen Angst und Bange vor Baader und Meinhof war. Wo das gräulich verkrampfte Machtzentrum mitten im Karnevalsland lag. Wo echte alte Nazis in Amtsstuben und Lehrerzimmern noch rauchen durften. Tja, und wo auch nicht alles schlecht war, weil es noch Adorno im Radio gab und abends manchmal noch ein doppelt in Alu gewickelter Klumpen "Kalte Schnauze" in der Durchreiche auf einen gewartet hat. Das ist die Welt von Bölls Heinrich Katharina Blum – die darin von den Boulevardmedien zugrunde gerichtet wird, weil sie einem Straftäter zur Flucht verholfen haben soll. In Hannovers Schauspielhaus treibt Stefan Pucher großen Aufwand, damit Katharina aus dieser Welt auch ja nicht rauskommt.

Ich pinkel' auf euren ehernen Kanon

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 28. Februar 2020. "Allerhalter, Allumfasser" heißt es in Goethes "Faust" nicht unpathetisch, und es wäre nicht Elfriede Jelinek, hätte sie die Wort- und Gedankenkette nicht fortgesponnen bis "Vorenthalter". Über ihr 2012 uraufgeführtes Stück "FaustIn and out" schrieb sie, sie sehe sich als "kläffender Hund, der die ehernen Blöcke männlichen Schaffens umkreist und ab und zu sein Bein hebt".

Und ewig grüßt die Königspuppe

von Gerhard Preußer

Bonn, 28. Februar 2020. Zwei Körper hat der König: einen privaten, natürlichen und einen staatlichen, politischen. Sterblich ist der eine, unsterblich der andere. So die Fiktion der Elisabethanischen Juristen. Dieses von Ernst Kantorowicz in der christlich-abendländischen Tradition nachgewiesene Gedankengebäude nimmt Luise Voigt für ihre Inszenierung von Shakespeares "König Lear" am Theater Bonn als Grundidee.

Normal, das sind die anderen

von Andrea Heinz

Wien, 27. Februar 2020. Florian Zellers Stücke haben durchaus das Zeug zu modernen Klassikern. Der Franzose erzählt davon, wie viel Elend, Hilflosigkeit und Verzweiflung zwischenmenschliche Beziehung mit sich bringen können – erst recht, wenn eigentlich alle sich lieben und nur das Beste wollen. "Der Vater", 2012 uraufgeführt und 2019 mit Anthony Hopkins verfilmt, erzählt von einem demenzkranken Mann und seiner Tochter. Das Wiener Theater in der Josefstadt brachte das Stück 2016 hoch gelobt mit Erwin Steinhauer auf die Bühne, nun fand dort in der Regie von Stephanie Mohr auch die Österreichische Erstaufführung von Zellers "Der Sohn" statt.

Ich kann dir was Line

von Martin Thomas Pesl

Wien, 27. Februar 2020. Es wirkt fast erfrischend, im Theater einen Text zu hören, in dem niemand die Welt retten will. Die Prä-Greta-Generation, der Wilke Weermanns "Angstbeißer" angehören, findet noch eher Amokflüge als Flugscham aufregend.

Zu krass für Google Translate

von Christian Rakow

Berlin, 26. Februar 2020. Zu den Klängen der Mundharmonika von "Spiel mir das Lied vom Tod" schleichen sie heran, im Western-Look, aber seltsam fremdgesteuert, ein wenig wie die Cyborgs im Freizeitpark der HBO-Serie "West World". Ihre Tänze ruckeln, wirken gezielt abgehackt, ähnlich dem Gockeln der Vögel. Und knapp drei Stunden später werden sie uns wieder verlassen, als Zombies, gefangen in Zeitlupenmassakern. Dazwischen aber, mein Gott, da waren sie irre lebendig.

Das Lied hat ein Ende

von Willibald Spatz

München, 23. Februar 2020. Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss? In Euripides' "Medea" ist die Titelheldin eine Frau, die mit ihren Entscheidungen und Handlungen die blödsinnige, von Männern etablierte Ordnung in Frage stellt. Sie zertrümmert sie sogar mit ihrer radikalen Schlusshandlung. Genau daran ist Regisseurin Karin Henkel interessiert. Bei ihr ist der Chor ein Mädchenchor, und an dem Punkt ihrer Inszenierung im Residenztheater, an dem Medeas Entschluss unumkehrbar ist, skandieren die Mädchen: "Das endlose Lied von der schwachen Frau hat nun ein Ende!"

Für "Horror" drücken Sie die Drei

von Grete Götze

Frankfurt, 22. Februar 2020. Bei Aischylos endet das 2500 Jahre alte Stück "Die Orestie" mit Freudenjubel, es ist die Geburtsstunde der europäischen Demokratie. Der Theateraktivist Milo Rau hat das antike Drama im vergangenen Jahr nach Mossul verlegt, die nordirakische Stadt, die 2014 von der Terrororganisation "Islamischer Staat" eingenommen und schließlich von den Alliierten befreit wurde. Bei Rau durften die irakischen Männer zum Schluss abstimmen, ob die Anhänger des IS, die ihre ganze Stadt zerstört hatten, begnadigt oder getötet werden sollen. Sie enthielten sich – ein Hoffnungsschimmer?

Herrschaft in der Hose

von Andrea Heinz

Wien, 22. Februar 2020. Soweit hat es das Burgtheater also schon gebracht, gut ein halbes Jahr, nachdem Martin Kušej übernommen hat: "Wer weiß, ob wir uns hier noch mal was anschauen", tönt da leicht herrenmenschig eine Stimme, noch bevor die Premiere überhaupt angefangen hat. "Das ist jetzt wirklich die allerletzte Chance." Nun ist das Theater natürlich kein Kind, und von schwarzer Pädagogik grundsätzlich abzuraten. Nur muss man leider sagen: Ein großer Wurf war die auf diese Drohung folgende Inszenierung von Sebastian Nübling wirklich nicht.

Erschöpfter Menschen Selbstentäußerung

von Falk Schreiber

Hamburg, 23. Februar 2020. Das Saallicht flackert. Mit großem Getöse hebt sich der Vorhang im Hamburger Schauspielhaus, es wird gehämmert, gesägt, geklopft, in einer Ecke sprüht eine Flex Funken, Nebel wallen. Viktor Bodo macht, was er besonders gut kann: Mummenschanz, Grand Guignol, Überwältigung. Voilà, Bodos zweite Hamburger Kafka-Inszenierung, nach der "Verwandlung"-Überschreibung Ich, das Ungeziefer vor fünf Jahren: "Das Schloss". Schon 2016 inszenierte Antú Romero Nunes den Stoff am benachbarten Thalia Theater als Besuch eines Reisenden in einem düsteren Dorf, wo ihm geballte Fremdenfeindlichkeit ins Gesicht gespuckt wird: Josef K. in Pegida-Land. Wenn dieselbe Vorlage in derselben Stadt in verhältnismäßig kurzer Zeit zweimal auf die Bühne kommt, dann will das gut begründet sein, dann braucht man einen ganz eigenen Zugriff.

Stoff oder Papier

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 22. Februar 2020. Sie kommt nicht aus einer anderen Gesellschaftsschicht, sondern gleich aus einer anderen Galaxie. Langsam senkt sich die Rakete und heraus stürmt Nora, so blond wie pink im Tüll-Kleidchen. Sie, die man in den 1970er Jahren in diesem Outfit vielleicht noch als Flittchen klassifiziert hätte, hätte damit in die Feminismus-Debatte gepasst wie Elfriede Jelineks 1977 geschriebenes, 1979 uraufgeführtes erstes Bühnenstück überhaupt: Selbst pessimistische Frauenbewegte dieser Ära haben sich damals nicht ausgemalt, wie schlecht Nora es in der Jelinek'schen Ibsen-Fortschreibung treffen würde. Wie schnell die eben noch scheinbar selbstbewusst ins eigene Leben aufbrechende Frau einknicken, sich als anpässlerische Gespielin wieder einklinken würde in die männerdominierte Gesellschaft.

Wo ist dieses Herz?

von Michael Wolf

Berlin, 21. Februar 2020. Es ist ein ungewöhnlicher Thalheimer-Abend. Kein Nebel, wenig Gebrüll, kaum Blut, die Bühne ist gut ausgeleuchtet. Der Stoff ist auch recht jung für einen Regisseur, der sich am liebsten an Klassikern abarbeitet. Hier, im Steinbruch des Kanons, legt er für gewöhnlich das Wesen des Menschen frei. Welches Stück er auch inszeniert, es geht bei ihm immer um das ganz große Drama der Existenz schlechthin. Bis jetzt. Denn in seiner neuen Arbeit am Berliner Ensemble wechselt Michael Thalheimer unverhofft ins politische Fach.

Mit Amüsement und Zugeneigtheit

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 21. Februar 2020. Es sind "goldene, schwüle Tage", von denen Eduard von Keyserling in seiner Erzählung "Am Südhang" berichtet. Die Hauptfigur Leutnant Karl Erdmann von West-Wallbaum kehrt darin für die Ferien auf das elterliche Gut zurück. Dort weilt auch die allseits angehimmelte Daniela von Bardow, eine geschiedene Frau, nach deren Zuneigung sich auch Karl Erdmann verzehrt. Die Erzählung begleitet die trägen Sommergäste durch ihren dekadenten Alltag, wobei es von Keyserling versteht, ihnen sachte ironisch nah zu kommen.

Du musst ein Stein sein in dieser Welt

von Jan Fischer

Hannover, 21. Februar 2020. Es ist ein Kuddelmuddel, das Kevin Rittberger zeigt. Es treten auf: Lianenartiges Seilgeflecht, das sich über die Bühne rankt. Eine Gruppe "Kompostisten" in verschiedensten Stufen der Irgendwas-Werdung, mittendrin Camille I bis V, Monarchschmetterlingin und Mensch. Ein sowjetisches Arbeiterparadies auf dem Mars. Alexander Bogdanov, proto-sowjetischer Naturwissenschaftler, Science-Fiction-Autor, Lenin-Freund und -gegner. Donna Haraway, postmodernistische Feminismus-Theoretikerin und Cyborg-Netzwerkerin.

Wie wir es gespielt haben, bleibt in der Luft

von Gerhard Preußer

Münster, 21. Februar 2020. Väter werfen Schatten, stehen im Licht und verdunkeln diejenigen, die nach ihnen kommen. Martin Heckmanns' Vater Jürgen Heckmanns hat als bildender Künstler Figuren gestaltet, giacomettiartige Papiermenschen, deren Schatten ebenso zu ihnen als Kunstwerk gehören, wie ihre aus vergänglicher Materie gestaltete Form. Martin Heckmanns hat nun ein Requiem geschrieben für seinen Vater, nicht nur für ihn, für alle deutschen Väter seiner Generation. Aus dem Schatten dieses im letzten Jahr gestorbenen Künstlervaters ist der Dramatiker Heckmanns längst herausgetreten, so kann er souverän mit ihm umgehen. Der autobiographische Kontext ist in dem nun in Münster uraufgeführten Text spürbar, aber nicht dominierend.

Der Schwejk-Komplex

von Willibald Spatz

Augsburg, 21. Februar 2020. Ein Abend über Schwejk auf einem Brechtfestival sollte besser scheitern, um zu gelingen. Denn Brecht selbst ist an Schwejk gescheitert. Brecht versuchte schon in der 1930er Jahren eine Dramatisierung des Romans von Jaroslav Hašek, wurde in den 1940er richtig unglücklich darüber und gab das Fragment bis zu seinem Tod nicht zur Uraufführung frei. Die passierte 1957 erst posthum in Warschau. Und die Kritiker verrissen sie damals enthusiastisch.

Balanceakte des Weiblichkeitsdiktats

Jens Fischer

Bremen, 20. Februar 2020. Alles auf Anfang: Wie schon bei "Nana ou est-ce que tu connais le bara?" vor einem Jahr tänzeln auch für die Fortsetzung der Doppelpass-geförderten Kooperation die typisierten Verkörperungen des Personals von Émile Zolas "Nana"-Roman auf die Bühne des Theaters Bremen, angepriesen erneut von Matthieu Svetchine, dem Conférencier und Live-Übersetzer der französischen, englischen und spanischen Äußerungen des Abends. Im Work-in-progress-Design verknüpft Regisseurin Monika Gintersdorfer gedankliche und körperliche Fundstücke aus den Probenarbeiten.

Schweiß und Tränen sind dasselbe

von Maximilian Pahl

Basel, 20. Februar 2020. Es gibt ein Video, von dessen Existenz ich erst neulich erfuhr. Dabei spiele ich darin die Hauptrolle. Unter Dutzenden anderer Clips aus meiner Kindheit schlummert es auf irgendeiner Video-8-Kassette. Die ganzen frühen 90er hindurch muss diese verdammte Kamera gelaufen sein, für mich Grund genug, um eine intrinsische Skepsis gegenüber dem Medium Video zu entwickeln. Das entstandene Archiv übt heute einen gewissen Druck auf mich aus, gerade weil es Bewegtbild ist und bei jeder Betrachtung eine neue Zeitlichkeit behauptet, anders als Fotos. 

Tragödie ohne Konsequenzen

von Sascha Westphal

Moers, 19. Februar 2020. Auf der Facebook-Seite des WDR 3 findet sich gegenwärtig eine Umfrage, die die Frage stellt: "Darf man ein Theaterstück über die Katastrophe machen?" Gemeint ist die Katastrophe, die sich am 24. Juli 2010 bei der Love Parade in Duisburg ereignete und 21 Menschenleben forderte. Außerdem wurden damals weit über 600 Besucher teils schwer verletzt.