Hinter den Spiegeln das Nichts

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 30. November 2018. Und dann kommt endlich doch ein Laut aus ihrem verschlossenen Mund: "I'll be your mirror", singt Elisabeth Vogler, "reflect what you are in case you don't know." Ich werde dein Spiegel sein, dir spiegeln, was du bist, falls du es nicht weißt. Im silbernen Abendkleid tanzt die schwedische Schauspielerin Karin Lithman ihre Spielpartnerin Corinna Harfouch an, als wolle sie sie von der Bühne werfen.

Totentanz als Turbotrip

von Katrin Ullmann

Lübeck, 30. November 2018. Aus den Karpaten kommt er, aus dem gar nicht so fernen Transsilvanien. Mit im Gepäck hat er Särge voller Erde. Und darin Ratten, die die Pest verbreiten. In einer Kleinstadt kauft er eine Ruine, saugt Menschenblut und ist selbst zum ewigen Leben als Untoter verdammt. Er, das ist Nosferatu. Die wohl bekannteste Vampirfigur nach Dracula. Und tatsächlich ist F.W. Murnaus "Nosferatu" die nicht autorisierte Filmadaption des Bram-Stoker-Geschöpfs. Die israelische, in Berlin lebende Autorin Sivan Ben Yishai hat die Geschichte des Blutsaugers jetzt in die Gegenwart geschrieben – mit "Die tonight, live forever oder Das Prinzip Nosferatu". Dass die Uraufführung des Stücks in Lübeck, einem der Hauptdrehorte des Murnau-Films aus dem Jahre 1922, stattfindet, ist Teil des Spiels: Schließlich entstand das Auftragswerk als Koproduktion zwischen dem Theater Lübeck mit den beiden Partnern Off-Theater Rampe und der Tanzkompanie backsteinhaus produktion in Stuttgart – und wurde vom Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes gefördert.

Ausstieg unmöglich

von Sascha Westphal

Essen, 30. November 2018. Die graue Hauswand, in die sieben, teils von Rollladen verdeckte Fenster eingelassen sind, weckt hier, in Essen und im Ruhrgebiet, sehr konkrete Assoziationen. Sie erinnert an die schmucklosen mehrstöckigen Mietshäuser, die in den 1950er Jahren in allen Städten des Ruhrgebiets auf den Trümmern des Krieges errichtet wurden. Meist stehen diese in die Jahre gekommenen Bauten in den nördlichen Innenstädten. In denen damals vor allem Arbeiter und kleine Angestellte lebten. Heute zeugen sie von prekären Lebensverhältnissen, der Kehrseite des Kapitalismus, den eine der Figuren aus Jonas Hassen Khemiris "≈ [ungefähr gleich]" aus gutem Grund von Innen heraus zerstören will.

Schrei nach Liebe

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 29. November 2018. Die tut doch nichts, die spricht doch nur. Diese Frau Grollfeuer am Akademietheater Wien. Die beißt doch nur aus einer Sehnsucht heraus: "Man hätte vielleicht nicht alles umbringen müssen, man hätte sich streicheln lassen können". Aber wie? Wenn alle anderen "Untermenschen" sind. Wenn alle anderen unter Plastik leben und Puppen sind.

Macbeth III – Jetzt erst recht

von Michael Wolf

Berlin, 29. November 2018. Dieser Theaterabend ist ein Wettstreit der Pessimisten. Drei Kontrahenten treten an, ein Menschenbild zu besudeln. Der erste Kandidat heißt William Shakespeare. In der Tragödie "Macbeth" erzählt er den blutigen Aufstieg eines treuen Soldaten zum tyrannischen König von Schottland. Das Stück dürfen wir mit Fug und Recht als eines der größten Gemetzel der europäischen Literaturgeschichte verbuchen. Dennoch gibt's Abzüge in der B-Wertung: Denn am Ende ist der Schurke tot und der rechtmäßige Thronerbe verspricht die Rückkehr zur Ordnung.

Scheitern als Technik

von Jan-Paul Koopmann

Bremen, 29. November 2018. "Dass der Hund hier alles vollkackt, das vergleichst du mit der Shoah?" Man kann die Entrüstung des ansonsten eher weniger sensiblen Opas Irv schon verstehen. Es ist ja wirklich eine Zumutung, wie Jonathan Safran Foers Roman "Here I Am" leichtfüßig den Massenmord am jüdischen Volk mit einem drohenden Untergang Israels vermengt – und beides zur Projektionsfläche degradiert für die herzerweichende Trennungsgeschichte eines US-amerikanischen jüdischen Pärchens irgendwo Anfang der 40. Diese Spiegelung hat Felix Rothenhäuslers Inszenierung sehr genau verstanden. Sie beleuchtet die Beziehungen zwischen diesen und jenen überhaupt bis ins Mark: zwischen Vater, Mutter und Kind, Volk und Religion, Israel und Diaspora, Chef und Sekretärin. Nur wer die Menschen in diesen Konstellationen eigentlich sind, ist dem Stück auf frappierende Weise egal.