Woher kommt der Hass?

von Matthias Schmidt

Dessau, 11. September 2021.  Das Erste, was auf der riesigen Dessauer Bühne zu hören ist, sind Zeilen von Wolf Biermann: Du, lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit. Das Letzte, was zu hören sein wird, ist wieder dieses Biermann-Lied. Das vor zu viel Hass warnt, vor Verbitterung, und für mehr Heiterkeit wirbt. Man kann das, falls man im Theater danach sucht, als die Botschaft der Inszenierung von Milan Peschel begreifen.

Neues Denken gegen alte Theorie

von Gerhard Preußer

Bonn, 11. September 2021. Wenn es darauf ankömmt, die Welt zu verändern, muss man sie erstmal neu denken. Maja Göpel ist Transformationsforscherin, also Expertin für Weltveränderung. Ihr Angriffsziel ist die einflussreichste Denkrichtung der Gegenwart: die neoklassische Wirtschaftstheorie. Aber Theoriekritik ist als Veränderungshebel unwirksam, solange es beim Disput der Experten bleibt. Popularisierung und Vermittlung sind entscheidend. Deshalb hat Maja Göbel nach ihrem wissenschaftlichen Werk "The Great Mindshift" einen Bestseller geschrieben: "Unsere Welt neu denken", eines der erfolgreichsten Sachbücher des letzten Jahres. Und folgerichtig landet das Buch auch im Theater wie schon Yuval Hararis Kurze Geschichte der Menschheit. Gute Argumente muss man überall verbreiten, aber mit welchen Mitteln?

Tuntschi 2.0

von Andreas Klaeui

Bern, 10. September 2021. Das "Sennentuntschi" ist eine der grauslicheren Sagen aus dem Alpenraum. Einsame Bergsennen basteln sich in der sexuellen Not eine Frauenpuppe aus Holz und allem, was halt da ist, Stroh, Weinflaschen, Menschenhaar, und animieren sie. Sie setzen sie zu sich an den Tisch, füttern sie, treiben ihre derben Späße mit ihr, haben Sex mit ihr. Vor dem Alpabzug soll sie entsorgt werden, aber da kommt die Stunde der Vergeltung: Die Puppe erwacht wirklich zum Leben und rächt sich. Sie zieht einem Sennen die Haut ab und spannt sie vor der Alphütte auf.

Last Woman Standing

von Falk Schreiber

Bremen, 10. September 2021. Nach einer knappen Stunde "Marquise von O." fragt Judith Goldberg, ob man vielleicht vorspulen wolle. Dann schmeichelt sich mit Dieses Mädchen von der Hamburger Band Die Heiterkeit ein geschmackssicher ausgewählter Popsong in die Inszenierung: "Dieses Mädchen bin ich / mit einem anderen Gesicht / mit einem anderen Namen / und mit anderen Haaren." Und auf der Hinterbühne geht es zur Sache. Jemand wird abgeschlachtet, zu melancholischem Indiepop.

Gestrandet in der Teflon-Welt

von Matthias Schmidt

Weimar, 9. September 2021. Flüchtende, die ihre Abreise herbeisehnen. Die wissen, dass sie vielleicht bald nicht mehr möglich sein wird. Die sich verzweifelt um ein Visum bemühen. Die Angehörige suchen, nicht wissend, ob diese noch am Leben sind oder bereits dem Krieg zum Opfer gefallen. – Wie inszeniert man einen Roman, dessen Handlung täglich in den Nachrichten vorkommt, quasi in Echtzeit?

"Deutsche Helden töten selber"

von Georg Kasch

Guben, 9. September 2021. Was macht der Tesla auf der Bühne? Ist natürlich kein echter, trotz Lebensgröße. Aufgeblasen steht er rum, bis Brünnhilde die Luft ablässt. Zuvor aber skandieren die Spieler "Autos statt Wälder" und singen ein Loblied auf das Lithium und auf Elon Musk, der gar nicht so weit weg von hier gerade seine "Gigafabrik" baut.

Monster ohne Geheimnis

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 9. September 2021. Am Ende wird’s apokalyptisch. Der olle Jabe Torrance, von Thomas Wittmann in bester Splatter-Movie-Manier mit blutunterlaufenen Augen als Erzschurke auf die Bretter gestellt, hat, obwohl todkrank, spitzgekriegt, dass seine Frau mit dem dahergelaufenen Nichtsnutz Valentine Xavier ins Bett geht; er knallt sie ab, wirft dem verdutzten Val die Knarre hin, simuliert einen Raubüberfall; die Polizei gibt auch dem Liebhaber den Rest. Und als wäre es mit dieser Ballerei nicht genug, lässt Regisseur David Bösch die einsame, tapfere Carol Cutrere sich selbst die Kugel geben. Die Guten sind tot, die Bösen gehen einen trinken – so sieht’s aus.

Hand in Hand im Hafermilchland

von Stephanie Drees

Berlin, 4. September 2021. Zeit für das "Geteilte", das "Wir". Zumindest eine Form des "Wir". Zeit im künstlerischen Möglichkeitsraum, in dem vermeintliche Gewissheiten und Besserwissereien von der Kraft des Konjunktivs übertrumpft werden. All das kann Theater sein, wenn man dem Schriftsteller, Dramatiker, Regisseur und Dramaturgen Lukas Bärfuss glaubt. Und klar: Man möchte ihm glauben, nicht nur aufgrund der Emphase in Schweizer Singsang, mit der er seine Eröffnungsrede der Langen Nacht der Autor:innen am Deutschen Theater ausstattet, sondern auch, weil das Dramatiker:innen-Festival wacker durchgehalten hat. Selbst letztes Jahr gab es eine Ausgabe der "Autor:innentheatertage", leicht verwundet von der Pandemie (eine Uraufführung musste kurzfristig abgesagt werden), aber eben keine Absage. 

Auf Irrwegen

von Frank Kurzhals

Hamburg, 4. September 2021. Kann Schönheit die Welt retten? Und ist Wahrhaftigkeit eine akzeptable Form von Schönheit, die auch in Form von unverbildeter Naivität daherkommen kann? Die einer verrohenden und nur noch auf Geld als universelles Tauschmittel ausgerichteten Gesellschaft einen Spiegel vorhalten kann, ihr zeigt, wie unmenschlich sie geworden ist, dass Liebe und Zuneigung nicht käuflich sind?

Vom Eisbären verzehrt

von Frauke Adrians

Berlin, 4. September 2021. Regisseurin Katie Mitchell konnte nicht zur Premiere kommen: Sie hat Corona. Das rief dem Publikum das andere große Thema in Erinnerung. Das eine, noch größere Thema spielt die Hauptrolle in Chris Bushs neuem Drama: die Klimakatastrophe. Das Stück der jungen britischen Dramatikerin lässt seinen galligen Humor schon im Titel aufscheinen. Weltuntergang? Vielleicht nicht. Aber was von der Welt übrigbleibt, wenn die Temperaturen weiter so steigen, ist auch nicht unbedingt erfreulich.

Im Schweinsgalopp in die Postmoderne

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 4. September 2021. Einmal im Vierteljahrhundert sollte man's als Regisseur vielleicht ja doch mit Elfriede Jelinek versuchen. So jedenfalls hat's Frank Castorf gehalten. 1995 "Raststätte oder Sie machen's alle" in Hamburg, jetzt "Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!" im Akademietheater. Und weil Österreich ja zwei Höchstgeehrte anzubieten hat, ist in Wien jetzt gleich ein Castorf-Doppel in Sachen Literaturnobelpreisträger angesagt: Peter Handkes "Zdenek Adamec" kommt am 18. September im Burgtheater heraus.

Spiel ist Ventil

von Georg Kasch

Cottbus, 4. September 2021. Die Frage, was Theater zu erzählen vermag, ist vermutlich so alt wie das Theater selbst. Auch, ob es, dessen Voraussetzung ja die Fiktion ist, also die Lüge, überhaupt der richtige Ort ist, um so etwas wie Wahrheit zu verhandeln. Am Staatstheater Cottbus wagen es Regisseur Antonio Latella und Autor Federico Bellini dennoch. Und zwar in zwei Stücken, die nach Superhelden benannt sind, in denen aber die großen Fragen des Lebens und des Theaters gestellt werden: Was ist Wahrheit? Was ist Gerechtigkeit? Und besitzt das Theater die richtigen Mittel, sie zu verhandeln?

Empowerment als Selbstbehauptung

von Christian Rakow

Berlin, 1. September 2021. Es ist an der Zeit, eine Rose zu werfen. Für Cordelia Wege. Jede Generation hat vielleicht nur ein knappes Dutzend Spieler:innen, denen man getrost jede noch so große Bühne überlassen kann und sie setzen sie unter Hochspannung. Alles verdichtet sich, rückt näher, gewinnt Tiefe, birgt Unruhe, zerwühlt die Nerven, umfließt die Sinne, kommt als Wispern an die Ohrmuschel und entschwebt hoch über den Köpfen.