Die Kreuzigung der bärtigen Jungfrau

von Anna R. Burzyńska

Krakau, September 2008. Wie in Deutschland, gleichen Theaterlaufbahnen auch in Polen dem Erklimmen einer Leiter. Die Sprossenfolge markiert eine historisch gewachsene Theaterhierarchie, an deren Spitze Warschau mit dem Teatr Narodowy und an zweiter Stelle Krakau mit dem Stary Teatr, das heißt die ältesten, noch vor dem Verlust der Eigenstaatlichkeit im 18. Jahrhundert gegründeten Bühnen Polens stehen. Dahinter rangieren mit Wrocław, Poznań, Gdańsk, Łódź und Szczecin Regionalzentren, deren Theater im 19. Jahrhundert als deutsch- oder russischsprachige Bühnen entstanden. Und dann folgt der große Rest, die sogenannte Provinz, wo die Theater meist erst im sozialistischen Polen gegründet wurden.

Vom Aufladen der Denkbatterie

von Szymon Wróblewski

Krakau, Juni 2008. In Lexika der polnischen Sprache wird das Wort "Dramaturg" als Synonym für "Dramatiker" geführt, und auch Theaterexperten machen oft keinen Unterschied zwischen den beiden Begriffen. Das entspricht den Verhältnissen im polnischen Theater, das bis vor kurzem die Position des Dramaturgen nicht kannte. Es gab und gibt zwar den Posten des Literarischen Leiters, der für die Textauswahl zuständig ist und bei der Erarbeitung von Inszenierungen assistiert. Ein Charakteristikum des polnischen Theaters, auch was die Auswahl und Bearbeitung von Texten angeht, ist aber bis heute die weitgehende Autonomie des Regisseurs.

Welches Theater kommt nach den Zwillingen?

von Roman Pawłowski

Warszawa, Februar 2008. Als Mitte des letzten Jahres der junge Regisseur Jan Klata am Teatr Rozmaitości Warszawa mit den Proben zu Stanisław Ignacy Witkiewiczs "Schustern" begann, konnte niemand damit rechnen, dass die seit 2005 amtierende rechtsnationale Regierungskoalition nur noch wenige Monate an der Macht sein würde.

Einübung in die Gegenwart

von Dirk Pilz

Wrocław, Oktober 2007. Zwischen den Zuschauern liegt ein schwitzender Mann. Er hat sich von der Decke heruntergestürzt, während die Mitspieler weiter ihre Satzfetzen in Mikros hecheln, durch den Raum stürmen und jede Szene zum Anlass eines schrillen Anti-Theaters nehmen. Zehn Darsteller, die das diebische Vergnügen an der Auflösung jeglicher Handlungsordnung treibt. Einerseits.