Kopftheater aus der App

von Christian Rakow

2. Juli 2020. Die erste Erscheinung des Neuen ist der Schrecken. Auch im interaktiven Netztheater. Als Christopher Rüping seine experimentierfreudige Web-Serie "Dekalog" am Schauspielhaus Zürich startete, da haperte es technisch noch an allen Enden. Der Sprecherton des Solisten Thomas Wodianka kam mit Sekunden Verzögerung an, verhinderte den Schauspielgenuss. Und das Publikum im begleitenden Chat zeigte entsprechend Zähne und schüttete wonnig seine Häme aus. Für die folgenden Teile schalteten die Zürcher*innen den Chat zur Aufführung ab, das Publikum durfte fürderhin als anonymer Massenmensch am Geschehen teilhaben, mit den für die Serie charakteristischen Ted-Abstimmungen über den Verlauf der Geschichte.

Landestrauer

von Alfred Kerr

Berlin, 11. August 1901. Die zweite Kaiserin des neuen Reiches ist in das unentdeckte Land gezogen, aus des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt. Berlin steht im Eindruck dieses schmerzlichen Vorgangs. Die Verstorbene hat eine gesonderte Stellung eingenommen, was das innere Verhältnis der Nation zu ihr betrifft. Ihr gegenüber waren die Gefühle nicht alltäglich: sie hatte besonders glühende Verehrer, und es gab andererseits Leute, die sie mit Nachdruck befehdeten. Aber beides, die große Zuneigung und die stille Abneigung, floss zuletzt ineinander in einziges Gefühl der Ehrfurcht vor den tiefen Schmerzen, die sie erfahren. Da wurden alle einig. Sie war die Kaiserin der Schmerzen.

Das Gesprächsprotokoll entstand im Rahmen des Überblickstextes: Zur Lage der deutschsprachigen Schauspielschulen unter den Corona-Schutzverordnungen.

 

Online ist wie eine Schnapspraline

von Holger Zebu Kluth

22. Juni 2020. Wir beginnen jetzt langsam wieder, die Hochschule zu öffnen für den Unterrichtsbetrieb. Für den dritten Jahrgang der Schauspielstudierenden, die aufs Abschlussvorsprechen hinarbeiten, ist es am dringlichsten, wieder in die praktische Arbeit reinzukommen.

Das Gesprächsprotokoll entstand im Rahmen des Überblickstextes: Zur Lage der deutschsprachigen Schauspielschulen unter den Corona-Schutzverordnungen

 

Hört die Studierenden!

von Lorenz Nolting

24. Juni 2020. Zunächst hat die Theaterakademie den Betrieb eingestellt. Aber bald kam aus der Politik die Ansage: "Es darf kein Nullsemester geben." Nullsemester, dieses Wort war mir neu. "Es darf kein Nullsemester geben" bedeutet: Die Studierenden müssen die im Lehrplan vorgesehenen Leistungen trotz Corona erbringen. Einerseits wurden also Unterrichte auf Zoom verlagert, das funktioniert für Theorieseminare, aber nicht für Schauspielunterricht oder Proben. Deshalb wurden andererseits Projekte unter Corona-Bedingungen in den Sommer verschoben.

Kein Klavier für Studierende

Ab Juni/Juli werden wir an meiner Schule zum Beispiel wieder Proben mit ein bis zwei Personen abhalten. Unter uns Studierenden herrscht derzeit bezüglich der Probenarbeit eine große Unsicherheit: Was passiert zum Beispiel, wenn jemand sich eine Woche vor der Premiere ansteckt? Wohin wird die Premiere dann verschoben, wenn es schon jetzt einen gravierenden Raummangel gibt?

Lucia Kotikova 280 Carsten Kalaschnikow uLucia Kotikova © Carsten KalaschnikowLucia Kotikova, Schauspielstudierende an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, im Studiojahr 19/20 am Schauspiel Hannover und beim Jungen Ensemble Netzwerk die Hauptverantwortliche für PR, beschreibt die Situation so:

"Keine Pausen- oder Aufenthaltsräume, um Begegnungen zu vermeiden. Alle Proben müssen mindestens 24 Stunden vorher angemeldet werden. Jahrgänge müssen getrennt und verteilt auf die Woche werden. Schließfächer ausgebaut und eingelagert. Studios müssen nach jeder Nutzung gelüftet werden. Keine Benutzung von Instrumenten für Studierende*, da zum Beispiel Klaviere nicht einfach desinfiziert werden können. Die Bühne wurde zur Garderobe, um Abstandsregeln möglich zu machen. Gesang- und Sprechunterricht zwischen Plexiglasscheiben, die nach jeder Einheit gereinigt werden müssen, falls anwesend von extra Personal* oder von den Lehrenden* selbst. Zahlreiche Desinfektionsspender wurden angebracht."

Unsicherheit

Die Schulen sind ja nicht so gut ausgestattet wie ein Stadt- oder Staatstheater. Die Probebühnen sind kleiner. Es proben zudem immer Produktionen parallel. Die Vorgaben, die schon die Runde gemacht haben, wären bei uns noch schwieriger umzusetzen. Die Unsicherheit wird auch noch größer dadurch, dass der Austausch zur Zeit erschwert ist. Aber übers Junge Ensemble-Netzwerk und auf die Initiative einiger Hochschulen hin haben wir uns seit Mitte April verstärkt vernetzt und gegenseitig erzählt, wie es an unseren Schulen läuft. Die Situation scheint überall recht ähnlich zu sein, wenn auch die Bildungsbehörden je nach Bundesland unterschiedlich viel Druck ausüben. In Hamburg, wo ich studiere, will die Bildungsbehörde ein Nullsemester mit allen Mitteln und auf Kosten der Student*innen verhindern. Zinnslose Kredite werden als Hilfe verkauft, obwohl das den finanziellen Druck auf uns nur in die Zukunft verlagert, wenn wir diese zurückzahlen müssen.

Das Hauptproblem für die Abschluss-Jahrgänge ist, dass das kleine Fenster der Sichtbarkeit wegfällt, das wir mit unseren öffentlichen Abschlussarbeiten normalerweise haben. Regieprojekte finden, wenn überhaupt, nur unter sehr erschwerten Probenbedingungen statt. Wir haben somit gar keine Gelegenheiten mehr, außerhalb des eigenen Schulkontexts sichtbar zu werden. Eigentlich offenbart die Corona-Krise aber hier vor allem strukturelle Probleme, die es an den Theaterschulen schon vorher gab: Es gibt zuwenig Austausch und zuwenig Öffentlichkeit für die Studierenden. Und auf den Abschlussarbeiten liegt wahnsinnig viel Druck, denn hier entscheidet sich, ob und wie man den Beruf überhaupt ausführen kann.

Mehr als Notlösungen

Die Reaktion der Schulen in dieser Situation macht nicht viel Hoffnung, dass die Krise eine Chance sein könnte, an diesen Strukturen etwas zu verändern. Im Gegenteil: Der Schaden soll begrenzt werden. Das scheint vielen Schulen unter dem Druck von oben derzeit wichtiger zu sein als den besten Weg zu finden, mit ihren Studierenden zu arbeiten. Es wird permanent auf Sicht gefahren, statt mit uns gemeinsam nach langfristigen Lösungen zu suchen. So wird uns zum Beispiel solange beteuert, dass unsere Abschlüsse sicher sind, bis auch dem letzten klar ist, dass das so nicht stimmen kann. Aber die Corona-Bedingungen könnten uns ja noch länger begleiten, also müssen mehr als Notlösungen gefunden werden.

Lorenz Nolting 560 Jonas Bielenberg uLorenz Nolting © Jonas BielenbergEs gibt aber auch Positivbeispiele. Leonard Wilhelm, Schauspielstudent an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig , berichtet:

"Mitte April bekamen wir die Möglichkeit unsere individuellen Wünsche und Forderungen an die Ausbildung unter diesen besonderen Umständen zu formulieren. Ein paar Wochen später stellte uns das Institut die Optionen vor, die es für umsetzbar hielt. Dann haben wir über mehrere Wochen in unseren Jahrgängen die Möglichkeiten diskutiert und uns immer wieder mit den Dozierenden ausgetauscht, bis wir uns schließlich mit einer großen Mehrheit in allen Jahrgängen für ein doppeltes Kreativsemester entschieden haben.

Das heißt, dass das begonnene Sommersemester 2020 nicht angerechnet wird bzw. nur die noch umsetzbaren Veranstaltungen (Theorieunterrichte und Kurse, die wir vor Corona absolviert haben) und wir erst im März 2021 wieder dort weitermachen, wo wir dieses Jahr aufgehört haben. In der Zwischenzeit können wir machen was wir wollen, erhalten jedoch den Studentenstatus. Außerdem bietet die Hochschule an, nach Absprache mit den Dozierenden, Einzelunterrichte (Sprechen etc.) in Anspruch zu nehmen oder an freiwilligen Bewegungsunterrichten im Park teilzunehmen. Alles ist freiwillig.

Unser Abschluss wurde um ein Jahr verlängert und trotzdem bleiben wir in der Regelstudienzeit.
Schauspielunterricht per Zoom fand für uns durchgängig nicht statt. Sprechunterricht nach Absprache per Zoom oder im Park. Aus eigener Initiative haben wir die Zeit jedoch auch für Ensemble-Projekte genutzt, wie eine eigene Radiosendung. Ich bin total zufrieden mit unserer Entscheidung und bin dankbar für den kreativen Freiraum, der sich uns eröffnet hat."

An der Hannoveraner Schauspielschule steht es jeder*m Studierenden frei, über eine mögliche Studienzeitverlängerung oder einen späteren Termin des Absolvent*innenvorsprechens zu entscheiden. Ein Doppeljahrgang ist allerdings an manchen Schulen gar nicht möglich, da es zu wenig Lehrpersonal* gibt. Dort fällt die Option einer Wiederholung des Studienjahres oder eines späteren Abschlussvorsprechens also aus. Die Lehrenden* der HMTM Hannover bemühen sich auf alle Fälle den Absolventinnen einen Abschluss 2021 zu ermöglichen und berücksichtigen dabei die aktuelle Situation in der Bewertung.

Neue Formate

Auch mit Raumknappheit muss umgegangen werden: Eine Regiestudent*in der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg berichtete mir, dass dort bereits bestehende Kooperationen zu Theatern in der Umgebung genutzt werden, um einige Abschlussarbeiten von der Hochschulbühne in diese zu verlegen. So ist trotz Corona genug Platz für alle Jahrgänge. Der Akademie scheint es also vor allem wichtig zu sein, für ihre Studierenden gute und sichere Umstände zu schaffen. Das finde ich super. In Ludwigsburg wurde auch schnell reagiert, indem die Schule Equipment und geeignetes Lehrpersonal organisierte und die Studierenden einlud, mit Online-Formaten zu experimentieren.

Normal ist es an anderen Schulen eher, dass diese neuen Formate als Notlösungen für nicht mehr aufführbare Stücke oder Projekte herhalten müssen, anstatt den Raum zu öffnen, das als zusätzliche Erfahrung auszuprobieren.

Unter den Studierenden gibt es eine große Lust, sich Corona-taugliche Formate auszudenken und kreativ zu werden. Alle arbeiten wie blöde. Ich entwickle gerade ein Straßentheaterformat, bei dem zwei Schauspieler*innen auf einem Autodach spielen. Viele meiner Kommiliton*innen basteln auch selbständig an neuen Formaten, um über die gestreamte Trauerarbeit hinauszugehen. Aber: Wir studieren Theater, nicht Film. Wir wollen also trotzdem auch die Möglichkeit haben, Theater zu inszenieren. Zusammen in einem Raum. Ich hoffe und vertraue darauf, dass die Schulen das wieder möglich machen, unsere Einwände und Vorschläge mehr als bisher anhören und in ihre Pläne mit einbeziehen.


(aufgezeichnet von Sophie Diesselhorst)

 

Lorenz Nolting, hat an der Folkwang UdK Schauspiel studiert, das Junge Ensemblenetzwerk mitgegründet und studiert jetzt Regie an der Hamburger Theaterakademie.

Theater träumen

von Sophie Diesselhorst, Elena Philipp und Christian Rakow

24. Juni 2020. Am Tag der Konzeptionsprobe für ihre Abschlussarbeit erreichte die Studierenden der Münchner Theaterakademie "August Everding" die Hiobsbotschaft. Der Proben- und Unterrichtsbetrieb an der Schule wurde eingestellt, der Corona-Schutz hatte übernommen, an Spielbetrieb und eben an die finale Produktion des Abschlussjahrgangs war nicht zu denken.

Was folgte, war ein logistischer Kraftakt. Unter der Regie von Marcel Kohler zogen die Studierenden ins Internet um, probten isoliert von zuhause aus, vermittelt über Konferenz-Apps. Und sie schufen ein Feuerwerk von einer Online-Produktion: "Wir sind noch einmal davongekommen" nach dem Drama von Thornton Wilder, in einer Rasanz und Spielfreude, die sich irgendwo zwischen Commedia dell'arte und Herbert Fritsch bewegt (mehr dazu in unserem Überblickstext über Zoom-Ästhetik).

Ist das ein Beispiel, das Schule machen kann? Oder doch eine Notlösung? Wie verläuft die Arbeit an den Schauspielschulen in Zeiten, da Corona-Schutzverordnungen die Spielräume vorprägen? Wie schätzen Studierende und Lehrende die Ausbildungslage unter Prämissen der physischen Distanzierung ein?

 

Lesen Sie hier unsere Gespräche in der Vollversion:
Holger Zebu Kluth (Rektor der Schauspielschule "Ernst Busch" in Berlin)
Maria Happel (Burgtheaterschauspielerin und Leiterin des Max Reinhardt Seminars Wien)
Lorenz Nolting (Regie-Studierender an der Hamburger Theaterakademie und Mitgründer des Jungen Ensemblenetzwerks)
Frank Schubert (Professor an der Hochschule der Künste Bern)

 

"Eine Schauspielausbildung lässt sich nicht ernsthaft online bewerkstelligen. Das Vor-der-Kamera-Spielen holt das Schauspiel aus dem Körper raus in den Kopf, wo wir normalerweise das Gegenteil machen. Da ist der Online-Unterricht also fast kontraproduktiv", sagt Holger Zebu Kluth (Rektor der Schauspielschule "Ernst Busch" in Berlin). "Grundlagenausbildung" sei auch "Ausbildung der Ensemblefähigkeit", schreibt uns Frank Schubert von der Hochschule der Künste Bern per Mail und schickt ein Fragezeichen hinterher: "Eine Grundlagenausbildung ohne Berührung und körperlichen Kontakt?"

Für Maria Happel, Burgtheaterschauspielerin und Neu-Rektorin des Wiener "Max Reinhardt Seminars", stellt sich die Frage, wie "eine andere Form von Berührung" möglich wird. Theater bedeute, dass "man den Raum für die Träume öffnet", sagt sie im Interview. "Wir können uns einen leeren Raum einrichten. Das macht unsere Zunft aus. Das kann man auch gemeinsam tun, wenn jeder woanders sitzt."

Lorenz Nolting, Regiestudierender und Mitgründer des Jungen Ensemblenetzwerks, berichtet, dass "neue Formate" an vielen Schulen "als Notlösungen für nicht mehr aufführbare Stücke oder Projekte herhalten müssen"; dabei sei der Impuls groß, mit eigenen, originär für die Corona-Situation geschaffenen Produktionen "über die gestreamte Trauerarbeit hinauszugehen".

Gesprächspartner*innen

Hier zeichnet sich die Spannbreite in der Ausbildungsfrage ab: Wie viel Miteinander ist aus der räumlichen Distanz zu gewinnen? Und welche Konkretheit von Erfahrung? Entstehen Ensemblegefühl und Ensemblefähigkeit auch aus der fantasiebegabten Überbrückung von Distanzen? Worauf kann man in der Krise zurückgreifen, wenn man doch gerade erst dabei war, sich basale Spiel- und Kontakterfahrungen anzueignen? Und wie gehen die Schulen auf die Eigeninitiative von Studierenden ein?

Kreativer Freiraum

Für die Schauspielstudierenden ist mit Corona eine Zeit der Unsicherheit angebrochen, berichtet Lorenz Nolting, der sich an der Essener Folkwangschule zum Schauspieler ausbildete und inzwischen an der Hamburger Theaterakademie Regie studiert. Als Mitgründer des Jungen Ensemblenetzwerks steht Nolting im Kontakt mit Studierenden unterschiedlicher Hochschulen. "In Hamburg, wo ich studiere, will die Bildungsbehörde ein Nullsemester mit allen Mitteln und auf Kosten der Student*innen verhindern", sagt er. Anderswo haben die Schulen mehr Spielraum. In Leipzig etwa sei den Studierenden ein "doppeltes Kreativsemester" eingeräumt worden; der hier entstehende Freiraum werde für freiwilligen Sprech- und Bewegungsunterricht im Park oder für "Ensemble-Projekte" wie "eine eigene Radiosendung" genutzt.

PalaisCumberaland MaxReinhardtSeminar 560 Petra Gruber uDas Palais Cumberland, Sitz des Wiener Max Reinhardt Seminars © Petra Gruber

Freisemester (Nullsemester) bedeuten einen Zuwachs an kreativem Freiraum. Institutionell haben sie ihre Tücken. Werden sie den aktuellen Jahrgängen eingeräumt, entstehen Doppeljahrgänge, worauf viele Hochschulen nicht vorbereitet sind. Die Ressourcen an Lehrpersonal und Probenräumen sind auch ohne die Corona-Regelungen, die die Verteilungsschlüssel massiv verändern, stark beansprucht. Maria Happel kündigt für das Max Reinhardt Seminar bereits an, den kommenden Jahrgang an Schauspielanfänger*innen klein zu halten.

Wenig Sichtbarkeit

"Das Hauptproblem für die Abschluss-Jahrgänge ist, dass das kleine Fenster der Sichtbarkeit wegfällt, das wir mit unseren öffentlichen Abschlussarbeiten normalerweise haben", sagt Nolting. Man habe "gar keine Gelegenheiten mehr, außerhalb des eigenen Schulkontexts sichtbar zu werden. Eigentlich offenbart die Corona-Krise aber hier vor allem strukturelle Probleme, die es an den Theaterschulen schon vorher gab: Es gibt zu wenig Austausch und zu wenig Öffentlichkeit für die Studierenden. Und auf den Abschlussarbeiten liegt wahnsinnig viel Druck, denn hier entscheidet sich, ob und wie man den Beruf überhaupt ausführen kann."

Man müsse der Angst der Studierenden begegnen, ein "verlorener Jahrgang“ zu werden, sagt Holger Zebu Kluth von der "Ernst Busch". Dass dafür eine "Beteiligung der Studierenden an der Gestaltung der Rahmenbedingungen des Ausnahmezustands", sinnvoll sei, bezweifelt er allerdings. Auch wenn diese in der Krise "politische engagierter als vorher" aufträten: Die Corona-Regeln seien "ja nicht wirklich diskutierbar".

Mendelssohn Saale der HfMT Hamburg 560 Torsten Kollmer uDer "Mendelssohn Saal" der Hochschule für Musik und Theater Hamburg © Torsten Kollmer

Die Corona-Regeln bedeuten in der Probenpraxis: "1 ½ Meter Abstand zu jedem Zeitpunkt, fürs Spielen rechnen wir 20 Quadratmeter pro Person" (Kluth). Jahrgänge kommen in getrennten Wochen in die Räume; es gelte: "Keine Benutzung von Instrumenten für Studierende*, da Klaviere nicht einfach desinfiziert werden können", wie Lucia Kotikova (Kollegin von Lorenz Nolting im Jungen Ensemblenetzwerk) aus Hannover berichtet.

In Bern gibt es "Plexiglas zwischen uns" und "maximal fünf Personen (4 Studierende) in einem grossen Raum"; es finden "keine Präsentationen statt. Das wird alles aufgezeichnet und über Bildschirm beurteilt. Auch die Prüfungsarbeiten" (Schubert). Am Max Reinhardt Seminar finden "Ensembleunterricht oder Körperunterricht" im Garten statt, für Akrobatikunterricht wurden Einzelparcours eingerichtet. "Eine der ersten Maßnahmen war, eine Bühne in den Park bauen zu lassen. Damit schaffen wir Freiraum." (Happel).

Die Phantasie wird gewinnen

Welche ästhetische Ausrichtung kann unter solchen Raumbedingungen entstehen? Steuern wir auf ein Theater wie im historischen Sprechtheater à la française zu: mit Spieler*innen, die auf Abstand einander die Schulter zeigen und ihren hohen Ton frontal ans Publikum versenden? Oder sich still per Mikroport adressieren? Ein Theater der Konstellationen, weniger eines der haptischen Interaktion? "Sprache bewegt", sagt Frank Schubert. "Nun wird wahrscheinlich die sprachliche Ausbildung gewinnen." Und: "Die Phantasie wird gewinnen, und es wird einfach ganz andere Ideen geben."

"Ich bin sehr gespannt, ob es viele Aufführungen mit Commedia dell'arte-Masken oder antiken Masken geben wird, damit die Masken nicht auffallen", sagt Maria Happel. "Wir wollen alle nicht nur Zwei-Personen-Stücke oder an der Rampe spielen. Wie geht man damit um? Die digitale Form hat uns auf neue Wege gebracht. Vielleicht geht das Theater aber auch zurück auf die Marktplätze."

WirSindNoch1 560Überzeugendes Maskenspiel: "Wir sind noch einmal davongekommen" in der Regie von Marcel Kohler an der Theaterakademie "August Everding" in München. Screenshot

So wie sich die Ausdrucksformen anpassen, so wird sich auch das Ringen um Sichtbarkeit und die Suche nach neuen Kanälen online wie offline verstärken, entnimmt man den Gesprächen. "Unter den Studierenden gibt es eine große Lust, sich Corona-taugliche Formate auszudenken und kreativ zu werden. Alle arbeiten wie blöde. Ich entwickle gerade ein Straßentheaterformat, bei dem zwei Schauspieler*innen auf einem Autodach spielen", sagt Lorenz Nolting und fordert von den Hochschulen, die Aktivitäten der Studierenden stärker in die eigene Organisation einzubeziehen.

Die Suche nach eigenen Kanälen wird essentiell für die Studierenden, um sich ihren Weg abseits der derzeit verschlossenen Pfade in den Arbeitsmarkt zu bahnen. "Ich rechne nicht damit, dass die Kooperationen zum Beispiel mit dem Berliner Ensemble und dem Deutschen Theater in der bisherigen Form stattfinden werden", erzählt Holger Zebu Kluth mit Blick auf die Spielmöglichkeiten Berliner Studierender.

Absolvent*innen wenden sich derzeit stärker dem Film zu, berichtet Maria Happel. Aber, wie Regiestudent Lorenz Nolting mit Nachdruck herausstellt: "Wir studieren Theater, nicht Film." Theater zu inszenieren, heißt: "Zusammen in einem Raum." Es ist der gemeinsame Raum, von dem aus die Phantasie abhebt, oder das "Theaterträumen", von dem Maria Happel sagt: "Wer seine Träume verliert, verliert seinen Verstand."

Reservat der Freiheit

von Shirin Sojitrawalla

Basel | Online, 22. Juni 2020. Was für ein Ensemble, da bekommt man ja Schnappatmung. Ladies First: Aenne Schwarz, Annika Meier, Gala Othero Winter, Paula Beer. Dazu: Jonas Dassler, Ueli Jaeggi, Bruno Cathomas, Sebastian Zimmler. To name but a few.

Vom Aufleuchten der Wirklichkeit

von Esther Boldt

12. Dezember 2019. Zwanzig Jahre Rimini Protokoll. Zwanzig Jahre unbeirrte, akribische, oft verblüffende Recherchen in Wirklichkeitsräumen. Zwanzig Jahre eigenwilligen, stilprägenden Theaterschaffens – mit Expert*innen des Alltags, mit Menschen Tieren und Robotern. Und: Zwanzig Jahre Rimini-Rezeption. Ein Parforceritt durch eine, durch meine Seherfahrung.