"Es fehlt der Gegenentwurf"

Julia Wissert im Interview mit Esther Slevogt

23. Mai 2019. Anfang Mai wurde bekannt, dass die Regisseurin und Theatermacherin Julia Wissert mit der Spielzeit 2020/21 Nachfolgerin von Dortmunds Schauspielintendanten Kay Voges werden soll. Heute Abend nun hat der Rat der Stadt Dortmund die vierunddreißigjährige gebürtige Freiburgerin offiziell zur Schauspielintendantin bestellt. Julia Wissert, die Theater- und Medienproduktion an der University of Surrey in London und Regie am Salzburger Mozarteum studierte, gehört aktuell auch zum Team der neuen Hannoveraner Schauspielintendantin Sonja Anders, die ihr die Leitung einer Veranstaltungsreihe in der Spielstätte Cumberlandsche Galerie übertrug. In Hannover wird Wissert in der kommenden Spielzeit auch inszenieren.

Die Panels bei Theater & Netz. Vol. 7

7. Mai 2019. Unter der Überschrift Die Innovationsschraube veranstalteten nachtkritik.de und die Heinrich Böll Stiftung am 4. Mai 2018 in Berlin die siebte Ausgabe der Konferenz "Theater und Netz". Es gab parallele Panels und Sessions. Die Diskussionsveranstaltungen sowie die Keynote in Saal 1 wurden live gestreamt und mitgeschnitten und stehen hier zur Nachschau zur Verfügung. Das gesamte Konferenzprogramm finden Sie unter www.theaterundnetz.de.

Weihspiel der Anti-Helden

von Georg Döcker

London, 25. März 2019. Von hohen Erwartungen zu sprechen ist in ihrem Fall noch untertrieben: Schon nach den ersten Ankündigungen vor gut einem Monat war klar, dass Anne Imhofs neue Performance in der Kunstwelt eines der Ereignisse des Jahres werden würde. 2017 gewann Imhof mit ihrer Bespielung des deutschen Pavillons der Kunstbiennale in Venedig "Faust" den Goldenen Löwen; mit "Sex" in der Tate Modern (Premiere war am 22. März) schließt sie nun an "Faust" und an "Angst" (2016) an, setzt ihre gestische Inszenierung revolutionärer Subjektivität fort, allerdings mit verstärkter Neigung zur (Anti-)Helden-Verehrung.

"Von allein ändert sich nichts"

Anna Bergmann im Interview mit Anne Peter

4. Februar 2019. Die Heinrich Böll Stiftung hat soeben den Aufsatzband "Moralische Anstalt 2.0: Über Theater und politische Bildung" veröffentlicht, mit diversen Beiträgen zu politischen Fragestellungen des Gegenwartstheaters. Das aus diesem Band hier veröffentlichte Interview mit der Regisseurin und seit Sommer 2018 Karlsruher Schauspieldirektorin Anna Bergmann greift eines der politischen Schwerpunktthemen der vergangenen Spielzeit auf: die Geschlechtergerechtigkeit an deutschsprachigen Bühnen. Mit ihrem Quotierungsvorschlag für Regie am Badischen Staatstheater Karlsruhe hatte Anna Bergmann eine der großen Diskussionen zu dem Thema angestoßen.

Von der Schrumpfung des Scheinriesen

von Michael Wolf

Paris, 27. Januar 2018. Hätten sie die Chose doch nur abgesagt! Am Donnerstag verweigerten die Pariser Behörden aus Sicherheitsgründen die Zulassung für das Großevent "DAU". Was für eine Gelegenheit, den Crétins von der Präfektur das Scheitern in die Schuhe zu schieben. Ohne jemals eröffnet zu werden, wäre "DAU" als Mythos, als Sammlung von Gerüchten und Legenden in allerbester Erinnerung geblieben.

Unter dem Großwetter-Radar

von Sophie Diesselhorst

29. November 2018. In einer großen Plakatkampagne spricht das Bundesinnenministerium seit Mitte November Geflüchtete an: Auf Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch, Russisch und Persisch wird in deutschen Städten für eine Webseite mit der Adresse returningfromgermany.de geworben, die Beratungsangebote für eine "freiwillige Rückkehr" ins Heimatland bereithält. Die Botschaft "Refugees Welcome" ist also offiziell in die Vergangenheit verbannt. Auch die Wirklichkeit dahinter? Im Herbst 2015 hatten wir bei nachtkritik.de unter dem Hashtag #refugeeswelcome eine Liste geführt mit den willkommenskulturellen Engagements der Theater. Was ist aus ihnen geworden? Zeit für eine Bestandsaufnahme.

von sprachpuppen und fadenspielen. figuren und texturen im drama

von Ferdinand Schmalz

5. November 2018.

das verschnüren der textpakete

erst mal der raum. der dunkle theaterraum. der fensterlose raum. hier fällt nichts zufällig herein. kein licht und auch kein wort und auch kein publikum fällt hier in diesen raum zu-fällig rein. hier kommt nur rein, was man von draußen reingeworfen hat. wie in das neue rathaus, dass sie, die schildbürger, sich bauen haben lassen, dass sie sich dummerweise ohne fenster bauen haben lassen. muss alles hier hereingetragen werden. selbst das licht. hier drinnen ist es seltsam wetterlos. wer hier herinnen aufgewachsen wär, der wüsste nichts von wind und regen und von sonnenschein. und hat man manchmal das gefühl als autor fürs theater, dass man mit diesen schildbürgern verwandt, die kübelweis das sonnenlicht von draußen in ihr dunkles rathaus tragen. stehen da am hauptplatz draußen, da im grellsten sonnenschein, versuchen es mit schaufeln und mit heugabeln da in die kübel, kisten, säcke einzupacken, dieses licht. und könnte man natürlich sagen jetzt, dass das verrückt. das sonnenlicht reintragen, wie soll das gehen? das hat doch niemals da in diesem kübel platz, das sonnenlicht, in diesem kübel, den wir sprache nennen, wie soll das gehen. und packst es ein das sonnenlicht und drinnen im theater kommt nur schatten raus. packst so viel licht hinein in deinen text und kommt nur dunkelheit heraus. und doch ist diese hoffnung, dass wenn es gut genug verpackt, das sonnenlicht, dass dann da im theater drin, da beim entpacken des gut verschnürten textes, dass da ein zweites leuchten dann entsteht, und doch ist diese hoffnung unentbehrlich für das schreiben, das dramatische. denn aus den schnüren, den feinsten fäden eines texts, wird sie geknüpft sein diese soziale plastik, die das eigentliche theatrale werk dann ist. natürlich versteht sich von selbst, dass eine aufführung aus den unterschiedlichsten komponenten besteht, die da in das theater reingetragen werden, nur hält die sprache, dieses geflecht aus feinsten fäden, dieses pilzmyzel, hält all die teile erst zusammen.

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