Weiblicher Glamour

von Barbara Villiger Heilig

Venedig, 2. August 2017. "Teatro Italia" steht in schmiedeisernen Lettern auf der neogotischen Fassade des zierlichen Palazzo in Cannaregio, einem Viertel der Stadt Venedig. Seit Jahrzehnten waren die Tore unter dem Doppelspitzbogen verrammelt, das Gebäude dümpelte ungenutzt vor sich hin. Jetzt leuchtet es als Supermarkt-Filiale der Kette Despar in neuem Glanz. Doch für wen? Drinnen, unter den frisch restaurierten Liberty-Fresken an Decke und Wänden, stapeln sich Esswaren in meterlangen Regalen. Clou der Inszenierung: An der Stirnseite des mit einem gemalten Bühnenportal verzierten Saals thront die Fleischauslage. Nein, das ist keine Aktion der Kunstbiennale, obwohl deren Ableger bis in diesen nördlichsten Teil der Lagunenstadt reichen. Es ist ganz einfach der Lauf der Dinge: Historische Bausubstanz wird sukzessive ausgehöhlt und kommerziell umgenutzt.

Luftschlösser und Nationaltheater

Berlin, 1./2. Juli 2017. Berlin feiert Abschied – in alten und neuen Gewändern. An der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gingen vergangene Nacht die Lichter der Ära Castorf aus (und die Flaggen mit dem legendären Räuberrad zapfenstreichmäßig vom Mast). In Reinickendorf eröffneten Vegard Vinge und Ida Müller derweil ihr Nationaltheater Reinickendorf (über dessen Struktur und Werkgehalt man noch nichts verraten darf, denn es war eine Vorpremiere. Die Kritik folgt am 7. Juli). Und Vinge / Müller grüßten kräftig zum Rosa-Luxemburg-Platz hinüber. Am heutigen Sonntagabend endet auch die Intendanz von Claus Peymann am Berliner Ensemble. nachtkritik.de-Autorinnen waren hier und dort und protokollieren eines langen Theatertages Reise in die Abschiedsnacht.

 

Im Zeichen der Netz(werk)moderne

Berlin, 2. Juli 2017. Dieses Wochenende markiert einen Epochen-Umbruch in der Berliner Theaterlandschaft. Am Berliner Ensemble verabschiedet sich Intendant Claus Peymann, an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz endet die 25-jährige Intendanz von Frank Castorf. Ihm folgt mit Chris Dercon ein Museumskurator als Theaterintendant nach, eine Entscheidung, die einen Kulturkampf ausgelöst hat. Am 1. Juli begannen die Berliner Festspiele die 2. Ausgabe ihrer Programmreihe Immersion. Unter anderem eröffnete das Duo Vegard Vinge und Ida Müller ihr Nationaltheater Reinickendorf. Die Reihe "Immersion" will erklärtermaßen ein Augenmerk auf ästhetische und formale Paradigmenwechsel in der Darstellenden Kunst richten. Mit Thomas Oberender, dem Intendanten der Berliner Festspiele, sprachen Wolfgang Behrens und Esther Slevogt am Beispiel Berlin über Institutionen und Formate im Umbruch. Das Gespräch fand am 26. Juni 2017 im Haus der Berliner Festspiele statt.

Zwei Köpfe für Zürich

von Andreas Klaeui

Zürich, 21. Juni 2017. Der Verwaltungsrat der Schauspielhaus Zürich AG hat heute Nicolas Stemann (49) und Benjamin von Blomberg (39) als Intendanten für fünf Jahre, beginnend mit der Saison 2019/2020, gewählt. Die Doppelintendanz war von der Findungskommission aus einer Liste von rund 50 Persönlichkeiten ausgewählt worden. Sechs hoch qualifizierte Personen wurden eingeladen, ein Konzept für die Zukunft des Schauspielhauses einzureichen. Drei davon kamen in die engste Auswahl. Die Findungskommission hat Stemann und von Blomberg einstimmig zur Wahl vorgeschlagen.

Unter Druck

von Falk Schreiber

Hamburg, 19. Juni 2017. Muss man sich Sorgen machen um die jungen Leute? Zumindest der Eröffnungsabend beim Schaulaufen der deutschsprachigen Regieschulen, dem Körber Studio Junge Regie in der Hamburger Thalia-Außenstelle Gaußstraße, ist ein konsequenter Runterzieher. Swen Lasse Awe von der Münchner Falckenbergschule inszeniert "Abraum", einen apokalyptischen Text von Wilke Weermann, der in Ludwigsburg studiert und auch als Regisseur am Festival teilnimmt, mit einer effektsicheren, wenn auch ein wenig braven Überschreibung von Ernst Tollers Groteske "Der entfesselte Wotan".

Verlernen lernen / lernen verlernen

von Martin Pesl

Wien, 19. Juni 2017. Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny ahnte schon was. Bevor der von ihm bestellte neue Intendant der Festwochen, Tomas Zierhofer-Kin, im Februar das Programm seiner ersten Festivalausgabe präsentierte, eröffnete Mailath-Pokorny seine ankündigende Rede mit dem Spruch: "Das Neue braucht Freunde." Er beschwor damit die Anwesenden, das neue Team bitte unbedingt mit Vorschusslorbeeren zu bedenken. Ein neues Publikum solle erschlossen werden, das alte, so Zierhofer-Kin selbst, werde aber natürlich mit offenen Armen empfangen. Der langjährige Geschäftsführer Wolfgang Wais versicherte, er zum Beispiel fühle sich von dem Programm total angesprochen.

Die Grenzen der Kunstfreiheit testen

Videointerview von Julika Bickel

15. Juni 2017. Oliver Frljić, geboren 1976 in Bosnien-Herzegowina, hat sich mit provozierenden politischen Theaterabenden den Ruf erworben, einer der eigenwilligsten zeitgenössischen Theaterregisseure zu sein.

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