Engagement und Erschöpfung

von Esther Boldt

Frankfurt, 20. September 2018. Zum Saisonauftakt ist sie kaum zu übersehen, die freie Szene in Frankfurt: Sie bespielt den öffentlichen Raum ebenso wie ehemalige Fabrikgebäude, die fachwerkene neue Altstadt und weite Hallen. Und man könnte fast vergessen, dass diese Blüte noch jung ist – und sich einem hohen Engagement verdankt: Seit 2009 setzen sich jüngere Künstler*innen ebenso energisch wie improvisationsbereit für eine Verbesserung und Erneuerung ihrer Arbeitsbedingungen in der Stadt ein. Zuvor gab es hier für den Theaternachwuchs keine Perspektive, die wenigen Fördermittel waren gebunden, Aufführungsmöglichkeiten gab es kaum.

Ins Wespennest gepiekst

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 31. August 2018. Es ist Wiesbaden Biennale, und alle schauen hin. Eigentlich undenkbar, in dieser als langweilig geltenden Stadt. Die Biennale ist hervorgegangen aus dem Festival "Neue Stücke aus Europa", mit seinem Amtsantritt hat der Intendant des Hessischen Staatstheaters Uwe Eric Laufenberg sie in die jungen Hände von Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer gelegt.

Schluss mit der dienenden Rolle

von Anna Opel

Berlin, 30. August 2018. Die Königin hat keinen Bock aufs Regieren. Dagmar Manzel nölt wie ein Teenager auf Handyentzug und berlinert, was das Zeug hält. Im Libretto zu den "Perlen der Cleopatra" aus dem Jahr 1923 von Julius Brammer und Alfred Grünwald steht die Genderwelt Kopf. Die Verehrer Silvius und Beladonis geben aufgeblasene Witzfiguren ab, nur Cleopatra und ihre Hofdame Charmian bieten sich qua komplexer Persönlichkeit zur Identifikation an. Und die Cleopatra ist eine Paraderolle für Manzel: komisch, pointensatt, alle Farben zwischen Verzweiflung und Lust. Die Schauspielerin ist der schlagende Beweis gegen das alte Vorurteil, Frauen hätten kein Talent zur Komik.

Verzehr unbedenklich

Berlin, 24. Juli 2018. Blut ist ein besonderer Saft. Das gilt nicht zuletzt für Kunstblut, das auf den Bühnen reichlich fließt, aus künstlichen Wunden tropft, von falschen Messern, aus Mündern. Anlass, bei Dominik Langer nachzufragen, einem der drei Geschäftsführer der Berliner Make-Up-Manufaktur Kryolan:

Wie schmeckt Kunstblut?

Die Poesie der Schwerelosigkeit

von Thomas Rothschild

Ludwigsburg, 18. Juli 2018. Der Magier zeigt seine leeren Handflächen. Gleich darauf hält er grüne Karten oder Kugeln hoch, lässt sie verschwinden, bringt sie erneut zum Vorschein. Wir wissen, dass er nicht zaubern kann, dass er lediglich die uralte Kunst des Palmierens beherrscht, die Technik, Gegenstände hinter der Hand zu verbergen. Aber wir lassen uns gerne täuschen, wir erfreuen uns an der Illusion. Das Vergnügen an der Erkenntnis, dass etwas nicht ist, was es zu sein scheint, als radikaler Gegenentwurf zum "Genau-wie-Onkel-Otto-Theater" (Heiner Müller) – es gehört seit je zur Bühnenkunst, zum Kino und eben auch zum Circus.

Der Landneurotiker

von Rainer Nolden

14. Juli 2018. Herbstsonate am Schauspiel Stuttgart, Das Schlangenei am Residenztheater München, Szenen einer Ehe in Stuttgart und am Theater Lübeck, Fanny und Alexander in Leipzig, Aus dem Leben der Marionetten am Wiener Theater in der Josefstadt, "Nach der Probe" am Schauspiel Hannover … Elf Jahre nach Ingmar Bergmans Tod sind seine Stücke immer noch fester Bestandteil vieler Spielpläne nicht nur an deutschsprachigen Theatern. Dabei sind es nicht einmal originäre Theaterstücke, sondern Adaptionen von Filmdrehbüchern, denen namhafte Regisseure und Regisseurinnen – etwa Jan Bosse, Amelie Niermeyer, Luk Perceval – immer wieder ihren Stempel aufdrücken.

Selbstbestimmung im Stadtlabor

Bettina Masuch, Matthias Pees und Kathrin Tiedemann im Interview mit Esther Boldt

21. Juni 2018. Vor zwei Jahren gründete sich das "Bündnis internationaler Produktionshäuser" – ein Zusammenschluss von sieben freien Spielstätten: Kampnagel Hamburg, HAU Berlin, Hellerau Dresden, PACT Zollverein Essen, Forum Freies Theater (FFT) Düsseldorf, tanzhaus nrw Düsseldorf und Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main. Wie gestaltet sich die Arbeit? Was sind erste Ergebnisse? Esther Boldt sprach mit den Künstlerischen Leiter*innen Bettina Masuch (tanzhaus nrw), Matthias Pees (Mousonturm) und Kathrin Tiedemann (FFT).