Wenn Völker friedvoll zusammenrücken

von Tobias Prüwer

Leipzig, 14. August 2020. Die Tribüne füllen 50.000 Zuschauer, ihnen gegenüber lagern Legionäre, deren Brustpanzer und Helme im Dämmerlicht funkeln. Sie bewachen einen Menschenmarkt, auf dem nur in Lendenschurze gewickelte Sklaven verkauft werden. Die Entrechteten schwören bald kollektiv Rache, wählen Spartacus zu ihrem Anführer. Statt sich als Gladiatoren gegenseitig zu bekämpfen, richten sie ihre Waffen gegen Rom. Die Schlacht beginnt als Wimmelbild. Leiber überall, Feuer lodern auf, Leichenberge stapeln sich. Schließlich unterliegen die Aufständischen. Am höchsten Punkt der Arena wird Spartacus ans Kreuz gebunden – sein Leiden füllt den Epilog.

"Wir können gerne weiter brainstormen"

7. August 2020. Emma Goldman-Sachs heißt nicht Emma Goldman-Sachs, und Anja de Vries heißt auch nicht Anja de Vries: Die Aktivistinnen des Peng! Kollektivs suchen den Schutz der Anonymität. Nachvollziehbar: Aktionen wie "Klingelstreich beim Kapitalismus" bewegen sich am Rande der Legalität. Das Peng! Kollektiv hat hierfür ein fiktives "Bundesamt für Krisenschutz und Wirtschaftshilfe" (angeblich unter dem Dach des Bundeswirtschaftsministeriums) gegründet und so führende Wirtschaftslenker in Gespräche über Alternativen zum Kapitalismus verwickelt. Beim Internationalen Sommerfestival im Hamburger Produktionshaus Kampnagel wird das Projekt ab kommenden Mittwoch in einer Installation präsentiert. Vorab erklären "Goldman-Sachs" und "de Vries", wie man sich das Vertrauen von CEOs erschleicht. Das Interview führte Falk Schreiber.

Ein Glas Wasser regiert die Welt

von Barbara Villiger Heilig

6. August 2020. In den letzten Jahren kamen wenige Theaterkritiken, die sich Werner Düggelin widmeten, ohne die Bezeichnung "Altmeister" aus. Darüber konnte vergessen werden, dass "der Dügg", wie ihn nicht nur Freunde und Bekannte nannten, seine fulminante Karriere als Jungstar begonnen hatte – und übrigens noch, auch als er schon weit über achtzig war, eine jugendlich unbeschwerte Haltung der Welt gegenüber behielt. Er liebte es, im Restaurant ausgiebig zu tratschen, und freute sich, wenn er via Handy das Neuste – oder Letzte – aus der Theaterwelt erfuhr, das ihm "seine" Schauspieler, darunter immer wieder sehr junge, brühwarm berichteten.

Kopftheater aus der App

von Christian Rakow

2. Juli 2020. Die erste Erscheinung des Neuen ist der Schrecken. Auch im interaktiven Netztheater. Als Christopher Rüping seine experimentierfreudige Web-Serie "Dekalog" am Schauspielhaus Zürich startete, da haperte es technisch noch an allen Enden. Der Sprecherton des Solisten Thomas Wodianka kam mit Sekunden Verzögerung an, verhinderte den Schauspielgenuss. Und das Publikum im begleitenden Chat zeigte entsprechend Zähne und schüttete wonnig seine Häme aus. Für die folgenden Teile schalteten die Zürcher*innen den Chat zur Aufführung ab, das Publikum durfte fürderhin als anonymer Massenmensch am Geschehen teilhaben, mit den für die Serie charakteristischen Ted-Abstimmungen über den Verlauf der Geschichte.

Landestrauer

von Alfred Kerr

Berlin, 11. August 1901. Die zweite Kaiserin des neuen Reiches ist in das unentdeckte Land gezogen, aus des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt. Berlin steht im Eindruck dieses schmerzlichen Vorgangs. Die Verstorbene hat eine gesonderte Stellung eingenommen, was das innere Verhältnis der Nation zu ihr betrifft. Ihr gegenüber waren die Gefühle nicht alltäglich: sie hatte besonders glühende Verehrer, und es gab andererseits Leute, die sie mit Nachdruck befehdeten. Aber beides, die große Zuneigung und die stille Abneigung, floss zuletzt ineinander in einziges Gefühl der Ehrfurcht vor den tiefen Schmerzen, die sie erfahren. Da wurden alle einig. Sie war die Kaiserin der Schmerzen.

Das Gesprächsprotokoll entstand im Rahmen des Überblickstextes: Zur Lage der deutschsprachigen Schauspielschulen unter den Corona-Schutzverordnungen.

 

Online ist wie eine Schnapspraline

von Holger Zebu Kluth

22. Juni 2020. Wir beginnen jetzt langsam wieder, die Hochschule zu öffnen für den Unterrichtsbetrieb. Für den dritten Jahrgang der Schauspielstudierenden, die aufs Abschlussvorsprechen hinarbeiten, ist es am dringlichsten, wieder in die praktische Arbeit reinzukommen.

Das Gesprächsprotokoll entstand im Rahmen des Überblickstextes: Zur Lage der deutschsprachigen Schauspielschulen unter den Corona-Schutzverordnungen

 

Hört die Studierenden!

von Lorenz Nolting

24. Juni 2020. Zunächst hat die Theaterakademie den Betrieb eingestellt. Aber bald kam aus der Politik die Ansage: "Es darf kein Nullsemester geben." Nullsemester, dieses Wort war mir neu. "Es darf kein Nullsemester geben" bedeutet: Die Studierenden müssen die im Lehrplan vorgesehenen Leistungen trotz Corona erbringen. Einerseits wurden also Unterrichte auf Zoom verlagert, das funktioniert für Theorieseminare, aber nicht für Schauspielunterricht oder Proben. Deshalb wurden andererseits Projekte unter Corona-Bedingungen in den Sommer verschoben.

Kein Klavier für Studierende

Ab Juni/Juli werden wir an meiner Schule zum Beispiel wieder Proben mit ein bis zwei Personen abhalten. Unter uns Studierenden herrscht derzeit bezüglich der Probenarbeit eine große Unsicherheit: Was passiert zum Beispiel, wenn jemand sich eine Woche vor der Premiere ansteckt? Wohin wird die Premiere dann verschoben, wenn es schon jetzt einen gravierenden Raummangel gibt?

Lucia Kotikova 280 Carsten Kalaschnikow uLucia Kotikova © Carsten KalaschnikowLucia Kotikova, Schauspielstudierende an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, im Studiojahr 19/20 am Schauspiel Hannover und beim Jungen Ensemble Netzwerk die Hauptverantwortliche für PR, beschreibt die Situation so:

"Keine Pausen- oder Aufenthaltsräume, um Begegnungen zu vermeiden. Alle Proben müssen mindestens 24 Stunden vorher angemeldet werden. Jahrgänge müssen getrennt und verteilt auf die Woche werden. Schließfächer ausgebaut und eingelagert. Studios müssen nach jeder Nutzung gelüftet werden. Keine Benutzung von Instrumenten für Studierende*, da zum Beispiel Klaviere nicht einfach desinfiziert werden können. Die Bühne wurde zur Garderobe, um Abstandsregeln möglich zu machen. Gesang- und Sprechunterricht zwischen Plexiglasscheiben, die nach jeder Einheit gereinigt werden müssen, falls anwesend von extra Personal* oder von den Lehrenden* selbst. Zahlreiche Desinfektionsspender wurden angebracht."

Unsicherheit

Die Schulen sind ja nicht so gut ausgestattet wie ein Stadt- oder Staatstheater. Die Probebühnen sind kleiner. Es proben zudem immer Produktionen parallel. Die Vorgaben, die schon die Runde gemacht haben, wären bei uns noch schwieriger umzusetzen. Die Unsicherheit wird auch noch größer dadurch, dass der Austausch zur Zeit erschwert ist. Aber übers Junge Ensemble-Netzwerk und auf die Initiative einiger Hochschulen hin haben wir uns seit Mitte April verstärkt vernetzt und gegenseitig erzählt, wie es an unseren Schulen läuft. Die Situation scheint überall recht ähnlich zu sein, wenn auch die Bildungsbehörden je nach Bundesland unterschiedlich viel Druck ausüben. In Hamburg, wo ich studiere, will die Bildungsbehörde ein Nullsemester mit allen Mitteln und auf Kosten der Student*innen verhindern. Zinnslose Kredite werden als Hilfe verkauft, obwohl das den finanziellen Druck auf uns nur in die Zukunft verlagert, wenn wir diese zurückzahlen müssen.

Das Hauptproblem für die Abschluss-Jahrgänge ist, dass das kleine Fenster der Sichtbarkeit wegfällt, das wir mit unseren öffentlichen Abschlussarbeiten normalerweise haben. Regieprojekte finden, wenn überhaupt, nur unter sehr erschwerten Probenbedingungen statt. Wir haben somit gar keine Gelegenheiten mehr, außerhalb des eigenen Schulkontexts sichtbar zu werden. Eigentlich offenbart die Corona-Krise aber hier vor allem strukturelle Probleme, die es an den Theaterschulen schon vorher gab: Es gibt zuwenig Austausch und zuwenig Öffentlichkeit für die Studierenden. Und auf den Abschlussarbeiten liegt wahnsinnig viel Druck, denn hier entscheidet sich, ob und wie man den Beruf überhaupt ausführen kann.

Mehr als Notlösungen

Die Reaktion der Schulen in dieser Situation macht nicht viel Hoffnung, dass die Krise eine Chance sein könnte, an diesen Strukturen etwas zu verändern. Im Gegenteil: Der Schaden soll begrenzt werden. Das scheint vielen Schulen unter dem Druck von oben derzeit wichtiger zu sein als den besten Weg zu finden, mit ihren Studierenden zu arbeiten. Es wird permanent auf Sicht gefahren, statt mit uns gemeinsam nach langfristigen Lösungen zu suchen. So wird uns zum Beispiel solange beteuert, dass unsere Abschlüsse sicher sind, bis auch dem letzten klar ist, dass das so nicht stimmen kann. Aber die Corona-Bedingungen könnten uns ja noch länger begleiten, also müssen mehr als Notlösungen gefunden werden.

Lorenz Nolting 560 Jonas Bielenberg uLorenz Nolting © Jonas BielenbergEs gibt aber auch Positivbeispiele. Leonard Wilhelm, Schauspielstudent an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig , berichtet:

"Mitte April bekamen wir die Möglichkeit unsere individuellen Wünsche und Forderungen an die Ausbildung unter diesen besonderen Umständen zu formulieren. Ein paar Wochen später stellte uns das Institut die Optionen vor, die es für umsetzbar hielt. Dann haben wir über mehrere Wochen in unseren Jahrgängen die Möglichkeiten diskutiert und uns immer wieder mit den Dozierenden ausgetauscht, bis wir uns schließlich mit einer großen Mehrheit in allen Jahrgängen für ein doppeltes Kreativsemester entschieden haben.

Das heißt, dass das begonnene Sommersemester 2020 nicht angerechnet wird bzw. nur die noch umsetzbaren Veranstaltungen (Theorieunterrichte und Kurse, die wir vor Corona absolviert haben) und wir erst im März 2021 wieder dort weitermachen, wo wir dieses Jahr aufgehört haben. In der Zwischenzeit können wir machen was wir wollen, erhalten jedoch den Studentenstatus. Außerdem bietet die Hochschule an, nach Absprache mit den Dozierenden, Einzelunterrichte (Sprechen etc.) in Anspruch zu nehmen oder an freiwilligen Bewegungsunterrichten im Park teilzunehmen. Alles ist freiwillig.

Unser Abschluss wurde um ein Jahr verlängert und trotzdem bleiben wir in der Regelstudienzeit.
Schauspielunterricht per Zoom fand für uns durchgängig nicht statt. Sprechunterricht nach Absprache per Zoom oder im Park. Aus eigener Initiative haben wir die Zeit jedoch auch für Ensemble-Projekte genutzt, wie eine eigene Radiosendung. Ich bin total zufrieden mit unserer Entscheidung und bin dankbar für den kreativen Freiraum, der sich uns eröffnet hat."

An der Hannoveraner Schauspielschule steht es jeder*m Studierenden frei, über eine mögliche Studienzeitverlängerung oder einen späteren Termin des Absolvent*innenvorsprechens zu entscheiden. Ein Doppeljahrgang ist allerdings an manchen Schulen gar nicht möglich, da es zu wenig Lehrpersonal* gibt. Dort fällt die Option einer Wiederholung des Studienjahres oder eines späteren Abschlussvorsprechens also aus. Die Lehrenden* der HMTM Hannover bemühen sich auf alle Fälle den Absolventinnen einen Abschluss 2021 zu ermöglichen und berücksichtigen dabei die aktuelle Situation in der Bewertung.

Neue Formate

Auch mit Raumknappheit muss umgegangen werden: Eine Regiestudent*in der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg berichtete mir, dass dort bereits bestehende Kooperationen zu Theatern in der Umgebung genutzt werden, um einige Abschlussarbeiten von der Hochschulbühne in diese zu verlegen. So ist trotz Corona genug Platz für alle Jahrgänge. Der Akademie scheint es also vor allem wichtig zu sein, für ihre Studierenden gute und sichere Umstände zu schaffen. Das finde ich super. In Ludwigsburg wurde auch schnell reagiert, indem die Schule Equipment und geeignetes Lehrpersonal organisierte und die Studierenden einlud, mit Online-Formaten zu experimentieren.

Normal ist es an anderen Schulen eher, dass diese neuen Formate als Notlösungen für nicht mehr aufführbare Stücke oder Projekte herhalten müssen, anstatt den Raum zu öffnen, das als zusätzliche Erfahrung auszuprobieren.

Unter den Studierenden gibt es eine große Lust, sich Corona-taugliche Formate auszudenken und kreativ zu werden. Alle arbeiten wie blöde. Ich entwickle gerade ein Straßentheaterformat, bei dem zwei Schauspieler*innen auf einem Autodach spielen. Viele meiner Kommiliton*innen basteln auch selbständig an neuen Formaten, um über die gestreamte Trauerarbeit hinauszugehen. Aber: Wir studieren Theater, nicht Film. Wir wollen also trotzdem auch die Möglichkeit haben, Theater zu inszenieren. Zusammen in einem Raum. Ich hoffe und vertraue darauf, dass die Schulen das wieder möglich machen, unsere Einwände und Vorschläge mehr als bisher anhören und in ihre Pläne mit einbeziehen.


(aufgezeichnet von Sophie Diesselhorst)

 

Lorenz Nolting, hat an der Folkwang UdK Schauspiel studiert, das Junge Ensemblenetzwerk mitgegründet und studiert jetzt Regie an der Hamburger Theaterakademie.