Darkroom des Erzählens

7. April 2021. Das Spiel mit Rollen und Identitäten ist dem Theater immanent. Selbst postdramatische Formate kommen selten ohne Zuschreibungen aus. Wie aber kommt das Koordinatensystem zustande, das Identität und Rolle auf der Theaterbühne konstituiert? Welche Ausschlüsse produziert es? Wie kann es geöffnet, wie Identität ohne Zuschreibung formuliert werden? Im Darkroom des Erzählens sucht die Dramatikerin Sasha Marianna Salzmann nach Antworten.

Mein Kollege GPT

von Björn Lengers und Tina Lorenz

17. März 2021. Im Märchen "Der süße Brei" erzählen die Gebrüder Grimm die Geschichte eines Topfes, der solange Brei kocht, bis man ihn mit einem Zauberwort stoppt. Als es vergessen wird, wird zunächst Küche und Haus, schließlich die Nachbarschaft und am Ende die ganze Stadt unter einer Masse von Brei begraben. "Wer ab da in die Stadt wollte", beschließt das Märchen, "brauchte einen Löffel und musste sich durchfressen."

Gebrauchstexte vom Schreibroboter

Wer einen Text schreibt, denkt man gemeinhin, müsse ein Mensch sein. Er oder sie bringt kostbare Gedanken zu Papier, ist gebunden durch Arbeitszeitgesetze, lässt sich stören von der Hup-Demo vor dem Fenster oder dem Mittagessen. Sitzt mitunter Stunden vor dem weißen Blatt und tut sich schwer, Zeichenangaben einzuhalten oder ein einstündiges Kammerspiel aus einem 2.000-seitigen Roman zu machen. Ein fertiger Text ist also eine knappe Ressource, etwas Handgefertigtes – etwas, das nicht in beliebiger Menge verfügbar ist. Text ist keine maschinelle Massenware.

Wagnis Wirklichkeit

3. März 2021. Das Theater imitiert die Welt außerhalb der Bühne. Insbesondere realistische Verfahren arbeiten an einer möglichst glaubwürdigen Darstellung. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass sie nur wiederholen, wie Realität für gewöhnlich präsentiert wird, und so die Sicht auf das verstellen, was sie eigentlich zur Anschauung bringen wollen. Wolfram Lotz schreibt gegen diese Verfahren an. Für ihn ist Realismus keine Form der Darstellung, sondern meint ein "unbedingtes Interesse für die Wirklichkeit". Lotz' Stücke sind Expeditionen, sind Versuche, dieser Wirklichkeit möglichst nahezukommen. Und sei es dadurch, dass klar wird, wie wenig über sie mit Sicherheit zu sagen ist.


Zur Serie Neue Dramatik in zwölf Positionen:

Die Video-Gesprächsreihe widmet sich Autor*innen, die mit prägenden Arbeiten in der Gegenwartsdramatik in Erscheinung getreten sind. Jenseits ihrer szenischen Realisierungen stehen hier die Theatertexte selbst im Fokus. Exemplarische Schreibweisen werden diskursiv vorgestellt und im literarischen Feld wie auch in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion verortet. Die Serie stellt das aktuelle Schaffen in seiner formalen wie inhaltlichen Bandbreite vor: von Ansätzen des Dokumentarischen über biografisch-realistische Dramatik bis hin zu Strategien der Aneignung von Wissens- und Populärkulturen. Jeden Monat erscheint eine neue Folge. Hier geht's zu Folge 1 mit Rebekka Kricheldorf.

Hier gibt es das Gespräch mit Wolfram Lotz als Podcast:

Eine Kooperation mit dem Literaturforum im Brecht-Haus, gefördert vom Deutschen Literaturfonds.

 
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Komik als Waffe

5. Februar 2021. Als menschliche Wesen sind Zuschauer*innen des Lachens fähig. Das Theater adressiert dieses archaische Vermögen und sucht über die Komik einen intimen Kontakt zu seinem Publikum. Komik ist eine Strategie, sie kann befreien, Widerstand leisten und Erkenntnisse fördern. Aber das Spiel mit ihr birgt auch Gefahren. "Ich wählte die Komik nicht, die Komik wählte mich", sagt Rebekka Kricheldorf, eine der profiliertesten Komödien-Autor*innen. Im Gespräch mit nachtkritik.de-Redakteur Michael Wolf entwickelt sie eine Theorie der Komik, ihrer Heilkräfte und Risiken. 

Das Social Media Game

von Caspar Weimann

9. Januar 2021. Seit einem dreiviertel Jahr suchen nicht mehr nur ein paar vereinzelte freie Gruppen (zu einer von denen gehöre ich mit onlinetheater.live selbst), sondern ein ganzer Theatermainstream nach Möglichkeiten, im Internet Theater zu machen und mit künstlerischen Mitteln eigenständige Erfahrungsräume in unserer digitalen Umwelt zu erschaffen. Eine Leitfrage, der sich viele Akteur*innen dabei stellen: Wie können wir auch im digitalen Kontext innovative Theaterformen entwickeln, die ein so vielfältiges Erlebnis schaffen, dass sie attraktiver sind als Netflixandchill? Das Diplomprojekt "Der Kult der toten Kuh" von Laura Tontsch und Team gibt dafür bedeutende Impulse.

Sterne lügen nicht

von Georg Kasch und Christian Rakow

31. Dezember 2020. Nachdem wir 2020 mit Überraschungen eher unschöne Erfahrungen gemacht haben, gehen wir jetzt auf Nummer sicher. Folianten auf, Sternkonstellationen geprüft – Sterne lügen nicht.

Die Schönheit des Kontrollverlusts

von Sarah Fartuun Heinze

22. Dezember 2020. Ob Lockdown oder Homecoming, die Telegram-Krimis von machina eX, ob Dekalog, Christopher Rüpings Serie von Experimentalmonologen, bei denen das Publikum über Abstimmungen aktiv in das digitale Bühnengeschehen eingreifen konnte, oder der erste Twittertheaterabend des Burgtheaters Wien Vorstellungsänderung: Der Unheimliche Eindringling, der sich gänzlich durch Tweets mit dem Hashtag #vorstellungsänderung in der gemeinsamen Imagination des digitalen Publikums abspielte: Das pandemiebedingte #physicaldistancing hat Theatermacher*Innen in den unterschiedlichsten Konstellationen und Kontexten erneut dazu inspiriert, sich mit den Möglichkeiten und Begrenzungen von digitalen Theaterräumen und interaktivem Storytelling zu befassen.