Freejazz der Tomatenstauden

von Jürgen Reuß

Freiburg, im April 2013. Noch sind Löwenzahn und Hundekot die Hauptakteure auf der neuen Spielstätte des Theater Freiburg. Das liegt daran, dass es auf der programmatischen Suche nach Zukunftspotenzialen für seine Zunft diesmal auf ein großes Stück Brachland namens Gutleutmatten gestoßen ist, das mit dem einsetzenden Tauwetter allerdings nicht nur von den Repräsentanten der darstellenden Kunst, sondern auch vom Frühling und den Hundehaltern des umliegenden Freiburger Stadtteils Haslach als Projektfläche für sich reklamiert wird. Vor drei Jahren begann auf den Gutleutmatten zur gleichen Jahreszeit noch geordnetes Kleingärtnergewusel. Dann beschloss die Stadt, das Kleingartenareal zu planieren und dort ein neues Wohngebiet auszuweisen. Die Kleingärtner waren schnell geräumt, aber der Baubeginn verzögerte sich. Zwei Jahre liegt das Land nun brach. Seitdem verrichten dort nur steuerpflichtige Hunde und der natürliche horror vacui des Biologischen regelmäßig ihr Geschäft.

Pfeffersäcke und Internationalität

von Falk Schreiber

Hamburg, 19. April 2013. "D". Das ist das neue Logo des Hamburger Schauspielhauses: ein großer, fett eingekreister Buchstabe "D", Deutschland, "das erinnert an diese hässlichen Plaketten fürs Auto, die einem im Urlaub früher peinlich waren", lacht die designierte Intendantin Karin Beier bei der Spielplanpressekonferenz und holt damit den ersten Teil des Theaternamens wieder ins Bewusstsein: Das mit 1200 Plätzen größte Sprechtheater der Republik heißt zukünftig nicht mehr nur "Das Schauspielhaus" wie zuletzt, es heißt wie zu besten Zeiten nun wieder "Deutsches Schauspielhaus".

Einschiffung nach Kythera

12. Januar 2013. Sind das Bilder einer unbekannten Inszenierung von Peter Zadek? Eines nie gesehenen "Sommernachtstraums" zum Beispiel ...

Emotional, europäisch, jung

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 17. November 2012. Ein europäisches Festival der jungen Regie. Das Fast Forward-Festival in Braunschweig hat den Anspruch, eine Lücke zu schließen. Während landauf, landab zum Beispiel beim Körber-Studio in Hamburg Regiestudenten und Nachwuchsregisseure der üblichen Institutionen zusammenkommen und innerhalb der immer gleichen Diskursgemeinschaft verhandeln, welche neuesten ästhetischen Verwerfungen gerade in sind, wagt Fast Forward ganz bewusst den Blick über den Tellerrand. Den Blick auf Länder mit "unterschiedlichen Theatertraditionen", wie es bereits im Vorwort heißt.

Der Twitterfelder Weg

von Esther Slevogt

Hamburg, 11. November 2012. Eine Konfliktlinie verläuft unter anderem hier: Er gehe auch deshalb nicht ins Theater, sagte ein junger Mann – weil er da sein Handy ausschalten müsse. Damit würde er in eine auktorial organisierte, einseitige Aufmerksamkeit gezwungen und von den Metaebenen abgeschnitten, über die er sonst über alles, was er tue, sehe und denke, mit anderen kommunizieren würde, Twitter beispielsweise. "Mein Gehirn braucht immer zwei, drei offene Fenster, um gut funktionieren zu können", stimmte eine junge Frau ihm zu. "Twittern oder parallel zu dem, was auf der Bühne geschieht, via Netz Infos zu organisieren, erhöht noch meine Aufmerksamkeit."

Der alte Nonkonformist

von Nikolaus Merck

Berlin, 26. Oktober 2012. Gestern war es also soweit: Ehrenring, Portrait über den Stiegen; Lametta, Jubel, Trubel, Heiterkeit, Claus Peymann, der Urfeind des konservativen Wiener Burgtheaterabonnements und der Misthaufenführer der Ringstraße, ward zum Ehrenmitglied des Burgtheaters promoviert.

Und einstmals, im Sarg, wird er ums Haus getragen werden und Andre Heller wird singen: "Wann i amol stirb, missen mi d'Fiaker troagn und dabei d'Zithern schloagn ...".

Punktsiege auf dem platten Land

von André Mumot

17. Oktober 2012. Es streckt sich, dieses zweitgrößte Bundesland der Republik – über die Heide bis hoch zur Nordseeküste. Es klettert die Harzhänge hinauf und wird im Osten irgendwann von der Elbe begrenzt. Und von weitem betrachtet, macht es, das kann man immer wieder hören, einen ziemlich neutralen, unaufregenden Eindruck. Wenig Folklore kommt einem in den Sinn, wenn man an Niedersachsen denkt, man hat auch keinen typischen Dialekt im Ohr. Politikerkarrieren werden in der norddeutschen Tiefebene gemacht, aber wem fiele eine landestypische Küchenspezialität ein? Grünkohlgerichte isst man hier. Mit Braunschweiger Pinkelwurst. Und das Theaterland? Von Hamburg aus betrachtet, von Berlin, von Wien aus erscheinen die Häuser, die in Celle oder in Lüneburg auf Publikumsfang gehen, gewiss wie der Inbegriff glanzloser deutscher Provinzkultur. Man kann das wohl so stehen lassen, wir finden aber: man sollte es nicht.