Alles geht, sogar Text

von André Mumot

Berlin, 16./17. September 2012. Man kann es fast schon mit der Angst zu tun bekommen, wenn man dieses glasklare, böse chorische Sprechen hört. Kein Lösch-, kein Pollesch-Chor macht das besser. Wer in nostalgischer Erinnerung an Aufführungen von Theater-Arbeitsgemeinschaften den Charme der Unbeholfenheit erwartet, wird eines Besseren belehrt. Bei der Eröffnungspremiere des diesjährigen Schultheater-der-Länder-Festivals (SDL) in Berlin tappte niemand unsicher ins Scheinwerferlicht.

Preiswürdig trotz Total-Vernebelung

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 21. August 2012. Ein bisserl pikiert war sie ob der fast einhelligen Ablehnung, die ihren beiden Produktionen Éternelle Idole und This is how you will disappear im Young Directors Project der Salzburger Festspiele seitens der Rezensenten entgegen geschlagen ist. Aber nun hat Gisèle Vienne Oberwasser, weil ihr die Jury den Preis zugesprochen hat.

Everyman

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 14. August 2012. Die Sprachenverwirrung rund um den Turm zu Babel ist rein gar nichts gegen das Schauspiel bei den Salzburger Festspielen. Der norwegische Peer Gynt ist ein englischer Popstar. Shakespeares "Sturm" bläst demnächst französischsprachige Wortlüftchen über die Bühne. Die Kinderproduktion "Mojo" war, auch ohne Text, very british. Raimunds "Bauer als Millionär" ist aus dem Weichbild von Wien idiomatisch ins Frankenländle abgewandert. Das Young Directors Project hat uns erst mit der schwarzen Weltsicht Südafrikas – zugegeben – etwas gelangweilt, aber dem koreanischen Blickwinkel auf "Hamlet" sehen wir umso ungeduldiger entgegen.

Gutes Theater, schlechtes Theater, Theater vor Ort

von Georg Kasch

Berlin, August 2012. Es ist aus. Vorbei. Nach einer Saison des besonderen Schauens geht unser vor knapp einem Jahr ausgerufene NORD-Schwerpunkt zu Ende. Dank der ZEIT-Stiftung konnten wir ausführlicher als sonst in die nord- und nordostdeutsche Provinz schauen und so besonders jenen Theatern Aufmerksamkeit schenken, über denen das Beil der Sparwut und des drohenden Bedeutungsverlusts, ja, der Insolvenz und Schließung hingen und die wir unter normalen Umständen nur ein bis zwei Mal (wenn überhaupt) hätten besuchen können.

Die Unvergleichliche

von Michael Eberth

Berlin, 27. Juli 2012. Als der ungebärdige Sebastian Hartmann noch an der Volksbühne inszenieren durfte, ergab es sich, dass eine seiner Arbeiten bei Susanne Lothar und Ulrich Mühe so viel Gefallen erregte, dass sie ihm signalisierten, sie würden gern mit ihm arbeiten. Sie hatten sich von der Theaterszene abgewandt und kehrten nur zurück, wenn sich besondere Herausforderungen ergaben. Oder Exkursionen ins Unbekannte.

altEs war einmal im Westen

von Georg Kasch

München, 4. Juli 2012. Zufällig ist Rainer Werner Fassbinder, der immer schon zum Film wollte, beim Theater gelandet: Gleich zwei Mal, 1966 und 1967, wurden seine Bewerbungen an die Deutsche Film- und Fernsehakademie in Berlin abgelehnt. Von einer Kollegin wird der Schauspielschüler 1967 ins Münchner Action-Theater geschleppt, zu "Antigone", inszeniert von Peter Raben – und ist begeistert: "Zwischen den Schauspielern und dem Publikum entstand so etwas wie Trance, etwas wie eine kollektive Sehnsucht nach Utopie."

Neue Stücke? Gute Stücke? Überhaupt Stücke?

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden / Mainz, 19. Juni 2012. Zur Halbzeit reift ins uns die Sehnsucht nach einem Stück, nach einem richtigen Stück. Eines mit Anfang, Mitte und Ende, das ganz ernsthaft eine erzählenswerte Geschichte erzählt und sich dafür womöglich eine dramaturgisch gewiefte Struktur ausdenkt. Ein Stück Literatur, das sich erst auf dem Theater vollauf entfaltet. Kurz: Ein Stück im altmodischen Sinne. Dabei gibt es durchaus konventionell gebaute Texte beim Festival "Neue Stücke aus Europa", das vor zwanzig Jahren als ausgesprochenes Autorenfestival gegründet wurde.