Dem Hierarchiemodell den Boden entziehen!

von Christian Rakow

Berlin, 19. Juni 2011. Es lohnt sich immer, gute Informanten zu haben. Meiner war Matthias Lilienthal vom Hebbel-am-Ufer. Der kam kurz vor Festivaleröffnung zu unserer Traube Wartender, verteilte Flyer für die nächste Show am HAU und ließ sich nebenher den entscheidenden Tipp entlocken: "Und nachher, Ann Liv Young? Gibt's wieder Trash-Talk?" – "Nein, diesmal wird man nur mit Fischwasser bespritzt, ist nicht schlimm." Nicht schlimm, ja, aber allemal ein guter Grund, sich wieder in die hinterletzte Reihe zu verkriechen. Sie ist so etwas wie die Kaiserloge für Abende der jungen New Yorker Hardcore-Performerin Ann Liv Young.

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Unterwegs mit dem Kaiser Kunst

von Esther Slevogt

Krakau/Berlin, 11. Juni 2011. Seine apostolische Majestät, Kaiser und König Franz Josef II. von Österreich-Ungarn hat es sich nicht nehmen lassen und ist Samstagmorgen um sieben persönlich an Gleis drei des Krakauer Hauptbahnhofs erschienen, um den Zug zu verabschieden. Zünftig eingerahmt von Marschmusik des Straßenbahn-Blasorchesters. Krakau hat schließlich bis 1918 zu seiner k.u.k.-Monarchie gehört. Und weil seitdem fast hundert Jahre vergangen sind, hält hier in kaiserlicher Uniform natürlich nicht Franz Josef II. persönlich die Rede, sondern ein Schauspieler des Krakauer Stary Teatrs, dessen Intendant Mikołaj Grabowski lachend daneben steht, einer der Paten dieses Projekts, das nun den täglich um 7.30 Uhr auf der Strecke Krakau-Berlin verkehrenden Europa-Express "Wawel" für eine Fahrt in ein Theater auf Schienen verwandelt hat.

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Ein Experte für den Kulturwandel

von Georg Kasch

Berlin, 31. Mai 2011. Schuld ist natürlich Thilo Sarrazin. Sein Pamphlet "Deutschland schafft sich ab" erschien im August 2010, begleitet von einem dem Sommerloch würdigen Medienrummel – und nur wenige Tage später hatte Verrücktes Blut Premiere, jenes Stück von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, das zunächst sämtliche Klischees über eine "Kanaken-Klasse" und ihre überforderte Lehrerin reproduziert, um sie dann genüsslich einzureißen. Erpulats Inszenierung wurde sofort als Antwort auf Sarrazins Thesen gelesen – und der Regisseur über Nacht zum Helden des postmigrantischen Theaters, ja zum Experten in Sachen Migration überhaupt.

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Gefühlshochdruck mit Lähmungserscheinungen

von Dieter Stoll

Erlangen/Nürnberg, 23. Mai 2011. Noch ehe die letzten Vorstellungen nach Reizmomenten zwischen Schattenspiel und Zirkus fischten, hatte sich eine Bilanz des 17. Internationalen Figurentheater-Festivals im fränkischen Städte-Verbund von Nürnberg, Erlangen und Fürth aufgedrängt. Ja, es war mit 20.000 Besuchern zwischen 13. und 22. Mai ein Erfolg! Nein, es hat keine Einsichten gebracht, nach denen die Geschichte dieser frei zwischen den Sparten swingenden Kunst umgeschrieben werden müsste.

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Es lebe Christoph Schlingensief!

von Stefan Bläske

Wien, 6. bis 10. April 2011. Draußen scheint die Frühlingssonne, drinnen wabert der Weihrauch. In der Kunsthalle Wien, der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary und dem Kasino des Burgtheaters wird fünf Tage lang "Der Gesamtkünstler Christoph Schlingensief" behandelt. Auf Einladung des Elfriede Jelinek-Forschungszentrums versuchen Weggefährten, Wissenschaftler und Journalisten Werk, Wesen und Wunden des "Totgejubelten" in Worte zu fassen, und manch Redner sonnt sich dabei in Schlingensiefs Windschatten.

Landesregierung in Mecklenburg-Vorpommern richtet Theater zugrunde

Politisch verordnete Theaterinsolvenz

Angesichts der Berichterstattung in der lokalen Presse am 17. und 25. März 2011 zur Unterfinanzierung und drohenden Insolvenz des Mecklenburgischen Staatstheaters, die mit großer Sorge und Bestürzung vom Betriebsrat zur Kenntnis genommen wurde, ist aus unserer Sicht klar, dass Bildungsminister Henry Tesch auf ganzer Linie versagt hat. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Hauses sind in Aufruhr, denn eines der bundesweit erfolgreichsten Theater droht eine Abstrafung in Form einer Insolvenz, nur weil die Landesregierung ihre Zuschüsse seit 1994 eingefroren hat.

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"German Angst" essen Seele auf?

von André Mumot

Braunschweig, 28. Februar 2011. Man fühlt sich gleich zu Hause. Man sitzt im Staatstheater Braunschweig und nickt: Ja, das ist deutsches Theater. Da stehen drei Mikrofone, drei junge Damen sprechen karg-nackte Textpassagen und nehmen sich gegenseitig mit einer Videokamera auf, deren Bilder vergrößert über die Bühnenrückwand huschen. Es geht rau zu und laut, und es wird viel nachgedacht, und das allermeiste wird ironisch gebrochen. Aber um gleich den falschen Eindruck zu vermeiden - schlecht ist das durchaus nicht, nur eben sehr, sehr typisch. Und das ist vielleicht auch ganz gut so, denn irgendwie soll das eben auch repräsentativ sein.