In dem Bewußtsein spielen, eine Figur zu bewegen

von Esther Slevogt

Berlin, Januar 2009. Seine Figuren strahlen immer etwas merkwürdig Gleichgültiges aus, unter dem man trotzdem einen diffusen, wenn auch abgedämpften Lebenshunger spürt. Manchmal unter der Maske einer sublimen Blässe, etwa als bisexueller Hausfreund Dr. Rank in Thomas Ostermeiers "Nora"-Inszenierung von 2004. Manchmal auch deutlich radikaler, wie in Christina Paulhofers Inszenierung von Sarah Kanes "Phaidras Liebe" von 2003, wo Lars Eidinger den von seiner Stiefmutter begehrten Prinzen Hippolytos als wohlstandsverwahrlostes, kaltblütiges Egomonster spielte, der doch wie zerfressen von einer Sehnsucht nach irgendetwas Echtem wirkt, das er am Ende erst in seinem gewaltsamen Tod finden wird.

Lieber streitend vergehen!

Hamburg, 24. September 2010. Liebe Bürgerinnen und Bürger der Stadt, liebe Eltern, liebe Lehrer, liebes Publikum, liebe Freunde des Schauspielhauses und des Jungen Schauspielhauses!

Was passiert da gerade mit unserer Stadt? Wie wird da mit unseren Steuergeldern umgegangen? Welche Entscheidungen werden im Senat gerade getroffen? Eine Stadt, die Kulturhauptstadt sein will, wendet sich ab vom größten deutschen Sprechtheater. Eine Stadt, die kulturelle Leuchttürme setzen will, wendet sich ab vom traditionsreichen Deutschen Schauspielhaus. Lessing, der Verfasser der Hamburgischen Dramaturgie, der Vertreter humanistischer Werte und Bildungsideale, der hier in Hamburg gewirkt hat, würde sich im Grab umdrehen. Eine Stadt, die sich als Modellregion für Kinder- und Jugendkultur bezeichnet, wendet sich ab vom Jungen Schauspielhaus, wendet sich ab vom Theater für junges Publikum, wendet sich ab von kultureller Bildung, wendet sich ab von ihrer politischen Aufgabe, die kulturelle Armut von Kindern und Jugendlichen in Hamburg zu bekämpfen.

Offener Brief an die Chefredaktion der Zeitung DIE WELT
Volksverhetzung in der "WELT" – Thalia Theater abfackeln?

von Joachim Lux

Hamburg, den 21. September 2010. Einem Kritiker der Tageszeitung "DIE WELT" ist im Theater offenbar die Phantasie durchgegangen. Könnte ja ganz schön sein, ist es in diesem Fall aber leider nicht.

Hamburg, den 17. September 2010

Sehr geehrter Herr Senator Stuth,

das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg befindet sich in einer komplizierten Situation, nicht erst seit dem Rücktritt Friedrich Schirmers - der hat sie nurmehr graduell verschärft, allerdings auch öffentlich gemacht. Eine Diskussion ist notwendig, sie ist unvermeidlich, setzt aber auch hohes Verantwortungsbewusstsein derer voraus, die sich an dieser Debatte beteiligen. Nicht jede Stellungnahme der letzten Tage war von großer Sachkenntnis getrübt. Sie ist aber von den politisch Verantwortlichen einzufordern. Besonnenheit ist in der gegenwärtigen Situation gefragt.

Drama, Baby!

von André Mumot

Hannover, September 2010. Das muss ja wohl die Ruhe vor dem Sturm sein. Noch geht es ziemlich unauffällig zu im mit öffentlichen Mitteln geförderten Ausbildungslager für zivilen Ungehorsam. Auf dem beschaulichen Ballhofplatz, vor der Nebenspielstätte des Schauspiels Hannovers, wird ein bisschen gehämmert, Holzwände werden hochgezogen, und Jugendliche sitzen entspannt auf Bänken, essen Reis und Fleisch und Sauce. Sie haben ihre Holzhäuschen noch nicht ganz fertig gebaut. Aber schon Gardinen aufgehängt. Vermutlich zur Harmlosigkeits-Vortäuschung. Bestimmt. Im Hintergrund dieser Reenactment-Hommage an das legendäre Hüttendorf im Wendland grummelt jedenfalls der Widerstands-Widerstand.

Picknick im Haus des Verjagten

von Thomas Rothschild

Salzburg, 29. Juli 2010. In einem Gespräch über seinen Film "Der Passagier - Welcome to Germany" sagte Thomas Brasch (und sein Gesichtsausdruck lässt keinen Zweifel daran, wie ernst es ihm ist): "Der Faschismus ist so lange her wie eine Sekunde in meinem Leben. Wenn ich die Geschichte der Menschen ansehe - so lange ist er her. Eine Sekunde ist er her."

Blut fließt, Blut gefriert

von Stefan Bläske

Wien, 15. bis 17. Juli 2010. Wie man Zuschauern Impulse zum Nachdenken bietet, man seine Besucher dadurch gleichsam aktiviert, zeigt derzeit wortverspielt "Theater der Welt" mit programmatischen Buchstabendrehern, die unter anderem Theater zum Thaeter und ergo Täter machen. Auch das gerade eröffnete Wiener Impulstanz-Festival aktiviert seine Zuschauer – und macht sie zu Mit-Tätern.