Erklärungsversuche Selbsthass eins und zwei

von Petra Kohse

Berlin, 21. September 2007. Peter Stein hat der Zeitung Die Welt ein Interview gegeben. Und wenn Peter Stein ein Interview gibt, dann wird dieses Interview gedruckt. Auch wenn es darin um nichts geht – außer um Verachtung.

Der Eigenbrötler

von Lena Schneider

Edinburgh 30. August 2007. Er habe ein Schmetterlingshirn, sagt Neil Doherty unvermittelt, "a butterfly mind". Wir streifen durch die Irrgänge der "Arches", auf der Suche nach einem ruhigen Ort für unser Gespräch. The Arches, ein Theater in bunkerartigen Hallen unter der Glasgower Central Station, eignet sich gut für Irrgänge. Fensterlos, düster, undurchsichtig. "Es fällt mir schwer, voraus zu denken, meine Gedanken sind immer überall." Tatsächlich ist Doherty sprunghaft im Gespräch, assoziativ, oft lässt er Gesten, Geräusche, kurze Momente der Stille, erklären, was er sagen will. Sätze, die nicht funktionieren, lässt er offen. Wir biegen um zwei weitere Ecken und landen in einem fensterlosen Probenraum. Über unseren Köpfen rattert ab und an ein Zug vorbei. Er sagt, das Beste, was an Theater in Schottland momentan entstehe, stamme von hier.

Geschichtsloses Foto-Theater

von Wolfgang Behrens

Berlin, 25. August 2007. In Christoph Rüters Filmporträt über die Schauspielerin Angela Winkler "Sei einfach und stolz" (2004) gibt es einen seltsam bezwingenden Moment. Winklers Lebensgefährte Wigand Witting erzählt, dass ein Kritiker ihr anlässlich von Peter Zadeks "Mutter Courage"-Aufführung am Deutschen Theater Berlin (2003) vorgeworfen habe, sie spiele im Grunde gar nicht. Witting bestätigt das nüchtern: "Angela kann gar nicht schauspielern." Daraufhin bricht Angela Winkler in ein frohes, entwaffnendes Lachen aus – "Ja, stimmt! Ich kann gar nicht schauspielern" – und lässt ihren Blick nach innen gleiten, wo er sich mutmaßlich in unendlichen Tiefen verliert.

Der Entdecker des westdeutschen Nachkriegstheaters

von Hartmut Krug

Berlin, 24. August 2007. Schwerlich hätte sich die Theaterbegeisterung des Hamburger Oberschülers zu einer lebenslangen Profession ausgewachsen, wäre er Anfang der sechziger Jahre nur auf den hohen Kunstton im Deutschen Schauspielhaus und das biedere Bedeutungspathos im Thalia Theater angewiesen gewesen. Doch mein Wochenende gehörte damals Bremen: Samstags und sonntags ging es mit der Bahn in eine andere Theaterwelt. In Bremen lebte und atmete das Theater. Hier war Theater keine vom Alltag abgekoppelte Feierlichkeit, sondern eine kunstvolle Befragung und Bebilderung (auch meines) Alltags. Hier war was los.

Der Jugendversteher

von Dirk Pilz

Berlin, 9. August 2007. "Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben. Das betrifft sowohl die Fragen der inhaltlichen Gestaltung als auch des Stils – kurz gesagt: die Fragen dessen, was man die künstlerische Meisterschaft nennt." Das sagte Erich Honecker auf der vierten Tagung des Zentralkomitees der SED im Dezember 1971, nachdem er im Mai zum Ersten Sekretär dieses obersten Gremiums der DDR gewählt worden war.

Das Unheimliche als Heimat

von Martin Kagel

Athens/Georgia, 28. Juli 2007. Als sich George Tabori 1970 entschied, in Deutschland zu leben und zu arbeiten, hatte er eigentlich schon ein ganzes Leben hinter sich. 56 Jahre war er alt, hatte, 1914 in Ungarn geboren, in Deutschland, im Nahen Osten, in England und den U.S.A. gelebt, sich als Lehrling im Hotelfach, als Korrespondent, im Dienst des Britischen Geheimdienstes, als Schriftsteller, Drehbuchautor, Übersetzer und Regisseur verdingt.

Die Notlicht-Affäre

von Bernd Noack

Salzburg, 27. Juli 2007. "Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht verträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus." Dieses Verdikt im Telegramm-Stil markierte vor genau 35 Jahren den Höhepunkt einer grotesken Auseinandersetzung zwischen dem Dichter Thomas Bernhard und den Salzburger Festspielen. In die Chronik der aus dem Ufer laufenden Theater-Ereignisse ist die Geschichte eingegangen als der "Notlicht-Skandal".