Gefallsucht bricht Leidenschaft

von Michael Eberth

8. März 2008. Im Herbst 95 traf mich die Nachricht, die Kollegen von der Schaubühne würden das Stück einer französischen Autorin namens Yasmina Reza herausbringen, das mit dem Titel "Kunst" auftrumpfte – und seit Monaten ungelesen auf meinem Schreibtisch lag. Ich nahm das Manuskript erschrocken zur Hand und fing zu lesen an. War die Konkurrenz wachsamer gewesen? Hatte ich etwas verpennt?

Goldfisch im Teich der tiefen Themen

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 29. Januar 2008. "Es herrscht im Theater ein Zynismus vor, der kratzt an der Menschenwürde. Dabei könnte es doch Lebensermutigung im besten Sinne sein." Jan Neumann glaubt an die Kraft von Geschichten und Gefühlen, er riskiert es lieber, dem Kitsch zu nahe zu kommen als kühle Leere zu produzieren. Darum fasst er das Theater herzhaft an. Und das gleich von drei Seiten, denn der 32-Jährige arbeitet als Schauspieler, Autor und Regisseur.

Die Wahlverwandten und ihr Traum von der Tribüne

von Lena Schneider

Berlin, 20. Januar 2008. Anna Langhoff arbeitet gern mit Familie. Nicht nur die "Blutsverwandten" meint sie damit, sondern vor allem "Wahlverwandte". Familie, das sind auch die, mit denen sie arbeitet. So war ihre Familie von klein an das Theater. "Eine andere gab es nicht". Langhoff wurde 1965 in Berlin geboren, ihr Vater heißt Matthias Langhoff. Der Name, sagt Anna Langhoff, sei weder Verdienst noch Schuld.

Sputnikschock im deutschen Theater

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 24. September 2007. Bildet Banden! Oder besser: eine Band. Weil das Sprechen mit Zitaten zu ihnen gehört, kann man über andcompany&Co. vielleicht nur mit geliehenen Worten reden. Tocotronic singt: "Wir sind viele – jeder einzelne von uns." Und andcompany&Co. macht dazu Theater. Das Performancekollektiv, 2003 in Frankfurt am Main gegründet, versteht sich als offenes, aber verbindliches Netzwerk. Den Kern bilden Alexander Karschnia, Autor und Theaterwissenschaftler, Nicola Nord, Sängerin und Performerin sowie Sascha Sulimma, Musiker und DJ.

Erklärungsversuche Selbsthass eins und zwei

von Petra Kohse

Berlin, 21. September 2007. Peter Stein hat der Zeitung Die Welt ein Interview gegeben. Und wenn Peter Stein ein Interview gibt, dann wird dieses Interview gedruckt. Auch wenn es darin um nichts geht – außer um Verachtung.

Der Eigenbrötler

von Lena Schneider

Edinburgh 30. August 2007. Er habe ein Schmetterlingshirn, sagt Neil Doherty unvermittelt, "a butterfly mind". Wir streifen durch die Irrgänge der "Arches", auf der Suche nach einem ruhigen Ort für unser Gespräch. The Arches, ein Theater in bunkerartigen Hallen unter der Glasgower Central Station, eignet sich gut für Irrgänge. Fensterlos, düster, undurchsichtig. "Es fällt mir schwer, voraus zu denken, meine Gedanken sind immer überall." Tatsächlich ist Doherty sprunghaft im Gespräch, assoziativ, oft lässt er Gesten, Geräusche, kurze Momente der Stille, erklären, was er sagen will. Sätze, die nicht funktionieren, lässt er offen. Wir biegen um zwei weitere Ecken und landen in einem fensterlosen Probenraum. Über unseren Köpfen rattert ab und an ein Zug vorbei. Er sagt, das Beste, was an Theater in Schottland momentan entstehe, stamme von hier.

Geschichtsloses Foto-Theater

von Wolfgang Behrens

Berlin, 25. August 2007. In Christoph Rüters Filmporträt über die Schauspielerin Angela Winkler "Sei einfach und stolz" (2004) gibt es einen seltsam bezwingenden Moment. Winklers Lebensgefährte Wigand Witting erzählt, dass ein Kritiker ihr anlässlich von Peter Zadeks "Mutter Courage"-Aufführung am Deutschen Theater Berlin (2003) vorgeworfen habe, sie spiele im Grunde gar nicht. Witting bestätigt das nüchtern: "Angela kann gar nicht schauspielern." Daraufhin bricht Angela Winkler in ein frohes, entwaffnendes Lachen aus – "Ja, stimmt! Ich kann gar nicht schauspielern" – und lässt ihren Blick nach innen gleiten, wo er sich mutmaßlich in unendlichen Tiefen verliert.