Alles Hochklutur

von Esther Boldt

Mühlheim, 5. Juli 2010.

Täter der Wlet I: Die Empörung des Logenschließers

Als ich meinen Koffer an der Garderobe abhole, erkundigt sich der Logenschließer, ob mir der Abend gefallen habe? Ich bejahe, und er fragt vorsichtig, ob er es richtig verstanden habe, dass diese Veranstaltung unter dem Label "Theater der Welt" liefe? - Ja, natürlich. "Dann steht das hier falsch!", sagt er ärgerlich und zeigt auf den riesigen Schriftzug an den Türflügeln des Foyers: "Dort steht 'Thaeter der Welt!'" Ich versuche ihm zu erklären, dass diese Irritation zum Konzept gehöre, doch seine Miene erhellt das nicht.

Am liebsten eine Theaterwunderexplosion

von Sarah Heppekausen

Bochum, 21. Mai 2010. Anselm Weber hat sich für einen theaterneutralen Ort entschieden. In einer restaurierten Altbau-Villa am Stadtpark stellt er sein Programm für die kommende Spielzeit am Schauspielhaus Bochum vor. Die elegante Gediegenheit verströmt herrschaftliche Bedeutsamkeit. Als Weber das Wort ergreift, wird die Atmosphäre aber wieder lockerer. Mit offenem Hemdkragen stellt er sich der Presse. Und die Ideen und Pläne fürs nächste Jahr sprudeln nach 18-monatiger Vorbereitungszeit aus ihm heraus, manchmal auch so schnell, dass er sich verspricht oder seine Gedanken nicht nachkommen.

Nur scheinbar Schwarzweiß

von Sabine Leucht

München, 6. Mai 2010. Nun ist er da, der Neue. Zwar saß er schon – nachsichtig und stillvergnügt – in den letzten Premieren. Heute aber stand Johan Simons erstmals selbst im Zentrum. Er, der künftige Intendant – und das Corporate Design seines Hauses. Demnach wird es künftig weniger bunt werden an den Münchner Kammerspielen.

Durch die Figuren, die sie spielt, auf die Menschen von heute blicken

von Thomas Ostermeier

Hamburg, 31. Januar 2010. Der Ulrich-Wildgruber-Preis soll ja bekanntermaßen an junge Schauspieler oder Schauspielerinnen verliehen werden, die auf besondere Weise in den Medien Theater und Film auf sich aufmerksam gemacht haben. Deswegen ist es für mich eine besondere Ehre, hier als jemanden, der aus dem Theater kommt, die Laudatio zu halten.

Keine Zeit für Revolution?

Nicolas Stemann im Interview mit Christian Rakow

Berlin, November 2009. Am Deutschen Theater inszeniert Nicolas Stemann im Dezember 2009 Die heilige Johanna der Schlachthöfe von Bertolt Brecht, ein Stück über Börsenspekulationen der Fleischfabrikanten von Chicago. Wir treffen ihn im Vorfeld der Premiere.

Sternstunden des Unspektakulären

von Anne Peter

April 2009. Selten sind Special-Effects so wenig sensationell, so dilettantisch vorgeführt und doch so wunderschön! Ein ferngesteuertes Auto fährt zu Händel-Klängen eine Wunderkerze spazieren. Autoscheinwerfer blinken zu pompösem Walkürenritt durch Bühnennebel. Serge nennt das dann etwa "Light Effect on a music by Wagner". Und zwischendurch tanzt er im Dunkeln mit Glow-in-the-dark-Brille zu "Billy Jean".

Schmied des eigenen Glücks

von Esther Slevogt

Berlin, Dezember 2005. Plötzlich erinnert Berlin sich wieder an Max Reinhardt. Denn obwohl es hier kaum ein Theater gibt, dessen Geschichte nicht auf irgendeine Weise mit Reinhardt verbunden ist, war er lange vergessen. Es existiert höchstens noch ein schemenhaftes Bild des großen Theatermachers, der Deutschland 1933 verlassen musste. Am ehesten erinnert man ihn als Intendanten des Deutschen Theaters, das er 1905 übernommen und weltberühmt gemacht hatte.