Frei nach, manchmal frei von Shakespeare

von Esther Slevogt

Berlin, Oktober 2004. Die Besetzung ist hochkarätig, und nicht jedes Theater kriegt sie auf diesem Niveau zusammen: Peter Fitz spielt den König, Guntbert Warns ist Hamlet und Kathrin Angerer eine lolitalike Ophelia. Sieben Minuten und neunzehn Sekunden dauert der Spaß. Genaugenommen wird allerdings nicht Hamlet, sondern lediglich eine Szene daraus gespielt, die im kollektiven Hamletgedächtnis unter dem Schlagwort "Mausefalle" firmiert, im vorliegenden Fall allerdings schlicht "Das Familienfest" heißt.

Ein Regisseur der Emotionen

von Christian Rakow

Berlin, September 2009. Ausgerechnet in der Kastanienallee hat das Deutsche Theater (DT) David Bösch eine Gästewohnung besorgt. Dabei stresst ihn dort das "Gechecke", dieses Beharren auf der eigenen Kreativität und dem besonderen "Lebensgefühl". "Berlin ist in vielen Ecken ein Jugendlager. Da gehst du an einem Dienstagabend um halb elf nach Hause, um dich rum werden die Cafés immer voller, und du denkst dir: Hey, was ist denn hier los? Es ist Dienstag! Also ich will jetzt noch meine Freundin in Bochum anrufen, und morgen früh muss ich arbeiten."

Kein Sinn für halbe Sachen

von Esther Boldt

Frankfurt, Juli 2009. Er hat alles gespielt, von Montag bis Freitag. Er war der Feuerwehrmann Montag in Florian Fiedlers Inszenierung von Truffauts "Fahrenheit 451", der diensteifrig mit den Kollegen zur Bücherverbrennung marschiert – die Knie gen Himmel, mit aufrechtem Kreuz, und dabei flinkfingerig Bücher einsteckt, um zuhause dem Wahrheitswert der Worte nachzuspüren. Er war Robinson Crusoe mit meerzerzaustem Haar und zorniger Verlorenheit, und er war der Wilde, den der Gestrandete auf der einsamen Insel fand und Freitag nannte in Robert Lehnigers Robinson-Recherche "Friday I'm in love". Aber Martin Butzke ist mehr als nur ein Schauspieler für alle Wochentage.

Zuschauen, wie es vergeht

von Katrin Bettina Müller

Berlin, 11. Juni 2009. Der Raum war eng geworden zuletzt, ein schmaler Streifen Bühne, der knapp ein Aneinander-Vorbei der Schauspieler zuließ. Ihre Körper rückten bis zur Verknotung zusammen, die Stimmen legten sich polyphon übereinander im Chor. Idomeneus, die, wie man seit gestern weiß, letzte Inszenierung von Jürgen Gosch, bestach wieder wie so viele seiner Inszenierungen der letzten Jahre durch das Weglassen von allem Überflüssigen. Wie man sich da konzentrieren konnte, wie man den gewundenen Sätzen, die Roland Schimmelpfennig seinem der Antike entlaufenen Personal in den Mund legte, folgen konnte bis in die feinen Verästelungen, mit denen sie ihre Geschichte wieder und wieder neu interpretieren und verschiedene Varianten ausprobieren. Was da alles an Bildern im Kopf entstand, umspannte mit ungeheurer Leichtigkeit den Zeitraum von alten Mythen bis in eine Gegenwart, die mit großen Erzählungen, Kriegern und Helden so ihre Probleme hat. Es war lustig und es war reflexiv auf der Höhe der Zeit.

Die Berlin-Köln Connection

von Regine Müller

Köln, 15. Januar 2009. Immerhin, mit Machtpoker im großen Stil kennt er sich aus: Peter F. Raddatz, der soeben überraschend zum Chef der Berliner Opernstiftung ernannt worden ist, hat in seiner Theaterkarriere mehrfach mit spektakulären Schachzügen bewiesen, wie man der allerorten entscheidungsfeigen Kulturpolitik Dampf macht.

Flughilfe fürs hässliche Entlein

von Christian Rakow

21. November 2008. "Theater muss wie Fußball sein", hieß es einmal vor Jahren anlässlich eines Kritiker-Turniers an der Schaubühne Berlin. Was das bedeuten kann, macht gerade der Bochumer Kulturdezernent Michael Townsend deutlich. Da beobachtet man in Bochum recht gelassen drei Spielzeiten lang den forschen Auftritt eines Aufsteigers aus der Nachbarstadt: des Grillo-Theaters Essen. Und als das eigene Flagschiff, das auf Champions League abonnierte Bochumer Schauspielhaus, droht, aus den oberen Tabellenrängen abzurutschen, schlägt man zu und kauft sich den Spielmacher des Underdogs ein: den Essener Schauspielintendanten Anselm Weber. Der FC-Bayern-Effekt hat das Bochumer Schauspielhaus erfasst.

Die Bewegtheit der Bilder

von Katrin Bettina Müller

Berlin, November 2008. Irgendetwas bewegt sich immer. Noch bevor man dahinter kommt, was da gerade im Bild geschieht, weiß man, dass es ein flüchtiger Moment war. Das Theater steht nie still und darin ist es dem Leben sehr ähnlich. Das in fast allen seinen Bildern zu vermitteln, ist eine besondere Stärke des Theaterfotografen Thomas Aurin.