Agent der Alltagsvernunft

von Nikolaus Merck

Berlin, 26. September 2008. Und dann rumpelte es hinten an der Tür. Doch erst als das Glucksen des Publikums und das Ächzen eines Mannes nicht mehr zu überhören waren, wandten wir uns um und – hielten die Luft an. Haben Sie schon mal versucht, ein Dreisitzersofa alleine durch den schmalen Gang eines Zuschauerraums auf die Bühne zu wuchten?

Die Gattung Mensch an sich

Erfolgreicher Volkstheater-Trash im Kiez. Eine Systemerkundung

von Esther Slevogt

Berlin, Dezember 2006. Die Perücken sind billig und die Outfits schrill. Wichtigstes Bühnenrequisit ist ein gammeliger Dönerspieß aus Pappmachée. Ansonsten wird vorzugsweise vor einer scheußlichen Fototapete gespielt – eine Kulisse, die selbst Schlingensief-Bühnen wie Nachbauten aus dem Schöner-Wohnen-Katalog aussehen lässt.

Aufrechter mit Tendenz zum Bockigsein

von Wolfgang Behrens

15. Juli 2008. Zum ersten Mal habe ich Fritz Marquardt 1990 in Frankfurt am Main gesehen. Marquardts Inszenierung "Germania Tod in Berlin" vom Berliner Ensemble war zu der Heiner-Müller-Werkschau "Experimenta 6" eingeladen worden, und an einem Sonntagnachmittag fand eine dieser meist so fruchtlosen Publikumsdiskussionen statt. Diese jedoch sollte sich einprägen.

Ein Kuckuck kann keinen Preis erwarten

von Andrzej Wirth

Halle, 29. Juni 2009. Ein Institut in einem zentralen europäischen Theaterland zelebriert im Rhythmus der Triennale seine Eigenart: Hier wird das Theater – gut oder schlecht, weil Theater der Welt nicht immer Welttheater ist – ernst genommen. Diesmal geschieht es in Halle an der Saale, wo sich die einzige dramatische Szene in Brechts Oeuvre ereignet hat: In "Mutter Courage" trommelt sich die stumme Kathrin in den Tod, um die Stadt vor dem schwedischen Überfall zu warnen.

Der gehörlose Sohn des Musiklehrers

von René Pollesch

Halle, 29. Juni 2008. Ich würde mich als Teil des Lebenswerkes von Andrzej Wirth bezeichnen, für das er heute diesen Preis erhält, und als solches spreche ich zu Ihnen.

Der oder das Teil des Lebenswerkes, das hier jetzt eine Laudatio hält, sieht eines Tages zu, wie die Zuhörerreihen oder auch Zuschauerreihen eines Hörsaals im Philosophicum II der Justus-Liebig-Universität in Gießen weggeflext werden. Endlich! Um Platz für eine Probebühne zu schaffen. Ein Theater ohne Publikum!

Bilder der Vergeblichkeit

von Hartmut Krug

Berlin, 23. Juni 2008. Er glaubte nicht daran, dass die Welt und die Menschen sich zum besseren wenden könnten. Deshalb zeigte er mit wehem, traumverlorenem Blick die Welt, wie sie war. Seine Inszenierungen aber boten, bei aller auf Sprache und Bewegung konzentrierten Klarheit, nie das direkte realistische Abbild. Grübers Inszenierungen waren von großen, poetischen Bildern geprägt, er arbeitete oft mit bildenden Künstlern als Bühnenbildner, so mit Gilles Aillaud, Antonio Recalcati, Anselm Kiefer und vor allem mit Eduardo Arroyo.

Lebensvollzug als Kunstvollzug

von Wolfgang Behrens

Halle, 26. April 2008. Man kennt diese Bilder. Sie stammen von Musikern, Sängern, Schauspielern oder Regisseuren, die plötzlich entdecken, dass ihre Kreativität noch gar nicht ausgelastet ist. Und dann dilettieren sie in Aquarellfarben und lassen beglückt ihre Mitwelt an den meist gar nicht so beglückenden Ergebnissen teilhaben. Bei Einar Schleef, dem in erster Linie als "Regietitan" zu Ruhm Gekommenen, liegt der Fall entschieden anders.