Der Entdecker des westdeutschen Nachkriegstheaters

von Hartmut Krug

Berlin, 24. August 2007. Schwerlich hätte sich die Theaterbegeisterung des Hamburger Oberschülers zu einer lebenslangen Profession ausgewachsen, wäre er Anfang der sechziger Jahre nur auf den hohen Kunstton im Deutschen Schauspielhaus und das biedere Bedeutungspathos im Thalia Theater angewiesen gewesen. Doch mein Wochenende gehörte damals Bremen: Samstags und sonntags ging es mit der Bahn in eine andere Theaterwelt. In Bremen lebte und atmete das Theater. Hier war Theater keine vom Alltag abgekoppelte Feierlichkeit, sondern eine kunstvolle Befragung und Bebilderung (auch meines) Alltags. Hier war was los.

Der Jugendversteher

von Dirk Pilz

Berlin, 9. August 2007. "Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben. Das betrifft sowohl die Fragen der inhaltlichen Gestaltung als auch des Stils – kurz gesagt: die Fragen dessen, was man die künstlerische Meisterschaft nennt." Das sagte Erich Honecker auf der vierten Tagung des Zentralkomitees der SED im Dezember 1971, nachdem er im Mai zum Ersten Sekretär dieses obersten Gremiums der DDR gewählt worden war.

Das Unheimliche als Heimat

von Martin Kagel

Athens/Georgia, 28. Juli 2007. Als sich George Tabori 1970 entschied, in Deutschland zu leben und zu arbeiten, hatte er eigentlich schon ein ganzes Leben hinter sich. 56 Jahre war er alt, hatte, 1914 in Ungarn geboren, in Deutschland, im Nahen Osten, in England und den U.S.A. gelebt, sich als Lehrling im Hotelfach, als Korrespondent, im Dienst des Britischen Geheimdienstes, als Schriftsteller, Drehbuchautor, Übersetzer und Regisseur verdingt.

Die Notlicht-Affäre

von Bernd Noack

Salzburg, 27. Juli 2007. "Eine Gesellschaft, die zwei Minuten Finsternis nicht verträgt, kommt ohne mein Schauspiel aus." Dieses Verdikt im Telegramm-Stil markierte vor genau 35 Jahren den Höhepunkt einer grotesken Auseinandersetzung zwischen dem Dichter Thomas Bernhard und den Salzburger Festspielen. In die Chronik der aus dem Ufer laufenden Theater-Ereignisse ist die Geschichte eingegangen als der "Notlicht-Skandal".

Das Problem der deutschen Kaiser

von Dirk Pilz

Berlin, 18. Juni 2007. Braun gebrannt, hell karierter Anzug. Frank Castorf kommt gut gelaunt zum Interview in sein berühmtes Intendanten-Zimmer, wo noch immer das berüchtigte Stalin-Bild hängt. Eigentlich müsste er Weiß tragen. Denn Castorf, der 55-Jährige, ist "Teil einer Gemeinschaft", wie er sagt, Teil der Gemeinschaft der Santeria, jener auf Kuba praktizierten und mit dem brasilianischen Candomblé verwandten Religion.

Rückbindung an das Leben selbst

von Nina Peters

Montréal, Juni 2007. Es ist ein erstaunlicher Auftritt. Der frankokanadische Regisseur Robert Lepage kommt zu einer Podiumsdiskussion im Rahmen des Festivals TransAmérique in Montréal auf die Bühne, und der Saal tobt. Viele junge Leute sitzen im Publikum, jubeln, lachen über die Witze Lepages, der gerne öffentlich spricht. Und sie stellen Fragen. Das Mikrofon macht die Runde, nach eineinhalb Stunden könnte es, scheint es, noch lange weitergehen.

Wir sind alle ein bisschen Elisabeth

von Alexander Schnackenburg

Bremen, 12. Juni 2007. Viel erkennen könne man auf dem kleinen, alten Monitor nicht, entschuldigt sich die Inspizientin – gerade so, als wolle sie jetzt einen Film vorführen. Die Kamera sei schlecht und daher erschienen die Gesichter auf dem Bildschirm fast permanent überblendet. Nichtsdestotrotz haben sich inzwischen, fünf Minuten vor Beginn der Vorstellung, drei Stuhlreihen hinter ihrem Arbeitsplatz gebildet.