Verlernen lernen / lernen verlernen

von Martin Pesl

Wien, 19. Juni 2017. Der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny ahnte schon was. Bevor der von ihm bestellte neue Intendant der Festwochen, Tomas Zierhofer-Kin, im Februar das Programm seiner ersten Festivalausgabe präsentierte, eröffnete Mailath-Pokorny seine ankündigende Rede mit dem Spruch: "Das Neue braucht Freunde." Er beschwor damit die Anwesenden, das neue Team bitte unbedingt mit Vorschusslorbeeren zu bedenken. Ein neues Publikum solle erschlossen werden, das alte, so Zierhofer-Kin selbst, werde aber natürlich mit offenen Armen empfangen. Der langjährige Geschäftsführer Wolfgang Wais versicherte, er zum Beispiel fühle sich von dem Programm total angesprochen.

Die Grenzen der Kunstfreiheit testen

Videointerview von Julika Bickel

15. Juni 2017. Oliver Frljić, geboren 1976 in Bosnien-Herzegowina, hat sich mit provozierenden politischen Theaterabenden den Ruf erworben, einer der eigenwilligsten zeitgenössischen Theaterregisseure zu sein.

Bilder, die Bilder produzieren

von Sophie Diesselhorst

Venedig/Berlin, 1. Juni 2017. "The performance is delayed", sagt der Türsteher am Eingang zum deutschen Pavillon, nicht wirklich entschuldigend. Und einige von denen, die schon vor zehn an der Pforte zu den Giardini, dem Nationalpavillon-Vergnügungspark der Biennale von Venedig, mit den Füßen gescharrt hatten, empören sich lautstark. Enttäuscht bin auch ich, nachtkritik.de-Redakteurin – eigentlich privat hier, aber nach den fordernden Kommentaren zu unserer Meldung, dass Anne Imhof mit ihrer "Faust"-Performance im deutschen Pavillon den Goldenen Löwen der Biennale gewonnen hat, auch mit Berichterstattungs-Auftrag.

Gewalt gegen Silikon ist auch keine Lösung

von Dieter Stoll

Erlangen / Fürth / Nürnberg / Schwabach, 27. Mai 2017. Ein Plüschtiger kämpft gegen Zinnsoldaten (niedlich: Ariel Dorons "Plastic Heroes“ aus Israel), ein nackter Mann testet Zwischenmenschliches an lebensgroßer Silikon-Puppe (irritierend: Ulrike Quades "Maniacs“ aus den Niederlanden), eine Tänzerin stürzt durchs schaukelnde Labyrinth von 5000 Leuchtschnüren (perfekt: Aurélien Bory von der Compagnie 111 aus Frankreich mit Kaori Ito), ein Slow-Motion-Performer durchmisst mit Chaosforscher-Blick einstürzende Rohbauten (schrullig: Tim Spooner aus Großbritannien), zwei Schauspieler verschmelzen im nicht nur dramaturgischen Korsett zu Kafkas Akademie-Affen (grandios: Samuel Koch und Robert Lang vom Staatstheater Darmstadt).

Wohin führt die Partizipation?

von Jürgen Reuß

Freiburg, 25. Mai 2017. Die noch kurze Geschichte der Bürgerbühnenfestivals ist die der ständigen Erweiterung ihres Begriffs. Am Taufbecken stand das relativ klar umrissene Dresdner Modell, für das Intendant Wilfried Schulz unter dem Namen "Bürgerbühne" eine eigene Sparte am Staatsschauspiel einrichtete, mit einem kompletten professionellen Team ausstattete und jede Spielzeit eine bestimmte Anzahl von mit Dresdner Bürgerinnen und Bürgern erarbeiteten Inszenierungen fest in den Spielplan integrierte. Konsolidiert durch Spielclubs ist daraus eine ziemlich solide Sache geworden.

Am charismatischen Nullpunkt

von Esther Slevogt und Christian Rakow, Video: Julika Bickel

Berlin, 16. Mai 2017. Das ist sie also, die lang erwartete Programmpressekonferenz der Dercon-Volksbühne. Im Publikum nicht nur die Pressevertreter*innen der einschlägigen Medien und Pressesprecher*innen anderer Berliner Kulturinstitutionen wie dem Gorki Theater oder den Berliner Festspielen, auch eine Abordnung der Castorf-Volksbühne, darunter Carl Hegemann, war gekommen.

Zurück in die Gewerkschaft!

von Nikolaus Merck

Potsdam, 14. Mai 2017.  Wo gibt's denn sowas? Arbeitgeber rufen auf zum Eintritt in die Gewerkschaft? Hallo? Im deutschen Theaterland gab's das am Wochenende. Das ensemble-netzwerk, aus der Taufe gehoben vor knapp zwei Jahren, hatte zu seiner "2. Bundesweiten Ensemble-Versammlung" geladen. Nach ersten Erfolgen mit der Aktion 40.000 Bühnenmitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten sollte nun auf einem Pow Wow beratschlagt werden, wie es weitergehen soll mit der Grass-Roots-Bewegung der Theater-Solist*innen aus Schauspiel, Musiktheater, Tanz, aus den Dramaturgien und Regie(assistent*innen)-Stuben.