"Was ist das mit Herbert?"

von Frank Castorf

Berlin, 7. Mai 2017. Ja, lieber Herbert, ich freue mich sehr, dass du diesen Preis bekommen hast. Ich freue mich eigentlich immer, wenn das Alter noch eine Tür offen lässt für Hoffnung und Optimismus und jemand so zukunftsweisend geehrt wird. Und dass du auch sonst in dieser nicht nur erfreulichen Zeit so viel Hoffnung und Optimismus verbreitest, ist etwas sehr Besonderes – als großer Organisator, nicht mehr so ganz schlank und jung, aber immer noch voller Freude, mit sehr grellen Farben, gelb und schwarz und – wir haben's gerade gesehen – sogar mit rosa.

Die Panels bei "Theater und Netz. Vol. 5"

Mai 2017. Unter der Überschrift Behauptungsmaschinen: Fake, Fakten und Fiktionen veranstalteten nachtkritik.de und die Heinrich Böll Stiftung am 6. & 7. Mai 2017 in Berlin die fünfte Ausgabe der Konferenz "Theater und Netz". Es gab parallele Panels und Sessions. Die Diskussionsveranstaltungen in Saal 1 wurden live gestreamt und mitgeschnitten und stehen hier zur Nachschau zur Verfügung. Das gesamte Konferenzprogramm finden Sie unter www.theaterundnetz.de.

Die Kulturfritzen, die den Bloggerspace organisierten, haben im Laufe der Konferenz 95 Thesen zur Digitalisierung im Theater vorgelegt. Sie sind jetzt noch einmal in Gänze auf ihrer Website veröffentlicht.

Die große Ermutigung

von Julika Bickel

Bautzen im Mai 2017. Mit bunter Kreide malen die Kinder Herzen, Engelsflügel und Blumen auf die grauen Steinplatten des Kornmarkts. Die sächsische Stadt Bautzen besitzt eine wunderschöne Altstadt mit Türmchen aus dem Mittelalter. Nur der Kornmarkt, am Rand der Innenstadt, liegt meist trist und leer. "Platte", nennen ihn die Bautzener. Im Sommer letzten Jahres wurde der Kornmarkt deutschlandweit zu einem Symbol von Gewalt und Hass zwischen Neonazis und Geflüchteten. Mehrere Straßenschlachten und Hetzjagden gab es dort seit September letzten Jahres.

Im Zeichen der Hyäne

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 30. März 2017. Etwa 30 Frauen sind es. Stehen vor der Rampe der Universität Wien. Tragen rote Kopfbedeckungen und Jacken mit Hyänen-Sujet. Es ist der 5. Oktober 2016 und die Burschenschaft Hysteria tritt beim "Coleurbummel" der schlagenden Studentenverbindungen auf. Präsenz zeigen, Raum für sich reklamieren, das ist es, was die Burschenschaften mit ihren Verbindungsfarben-Schärpen beim wöchentlichen "Spaziergang" vor der Wiener Uni tun. Dass sich eine Gruppe von Frauen "Burschenschaft" nennt, beim Herbstbummel denselben Raum für sich reklamiert, dabei aber eine ganz andere Art von Präsenz zeigt, ist erstens neu und zweitens zähnefletschend. Oder wie es die Hysteria selbst formuliert: "Die Burschenschaft weist dem Vertreter einer neumodischen Herren-Burschenschaft den rechten Weg – und dieser kann nur zurück an den Herd führen!"

Berlin, 24. Februar 2017

 

Liebes Team der Gessnerallee, liebe Veranstalter*innen des anstehenden Podiums "Die neue Avantgarde" am 17.03.2017.

Sie haben sich entschieden, den AfD-Politiker Marc Jongen als Podiumsgast zu Ihrer Veranstaltung "Die neue Avantgarde" einzuladen. Dessen Denken charakterisieren Sie in Ihrem Ankündigungstext (seiner Selbstbezeichnung folgend) als "avantgard-konservativ" (sic.). Sowohl in Kunst als auch in Politik stand der ursprünglich militärische Begriff 'Avantgarde' Anfang des 20. Jahrhunderts für einen radikalen Bruch mit der Tradition und einen Fortschrittsgedanken, der sich vor allem in Versuchen äußerte, eine kommunistische Utopie zu entwerfen. Warum sich auch die Rechte immer wieder bemüht, sich diesen Begriff zu eigen zu machen, wird für die Konstellation des Podiums nicht thematisiert, ja mehr noch: Man überlässt ihr den Begriff. Dies wirkt, unkommentiert, für politisch Unbedarfte gefährlich anziehend, radical chic.

Wer zahlt, befiehlt

von Andreas Klaeui

Zürich, 22. Dezember 2016. Früher war manches einfacher. Zum Beispiel sich einen Überblick über die Zürcher Theaterlandschaft zu verschaffen. Da gab es bis zur Jahrtausendwende eine saubere Aufgabenteilung. Das Schauspielhaus pflegte den Kanon mit gediegenem Konservatismus und zehrte von seiner Weltkriegsvergangenheit als Emigrantentheater (mit Brecht, Therese Giehse, Wolfgang Langhoff, Leopold Lindtberg und so weiter, wobei man gern unterschlug, dass die Zürcher es gerade diesen "unschweizerischen" Künstlern in der Zeit selbst alles andere als leicht gemacht hatten).

Daneben gab es das Theater am Neumarkt als zweitgrößte Schauspielbühne, hier hatte sich die Stadt in einem Zunftsaal auf der zweiten Etage eines Altstadthauses eine Spielstätte für all die Gegenwartsdramatiker geschaffen, die dem Schauspielhaus zu unsicher waren. Seit 1966 widmet sich das Neumarkt-Theater per Auftrag der "zeitgenössischen Bühnenkunst".

Außerhalb der Komfortzone

von Jan Fischer

Braunschweig, 28. November 2016. Am Ende ist es schnell vorbei. Der scheidende Intendant Joachim Klement vernuschelt leicht den Namen der Gewinnerproduktion des diesjährigen Fast Forward Festivals, "Die Troerinnen" von Data Tavadze aus Georgien. Der Publikumspreis geht an "How did I die" von Davy Pieters aus den Niederlanden. Dann noch Blumen für alle, und das letzte Fast Forward in Braunschweig geht in seine letzte Party über. Bei seiner kurzen Rede zur Preisverleihung erwähnt Klement es mit keinem Wort, aber: Ab der nächsten Spielzeit wird das Festival – zusammen mit Klement selbst – ans Staatsschauspiel Dresden umziehen. Data Tavadze wird seinen Preis – eine Inszenierung auf einer großen Bühne – dort einlösen.