Bastionen der Zivilgesellschaft stärken

12. Oktober 2016. Dramaturg Harald Wolff, Vorstandsmitglied der Dramaturgischen Gesellschaft, hat es satt, wenn Theater von der Politik nur als Kostenfaktor angeschaut wird. Um eine neue Betrachtungsweise anzuregen, hat er gemeinsam mit Gregor Sturm die Aktion "40.000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten" initiiert. Am 17. Oktober 2016 finden die Begegnungen statt. Nachtkritik hat Harald Wolff zu der Aktion befragt.

Gehet hin und vernetzet euch!

von Sabine Leucht

München, 6. Oktober 2016. Das Gespräch zum Ausklang des ersten Festivaltags verläuft anders als geplant. Dass Herr "Magister Gerhard Wenninger" bereits 2001 gestorben ist, war klar. Der Mann hinter der Totenmaske, dem ein einschlägig bekannter Münchner Musiker und Theatermacher mit österreichischen Wurzeln eine gewitzte Betulichkeit verleiht, sollte aber ursprünglich live mit Alexander Karschnia sprechen. Doch der Mitbegründer des Performancekollektivs andcompany&Co sei – "wie es sich für einen freischaffenden Künstler gehört – in Berlin". Da haben wir ihn wieder, den zwischen Allüre und Komplex feststeckenden Münchner Glauben, dass anderswo der Bär besser boxt, wilder, kunstvoller – und vor allem sichtbarer.

Belmondos Lippen

Von Falk Schreiber

Hamburg, 24. August 2016. Wenn András Siebold gut drauf ist, dann ist der Leiter des Internationalen Sommerfestivals Hamburg ein begnadetes Lästermaul. Zum Beispiel bei der Pressekonferenz zum diesjährigen Sommerfestival: "Internet und Theater: Das heißt meistens, dass Nachtkritik irgendwo ein Symposium veranstaltet." Danke für die Blumen. Aber eine Punchline ist gesetzt, und außerdem hat Siebold ja recht: Ein echtes Verhältnis zum Netz hat das Theater wirklich noch nicht gefunden.

Mama, ich werde Theaterkritiker

von Sascha Ehlert

Berlin, 9. August 2016. Die Mutter freut's, aber von diesem Nachtkritik hat sie noch nie was gehört. Nein, meine Familie ist alles andere als theateraffin, in meinem Erinnerungsspeicher kaum Theater-Erfahrungen aus der Jugend. Mit meinen Eltern war ich höchstens mal im Musical, mit der Schule einmal in der Komischen Oper, irgendwann mal in der Schaubühne bei irgendeiner Shakespeare-Inszenierung und einmal im Berliner Ensemble, bei "Arturo Ui". Die einzige Seherfahrung, bevor ich achtzehn wurde, die mich bis heute bewegt. Der Nazi, der zu Heino-Musik strippt, wirkte auf mich zwar albern. Aber dieser kleine Schreihals mit dem Bart auf der Bühne, der hinterließ einen bleibenden Eindruck. Dass das Martin Wuttke und die Inszenierung von Heiner Müller war, wusste ich nicht. Ich hatte ja keine Ahnung, wer die beiden sind.

Die Espressomaschine, die Ameisen und ich

von Claudia Wahjudi

Berlin, 5. Juli 2016. Zum Kern des Werks geht es hinab in den Keller. In der Werkstatt der ehemaligen Freien Volksbühne stapeln sich Paletten, darauf laufen zwei altmodische Fernseher. Sie zeigen zwei Kurzfilme, je eine "Drawing Lesson" von William Kentridge. Der Künstler aus Südafrika spielt darin sich selbst und sein Alter Ego – beide gekleidet, wie er immer auftritt, mit schwarzer Bundfaltenhose und weißem Hemd, den Zwicker in der Brusttasche oder auf der Nase.

"... und lass mich dich in Mädchenkleidern sehen!"

von Falk Schreiber

Hamburg, 28. Juni 2016. Zuschauern ist es im Grunde egal, ob sie eine Aufführung im Privat- oder Staatstheater sehen. Die Unterscheidung bezieht sich auf die Frage, ob die öffentliche Hand ein Theater betreibt oder ein Privatunternehmen, das freilich nicht ohne öffentliche Gelder auskommen muss – auch Privattheater bekommen Subventionen, wenn auch im nicht mit den Staatstheatern vergleichbaren Umfang. Ästhetisch ist mit dem Label "Privattheater" noch keine Aussage getroffen, was unter diesem Label tummelt, ist so heterogen wie die Theaterwelt als Ganzes. Anders gesagt: Das Melchinger Theater Lindenhof ist mit seinem Anspruch, Bauerntheater fürs 21. Jahrhundert zu schaffen, eine ganz andere Baustelle als das Berliner Ensemble; dass beides Privattheater sind, ist eine zweitrangige Kategorie.

Protagonisten der Angst

von Falk Richter

24. Juni 2016

 

1. WAS KANN THEATER?

Diese Frage wird immer wieder gestellt. Meine Antwort lautet: Theater soll sich mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen auseinandersetzen, soll sich einmischen in gesellschaftliche Diskussionen, soll auch den politischen Diskurs in einer Gesellschaft vorantreiben, Ideen liefern, aktuellen Strömungen in der Gesellschaft nachspüren und ein Diskussionsforum ermöglichen. Das Theater ist der besondere Ort, wo Menschen zusammen kommen, gemeinsam eine Inszenierung zur selben Zeit erleben und sich anschließend darüber austauschen können.