Fest steht unser gemeinsamer Feind

von Friederike Felbeck

Düsseldorf, 18. Juni 2016. Die Finnen haben's erfunden. Die Kuratorin Eva Neklayeva machte ihren Traum "Art goes Politics" in ihrem letzten Jahr als künstlerische Leiterin des renommierten "Baltic Circle" in Helsinki wahr: Unter dem Titel "Make Art Policy" und mit Unterstützung des israelischen Kollektivs Public Movement wurden ein Jahr vor dem Wahlkampf Politiker und Parteien befragt, welche Positionen und Programme sie im Hinblick auf die Kulturpolitik haben. Ein Jahr vor den Landtagswahlen in NRW wiederholten Public Movement als internationales Auftragswerk des Theater Festival Impulse nun das Format mit einer Veranstaltung im Rathaus der Landeshauptstadt Düsseldorf, die gediegen und ohne Kratzer als kulturpolitische Fragestunde mit Klärungsbedarf daherkam.

Nach Istanbul! Nach Istanbul!

von Eva Biringer

Europa, 13. Juni 2016. Wenn die schönsten Melodien aus der Ferne klingen, muss sie jemand nachsingen. Wenn Geschichten in der Vergangenheit spielen, muss sie jemand nacherzählen. Auf die Frage nach seinem besten Operndolmuş-Moment antwortet Tenor Johannes Dunz nach der Dernière in Istanbul: "Als sich bei der Münchner Vorstellung im Giesinger Bahnhof ein ehemaliger Gastarbeiter und sein bayerischer Nachbar zufällig wiedergetroffen haben, zum ersten Mal nach vierzig Jahren." Ich muss diese Geschichte glauben, denn die ersten 590 Kilometer habe ich ausgelassen, in München war ich nicht dabei. Zugestiegen in den Operndolmuş-Tourbus der Komischen Oper Berlin bin ich erst in Wien, wo ich seit kurzem wohne. Hier bin auch ich eine Fremde, ein Gast mit Bleiberecht, gekommen, um zu arbeiten und vielleicht, um zu bleiben. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, mich als Gastarbeiterin zu bezeichnen, wie die in den Sechzigerjahren von der Bundesrepublik angeworbenen Türken. Seltsam aus der Zeit gefallen wirkt dieser Begriff aus heutiger Sicht, sind doch alle ständig unterwegs, freiwillig oder gezwungenermaßen.

Operndolmuş on tour

Ab 1. Juni 2016. Der Operndolmuş geht auf Tour. Das mobile Kleinbus-Musiktheater der Komischen Oper, bestehend aus zwei Sänger*innen, drei Musiker*innen und einem/r Moderator*in, schwärmt seit 2012 in die Berliner Kieze aus, dorthin, wo – so die Selbstbeschreibung – "besonders viele Bürger_innen unterschiedlicher kultureller Herkunft leben". Seit dem 29. Mai ist der Operndolmuş nun unterwegs – auf Reisen entlang der sogenannten "Gastarbeiterroute", auf der die Arbeitsmigranten in den Sechziger Jahre gen ursprünglicher Heimat in den Urlaub fuhren. Es geht von Berlin über München, Wien, Belgrad und Sofia nach Istanbul, wo der Bus am 7. Juni ankommen soll. Im Gepäck: eine 45-minütige Revue quer durch die Geschichte des Musiktheaters. Mit an Bord: nachtkritik-Autorin Eva Biringer, die in Wien zugestiegen ist und deren Eindrücke von unterwegs dieses Liveblog füllen (sukzessive aktualisiert – letztes Update: 8. Juni 2016, 19:40 Uhr).

Jenseits der Ansprüche

von Michael Wolf

Berlin, 30. Mai 2016. Mit der Freien Theaterszene verhält es sich wie mit der Sozialdemokratie. Sie hat die Theaterlandschaft so sehr geprägt, dass sie an Kontur verliert, disparat und orientierungslos wirkt. "Früher ...", raunt man sich auf Probebühnen zu, "früher gab es noch diese herrlich produktive Opposition zum Stadttheater. Und es gab die Verachtung für feste Strukturen, Selbst- statt Fremdausbeutung war noch allein unser Ding, der freie Künstler hatte die Armut auf seiner Seite und Hans-Thies Lehmann noch volles Haar." Dieses "Früher" muss gewesen sein, lange bevor Matthias Lilienthal die Münchner Kammerspiele übernommen hat, Gruppen wie Rimini Protokoll und Gob Squad zu Big Playern wurden und Gerhard Stadelmaier in Rente ging.

Palmarès vom Schreibtisch?

von Andreas Klaeui

Genf, 27. Mai 2016.Wer einmal eine seiner Produktionen gesehen hat, wird sie nicht mehr vergessen. Das Zürcher Theater Hora ist schon eine ganz besondere Institution. Seit einem Vierteljahrhundert leistet es Pionierarbeit in der künstlerischen Förderung von Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Die allererste Produktion war "Momo" nach dem Roman von Michael Ende, die Figur des Meisters Hora darin, der die Zeit verwaltet, gab dem Theater den Namen. Über den Umgang mit Zeit kann man manches lernen in den Hora-Aufführungen, über Geduld, und Hingabe auf der Bühne. International bekannt – und kontrovers diskutiert – wurde es mit Disabled Theater in der Inszenierung von Jérôme Bel, das den Schutz von Rollen hinter sich ließ. Das aktuelle Langzeitprojekt nennt sich "Freie Republik Hora": Hier entwickelt das Ensemble eigene Inszenierungen und Choreografien; abermals ein Schritt über das herkömmliche "Behindertentheater" hinaus.

Die Panels bei "Theater und Netz. Vol. 4"

Mai 2016. Unter dem Schwerpunkt "[Digitale] Bühnen des Extremismus" veranstalteten nachtkritik.de und die Heinrich Böll Stiftung am 8. Mai 2016 in Berlin die vierte Auflage der Konferenz "Theater und Netz". Die Diskussionsveranstaltungen des Tages wurden live gestreamt. Die Mitschnitte der Panels stehen hier zur Nachschau zur Verfügung. Arne Vogelgesangs Performance "Medienkompetenztraining für Propaganda-Einsteiger" kann aus rechtlichen Gründen nicht als Mitschnitt veröffentlicht werden. Das gesamte Konferenzprogramm finden Sie unter www.theaterundnetz.de.

[Digitale] Bühnen des Extremismus

Berlin, 6. Mai 2016. In dieser Sammlung finden Sie eine Auswahl von Texten zu den Diskussionsschwerpunkten der Konferenz "Theater und Netz. Vol. 4" von nachtkritik.de und der Heinrich Böll Stiftung am 8. Mai 2016 in Berlin. Sie präsentiert Linkhinweise und Beiträge, die nachtkritik.de in kontinuierlicher Auseinandersetzung mit den Konferenzthemen in den letzten Jahren veröffentlicht hat. Alles über das diesjährige Tagungs-Programm von "Theater und Netz" finden Sie auf der Konferenzwebsite www.theaterundnetz.de.

 

Theaterblogs, Social Media & Theater

Das Barcamp "Theater und Internet" am Thalia Theater Hamburg – von Esther Slevogt (11/2012)

Über Theaterblogs, ihre Schwierigkeiten und ihre Chancen – von Georg Kasch (5/2013)

Krise, welche Krise? Zur vermeintlichen und tatsächlichen Krise der Theaterkritik (und Theaterblogs) in Großbritannien – von Andrew Haydon (10/2013)

Second Stage. Übersicht zur ersten Twitter-Theater-Woche (12/2013)

Twitterflegel. Gesammelte Tweets zum Live-Twitter-Experiment des Münchner Residenztheaters (12/2013)

Twitter und Theater – Wie die Sozialen Medien im Theater funktionieren (könnten) – von Anne Peter (4/2014)

Kulturmanagement-Blog von Christian Henner-Fehr (Linkhinweis)

Liste aller Beiträge zur Blogparade #TheaterImNetz – von Kulturfritzen (Linkhinweis, 11/2015)

Zum Bloggercafé auf der #tn16 – von Kulturfritzen (Linkhinweis, 4/2016)

 

Theater trifft Politik. Politisches Theater in der Postdemokratie

Zu Nicolas Stemann und seinen Inszenierungen – Lexikoneintrag

Borgen – Nicolas Stemann bastelt sich an der Berliner Schaubühne aus der erfolgreichen dänischen TV-Politserie ein Postdemokratie-Seminar – Nachtkritik von Anne Peter (3/2016)

Jürgen Trittin im Gespräch mit Liane von Billerbeck über Nicolas Stemanns "Borgen" – Radiokritikgespräch auf Deutschlandradio Kultur (Linkhinweis, 3/2016)

 

[Digitale] Bühnen des Extremismus

Kolumne: Aus dem bürgerlichen Heldenleben – über Volkstribune auf YouTube und im Theater – von Esther Slevogt (2/2016)

 

Hass auf allen Kanälen. Die offene Netzgesellschaft und ihre Feinde

Small Town Boy – Falk Richter entwirft am Maxim Gorki Theater ein Gegenbild zum homosexuellen Coming Out – Nachtkritik von Simone Kaempf (1/2014)

FEAR – An der Schaubühne Berlin schickt Falk Richter seine Darsteller in die linksintellektuelle Blase – Nachtkritik von Georg Kasch (10/2015)

AfD-Sprecher filmt "Fear" an der Schaubühne und fliegt beinahe raus – Meldung (11/2015)

Schaubühne Berlin wehrt sich gegen rechte Kritik an "Fear" – Meldung (11/2015)

Kolumne: Queer Royal – über Widersprüche der Konservativen – von Georg Kasch (12/2015)

 

Bastion der Mitte oder Ort des Gegendiskurses. Quo vadis, Theater?

Offener Brief zur Krise der Mehrspartenhäuser und des Theaters Plauen-Zwickau – Meldung zum Offenen Brief von Roland May (4/2015)

Debatte um die Zukunft des Stadttheaters XX - Das Ensembletheater? Nur noch romantische Erinnerung! – von Matthias Weigel (4/2015)

Berlins Regierender Bürgermeister Müller präsentiert Frank Castorfs Nachfolger - Kommentar zur Ernennung von Chris Dercon zum Intendanten der Volksbühne – von Christian Rakow (4/2015)

Debatte um die Zukunft des Stadttheaters XXI – Warum Ensembletheater tragende Säulen der deutschsprachigen Theaterlandschaft sind – von Thomas Bockelmann (5/2015)

Debatte um die Zukunft des Stadttheaters XXII – Teamleitungen als Chance für reaktionsschnelle und lernfähige Theaterhäuser – von Esther Boldt (6/2015)

Stadttheaterdebatte XXIII – Die Dramaturgin Sabine Reich fordert das Theater dazu auf, seinen gymnasialen Habitus abzulegen – von Sabine Reich (10/2015)


Theater und Netz

Theater und Internet – Eine Expedition in die Tiefen des world wide web auf der Suche nach dem Theater – von Esther Slevogt (12/2001)

Mikro-Heroen. Theater als Text- und Themenmixmaschine, als Jetztzeitsurfsitzung mit 17 offenen Browserfenstern, als "Mashup-Pop" – von Jörg Albrecht (5/2008)

Die Dauerpräsenz des Publikums im Internetzeitalter und seine Folgen für das Künstlerbild – von Ina Roß (4/2013)

Thesen zur Konferenz "Theater und Netz. Vol. 1" – ein Bullshit-Bingo, umkleidet von dreißig Thesen – von Christoph Kappes (5/2013)

Übersicht zur Konferenz "Theater und Netz Vol. 1" im Mai 2013 in Berlin (5/2013)

Übersicht zur Konferenz "Theater und Netz Vol. 2" im Mai 2014 in Berlin (5/2014)

Auf dem Weg zum agilen Theater. Debatte um die Zukunft des Stadttheaters VIII – ein Vortrag zum nächsten Theater – von Ulf Schmidt (1/2014)

Wider den sozialen Druck des Konformismus. Rede zur Eröffnung des Festivals Theater der Welt 2014 in Mannheim – von Jacob Appelbaum (5/2014)

Wissen und Gewissen – Im Schattenreich der Überwachung. Eröffnungsrede zum Dresdner Theaterfestival "Parallel Lives" – von Ilija Trojanow (6/2014)

Deutsche Bühne und kalifornische Ideologie. Debatte um die Zukunft des Stadttheaters XVIII – Über die Wiedergeburt des Theaters aus der Rhetorik des Digitalen – von Ulf Otto (10/2015)

Zeiten der Selbstermächtigung. Vortrag über die Situation des Feuilletons, des Theaters und der Theaterkritik unter den Bedingungen des digitalen Epochenwechsels – von Esther Slevogt (12/2014)

 

Mehr Beiträge finden Sie im Lexikon-Eintrag: Internet und Theater.


cover brennen ohne kohleDie Heinrich Böll Stiftung, Partner von nachtkritik.de in der Konzeption und Durchführung der Konferenz, hat zur 2014er-Ausgabe von "Theater und Netz" den Sammelband Brennen ohne Kohle herausgebracht. In kulturpolitischen Aufsätzen und Recherchen werden die Finanzierungskrise der Stadttheater und der Freien Szene eingehend beleuchtet und Visionen einer künftigen Theaterarbeit diskutiert. Der Band ist auf der Tagung am 8. Mai 2016 in der Heinrich Böll Stiftung, Schumannstraße 8, Berlin-Mitte, erhältlich. Hier die Vorschau auf das Buch.