"Spiel doch kein Theater!"

von Sophie Diesselhorst

13. November 2012. Für anderthalb Stunden glaubt man nicht, dass Susanne Lothar und Ulrich Mühe nicht mehr am Leben sind. So wie sie ihre Filmfiguren Claire und Robert, ein sich trennendes Ehepaar, zusammen miteinander und einzeln mit ihrem jeweiligen Figuren-Eigenleben verstricken und dann äußerst lebendig gegen die Verstrickung anzappeln.

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Ein Totenmal voller Leben

von Elena Philipp

Berlin, 5. Juni 2012. Christoph Schlingensief bei einer Aufgabe, die ihm "so viel Kraft gibt wie ich, glaub' ich, in den letzten hundert Jahren nicht bekommen habe": beim Bau des Operndorfes Remdoogoo in Burkina Faso. Es ist die letzte und wichtigste Arbeit für den krebskranken Künstler.

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Vamp mit Wutmotor

vom Matthias Weigel

Berlin, 6. Februar 2012. "Die Unsichtbare" wird es sich wohl gefallen lassen müssen, mit "Black Swan" verglichen zu werden. Letzterer Hollywood-Film von Darren Aronofsky aus dem Jahr 2010 zeigt Natalie Portman als unschuldige Balletttänzerin auf der Suche nach ihrer dunklen Seite, die sie in Tschaikowskys berühmten Ballett nach außen kehren soll. Der 1978 auf Rügen geborene Regisseur Christian Schwochow, der mit seinem Diplomfilm "Novemberkind" (2008) einige Preise abräumte, verfilmte nun mit "Die Unsichtbare" eine Art Pendant zu "Black Swan". Ein Pendant in zweifacher Hinsicht: Schwochows Film dreht sich um die Welt des Sprechtheaters, nicht des Balletts. Und: "Die Unsichtbare" ist ein (geförderter) europäischer Film, keine industrielle Hollywood-Großproduktion. Dabei ist "Die Unsichtbare" in mancher Hinsicht vielleicht viel amerikanischer als ihr Bruder "Black Swan".

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Die Seele? Unauffindbar

von Esther Slevogt

19. Januar 2012. Am Anfang war das Fleisch. Endlose Gedärme, die ein sezierender Gelehrter in seiner düsteren Kammer einem grauen, toten Leib entnimmt. Dessen Haut ist ledern, auf beiden Seiten eines Schnitts auseinander geklappt und die Abgründe des menschlichen Innern offenlegend: Blut, Dreck, verwesendes Fleisch. Doch das, wonach der Renaissancegelehrte Heinrich Faust in diesem Leib sucht, bleibt unauffindbar: die Seele nämlich. Und so weiß dieser Mann, dass er betrügt, wenn er später für das Versprechen einer Liebesnacht mit einer jungen Frau namens Margarethe einem dubiosen Pfandleiher seine Seele verkauft. Es gibt keine Seele. Alles ist nur Fleisch, tote Materie, kaltes Geld, Dreck, worauf der Mensch seine Begierden richtet. Seine Unterschrift unter dem Dokument mit dem er Mephisto seine Seele verkauft, ist nicht gedeckt. Eine Spekulationsblase der Metaphysik sozusagen, die schließlich auch platzt.

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Der Verwaltungsangestellte des Bösen

von Sophie Diesselhorst

23. November 2011. Ein klarer Nachmittag, im Park, eine größere Gruppe Kinder. Sie stehen herum und unterhalten sich. Plötzlich kommt Bewegung in die Sache. Die Kinder spalten sich in zwei Gruppen auf, zwei legen sich miteinander an, einer nimmt einen Stock in die Hand und schlägt zu. Während sein Kontrahent sich krümmt und sich dabei ins Gesicht greift, verlässt der Schläger mit seiner Gruppe die Szenerie. Der beobachtende Blick bleibt ruhig. Schnitt. Und auf einmal ist alles umgekehrt: Wir sind drinnen, beobachten wenige Leute, diese Leute sind erwachsen und sehr höflich zueinander. Der beobachtende Kamerablick ist unruhig.

Brauch ich nimmer

von Dirk Pilz

13. März 2008. Josef Bierbichler sitzt in einem abgewetzten Sessel am Fenster. Die Kamera schaut ihm direkt ins Gesicht, auf die Stirnfalten und seine Hände, die immer den Mund umspielen, als müssten sie die Worte aus dem Innern mühsam heraufziehen. Er spricht von "Holzschlachten. Ein Stück Arbeit", seinem selbst inszenierten Solo-Abend an der Berliner Schaubühne im Juni 2006. Eine Inszenierung, in der er die Erinnerungen des KZ-Arztes Hans Münch mit einem Traumtext von Florian List verband.